Jage nach der Gerechtigkeit – Predigt am Tag meiner Ordination vor 25 Jahren

Gestern vor genau 25 Jahren bin ich als rheinischer Pfarrer ordiniert worden, am 31. März 1990 im Gemeindehaus Rönskenhof in Voerde.
Aus diesem Anlass heraus habe ich die Predigt nochmal hervorgekramt und war überrascht, was ich damals so alles gesagt hatte.
Manches ist noch aktuell, anderes zieht sich wie ein roter Faden durch.
Daher stelle ich sie hier noch einmal ein. Nur die Rechtschreibfehler wurden beseitigt und die neue deutsche Rechtschreibung angewendet.

 

Liebe Gemeinde!
Ein Festtag wie dieser ist ein besonderes Ereignis.
Er ist wie ein Berggipfel, den man erstiegen hat.
Die Strapazen des Aufstiegs sind für einen Augenblick vergessen,
die Gefahren des weiteren Weges hat man noch nicht vor Augen.
Einen Moment lang hält man inne.
Holt tief Luft und schaut sich um.
Manches sieht man von hier oben besser als von unten.
Und dann denkt man über den Weg nach, der hinter einem liegt.
Und über das Wegstück, das jetzt kommt.
Ich möchte das anhand meines Konfirmationsspruches tun.

Der Pfarrer, der mich konfirmierte, hat ihn ausgesucht.
Er war der Meinung, dass ich doch Pfarrer werden könnte.
Offenbar habe ich mich im Konfirmandenunterricht entsprechend beteiligt.
Ich habe das damals weit von mir gewiesen.
Ich und Pfarrer?
Nie!

Heute frage ich mich, ob er bei der Auswahl dieses Spruches diesen Gedanken vielleicht noch im Hinterkopf hatte.
Denn die theologische Wissenschaft hat herausgefunden, dass diese beiden Verse aus dem 1. Timotheusbrief zu einem Abschnitt gehören, der in der ersten Christenheit wohl bei Ordinationen gelesen wurde.
Ich lese sie jetzt:

„Jage nach der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut! Kämpfe den guten Kampf des Glaubens, ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist!“
(1. Tim 6,11+12)

Ist es Zufall, dass ich diesen Konfirmationsspruch bekam und heute ordiniert werde?
Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, dass dieser Spruch mir von Anfang an gut gefiel.
Da steckt Musik und Bewegung drin:
Jagen – kämpfen – ergreifen.
Dieser Spruch kommt mir in größeren oder kleineren Abschnitten immer wieder einmal in den Sinn.
Von daher fiel mir die Wahl dieser Verse als Predigttext für den heutigen Tag nicht schwer.
Ich gehe bei der Auslegung von hinten nach vorne vor.

„Ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist.“

Berufen sind wir alle.
Das Angebot des Heils gilt uns allen –
aber das ergreifen sieht bei jedem anders aus.
Bei mir begann es nach der Konfirmation.
Ich ging damals zu einem Jugendkreis.
Weniger aus Interesse an Kirche und Glauben, das sagte mir damals noch nichts.
Sondern eher weil da Leute waren, mit denen ich gerne zusammen sein wollte.
So begann dann mein Weg mit der Kirche.
Irgendwann fing ich dann an, über Gott nachzudenken.
Ich fragte mich, ob an diesem christlichen Glauben vielleicht doch etwas Wahres dran sein könnte.
Und so ging es dann langsam weiter.
Ich wuchs in die Jugendarbeit hinein, merkte, daß mir der Glauben etwas zu sagen hatte.
Schließlich übernahm ich selbst Verantwortung in verschiedenen Bereichen:
Jungschar, Bandarbeit, Kreis für konfirmierte Jugendliche.

Irgendwann bekam ich dann doch Lust, Theologie zu studieren.
Doch bis zu der konkreten Entscheidung war es noch ein weiter Weg.
Doch dann war es eines Tages so weit und ich nahm das Studium in Marburg auf.
Es folgte das Vikariat in Düsseldorf und schließlich der Wechsel hierher nach Voerde.

Wenn ich meinen Weg so anschaue, dann ist mir eins ganz deutlich:
Der Glaube, das ewige Leben ist kein Gegenstand, für den ich mich ein für allemal entscheide und der von nun ab mein Besitz ist.
Glaube verändert sich wie mein Leben.
Erfahrungen wechseln.
Manches wird in Frage gestellt.
Einiges geht mir verloren, ich gewinne neue Einsichten.
Mein Weg war nicht frei von Spannungen und Schwierigkeiten.
Ich erinnere mich noch sehr gut an harte innere Kämpfe im Studium.
Es war völlig anders, als ich mir das vorgestellt hatte.
Auf der einen Seite war die schmerzliche Erfahrung, alte vertraute Einsichten aufgeben zu müssen.
Weil sie sich nicht mehr als tragfähig erwiesen.
Auf der anderen Seite eröffneten sich mir unbekannte Horizonte und Welten.

Vielleicht kann man das, was ich da erfahren habe, vergleichen mit der Aufgabe, Vater zu werden.
Das Leben verändert sich mit einem Kind völlig.
Ich habe zwar vorher meine Erwartungen und Vorstellungen, aber die Realität sieht dann doch anders aus.
Und damit verändert sich auch meine Sicht von Gott und dem Glauben.
Mir eröffnen sich ganz neue Sichtweisen, wenn ich beobachten kann, wie ein Kind heranwächst. Ich lerne auch Dinge über mich, die mir sonst verborgen geblieben wären.
Ich gewinne neue Einsichten über meine Fähigkeiten und meine Grenzen.
Und da heißt es dann wieder ganz neu, den Glauben zu ergreifen, mich und mein Leben im Licht des Evangeliums zu sehen.

So eine Veränderung war auch der Beginn des Studiums für mich,
genauso wie das Vikariat und jetzt der Beginn der Hilfsdienstzeit.
Ergreife das ewige Leben, das Evangelium, dass dir in Christus angeboten wird.
Ich verstehe darunter, immer neu offen zu sein für neue Erfahrungen.
Oft gibt es Hindernisse.
Manchmal sträube ich mich vor unangenehmen Einsichten.
Doch all das ist nicht entscheidend.
Entscheidend ist, dass der, der mich berufen hat, sich nicht verändert.
Mein Leben mag oft verschlungenen Wegen folgen.
Gott aber ist treu.
Er geht mit mir und steht hinter mir.
Diese Gewissheit ist mir immer wieder Ansporn weiterzugehen.
Und auch schon mal Wege einzuschlagen, die fragwürdig oder auf den ersten Blick dunkel sind.
Aber darauf kommt es nicht an.
Entscheidend ist die Zusage:
Du bist berufen.

„Kämpfe den guten Kampf des Glaubens.“

Wie dieses Kämpfen konkret aussehen kann, habe ich von zwei meiner theologischen Lehrer gelernt.
Ich nenne sie stellvertretend für viele andere Menschen, die mich glauben und leben gelehrt haben.

Der erste Lehrer war Wolfgang Huber, Professor für Sozialethik in Heidelberg, damals noch in Marburg.
Seine Vorlesungen und Seminare haben mir den Zugang zur Theologie erst eröffnet.
Er vermittelte mir den weiten Horizont, in dem wir als Menschen heute leben.
Ich lernte von ihm, den ökumenischen Aspekt zu berücksichtigen.
Das war mir völlig neu.
Von der katholischen Kirche oder gar Kirchen der Dritten Welt wusste ich bis dahin nichts.
Ich lernte bei ihm, gesellschaftliche Probleme als Anfragen auch an den christlichen Glauben zu sehen.
Auch das war für mich neu.
Und ich lernte bei ihm, dass die Antwort auf die Frage, was das Evangelium uns heute zu sagen hat, nur über den Streit um die Wahrheit des Glaubens zu finden ist.
Ohne Auseinandersetzung mit anderen, ihren Erfahrungen, ihren Fragen, auch ihren Antworten finden wir nicht heraus, was es bedeutet, heute als Christ zu leben.
Streiten meint hier sicher nicht ein aggressives Vorgehen.
Sondern es meint die anstrengende, oft auch schmerzliche Auseinandersetzung mit denen, die anderer Meinung sind als ich.
Die andere Erfahrungen gemacht haben und die Welt aus einem anderen Blickwinkel aus sehen.
Keiner hat die Wahrheit für sich allein.
Ein banaler Satz.
Versuche ich ihn konkret umzusetzen, klingt er nicht mehr so einfach.
Streit um die Bedeutung des Evangeliums für uns konkret – das heißt für mich Dingen auf den Grund gehen.
Mich nicht mit vorschnellen Antworten zufrieden geben.
Probleme in ihrer Vielfältigkeit wahrnehmen.
Das habe ich von Wolfgang Huber gelernt und das hat mich misstrauisch gemacht, gegenüber allen, die sehr schnell zu wissen meinen, was in einer Situation zu tun oder zu sagen ist.
Vielleicht ist mir das auch deshalb so wichtig geworden, weil ich selbst oft der Gefahr erliege, zu schnell zu wissen, wie die richtige Antwort auf eine Frage lautet.
So einfach ist jedoch die Antwort nicht zu finden, wer Gott ist und wo heute die Götzen sitzen.
Überall steht diese Frage neu zur Entscheidung, nicht nur in den Universitäten und politischen Fragen, sondern auch am Krankenbett, auf dem Friedhof, im kirchlichen Unterricht.

Der zweite Lehrer heißt Wilfried Härle, Professor für Dogmatik in Marburg.
An ihm beeindruckte mich die Bereitschaft, mit seiner Person, seinem Glauben und Leben hinter dem zu stehen, was er theologisch vertrat.
Bei anderen Professoren spürte ich da oft eine Distanz.
Bei ihm klafften Glauben und Leben, Theologie und Glaube erkennbar nicht auseinander.
Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen.
Eines Tages betrat er die Vorlesung und erklärte uns, dass er noch einmal über die letzte Vorlesung von vor zwei Tagen nachgedacht habe.
Und dabei sei er zu der Einsicht gekommen, dass er sich völlig auf dem Holzweg befunden habe.
Er hielt dann über das gleiche Thema eine völlig neue Vorlesung.
Ich fand auf der einen Seite seinen Mut beeindruckend, vor ein paar hundert Studenten so einen Irrtum einzugestehen.
Auf der anderen Seite wurde diese Erfahrung zu einem Schlüsselerlebnis:
Mir wurde daran deutlich, dass die Theologie keine unveränderlichen Sätze hervorbringt.
Irrtümer sind möglich.
Man muss um die Wahrheit ringen, darum kämpfen.
Für mich war diese Erfahrung wichtig, denn ich suchte ja selbst als junger Student überhaupt Durchblick durch die komplizierten Probleme der Theologie.
Ich lernte von ihm, die ganze Theologie gelassener anzugehen und nicht verkrampft nach Antworten zu suchen.

Kämpfe den guten Kampf des Glaubens darunter verstehe ich, immer neu nach Antworten zu suchen – mit anderen zusammen.
Und auch das Bemühen, den Wunsch, den anderen und seine Erfahrungen zu verstehen suchen.
Auch hier gilt:
Wirklich offen für andere Menschen und ihre Erfahrungen kann ich nur aus der Gewissheit heraus sein, dass Christus zu mir steht.
Weil er für mein Heil alles getan hat, kann ich kämpfen, mich einsetzen, Fehler machen, neue und unbekannte Wege einschlagen.

„Jage nach der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut!“

Der, zu dem das gesagt wird, der hat all diese Dinge noch nicht.
Sonst wäre die Aufforderung sinnlos.
Das tröstet mich, denn ich weiß:
So bin ich auch nicht.
An Sanftmut, Geduld und Liebe fehlt es mir oft an allen Ecken und Enden.
Doch wie ist dieser Satz zu verstehen?
Höre ich ihn als Anspruch an mich, dann wird mir schnell meine Begrenztheit, meine Ungeduld, meine Hilflosigkeit und meine Lieblosigkeit anderen gegenüber bewusst.
Sinnvoll wird diese Aufforderung erst unter der Voraussetzung, dass Gott mir in Christus vergibt und mir den Rücken stärkt.
Mich auffängt, wenn ich falle.
Mich annimmt, wie ich bin.
Es kommt bei Gott eben nicht auf meine Anstrengung, meine Leistung an.
Wenn ich das begreife, dann kann ich mich einsetzen und bemühen.
Sonst bleibt alles vom Leistungsprinzip diktiert und somit Krampf.

Meine Erfahrung ist:
Einsichten gewinne ich nicht, wenn jemand mich zu ihnen zwingen will.
Ich ändere mein Verhalten nicht unter dem Druck anderer.
Druck und Forderungen provozieren eher eine Trotzreaktion.
Ich kenne Menschen, die mir wohltun, weil sie aus der Gelassenheit heraus leben, daaa sie nicht so wichtig sind, daß sie nicht alles tun können und auch nicht müssen.
Ich denke, in solchen Menschen blitzt etwas von dem Verhalten auf, mit dem sich Christus den Menschen zuwandte.
Er stellte auch Forderungen – aber er tat es so, dass darin deutlich wurde, wie heilsam diese Aufforderungen sind.
Christus lebte und handelte aus der Gewissheit, dass jeder Mensch, mit all seinen Macken und Begrenzungen ein von Gott geliebter Mensch ist.
Und das merkten die Menschen, weil sie die Erfahrung machten, dass ihnen die Begegnung mit Christus gut tat.
Von Menschen, die mir gut tun und in denen für mich etwas von dieser heilsamen Kraft des Evangeliums aufleuchtet, von diesen Menschen geht für mich ein Ansporn aus mich einzusetzen und zu bemühen.
Biblisch gesprochen:
Wenn ich begreife, was Christus für mich getan hat, dann werde ich bereit, auch etwas für andere zu tun.
Wenn mir im Licht des Evangeliums klar wird, wer ich bin und wie Gott mich sieht –
was für mich untrennbar zusammengehört –
dann kommt das Engagement von ganz allein.
Das Gegenteil davon sind dann endlose und nervtötende Forderungen:
Als Christen müssen wir…
Du als Christ solltest aber…
Nur Forderungen aufstellen –
die an sich angesichts des unendlichen Leids und Elend berechtigt sind –
führt zu nichts.
Denn noch einmal biblisch gesprochen:
Der Sünder kann sich nicht selbst aus dem Dreck ziehen.
Das Evangelium aber sagt mir zunächst:
Du kannst dich einsetzen, weil du von mir angenommen bist.
Und du kannst auch damit leben, nicht für alles verantwortlich zu sein.
Nicht alle Probleme lösen zu können.
Nicht auf alle Fragen eine Antwort zu haben.
An dieser Stelle bin ich sehr aufmerksam –
ich könnte auch sagen: empfindlich, weil ich weiß,
dass ich selbst an dieser Stelle selbst oft gefährdet bin und mich und andere unter den Druck von Anforderungen setze.

Liebe Gemeinde,
entscheidend ist nicht, wo und wie ich den Glauben und das ewige Leben ergreife.
Entscheidend ist nicht die Art und Weise, wie ich den Kampf des Glaubens führe.
Entscheidend ist nicht, wo und wie ich mich engagiere und für andere einsetze.
Entscheidend ist einzig und allein die Zusage Gottes:
Du bist von mir berufen.

Amen.

 

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