Bibel im Brotteig – Paris, Foyer le Pont, Tag 1

Ich weiß nicht, wie oft ich in den letzten Jahren in Paris im Foyer le Pont gewesen bin. Doch es lohnt sich jedes Mal. Weniger der Sehenswürdigkeiten wegen, eher schon der guten Küche. Aber vor allem wird mein Blick auf Kirche und Glauben verändert, zurecht gerückt, angeregt.
Gestern bin ich mit einer Gruppe von 17 ehrenamtlichen Mitarbeitenden und meinem Kollegen Jürgen Widera (KDA Duisburg/Niederrhein) aus unserem Kirchenkreis hier angekommen und wir sind gleich hinausgefahren nach Saint Cloud und haben Agnes von Kirchbach besucht, Pfarrerin an der dortigen reformierten Kirchengemeinde.

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Frau von Kirchbach erzählte zwei Stunden von ihrer Gemeinde, ihrer Arbeit. Sie erzählte von den Familien, die mit einen jahrhundertealten Gedächtnis Glauben weitergeben, geprägt in der Zeit der hundertjährigen Verfolgung. »Woran erkennt man einen Protestanten, eine Protestantin?« Schweigen in der Runde. »An der Bibel. Kein Katholik hatte in der Zeit eine Bibel im Haus. Also kamen die Soldaten und suchten nach Bibeln. Aber die Protestanten waren erfinderisch. Sie versteckten ihre Bibeln in Hohlräumen, in den Frisuren der Frauen und viele Familien hatten immer frischen Brotteig in der Küche. Klopften die Häscher, schob man die Bibel in den Teig und ab in den Ofen damit. Spreche ich mit Nachkommen dieser Familien in meiner Gemeinde, dann ist diese Zeit der Verfolgung nicht weit weg, es scheint gestern gewesen zu sein. Diese Erfahrung prägt ganz wesentlich die Tradition der reformierten französischen Kirche bis heute.«
Aber nicht nur. Daneben sind es Menschen aus über zwanzig Ländern, die heute hier leben und arbeiten. Viele aus Schwarzafrika. Manche legal, andere illegal. Sie bringen ihren Glauben, ihre Kultur mit. Sie erwarten, erhoffen dass sie etwas von ihren Traditionen in der Gemeinde wiederfinden und einbringen können. Oder auch furchtbare Erfahrungen, Flucht, Vertreibung, Folter, Vergewaltigung.
Und dann es gibt diejenigen, die ohne Glauben aufgewachsen sind und irgendwann, oft über lange Umwege den Weg zur protestantischen Kirche finden. Werbung für kirchliche Angebote und Einrichtungen sind den Kirchen weitgehend verboten, kein Vergleich zu Deutschland. »Der älteste Mann, der sich zur Zeit bei uns auf die Taufe vorbereitet, ist 82 Jahre alt.«
Die Aufgabe der Pfarrerin besteht darin, diese verschiedenen Traditionen, Kulturen und Erfahrungen aufzunehmen und zu würdigen. »Es sollen sich alle willkommen fühlen. Aber wie geht das? Ich predige anders als früher. Ich versuche von der Bibel her jeder Gruppe Impulse zu geben. Das sind keine durchgehenden Gedanken mit erstens, zweitens, drittens, wie Sie das aus Deutschland kennen. Der Rest ist Vertrauen auf den Heiligen Geist, dass der aus meinen Anregungen etwas macht.« Geld hat die Gemeinde kaum, Kirchraum und Gemeindesaal sind klein. Aber Frau von Kirchbach sitzt mit leuchtenden Augen da und erzählt engagiert und begeistert von ihrer Arbeit, wenn auch mehr als einmal düstere Schatten über ihr Gesicht fallen und wir ahnen, welche grausamen Erfahrungen von Menschen sie gerade vor Augen hat.
Und ich sitze dort als deutscher evangelischer Pfarrer mit ebenfalls engagierten Gemeindegliedern und wir hören und sehen das und gleichzeitig läuft ein anderer Film ab. Gebäude, Menschen, Diskussionen aus unseren Zusammenhängen. Der Blick verändert sich, das ist die Erfahrung, die ich sich seit Jahren selber hier in Paris mache und auch immer bei anderen Mitfahrer/inn/en beobachte. Eine andere kirchliche Welt öffnet sich. Vier Stunden mit dem Thalys entfernt.
Zum Schluss zeigt Frau von Kirchbach uns ihren Kirchraum und die alte Bibel, sichtbar den Raum dominierend auf dem Altar liegend.

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Wir fahren zurück und gehen zum Abendessen. Spannende Gespräche sind garantiert.

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