Ärgerliches an Ostern. Zu Ostern. Über die Auferstehung.

Ich lese am Ostersonntagmorgen, da, wo nach Goethe eigentlich der Osterspaziergang angesagt wäre, die aktuelle Ausgabe der Zeit mit dem reißerischen Aufmacher »Jesus und Yoga«. Schon dabei frage ich mich, ob ich lachen oder weinen soll. Bin neugierig, schlage die Seiten 64ff. auf und lese die Artikel. Einiges finde ich gut, und dann nehme ich mir den längeren Artikel von Klaus Harpprecht »Wer glaubt schon an die Auferstehung?« vor (Link zum Artikel in der ZEIT). Und ich ärgere mich. Und frage mich, warum. Da ich ausnahmsweise heute mal keinen Gottesdienst zu halten habe, setze ich mich hin und gehe meinen Gedanken nach. Und dem Ärger. Mal schauen, wohin es mich führt.

Der Artikel beschreibt, was ich für mich schon für 1992 beschrieben hatte (Traditionsabbruch und Pfarrerrolle) , das Wissen geht flöten. Ohne Wissen aber, das wusste schon Martin Luther, ist Glauben vielleicht möglich, aber nicht »richtig«. Weil die Interpretation der Glaubenserlebnisse von grundlegender Bedeutung ist, um nicht der Willkür, dem eigenen Wunschdenken, der Verführung durch Ideologen welcher Art auch immer anheim zu fallen. So weit, so schlecht.

Unbestritten ist auch, dass genau dieses Wissen verloren gegangen ist. Das war schon zu Beginn meiner pfarramtlichen Tätigkeit vor zwanzig Jahren Thema und hat sich beschleunigt fortgesetzt. Traditionsabbruch nannte man das damals und inzwischen haben wir das hinter uns. Punkt. Über den Graben sind wir hinweg. Insofern sind wir schon in diesem Neuland. So weit, so schlecht, oder auch gut. Wer will das schon sagen? Hat es nicht auch sein Gutes, wenn Menschen auswendig gelernte Sätze nicht mehr ohne Weiteres für wahr halten? Wenn sie »uns« Pfarrerinnen und Pfarrern, Theologinnen und Theologen kritisch auf die Pelle rücken und uns herausfordern, präzise zu formulieren, in allem Wissen um meine Begrenztheit? Ich bin nicht böse drum, dass ich die Zeit mit meinen Konfirmand/inne/n nicht mehr mit dem Abfragen von auswendig gelernten Texten zubringen muss, es gibt da mehr zu entdecken, finde ich.

Was mich ärgert, ist das wilde Zusammenwerfen unterschiedlichster Konfessionen, Argumente und Behauptungen zu einem Brei, der am Ende nach gar nichts schmeckt. Wer soll hier eigentlich kritisiert werden? »Die« »Kirchen«? Ja, welche denn jetzt?! Und die Pastoren retten sich am Grab… Ach, ich weiß nicht. Rettet sich nicht auch mancher Journalist mit seinen Behauptungen über die Runden? Es ist die Einseitigkeit und bewusste oder unbewusste Unkenntnis der Dinge, die mich reizt.
Schade eigentlich, denn es steckt doch eine Menge drin. Und die beiden Kommentare Pro und Contra eines Patchwork-Christentums oder wie auch immer in der gleichen Ausgabe der Zeit sind nicht nur kürzer, sondern inhaltlich präziser. Denn die Autoren sagen wenigstens, wo sie stehen. Das vermisse ich bei Harpprecht, er bleibt blass und oberflächlich. Bei wem will er eigentlich punkten? Worauf aufmerksam machen? Das Stichwort des Kulturprotestantismus hätte noch viel stärker beleuchtet werden können, statt längst bekannte (Vor-?)Urteile aneinander zu reihen.

Die Hutschnur geht mir endgültig hoch, wenn in bester Spiegel-Manier wieder diese Umfragen zitiert werden, wie viele Menschenkinder in Deutschland an die Auferstehung glauben, »so wie sie in der Bibel steht.« Unglaublich beeindruckend, auf der einen Seite wird Fundamentalismus als Gefahr gesehen, auf der anderen mit ihm gegen die »Kirche« polemisiert. »Die« »Kirche« ignoriert das Problem? Welche und wer genau?

Ich merke, ich werde wütend. Warum eigentlich? Getroffener Hund bellt? Ja, vielleicht auch. Bin ich doch immerhin Pfarrer einer dieser Kirchen, die angeblich die Auferstehung nicht mehr richtig rüber bringen kann. Es ist vielleicht die eigene Zwiespältigkeit, die ich empfinde, wenn ich in meine evangelische Kirche hineinschaue mit ihrer Schönheit und ihren Abgründen.
Aber es ist eigentlich etwas ganz anderes. Es ist die Widersprüchlichkeit im Umgang mit Wissen. Hängt es wirklich am »verlorengegangenen« Wissen? Ich denke nein. Unser Umgang mit Wissen hat sich radikal verändert. Was ich wissen will, finde ich heute innerhalb von Sekunden im Netz. Auch alle möglichen und unmöglichen »Informationen« zum Glauben, zum Christentum, zur Kirche, zur Religion. Und woher weiß ich, wem ich da trauen kann? Nun, diese Frage stellt sich aber doch immer, nicht nur bei religiösen Themen, sondern bei allen Arten von Wissen im Netz. Meine Gegenfrage lautet da:
wie haben »wir« es denn früher gemacht? Wem haben wir da vertraut, den Lehrer/inne/n, Pfarrer/inne/n, Wissenschaftler/inne/n…? Und warum? Es ging vermutlich über eine persönliche Schiene – aber wurde nicht Vertrauen da nicht auch massiv missbraucht? Oder vorsichtiger formuliert, die Gefahr bestand da genauso wie heute? Von daher ist mir das alles zu plakativ.

So, und jetzt?
Ich plädiere für mehr Gelassenheit. Und Kommunikationsbereitschaft. Und Hoffnung. Ich bin da nicht so pessimistisch. Ich rede mit meinen Konfirmand/inne/n anders als vor zwanzig Jahren. Die Diskussionen sind offener. Ich freue mich, wenn Paare und/oder Eltern zu mir kommen, und sich im Blick auf die anstehende Hochzeit und Taufe bereits umfangreich informiert haben und genau wissen, was sie wollen. Ich finde es faszinierend, wie Bilder wirken, auch die alten »Schinken«. Gucke ich die mit Grundschulkindern im Schulgottesdienst, bin ich beeindruckt. Es ist eine viel größere Unbefangenheit da als vor zwanzig Jahren. Hat es nicht auch seinen Reiz, nicht gleich zu wissen, um was für eine biblische Geschichte es sich handelt? Der Überraschungseffekt ist dann viel größer. Viele Christen können mit der zentralen Botschaft der Bibel nichts mehr anfangen? Mag ja sein – aber wer sagt denn eigentlich, dass sie es »früher« konnten? Es ärgert mich, dieses »früher war alles besser«-Schema. Ist es nicht eher so, dass jede Zeit ihre Widersprüchlichkeiten besitzt? Daher hat auch jede, als auch unsere Zeit ihre Chancen, Gespräche sind viel offener als früher, so erlebe ich sie. Vielleicht habe ich mich auch verändert? Wer weiß das schon. Chancen kann man nutzen und vertun, das ist doch immer so.
Und so weiter und so fort, ich könnte jetzt noch vieles schreiben über Gespräche mit Muslimen über die Religion, dich auch mich herausfordern. Über Erfahrungen in den sozialen Netzwerken, wenn Menschen darüber »stolpern«, dass ich Pfarrer bin und so weiter und so weiter. Wissen konstituiert sich heute anders als früher, auch das religiöse Wissen. Und das geht schon. Vielleicht nicht mehr so »dogmatisch« und »verkopft« wie »früher« im Protestantismus üblich. Und sicher verpasse ich auch Chancen, finde mal die falschen Worte, enttäusche Menschen in Begegnungen, Predigten, bei Beerdigungen. Aber wie sagt schon Jesus bei Johannes: »Die Geistkraft weht, so sie will, und du hörst ihre Stimme, aber du weißt nicht, woher sie kommt und wohin sie geht.« (Joh 3,8) Das meine ich nicht als Ausrede, sondern als nötiges Korrektiv vor Überheblichkeit auf der einen und Angst auf der anderen Seite.

Ich halte es da mit Dietrich Bonhoeffer, der in seinen Gefängnisbriefen schrieb: »Von der Auferstehung her leben – das heißt doch Ostern.« (26.03.1944) Und in paar Monate später präzisiert er das: »Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen – sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder oder einen Kirchenmann, einen Gerechten oder einen Ungerechten, einen Kranken oder einen Gesunden – und dies nenne ich Diesseitigkeit, nämlich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Mißerfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten leben, – dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern die Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube, das ist Umkehr, und so wird man ein Mensch, ein Christ.« (21.07.1944) Und schließlich: »Die Kirche muß aus ihrer Stagnation heraus. Wir müssen auch wieder in die freie Luft der geistigen Auseinandersetzung mit der Welt. Wir müssen es auch riskieren, anfechtbare Dinge zu sagen, wenn dadurch nur lebenswichtige Fragen aufgerührt werden.« (03.08.1944). Diese Einstellung hat mich immer inspiriert. Und da habe ich am Ende dann das Gefühl, dass Harpprecht und ich vielleicht doch nicht so weit auseinander liegen… Mein Ärger ist verraucht. Hat sich für mich gelohnt, die Stunde am Schreibtisch.