Tod des Mose (Deuteronomium 34)

Predigtreihe Wüstenwanderung (III)

Die vierzig Jahre in der Wüste sind herum.
Wieder steht das Volk Israel an der Grenze des gelobten Landes.
Diesmal werden sie den Jordan überschreiten.
Das Land in Besitz nehmen.
Endlich.
Doch einer wird nicht dabei sein.

Mose.
Ihr Anführer und Held.
Der sie aus Ägypten und durchs Schilfsmeer führte.
Der mit Gott auf dem Berg sprach und die Gebotstafeln erhielt.
Der mit Gott rang, als dieser aus Enttäuschung das Volk vernichten wollte.

Vierzig Jahre ist er voran geschritten.
Tag für Tag.
Hat sich das Murren des Volks angehört.
Hat mit ihnen Manna und Wachteln gegessen.
Und sonst nichts.
Vierzig Jahre lang.

Vierzig Jahre lang hat er nachts wach gelegen.
Geträumt vom gelobten Land.
In dem Milch und Honig fließen.
Ziel schlafloser Nächte.
Der Traum, der ihm vor Augen stand.
Wie wird es sein?
Meinen Fuß auf den versprochenen Boden setzen.
Den Duft von Blüten und Früchten riechen.
Aufatmen, ankommen.
Endlich.

Nun ist es so nah, das Traumland.
Und für Mose unerreichbar.
Hineinschauen darf er.
Mehr nicht.
Oben auf dem Berg hört er die Stimme Gottes:
Dies ist das Land, das ich dem Volk Israel versprochen habe.
Doch du wirst nicht hineinkommen.
Und so geschieht es.

Was für eine traurige Geschichte.
Warum lässt Gott ihn nicht hinein?
Ein paar Tage mehr.
Nach vierzig Jahren und mehr.
War das nötig?
Sein ganzes Leben hat er in diese Aufgabe gesteckt.
Gearbeitet.
Gerackert.
Gestritten.
Gekämpft.
Geärgert.
Und vor allem:
Geträumt vom Zielstrich.
Von diesem einen Tag.
Und nun:
Doch du sollst nicht hineinkommen.

Wir kennen das, oder?

Die Goldene Hochzeit ist geplant und man erlebt sie doch nicht mehr.
Ich muss in Pension gehen, weil die Altersgrenze erreicht ist und ein anderer führt meine Aufgabe zum Erfolg.
Ich will noch den Enkel groß werden sehen, den 18. Geburtstag mitfeiern, aber es kommt anders.
Die Mutter, von einer Krankheit dahin gerafft, sieht die eigenen Kinder nicht aufwachsen.
Ich fange etwas an und einer, eine andere führt es zu Ende.

Es gibt keine Garantien, sagt das Leben und die Bibel.
Selbst ein Mann wie Mose hat bei Gott keinen Stein im Brett.
Wenn es Zeit ist zu gehen, dann müssen wir gehen.
Traurig.
Bitter.
In unserem Empfinden oft ungerecht.
Wir suchen nach Erklärungen.
Fragen:
Warum?
Warum, Gott?
Warum so früh?
Warum ausgerechnet jetzt?
Die paar Tage, musste das wirklich sein?

Die Geschichte wird in der Bibel in dürren Worten erzählt.
Nur die Fakten werden genannt.
Ohne Erklärung.
Ohne Begründung.
Sie schreit nach einer Auslegung.

In der sixtinischen Kapelle in Rom hängt ein Bild von Luca Signorelli:
Die letzten Tage des Mose.
Mose steht auf dem Berg.
Ein Engel zeigt ihm das versprochene Land.
Gramgebeugt steht Mose da.
Schaut hinunter.
Mit sehnsuchtsvollen Augen.
Traurig.
Dann muss er sich abwenden.
Hinunter gehen.
Das hat Signorelli auch gemalt.
Schweren Schrittes steigt Mose hinab.
Um seinen Nachfolger zu bestimmen.
Und sich dann zum Sterben zu legen.
Aber hinter Mose ist ein Schatten zu sehen.
Ein Engel begleitet Mose.
Lässt ihn nicht allein.

Ich verstehe das Bild so:
Gott wendet sich nicht ab von denen ab, die ihre Ziele nicht erreichen.
Von denen, die die Früchte ihrer Arbeit nicht ernten.
Von denen, die ihre Träume nicht in Erfüllung gehen sehen.
Gott hat unsere Welt so eingerichtet, dass dies möglich ist.
Die einen erhalten den Siegespreis, die anderen nicht.
Die einen ernten die Früchte ihrer Arbeit, die anderen nicht.
Die einen sehen ihre Träume wahr werden, bei anderen erst die Nachfolgenden.
Wenn überhaupt.
Aber an Gottes Nähe ändert das nichts.
Weder Erfolg noch Scheitern können uns von seiner Liebe trennen.
Er lässt uns nicht allein.
Niemals.

Amen.

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