Laizität – Paris, Foyer le Pont, Tag 2

»Eigentlich bin ich kein Experte für das Thema«, meinte Claudius Vellay, Ökonom und Hochschullehrer zu Beginn seines Vortrags über das Verhältnis von Staat und Kirche in Frankreich. Nach dem Besuch vor Ort in einer Gemeinde am Freitag hatten wir Claudius ins Foyer geladen, um uns die Unterschiede zu Deutschland genauer erläutern zu lassen.

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Laizität – wer das Wort in Deutschland überhaupt kennt, verbindet vermutlich nur ganz grob etwas damit: Trennung von Kirche und Staat. »Am einfachsten kann ich das erklären, wenn ich den Unterschied zu Amerika benenne. In den USA heißt Laizität ›Schutz der Kirche vor dem Staat.‹ In Frankreich dagegen: ›Schutz des Staates bzw. des öffentlichen Raumes vor dem Zugriff der Kirche.‹ Im Gesetz von 1905 ist dies umfassend geregelt, auch wenn es später zusätzliche Regelungen gab und die Praxis vor Ort immer noch mal eine andere Frage ist.«
Claudius machte anschaulich deutlich, wie sich das Gesetz über eine jahrhundertelange Geschichte entwickelt hat. Im Prinzip wird der Kirche Kultusfreiheit gewährt und allen Menschen die Möglichkeit eröffnet, Zugang zu Gottesdienst und Seelsorge zu erhalten. Und das ist dann alles. Diakonie? Nur in von den Kultusgemeinden getrennten Vereinen möglich. Finanzielle Unterstützung des Staates? Gibt es nicht. Beteiligung von Kirche in Ethikkommissionen oder so wie in Deutschland üblich? Undenkbar. Obwohl die katholische Kirche dann doch an vielen Stellen bevorzugt behandelt wird oder Möglchkeiten besitzt, die für die kleineren Konfessionen nicht im gleichen Maß gelten – so gehen ca. 2 Millionen französiceh Kinder und Jugendliche auf katholische Privatschulen.
So entwickelte sich nach und nach ein Bild, das vor allem eins deutlich machte: Deutschland und Frankreich grenzen zwar aneinander, aber in der Frage des Verhältnisses von Staat und Kirche sind sie meilenweit voneinander getrennt – und diese Differenz zeigt sich auch in anderen Feldern der Gesellschaft. So ganz nebenbei wurde somit schlaglichtartig deutlich, wie unendlich schwierig der europäische Prozess tatsächlich ist.
Ist in Deutschland alles besser, hat Kirche dort mehr Möglichkeiten? Letzteres sicher, aber sie ist auch schwerfälliger und enger mit dem Staat verbunden. »Die kleinen Diakonievereine besetzen Nischen und durch ihre Unabhängigkeit sind sie flexibler und freier in ihren Entscheidungen als die Wohlfahrtsverbände in Deutschland«, meinte Claudius Vellay dazu.

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In der Diskussion wurde auch wieder einmal deutlich, wie sehr die Zeit des Nationalsozialismus in unserer deutschen Geschichte ein massiver Bruch darstellt, der auch Neuregelungen im Verhältnis von Kirche und Staat nach sich zog – ein Bruch, den Frankreich so nicht erlebt hat, wenn auch de Erfahrungen im Widerstand in der eigenen Geschichte bis heute wichtige Impulse gibt.

Nach drei Stunden beendeten wir die Diskussion in der großen Runde, im kleinen Kreis ging es beim Mittagessen beim Italiener weiter. Wie lässt sich Ethik und Moral begründen und worin unterschieden sich hier Diskurse in Frankreich und Deutschland? Wie wird die europäische Einigung vorangehen oder wird sich scheitern? Spannende Gespräche am Samstagvormittag im Foyer le Pont in Paris.

Etwas entspannter gig es daher am Nachmittag zu. Ein geführter Stadtrundgang von der Bastile durchs Marais bis Notre Dame stand auf dem Programm. Der Regen begann pünktlich – als wir vor Notre Dame standen.

2 Gedanken zu “Laizität – Paris, Foyer le Pont, Tag 2

  1. Ich war dreimal in diesem Haus, jeweils zur Commission des Ministères, die entscheidet, wer in der ERF und nun EPUdF ins Pfarramt kommt.

    Das mit den Schulen ist etwas differenzierter zu sehen… die Vorreiter der bekenntnisfreien Schule kamen aus dem (eher liberal-)reformierten Lager. Aber es gibt auch noch das renommierte Internat in Le Chambon sur Lignon, das vor einem Jahr in die Schlagzeilen geriet, weil eine seiner Schülerinnen von einem Mitschüler erschlagen wurde.
    Und die Ethikkommissionen… nun, ich habe in St.Dié in einer gesessen, meine Kollegin Krankenhausseelsorgerin in La Rochelle ist auch qua Amt Mitglied der örtlichen Ethikkommission, und der nationale Ethikrat wird oder wurde von Jean-François Collange geleitet, dem Präsidenten der Eglise Protestante d’Alsace-Lorraine.

    Die Sonderstellung der katholischen Kirche ist teilweise durch internationale Verträge begründet (der Vatikan ist ein Staat, nicht nur Kirche), teilweise einfach auch nur Gewohnheit. Bei Beerdigungen wird halt gewohnheitsmäßig so gemacht wie für Katholiken üblich.

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