Zwischen den Stühlen. Vom Wandern und Wundern

Zwischen den Stühlen.  Vom Wandern und Wundern

Vorbemerkung:
Eigentlich wollte ich eine kleine Besprechung zu dem Buch „Vom Wandern und Wundern“ schreiben. Aber letzte Woche kam mit Christian Hennecke zuvor. Und ich dachte, ja, das sieht du praktisch alles genauso, kannst dir also deine Rezension sparen. Aber da waren noch so viele andere Gedanken mittlerweile im Kopf. Die habe ich jetzt aufgeschrieben.

„Sie werden viel unterwegs sein.“
Sagte mein Direktor Ralf Tyra bei meiner Einführung als Referent im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt.
Ende 2014, in Osnabrück.
Und ich strahlte.
Durfte ich doch fortan den ganzen Tag machen, was ich immer schon gerne gemacht habe:
Wandern.

Zwischen den Stühlen, das war irgendwie schon immer mein Platz.
In der Gemeinde waren die spannendsten Tage solche:
morgens in Duisburg mit den KDA-Kollegen reflektieren,
mittags auf den Friedhof in der Mittagshitze eine Familie begleiten,
nachmittags im Konfirmandenunterricht mich den Fragen der 14jährigen stellen,
abends auf dem Rad all das hin und her bewegen.

Oder so:
Als einer von zwei Männern unter siebzig Frauen auf der Denkumenta 2013, Differenz und Verbundenheit hochzwei.
In Hildesheim im Cafe mit Birgit sitzen, quatschen, Kakao und am Ende eine Projektidee.
Morgen für Morgen nach der Zeitung mit Christine über Gott und die Welt reflektieren und staunen, was da immer wieder bei herauskommt.
Mich im Zug zum Kirchentag spontan mit Klaus Motoki Tonn (dem neuen Kommunikationschef unserer Landeskirche) verabreden und mit ihm zwei Stunden hinter den Hackschen Höfen unterwegs sein, zu Fuß und gedanklich.
Und so weiter und so fort.
Offenheit für das Neue, das Fremde, das Staunen.

Wundern ist für mich ein neues Wort.
Ich habe dafür meist Staunen gesagt.
Staunen ist der Beginn des Glaubens, hat Dorothee Sölle gesagt.
Staunen trifft mich, betrifft mich.
Nimmt mich an der Hand und führt mich weg.

Wandern, hin und her.
Ich liebe es, im Zug zu schreiben.
Die Landschaft fliegt vorbei.
Meine Gedanken kommen auf Trab.
Und dann beginnt das Ringen um Sprache.
Um Worte und Wörter und deren Beziehung.
Poesie befreit.
Poesie verbindet.

Wie beschreibe ich dieses Gefühl, um eine eigene Sprache zu ringen?
Oder von Worten anderer getroffen berührt zu werden?
Eine Landschaft in flimmernder Sommerhitze.
Die Luft vibriert.
Gleißendhelles Licht.
Schweiß auf der Haut.
Lebendigkeit, kaum auszuhalten.

Dieses Gefühl stellte sich beim Lesen der persönlichen Skizzen im Buch: „Vom Wandern und Wundern“ ein.
Menschen sind unterwegs.
Auf der Suche, neugierig und offen.
Verletzlich und verletzt.
Fremd und nah.
Frei und verbunden.

„Am gläubigsten sind Menschen in Verbundenheit und Freiheit.“

Schreibt Hannah Buiting (45).
Tiefe Weisheit in acht Worten.

Ich lese weiter.

„Die Kirche hat eine eigene Dynamik, welche Personen in wenigen Jahren zu domestizieren vermag. Du hast dich dagegen gewehrt und stehst wahrscheinlich auch heute in dieser Spannung zwischen Orientierungslosigkeit, Fremdheit und kirchlicher Verbundenheit. Ringst damit, kirchlich dazuzugehören und doch nicht hineinzupassen. Genau das ist aber dein Potential.“ (185f.)

So Sabrina Müller.
Ich habe mich nie so fremd gefühlt, aber eine skeptische Distanz zur „Kirche“ war (und ist) immer auch da.
Bei aller Vertrautheit und Verbundenheit.
Daher kann ich nicht anders als zu wandern und mich zu wundern.
Mal freudig erregt, mal sprachlos entsetzt, mal zwischendrin.

Markus Kalmbach erzählt von einer Sehnsucht, die zu entwickeln ist:
Von der Sehnsucht nach den 99 Schafen.

„Kirche geht hin zu den Menschen, dort wo sie leben. In unseren gewohnten kirchlichen Strukturen ist das leider schwer umsetzbar. Darum wäre es sinnvoll, Menschen für eine solche Aufgabe als ‚Pioniere‘ freizustellen.“ (108)

Hingehen, dazwischensein, Inter-esse zeigen.
Ein Weg ist der Um-Weg über die Arbeit.
Die (Erwerbs-) Arbeit, die Menschen leisten.
Die sie freut und belastet, glücklich macht und quält.
Wir im KDA, im Kirchlichen Dienst IN der Arbeitswelt, sind „Pionier/-innen“, die da hingehen.

Denn meine, unsere Erfahrung ist immer wieder aufs Neue:
Wir kommen in viele Betriebe.
Manchmal werden wir eingeladen, meist aber klopfen wir an und sagen:
Wir möchten euch besuchen.
Fast immer öffnet sich die Tür für uns.
Und dann geht es ganz oft so:
Die Tür geht hinter uns zu, Kaffee steht auf dem Tisch oder Tee und Wasser.
Und unsere Gastgeber/-innen fangen an zu erzählen.
Erst mal nicht über ihr Unternehmen.
Sondern ob sie in der Kirche sind oder nicht.
Welche Erfahrungen sie mit Gemeinde und Pastoren gemacht haben.
Was sie aus ihrem Glauben heraus ethisch umtreibt, wenn sie an den Arbeitsalltag denken.
Oft kommen auch Kränkungen auf den Tisch, wie diese:
„Kirche interessiert sich nur für die Arbeitswelt, wenn sie Spenden haben möchte.“
Erst später sehen wir dann die Powerpoint, die uns den Betrieb näher bringt und gehen durch die Hallen.

Sebastian Baer-Henney schreibt über die Milieus, die Kirche nahe stehen und andere, die abseits stehen.
Ich bin da ganz bei ihm und seinen Überlegungen.
Es gilt die Grenzen durchlässig zu machen.
Da müssen wir mittendurch und zwischendrin sein.
Aber der Weg ist weit…
Und wohin führt er?
Letzte Woche traf ich mich mit Kollegin und Kollege mit Ulrich Kasparick.
Pfarrer in Hetzdorf.
Googelt ihn mal oder sucht ihn auf Facebook.
Er erzählt viel vom Wandern und Wundern.
Zum Beispiel:
Da sind zwei Nonnen aus der Schweiz hierher gezogen.
Er hat sie gefragt:
Warum kommt ihr ausgerechnet hierher ins entchristlichste Gebiet Europas?
Antwort:
Wir wollen gucken, wo der Herrgott hier schon unterwegs ist.
Wandern – und sich wundern über die Wunder.

Teamwork, anders geht Kirche nicht.
Schreiben Rebecca John Klug und Juliane Gayk.
Das glaube ich auch.
Dass wir als Pfarrer/-innen oft so einsam unterwegs sind, ist furchtbar.
Heute bin ich Teil eines Teams im Haus kirchlicher Dienste in Hannover.
Und genieße die Gemeinschaft, die Unterstützung, die kreativen Anregungen, kollegiale Beratung. Inspiration durch Verschiedenheit.
Dankbar bin ich auch für die Philosophie des Hauses:
Scheitert erfolgreich!
Probiert aus, testet, seid mutig, macht euch auf, geht mittenrein und dazwischen.
Ermutigt, provoziert, verbindet.
Anders gesagt:
Wandert los und wundert euch!

Hier und da habe ich mich auch gewundert beim Lesen.
Die Erfahrung vom digitalen Wandern und Wundern kommt nur am Rand vor.
Hannah Buiting schreibt Zum Beispiel von ihrer „Netzgemeinde“.
Für mich ist das Netz in den letzten Jahren der Ort, in dem ich ständig unterwegs bin und wundersame Erfahrungen gemacht habe:
Kollegiale Beratung.
Theologische Reflexion.
Ringen um Verkündigung.
Ideen entwickeln, Projekte schmieden.
Das Glücksgefühl, auf Gleichgesinnte zu treffen.
Ich habe in der digitalen Welt Menschen gefunden, die ich nie gesehen und die mir doch wunderbar vertraut sind.
Denn wenn wir uns dann doch eines Tages analog begegnen, liegen wir uns sofort in den Armen.
Das Leben ist bunt und wir sind gemeinsam unterwegs.
Analog, aber auch digital.
Ohne diese Erfahrung, da bin ich hundertprozentig sicher wäre ich heute nicht in Hannover.
An einem Ort, der mir erlaubt, wunderbar wundernd zu wandern.

Jage nach der Gerechtigkeit – Predigt am Tag meiner Ordination vor 25 Jahren

Gestern vor genau 25 Jahren bin ich als rheinischer Pfarrer ordiniert worden, am 31. März 1990 im Gemeindehaus Rönskenhof in Voerde.
Aus diesem Anlass heraus habe ich die Predigt nochmal hervorgekramt und war überrascht, was ich damals so alles gesagt hatte.
Manches ist noch aktuell, anderes zieht sich wie ein roter Faden durch.
Daher stelle ich sie hier noch einmal ein. Nur die Rechtschreibfehler wurden beseitigt und die neue deutsche Rechtschreibung angewendet.

 

Liebe Gemeinde!
Ein Festtag wie dieser ist ein besonderes Ereignis.
Er ist wie ein Berggipfel, den man erstiegen hat.
Die Strapazen des Aufstiegs sind für einen Augenblick vergessen,
die Gefahren des weiteren Weges hat man noch nicht vor Augen.
Einen Moment lang hält man inne.
Holt tief Luft und schaut sich um.
Manches sieht man von hier oben besser als von unten.
Und dann denkt man über den Weg nach, der hinter einem liegt.
Und über das Wegstück, das jetzt kommt.
Ich möchte das anhand meines Konfirmationsspruches tun.

Der Pfarrer, der mich konfirmierte, hat ihn ausgesucht.
Er war der Meinung, dass ich doch Pfarrer werden könnte.
Offenbar habe ich mich im Konfirmandenunterricht entsprechend beteiligt.
Ich habe das damals weit von mir gewiesen.
Ich und Pfarrer?
Nie!

Heute frage ich mich, ob er bei der Auswahl dieses Spruches diesen Gedanken vielleicht noch im Hinterkopf hatte.
Denn die theologische Wissenschaft hat herausgefunden, dass diese beiden Verse aus dem 1. Timotheusbrief zu einem Abschnitt gehören, der in der ersten Christenheit wohl bei Ordinationen gelesen wurde.
Ich lese sie jetzt:

„Jage nach der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut! Kämpfe den guten Kampf des Glaubens, ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist!“
(1. Tim 6,11+12)

Ist es Zufall, dass ich diesen Konfirmationsspruch bekam und heute ordiniert werde?
Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, dass dieser Spruch mir von Anfang an gut gefiel.
Da steckt Musik und Bewegung drin:
Jagen – kämpfen – ergreifen.
Dieser Spruch kommt mir in größeren oder kleineren Abschnitten immer wieder einmal in den Sinn.
Von daher fiel mir die Wahl dieser Verse als Predigttext für den heutigen Tag nicht schwer.
Ich gehe bei der Auslegung von hinten nach vorne vor.

„Ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist.“

Berufen sind wir alle.
Das Angebot des Heils gilt uns allen –
aber das ergreifen sieht bei jedem anders aus.
Bei mir begann es nach der Konfirmation.
Ich ging damals zu einem Jugendkreis.
Weniger aus Interesse an Kirche und Glauben, das sagte mir damals noch nichts.
Sondern eher weil da Leute waren, mit denen ich gerne zusammen sein wollte.
So begann dann mein Weg mit der Kirche.
Irgendwann fing ich dann an, über Gott nachzudenken.
Ich fragte mich, ob an diesem christlichen Glauben vielleicht doch etwas Wahres dran sein könnte.
Und so ging es dann langsam weiter.
Ich wuchs in die Jugendarbeit hinein, merkte, daß mir der Glauben etwas zu sagen hatte.
Schließlich übernahm ich selbst Verantwortung in verschiedenen Bereichen:
Jungschar, Bandarbeit, Kreis für konfirmierte Jugendliche.

Irgendwann bekam ich dann doch Lust, Theologie zu studieren.
Doch bis zu der konkreten Entscheidung war es noch ein weiter Weg.
Doch dann war es eines Tages so weit und ich nahm das Studium in Marburg auf.
Es folgte das Vikariat in Düsseldorf und schließlich der Wechsel hierher nach Voerde.

Wenn ich meinen Weg so anschaue, dann ist mir eins ganz deutlich:
Der Glaube, das ewige Leben ist kein Gegenstand, für den ich mich ein für allemal entscheide und der von nun ab mein Besitz ist.
Glaube verändert sich wie mein Leben.
Erfahrungen wechseln.
Manches wird in Frage gestellt.
Einiges geht mir verloren, ich gewinne neue Einsichten.
Mein Weg war nicht frei von Spannungen und Schwierigkeiten.
Ich erinnere mich noch sehr gut an harte innere Kämpfe im Studium.
Es war völlig anders, als ich mir das vorgestellt hatte.
Auf der einen Seite war die schmerzliche Erfahrung, alte vertraute Einsichten aufgeben zu müssen.
Weil sie sich nicht mehr als tragfähig erwiesen.
Auf der anderen Seite eröffneten sich mir unbekannte Horizonte und Welten.

Vielleicht kann man das, was ich da erfahren habe, vergleichen mit der Aufgabe, Vater zu werden.
Das Leben verändert sich mit einem Kind völlig.
Ich habe zwar vorher meine Erwartungen und Vorstellungen, aber die Realität sieht dann doch anders aus.
Und damit verändert sich auch meine Sicht von Gott und dem Glauben.
Mir eröffnen sich ganz neue Sichtweisen, wenn ich beobachten kann, wie ein Kind heranwächst. Ich lerne auch Dinge über mich, die mir sonst verborgen geblieben wären.
Ich gewinne neue Einsichten über meine Fähigkeiten und meine Grenzen.
Und da heißt es dann wieder ganz neu, den Glauben zu ergreifen, mich und mein Leben im Licht des Evangeliums zu sehen.

So eine Veränderung war auch der Beginn des Studiums für mich,
genauso wie das Vikariat und jetzt der Beginn der Hilfsdienstzeit.
Ergreife das ewige Leben, das Evangelium, dass dir in Christus angeboten wird.
Ich verstehe darunter, immer neu offen zu sein für neue Erfahrungen.
Oft gibt es Hindernisse.
Manchmal sträube ich mich vor unangenehmen Einsichten.
Doch all das ist nicht entscheidend.
Entscheidend ist, dass der, der mich berufen hat, sich nicht verändert.
Mein Leben mag oft verschlungenen Wegen folgen.
Gott aber ist treu.
Er geht mit mir und steht hinter mir.
Diese Gewissheit ist mir immer wieder Ansporn weiterzugehen.
Und auch schon mal Wege einzuschlagen, die fragwürdig oder auf den ersten Blick dunkel sind.
Aber darauf kommt es nicht an.
Entscheidend ist die Zusage:
Du bist berufen.

„Kämpfe den guten Kampf des Glaubens.“

Wie dieses Kämpfen konkret aussehen kann, habe ich von zwei meiner theologischen Lehrer gelernt.
Ich nenne sie stellvertretend für viele andere Menschen, die mich glauben und leben gelehrt haben.

Der erste Lehrer war Wolfgang Huber, Professor für Sozialethik in Heidelberg, damals noch in Marburg.
Seine Vorlesungen und Seminare haben mir den Zugang zur Theologie erst eröffnet.
Er vermittelte mir den weiten Horizont, in dem wir als Menschen heute leben.
Ich lernte von ihm, den ökumenischen Aspekt zu berücksichtigen.
Das war mir völlig neu.
Von der katholischen Kirche oder gar Kirchen der Dritten Welt wusste ich bis dahin nichts.
Ich lernte bei ihm, gesellschaftliche Probleme als Anfragen auch an den christlichen Glauben zu sehen.
Auch das war für mich neu.
Und ich lernte bei ihm, dass die Antwort auf die Frage, was das Evangelium uns heute zu sagen hat, nur über den Streit um die Wahrheit des Glaubens zu finden ist.
Ohne Auseinandersetzung mit anderen, ihren Erfahrungen, ihren Fragen, auch ihren Antworten finden wir nicht heraus, was es bedeutet, heute als Christ zu leben.
Streiten meint hier sicher nicht ein aggressives Vorgehen.
Sondern es meint die anstrengende, oft auch schmerzliche Auseinandersetzung mit denen, die anderer Meinung sind als ich.
Die andere Erfahrungen gemacht haben und die Welt aus einem anderen Blickwinkel aus sehen.
Keiner hat die Wahrheit für sich allein.
Ein banaler Satz.
Versuche ich ihn konkret umzusetzen, klingt er nicht mehr so einfach.
Streit um die Bedeutung des Evangeliums für uns konkret – das heißt für mich Dingen auf den Grund gehen.
Mich nicht mit vorschnellen Antworten zufrieden geben.
Probleme in ihrer Vielfältigkeit wahrnehmen.
Das habe ich von Wolfgang Huber gelernt und das hat mich misstrauisch gemacht, gegenüber allen, die sehr schnell zu wissen meinen, was in einer Situation zu tun oder zu sagen ist.
Vielleicht ist mir das auch deshalb so wichtig geworden, weil ich selbst oft der Gefahr erliege, zu schnell zu wissen, wie die richtige Antwort auf eine Frage lautet.
So einfach ist jedoch die Antwort nicht zu finden, wer Gott ist und wo heute die Götzen sitzen.
Überall steht diese Frage neu zur Entscheidung, nicht nur in den Universitäten und politischen Fragen, sondern auch am Krankenbett, auf dem Friedhof, im kirchlichen Unterricht.

Der zweite Lehrer heißt Wilfried Härle, Professor für Dogmatik in Marburg.
An ihm beeindruckte mich die Bereitschaft, mit seiner Person, seinem Glauben und Leben hinter dem zu stehen, was er theologisch vertrat.
Bei anderen Professoren spürte ich da oft eine Distanz.
Bei ihm klafften Glauben und Leben, Theologie und Glaube erkennbar nicht auseinander.
Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen.
Eines Tages betrat er die Vorlesung und erklärte uns, dass er noch einmal über die letzte Vorlesung von vor zwei Tagen nachgedacht habe.
Und dabei sei er zu der Einsicht gekommen, dass er sich völlig auf dem Holzweg befunden habe.
Er hielt dann über das gleiche Thema eine völlig neue Vorlesung.
Ich fand auf der einen Seite seinen Mut beeindruckend, vor ein paar hundert Studenten so einen Irrtum einzugestehen.
Auf der anderen Seite wurde diese Erfahrung zu einem Schlüsselerlebnis:
Mir wurde daran deutlich, dass die Theologie keine unveränderlichen Sätze hervorbringt.
Irrtümer sind möglich.
Man muss um die Wahrheit ringen, darum kämpfen.
Für mich war diese Erfahrung wichtig, denn ich suchte ja selbst als junger Student überhaupt Durchblick durch die komplizierten Probleme der Theologie.
Ich lernte von ihm, die ganze Theologie gelassener anzugehen und nicht verkrampft nach Antworten zu suchen.

Kämpfe den guten Kampf des Glaubens darunter verstehe ich, immer neu nach Antworten zu suchen – mit anderen zusammen.
Und auch das Bemühen, den Wunsch, den anderen und seine Erfahrungen zu verstehen suchen.
Auch hier gilt:
Wirklich offen für andere Menschen und ihre Erfahrungen kann ich nur aus der Gewissheit heraus sein, dass Christus zu mir steht.
Weil er für mein Heil alles getan hat, kann ich kämpfen, mich einsetzen, Fehler machen, neue und unbekannte Wege einschlagen.

„Jage nach der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut!“

Der, zu dem das gesagt wird, der hat all diese Dinge noch nicht.
Sonst wäre die Aufforderung sinnlos.
Das tröstet mich, denn ich weiß:
So bin ich auch nicht.
An Sanftmut, Geduld und Liebe fehlt es mir oft an allen Ecken und Enden.
Doch wie ist dieser Satz zu verstehen?
Höre ich ihn als Anspruch an mich, dann wird mir schnell meine Begrenztheit, meine Ungeduld, meine Hilflosigkeit und meine Lieblosigkeit anderen gegenüber bewusst.
Sinnvoll wird diese Aufforderung erst unter der Voraussetzung, dass Gott mir in Christus vergibt und mir den Rücken stärkt.
Mich auffängt, wenn ich falle.
Mich annimmt, wie ich bin.
Es kommt bei Gott eben nicht auf meine Anstrengung, meine Leistung an.
Wenn ich das begreife, dann kann ich mich einsetzen und bemühen.
Sonst bleibt alles vom Leistungsprinzip diktiert und somit Krampf.

Meine Erfahrung ist:
Einsichten gewinne ich nicht, wenn jemand mich zu ihnen zwingen will.
Ich ändere mein Verhalten nicht unter dem Druck anderer.
Druck und Forderungen provozieren eher eine Trotzreaktion.
Ich kenne Menschen, die mir wohltun, weil sie aus der Gelassenheit heraus leben, daaa sie nicht so wichtig sind, daß sie nicht alles tun können und auch nicht müssen.
Ich denke, in solchen Menschen blitzt etwas von dem Verhalten auf, mit dem sich Christus den Menschen zuwandte.
Er stellte auch Forderungen – aber er tat es so, dass darin deutlich wurde, wie heilsam diese Aufforderungen sind.
Christus lebte und handelte aus der Gewissheit, dass jeder Mensch, mit all seinen Macken und Begrenzungen ein von Gott geliebter Mensch ist.
Und das merkten die Menschen, weil sie die Erfahrung machten, dass ihnen die Begegnung mit Christus gut tat.
Von Menschen, die mir gut tun und in denen für mich etwas von dieser heilsamen Kraft des Evangeliums aufleuchtet, von diesen Menschen geht für mich ein Ansporn aus mich einzusetzen und zu bemühen.
Biblisch gesprochen:
Wenn ich begreife, was Christus für mich getan hat, dann werde ich bereit, auch etwas für andere zu tun.
Wenn mir im Licht des Evangeliums klar wird, wer ich bin und wie Gott mich sieht –
was für mich untrennbar zusammengehört –
dann kommt das Engagement von ganz allein.
Das Gegenteil davon sind dann endlose und nervtötende Forderungen:
Als Christen müssen wir…
Du als Christ solltest aber…
Nur Forderungen aufstellen –
die an sich angesichts des unendlichen Leids und Elend berechtigt sind –
führt zu nichts.
Denn noch einmal biblisch gesprochen:
Der Sünder kann sich nicht selbst aus dem Dreck ziehen.
Das Evangelium aber sagt mir zunächst:
Du kannst dich einsetzen, weil du von mir angenommen bist.
Und du kannst auch damit leben, nicht für alles verantwortlich zu sein.
Nicht alle Probleme lösen zu können.
Nicht auf alle Fragen eine Antwort zu haben.
An dieser Stelle bin ich sehr aufmerksam –
ich könnte auch sagen: empfindlich, weil ich weiß,
dass ich selbst an dieser Stelle selbst oft gefährdet bin und mich und andere unter den Druck von Anforderungen setze.

Liebe Gemeinde,
entscheidend ist nicht, wo und wie ich den Glauben und das ewige Leben ergreife.
Entscheidend ist nicht die Art und Weise, wie ich den Kampf des Glaubens führe.
Entscheidend ist nicht, wo und wie ich mich engagiere und für andere einsetze.
Entscheidend ist einzig und allein die Zusage Gottes:
Du bist von mir berufen.

Amen.

 

„Wo die Geistkraft Gottes ist, da ist Freiheit!“ Zur erneuten Debatte um Homosexualität und Evangelium

Ein Gemeindezentrum am Niederrhein, 1992. Eine Gruppe interessierter Menschen hört den Vortrag eines Pfarrers aus dem Nachbarort. Ich hatte ihn eingeladen, im Rahmen der Diskussion über das Arbeitspapier „Homosexuelle Liebe“ der rheinischen Landessynode über die biblischen Belegstellen zu referieren. Der Kollege erfüllt diesen Auftrag so gut, dass es keinerlei Diskussion oder Rückfragen gibt. Die sechs, acht Bibelstellen sind nicht geeignet, homosexuelle Liebe zu verdammen, so das Fazit. Vierzehn Tage später ein weiterer Diskussionsabend in dieser Reihe, das genaue Thema weiß ich nicht mehr. Im Gespräch führen Teilnehmende des ersten Abends genau die Bibelstellen für eine Ablehnung homosexueller Liebe ins Feld, die mein Kollege so präzise zerlegt hatte.

An diese Begebenheit muss ich dieser Tage wieder denken. Thomas Hitzlsperger outet sich als erster schwuler Fußballprofi. (Hitzlsperger: Meine Familie hat „einfach nur großartig“ reagiert) In Baden-Württemberg formiert sich eine kirchliche Bewegung gegen eine stärkere Berücksichtigung der Homosexualität im Rahmen des Sexualkundeunterrichts. (Überblick: Kirchen warnen vor „sexueller Ideologie“ im Schulunterricht)

Hat sich nichts geändert in all den Jahren? Die rheinische ist doch nicht die einzige Landeskirche gewesen, die sich in den vergangenen zwanzig Jahren mit der Thematik befasst hat. Aber die Kirchen in Baden-Württemberg (zwei evangelische, eine katholische) äußern sich, um es vorsichtig zu sagen, unglücklich in der Diskussion um die Leitlinien, wie Antje Schrupp völlig zu Recht anprangert: Balken im Auge. Zumal das Kirchen-Wort ein deutliches Wort gegen die Anti-Petition vermissen lässt.

Warum ist es über so viele Jahre nicht oder kaum zumindest nicht ausreichend gelungen, die längst bekannten theologischen Positionen stärker im Mainstream unserer evangelischen Kirche zu verankern? Anders gefragt: Warum löst gerade dieses Thema solche Emotionen aus? Es gibt doch wahrlich genügend andere Problemfelder in unserer Welt, die uns Sorgen in der Gegenwart und im Blick auf unsere Zukunft machen sollten. Aber nein, die (Homo-) Sexualität ist es, welche die Gemüter hoch kochen lässt. Vielleicht verbunden mit dem Thema Familie, das in diesem Zusammenhang auch wieder auf die Tagesordnung kommt, wenn es um die Frage der rechtlichen Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften geht. 2013 wurde die Familiendenkschrift der EKD ähnlich heftig und kontrovers diskutiert. Gut, ich kann die Meinung vertreten, endlich ist in der evangelischen Kirche, der „protestantischen“, mal wieder Feuer unter dem Dach. Und doch erschreckt mich das, weil theologisch eigentlich alles klar ist, schon lange.

Ich nehme meinen Ausgangspunkt bei Luther:

„Wenn aber die Gegner die Schrift treiben gegen Christus, so treiben wir Christus gegen die Schrift. (…) Müßte eins von beiden verloren werden, Christus oder das Gesetz, so soll das Gesetz verloren werden, nicht Christus. Denn wie wir Christus haben so werden wir leichtlich Gesetze stiften und alles recht urteilen. Vielmehr werden wir neue Dekaloge machen, wie Paulus sie macht durch alle Episteln, und Petrus, allermeist aber Christus im Evangelium.“ (Thesen de fide, zitiert nach Emanuel Hirsch, Hilfsbuch der Dogmatik, S. 94. Original: WA 39/1, 47f.)

Diese scharfen Worte haben sich mir tief eingeprägt, seit ich sie in meiner Studienzeit erstmals gelesen habe. Sie atmen den Geist der Freiheit, der uns im Glauben gegeben ist. Neue Dekaloge, eine neue Ethik dürfen wir machen, können wir machen, ja, müssen wir machen, wenn die Gegner die Schrift gegen uns ins Feld führen. Und das geschieht jetzt hier, wenn biblizistisch Bibelstellen gegen ihre ursprüngliche Intention als Maßstab des Handelns herangezogen werden.

Natürlich gilt sola scriptura, allein die Schrift. Aber eben ausgelegt im Glauben. Und das heißt auch in Würdigung der Umstände, in der die Schrift entstanden ist, so weit das für uns nachvollziehbar ist. Und da wissen wir schon lange, dass die entsprechenden Stellen in der hebräischen Bibel der Abgrenzung gegenüber Einflüssen anderer Religionen gelten. Schon 1974 (!) weist Siegfried Meurer in seinem Habilitationsvortrag darauf hin:

„Der Protest richtet sich in Wahrheit gegen die Sakralisierung des Geschlechtlichen. Das Verbot richtet sich gegen die Baalisierung Jahwes. Nicht die Homosexualität, sondern die Form, in der diese damals betrieben wurde, die kultische Prostituiton, wird abgelehnt.“ (Meurer bei Hans Georg Wiedemann, Homosexuelle Liebe, S. 85).

Und für die griechische Bibel schließe ich mich Wilfried Härle an:

„Bei den kritischen Aussagen zu praktizierter Homosexualität, die sich im Neuen Testament finden (nämlich Röm 1,24-27; 1 Kor 6,9 und 1 Tim 1,10), muss man immer fragen, ob das, was durch sie infrage gestellt oder als Sünde qualifiziert wird, nicht ebenso auf heterosexuelle wie auf homosexuelle Beziehungen zutrifft, also gar nicht spezifisch für Homosexualität ist. Und das ist in der Tat der Fall: Wenn die sexuelle Praxis eine Konsequenz der Vertauschung von Schöpfer und Geschöpf (Röm 1,24-27) oder wenn Kinder als Lustobjekte benutzt werden (1 Kor 6,9 und 1 Tim 1,20), ist dies unter homosexuellen wie unter heterosexuellen Bedingungen gleichermaßen Sünde“ (Ethik, S. 361).

Damit ist alles gesagt.

Warum ist dann dieser Bereich immer noch so massiv mit Ängsten verbunden? Und warum kocht die evangelische Seele hoch, wenn es um Familie und Sexualität geht, aber weniger, wenn Fragen des Umgangs mit Flüchtlingen oder den Folgen des Klimawandels auf der Agenda stehen?

Meine Vermutung ist, dass die Partnerbeziehung und die Familie nach wie vor als eine Art Rückzugsort verstanden werden. Als Burg, in die ich mich zurückziehen kann, wenn draußen der Krieg tobt. Unsere Welt ändert sich überall und rasend schnell. Sie würfelt Menschen und Strukturen durcheinander. Überfällt uns Tag für Tag mit Bildern, Nachrichten und diese vor allem emotional vermittelt. Stress pur, für manche eine Überforderung. Die Sehnsucht nach der heilen Welt, dem Ort, an dem ich mich ausruhen und erholen kann, wird inmitten diesen Chaos übergroß. My home is my castle. Mag alles drunter und drüber gehen, wenigstens in meiner unmittelbaren Lebenswelt soll alles so bleiben, wie es ist, wie ich es erhoffe und erträume. (In Klammern: Hier spiegelt sich für mich auch die Sehnsucht nach der „heiligen Familie“, die wir an Weihnachten an der Krippe verehren, indem wir aus der merkwürdigen Familie Jesu ein Symbol von Reinheit und Ruhe machen. An Heiligabend 2013 habe ich darüber gepredigt.)

Dabei wissen wir ganz genau, dass diese Sehnsucht nur ein Abziehbild ist, das selten mit der Realität übereinstimmt. Aber gerade deshalb entwickeln diese Bilder solch eine Macht über uns. Gerade weil wir wissen, ahnen, spüren, dass es meist ganz anders ist, halten wir mit Macht an dem Bild der „reinen“ Sexualität zwischen einem Mann, einer Frau fest oder klammern uns an die Vorstellung: Vater, Mutter, (eigenes!) Kind.

Der Glaube dagegen macht frei, und richtet vor allem auf, hebt meinen Blick und lässt mich dem/der anderen auf Augenhöhe begegnen. Und dann gilt Luthers Wort: „Denn wie wir Christus haben so werden wir leichtlich Gesetze stiften und alles recht urteilen.“

Bleibt die Frage, warum es uns so unendlich schwer fällt, solch eine Ethik der Freiheit in unseren Gemeinden zu verankern. Antje Schupp hat geschrieben:

„Warum vertreten sie (die Kirchen, MJ) nicht offen und argumentativ ihre Ansichten zum Thema sexuelle Vielfalt? Vielleicht, weil sie ahnen, dass sie damit nicht mehr den gesamtgesellschaftlichen Mainstream treffen würden? (Ob das so wäre, weiß ich nicht). Oder weil sie keine wirklich plausiblen und haltbaren Argumente haben, sondern ihre Ansichten darüber eher Gewohnheit, Bequemlichkeit, Weltfremdheit sind? Sicher ist: Sie würden sie sich angreifbar machen. Sie müssten sich für ihre Ansichten zur Verantwortung ziehen lassen. Es würden innerchristliche Konflikte aufpoppen. Und das ist natürlich unbequem.“

Das mag so sein. Ich denke zwar schon, dass die Kirchenleitungen die theologischen Argumentationen aus den letzten zwanzig Jahren kennen. Ich will mich aber nicht zu einer Auseinandersetzung im Süden unseres Landes äußern, dazu bin ich buchstäblich zu weit weg. Aber ich frage mich, ob Antje´s Argumentation den Kern des Problems trifft.

Ich komme noch einmal zurück zum Anfang. 1992, als ganz junger Pfarrer, habe ich Gemeindeseminare dazu gehalten. An vielen Einstellungen bei unseren Gemeindemitgliedern scheint sich dennoch wenig geändert zu haben. Sicher: Homosexuelle Liebe findet heute eine höhere Akzeptanz in Gemeinden aus vor zwanzig Jahren. Mainstream ist diese Einstellung aber noch lange nicht. Gewohnheitsmuster ändern sich sehr, sehr langsam. Manchmal ist es zum Irre-werden.

Aber ist das ein Problem von Kirche allein? In der taz erschien vor ein paar Tagen eine Kolumne: Luft und Liebe. Guckt mehr Lesbenpornos! Der provozierende Titel macht auf das Problem aufmerksam, dass sich viele Jugendliche vor Lesben ekeln. Das gilt für Schwule mit Sicherheit gleichermaßen. Dazu muss man nur zum Fußball schauen, der ja Dank Thomas Hitzlsperger auch grade in der Diskussion ist. Jutta Piveckova hat dazu einen treffenden Beitrag geschrieben: Privatheit? Nein!

Ich frage mich erstens: Wo liegt denn jetzt der „gesamtgesellschaftliche Mainstream“, hüben oder drüben? Gibt es ihn überhaupt? Und wenn das so komplex und kompliziert ist, dann darf mich nicht wundern, dass sich in unserer Volks-Kirche das gleiche Spektrum an Meinungen abbildet wie in der Gesellschaft insgesamt. (Kirchenleitende Menschen stehen hier immer vor der Frage: Ist es an der Zeit, klare Postionen zu beziehen oder gilt es, möglichst viele „mitzunehmen“? Ein Spagat, mal gelingt er, mal misslingt er. Für diejenigen, die mit diesem Geschäft Tag für Tag zu tun haben, eine permanente Herausforderung. An der wir genauso Tag für Tag scheitern können.)

Und zweitens: wenn die „gesamtgesellschaftliche“ Debatte so vielschichtig und komplex ist, sich die Einstellungen nur milimeterweise ändern, was darf ich dann von „der Kirche“ erwarten? Da ich nun selber in dieser Kirche aktiv bin und auch unter den Verhältnissen leide, weiß ich dennoch eins ganz genau: Es ist gut, wenn es überhaupt voran geht, und sei es milimeterweise. Das meine ich nicht entschuldigend, will mich nicht herausreden. Aber es ist nicht möglich an tausend Stellen gleichzeitig zu kämpfen. Was ich aber tun kann, was wir tun können, jetzt, wo das Thema wieder einmal hoch kocht: Geduldig erneut an das erinnern, was theologisch schon lange sonnenklar ist. Das mag wenig sein, aber wenn es wieder einige nachdenklich macht und Einstellungen hier und dort aufbricht, gut so. Denn es gilt: „Wo die Geistkraft Gottes ist, da ist Freiheit!“ (2 Kor 3,17)

Vortrag über Simone Weil von Antje Schrupp

Heute Abend habe ich einen Vortrag von Antje Schrupp über Simone Weil hier im Voerder Rathaus im Rahmen der Veranstaltungen zur Ausstellung des Frauenaltars von Candace Carter gehört. Simone Weil kannte ich bis dato nur vom Namen her und war fasziniert von der Vielschichtigkeit dieser Frau, die Antje Schrupp anschaulich dargestellt hat. Eine Menge von Gedanken und Eindrücken sind hängen geblieben. Nur einige notiere ich hier noch schnell:

…es war Simon Weil egal, was andere über sie dachten, kompromisslos trat sie für das ein, was sie für wahr hielt. Darüber wurde auch in der Runde noch einmal sehr intensiv nachgedacht. Wie kam sie dazu, ein solches Selbstbewußtsein zu haben? Antje Schrupp meinte dazu, es war die Liebe ihrer Eltern, die sie stets unterstützt haben. Und zwar so, dass sie ihr verdeutlichten, unsere Liebe und Unterstützung hängt nicht von dem ab, was du tust, sie gilt dir auf jeden Fall. Eine Teilnehmerin bemerkte dazu: Wie würde unsere Welt aussehen, wenn es viel mehr solche Eltern gäbe…

…sie war davon überzeugt, dass die Unterdrückten nicht dann zur Revolte schreiten, wenn die Unterdrückung unerträglich wird, sondern erst dann, wenn sie einen Hauch von Freiheit spüren. Erinnerte mich an manches, dass ich bei Frithjof Bergmann gelesen hatte: Frag die Menschen ehrlich und aufrichtig nach dem, was sie wirklich, wirklich wollen, denn darin liegt der Kern aller Motivation zu arbeiten, sich zu engagieren. Und es ist ja die verrückte Erfahrung, die Bergmann und seine Mitstreitrer/innen machen, wenn sie diese Frage stellen, dann lautet die Antwot nicht selten: „Das hat mich noch nie jemand gefragt!“

…dieses eigentlich furchtbare und doch realistische Bild von der Schwerkraft, die auch unsere Gedanken nach unten zieht. Dazu fand ich beim Rumstöbern grade im Netz diese beiden Zitate:
»Wenn ein Mensch sich von Gott abkehrt, liefert er sich der Schwerkraft aus. Er glaubt dann noch zu wollen und zu wählen, aber er ist nur noch eine Sache, ein fallender Stein.«
»Die Schwerkraft des Geistes lässt uns nach oben fallen.«

…Simone Weil vertrat die Auffassung, dass es wichtig ist, dass Menschen in ihrer Kultur verhaftet sind. Das heißt vor allem und zunächst heißt, in der eigenen Muttersprache beheimatet zu sein. Dies wurde am Beispiel von Migrant/inn/en verdeutlicht: es geht nicht darum, dass zB türkische Kinder Deutsch lernen müssen, dass müssen sie ganz sicher, wenn sie in Deutschland (oder anderswo) klarkommen wollen. Aber, und dieser Gedanke war für mich sehr neu aber sehr einleuchtend, weil er auch auf manche deutsche Kinder zutrifft: es ist für die Entwicklung von Denken und Handlungsfähigkeit von grundlegender Bedeutung, dass Kinder ihre Muttersprache erlernen – denn dann können sie später (mehr oder weniger) leicht auch andere Sprachen erlernen. Eine Teilnehmerin erzählte von einem Radiobeitrag, denn sie just heute gehört hatte: in einigen Städten wird inzwischen Unterricht in kurdischer Sprache angeboten. Es wurde von hier im Exil lebenden Kurden berichtet, für die dieser Unterricht eine Offenbarung sondersgleichen darstellt: in der Türkei gab es keinen Unterricht, viele sind Als Analphabeten in ihrer Muttersprache hierher gekommen und machen jetzt die Erfahrung, in dieser ihrer Sprache lesen und schreiben zu lernen…

…und vor allem kam da eine solche Menschlichkeit, eine Aufmerksamkeit für Kleinigkeiten, das Interesse an Menschen und ihren Lebenssituationen und die damit verbundene Kritik an Programmen und Ideologien aller Art herüber, die dann doch auch wieder Mut macht, trotz all der Dunkelheiten in der Welt, die den Pessimismus Vorschub leisten, morgen wieder weiter zu machen, neue Anfänge zu wagen, nicht aufzugeben, nicht zu verzweifeln…