Peter Plöger: Warum wir es gerne einfach hätten und alles immer so kompliziert ist (Rezension)

Runter vom Sofa des bequemen Denkens! – so könnte ich das Buch von Peter Plöger in einem Satz zusammenfassen. Es versucht Antworten auf die Frage zu geben, warum eigentlich immer alles so furchtbar kompliziert ist. Geht es denn nicht auch mal ganz einfach? Nein, sagt Plöger, denn:

»Einfache Lösungen sind auf eine perfide Weise erlösend, denn sie entheben uns von der Verpflichtung zum Weiterdenken. (…) Die Aufgabe des wachen Denkens ist es deshalb, uns vor Fehlern und Schaden zu bewahren. Je mehr jeweils auf dem Spiel steht (persönlich oder für unsere Gesellschaft), desto wacher sollten wir also denken.« (16)

In den ersten Abschnitten des Buchs erklärt Plöger, warum das aufgrund unserer Psyche so ist. Wahrnehmen und Urteilen funktionieren nach einem Mechanismus der Reduktion von Komplexität, weil unser Gehirn und unser Bewusstsein sonst überfordert wären. Wir suchen nach Erzählungen, suchen Dinge und Menschen in narrativen Strukturen zu fassen. Leider gilt dabei:

»Wir glauben gerne, was uns erzählt wird. Erzähltes wiegt unser Denken in den Schlaf. Je besser – das heißt wirksamer für unsere Urteilsautomatik – es erzählt wird, desto plausibler finden wir es.« (72)

Leider kommt für Plöger hinzu, dass wir alle (!) dazu neigen, starken Meinungen gegenüber vorsichtigen den Vorzug zu geben. Wohl auch, weil in unserer Kompetenzgesellschaft starke Meinungen zählen, gepaart mit dem Zwang, auch schnell denken und entscheiden zu wollen oder zu müssen.

»Dann sind vereinfachte, mundfertige Lösungen diejenigen, die die größten Chancen haben, auch realisiert zu werden. In komplexen Situationen denken wir mit anderen Worten leider oft unterkomplex.« (75)

Seine Konsequenz lautet daher: Runter vom Sofa des bequemen Denkens! Traut euch, zwingt euch genau hinzuschauen.

Wie das gehen kann, führt Plöger an verschiedenen Beispielen präzise und gründlich durch. Er seziert dabei pseudowissenschaftliche Ansichten und Vorstellungen, legt unsere einfachen und schnellen Urteile offen.

So nimmt er z.B. die Islamkritik eines Thilo Sarrazin und sein Verständnis von Kultur auseinander:

»Wir haben alle die Macht, Kultur zuzuschreiben. Die Konstruktion von ›Kultur‹ nützt uns unmittelbar, weil wir ohne sie das Gefühl haben müssten, in einem Chaos von Unterschieden zu versinken. (…) Damit nimmt sie uns einen Teil der existentiellen Unsicherheit. (…) Die Formbarkeit und der prinzipielle imaginäre Charakter von Kultur werden jedoch von denjenigen ignoriert, oder gezielt geleugnet, die es vorziehen im Monolithikum zu leben.« (116f.)

Die Gefahr in diesen Vereinfachungen liegt für Plöger darin, dass so hier immer wieder neue Breschen für einen unzivilisierten Umgang miteinander geschlagen werden. (148)

Er hinterfragt den momentan sich vollziehenden Siegeszug der Neurowissenschaften genauso kritisch wie zu einfache Zuschreibungen von Geschlechterstereotypen auf Mann und Frau.

Er setzt sich kritisch mit dem Mythos Markt auseinander. Dieser ist auch »nur« eine große Menschheitserzählung (198), oder noch schärfer, eine Geschichte mit Heilsbotschaft, die das Zerrbild eines homo oeconomicus zeichnet, der nur an seinem Eigennutz orientiert ist, während doch eigentlich gilt:

»Gäbe es das Verbindende nicht, gäbe es keine Vertrauensbasis zwischen den Menschen, gäbe es keinen Weg, sich untereinander zu verständigen, bräche auch die Wirtschaft zusammen. Geld beispielsweise kann seine Funktion nur erfüllen, weil alle, die es benutzen, darauf vertrauen können, dass sie bei einem Tausch einen dem aufgedruckten Zahlenwert entsprechenden Gegenwert bekommen. Nichts rechtfertigt dieses Vertrauen außer der gesellschaftsweiten, stillschweigenden Vereinbarung, dass Papierstreifen mit dem Siegel der Bank darauf immer und überall gegen den angegebenen Gegenwert getauscht werden können.« (233f.)

Plöger untersucht weiter unsere gegenwärtige Demokratie mit ihrem Verlangen nach umfassender Transparenz und Beteiligung und kommt hinsichtlich der Debatte um das Urheberschutzrecht zu folgender Schlussfolgerung:

»Es ist absolut keine Überraschung, dass in solchen Prozessen die übergroße Komplexität des Anliegens zuerst auf einfache und zu einfache Antworten trifft. Eine offene Gesellschaft ist per se komplex. Inwieweit sie funktioniert, hängt zum einen davon ab, wie gut wir in der Lage sind, Komplexitätsreduktion im Denken dort auszugleichen, wo es notwendig, ist. Zum anderen braucht es immer wieder eine aktive Teilnahme möglichst vieler Bürger, um gegen die soziale Entropie anzuarbeiten.« (284)

Plöger fordert immer wieder dazu auf, mehr Demokratie zu wagen. Dabei kann niemand dem einfachen Denken entgehen, aber waches Denken ist möglich und führt zu zivilem Umgang miteinander. Das ist für ihn ein zentraler Gedanke:

»Zivilität ist eine Eigenschaft der offenen Gesellschaft, die leicht unterschätzt wird, die nichtsdestoweniger an ihrem Grund liegt. Sie umschreibt ›ein Verhalten, das die Menschen voreinander schützt und es ihnen zugleich ermöglicht, an der Gesellschaft anderer Gefallen zu finden‹, schreibt der Soziologe Richard Sennet. (…) Dafür braucht es Aufmerksamkeit, Zurückhaltung und Verantwortung.« (298f.)

Plöger fordert immer wieder: Genau hinsehen! Den eigenen vorschnellen Urteilen auf die Spur kommen! Sich selbst in Frage stellen! Runter vom Sofa des vereinfachten Denkens!

Sein Buch ist leidenschaftlich und spannend zu lesen. Es ist ein Plädoyer, ein Weckruf. Man spürt das Engagement des Autors, sein Leiden unter den Folgen des bequemen Denkens. Manches ist vergnüglich zu lesen, anderes erschreckend, immer wieder hatte ich den ein oder anderen Aha-Effekt. Für Menschen, die darunter leiden, dass alles immer so schrecklich kompliziert ist, kann ich das Buch nur empfehlen.

Eine kleine Kritik muss ich anbringen. Die ersten beiden Kapitel mit der Grundlegung müssen überstanden werden. Sie sind für den weiteren Verlauf unverzichtbar, aber ich habe lange gebraucht, bis ich eine Ahnung hatte, worauf Plöger eigentlich hinaus will. Später versteht man diesen langen Anmarschweg. Aber der Weg ist zäh und schwere Kost. Vielleicht gilt hier aber auch: Runter vom Sofa, das wache Denken erfordert eben auch das Dranbleiben. Und das lohnt sich. Ich hoffe nur, dass der ein oder die andere nicht zu bequem ist, und das Buch zu früh auf den Stapel zurück legt und sich leichterer Kost zuwendet…

 

Das Buch ist erhältlich zum Beispiel über Fairbuch.de:

Peter Plöger, Warum wir es gerne einfach hätten und alles immer so kompliziert ist

Peter Plöger, Warum...

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