Nachdenkliches über Verspätungen bei der Bahn

Gestern Abend haben wir das neue Stellwerk der Deutschen Bahn Netz in Emmerich besucht. Wir, das waren Mitarbeitende im KDA (Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt) und Mitglieder des Männerkreises der Ev. Kirchengemeinde Götterswickerhamm.


Betriebsbesuche gehören zum Standardprogramm des KDA. Es geht uns darum, mit Menschen an ihren Arbeitsplätzen ins Gespräch zu kommen, mit Betriebsräten genauso wie mit Führungspersonal. Ziel ist eine gezielte Wahrnehmung von (Erwerbs- ) Arbeit durch Menschen aus dem kirchlichen Raum und zugleich das Signal, dass Kirche sich auch für die (Erwerbs- ) Arbeitswelt und ihre Nöte, Sorgen und Zwänge interessiert.


Zur Deutschen Bahn sind wir gegangen, weil es mittlerweile zum guten Ton gehört, über die Bahn zu schimpfen. Ausfallende Züge, zu heiße oder zu kalte Wagen, Lärmbelästigung der Anwohner, am Niederrhein die Sorgen durch den geplanten Ausbau der Betuwelinie, schlechtes Kommunikationsmanagement und vor allem die Verspätungen. Darüber wollten wir uns aus erster Hand informieren lassen.


Das Stellwerk in Emmerich ist technisch auf dem neuesten Stand und die Fahrdienstleiter_innen überwachen und regeln den Verkehr zwischen der Grenze zu den Niederlanden und Oberhausen Hauptbahnhof. Faszinierend und zugleich beruhigend war zu sehen, wie hoch die Sicherheitsstandards sind, die eingehalten werden müssen, damit niemand zu Schaden kommt.


Natürlich wurde von uns auch das leidige Thema der Verspätungen angesprochen.

Die Antwort: die Mehrzahl der Störungen kommt von »außen«, sind menschengemacht: Menschen, die jeden Bahnhof für eine Zigarettenpause nutzen und die Türen blockieren. Menschen, die mit Kinderwagen versuchen die Gleise zu überqueren. Menschen, die in der Nacht Kupferkabel geklaut haben. Menschen, die versuchen, ihrem Leben ein Ende zu setzen.


Ein Beispiel: Eine Frau möchte eine »Abkürzung« nehmen, rutscht auf dem Bahndamm aus und bleibt neben dem Gleis liegen, kann sich alleine nicht mehr helfen. Ein Lokführer bemerkt sie und informiert die Leitstelle. (Selber anhalten macht wenig Sinn bei einem Bremsweg bis zu 500 Metern.) Der Lokführer des nächsten Zuges wird angerufen, fährt entsprechend langsam an die Stelle heran, hält an und nimmt die Frau an Bord. Telefonisch wird der nächste Bahnhof informiert, ein Rettungswagen bestellt und den Sanitätern die Frau übergeben. Selbstverständlich hat dieser Zug nun eine Verspätung und die ihm folgenden Züge auch.


Mir wurde an diesem Beispiel klar, dass ich, das wir recht wenig über die Gründe wissen, die zu Verspätungen führen. Und ich will hier auch keineswegs ein Loblied auf die ach so tolle Bahn singen. Da liegt schon manches im Argen. Und ich ärgere mich auch über Verspätungen. Doch gestern fragte ich mich: Was wäre denn die Alternative? Die Frau liegen lassen? Bis ein Rettungswagen dorthin gekommen ist, vielleicht weitab einer Straße, eines Feldwegs? In Kauf nehmen, dass sie vielleicht nicht bei Sinnen ist und noch auf die Gleise rollt?

Und was wäre die Alternative bei dem Rauchergrüppchen, dass die Türen blockiert? Ich kann die Polizei rufen. Klar. Das dauert dann aber auch seine Zeit.


Ich habe gestern gelernt, dass Fahrdienstleitung ein Beruf mit hoher Verantwortung und großem Stresspotential ist. Das allgemeine Klagen über die Verspätungen läuft aber ins Leere, wenn es nicht differenziert betrachtet wird. Es ist doch paradox: Da rettet die Bahn eventuell ein Menschenleben – und muss je nach Dauer der Verspätung dafür auch noch den Fahrgästen Rückerstattungen zahlen. Eigentlich verrückt, oder?


Ich werde mich bei der nächsten Verspätung auch wieder ärgern (in Klammern: ich kam verspätet nach Emmerich, weil mein Regionalzug 14 Minuten im Verzug war). Aber ich werde auch daran denken, dass die Gründe vielleicht nicht bei der Bahn zu suchen sind, sondern in der Unvernunft anderer Menschen, die meinen, so wenig Zeit zu haben, dass sie große Risiken in Kauf nehmen und ein Bahngleis überqueren. An manchen Stellen soll es regelrechte Trampelpfade geben.


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