Frau mit Maske

Klagegebete in der Corona-Passionszeit

Polizistin, 32 Jahre, alleinstehend

Gott,
ich klage dir mein Leid.
Ich bin so gerne Polizistin, der Einsatz für die Gemeinschaft ist mein Antrieb.
Aber meine Kraft geht zu Ende.
Tag für Tag reite ich mit meinen Kollegen am Maschsee, in der Fußgängerzone, in der Eilenriede.
Wir setzen um, was beschlossen ist:
Maskenpflicht, Abstand halten.
Immer wieder pöbelt man mich an, beschimpft mich, spuckt in meine Richtung.
Ich habe große Angst, mich anzustecken, immer noch, in jeder Schicht.
Vor jedem Test schlägt mir der Puls bis zum Hals.
Gott, warum hast du zugelassen, dass dieses Virus sich über die Welt verbreitet?
Wo bist du, gütiger, gnädiger und barmherziger Gott?
Ist das deine gute Schöpfung?
Ich spüre dich nicht mehr.
Da ist nur noch Enge in mir und ich bin müde, so müde.
Ich flehe dich an:
Erbarme dich unser!

Kirchlicher Verwaltungsangestellter im Home-Office, 42 Jahre, verheiratet, keine Kinder

Gott,
meine Augen brennen, mein Kopf ist schwer und ich schlafe schlecht.
Diese endlose Reihe von Videokonferenzen macht mich müde.
Die tagtägliche Flut von Mails zermürbt mich.
Ich sehne mich nach Menschen, nach Kaffeeklatsch und einem Händedruck, und ja, nach dem Gedränge in der U-Bahn.
Zugleich schäme ich mich für meine Schwäche, denn – es geht mir doch gut.
Ich habe keine Angst um meinen Job, bekomme jeden Monat mein Geld.
Gott, ich frage dich:
Wie lange noch?
Meine Geduld ist am Ende, meine Kraft auch.
Höre meine Klage, erbarme dich meiner und aller anderen!

Supermarktverkäuferin, 49 Jahre, verheiratet, zwei Kinder

Gott,
ich habe Angst, schlafe kaum und gehe mit Bauchschmerzen zur Arbeit.
Tag für Tag sitze ich mit meiner Maske hinter der Plexiglasscheibe.
Endlos ziehen sie an mir vorbei, eine nach dem anderen.
Ich bin dankbar für jedes freundliche Wort und jedes Lächeln, denn das ist selten geworden.
Jedes Eurostück macht mir Angst, jede Paybackkarte lässt mein Herz höher schlagen:
Klebt da vielleicht unsichtbar das Virus dran?
Husten und Räuspern und die ärgerlichlauten Rufe in der Schlange schrecken mich immer wieder auf:
Was steht jetzt in der Luft, die ich atmen muss?
Und meine Schicht geht noch stundenlang.
Gott, ich frage dich:
Wie lange noch, wann machst du ein Ende?
Höre meine Klage, erbarme dich, ich bin müde und kann nicht mehr.

Schülerin, 18 Jahre, Gymnasium

Gott,
diese Zeit ist echt hart.
Ich vermisse es so sehr mit meinen Freundinnen in der Sonne zu sitzen und stundenlang über alles und nichts zu quatschen.
Wie gerne würde ich nur einmal wieder so richtig feiern gehen, die ganze Nacht tanzen, lachen und ja, vielleicht auch flirten.
Zugleich bin ich so dankbar für meine Eltern, die sich so viel Mühe geben in unserer engen Wohnung, mit Home-Office und Home-Schooling.
Ich bin überglücklich, dass es Whatsapp und Discord gibt.
Es ist großartig, dass ich mit den anderen in der evangelischen Jugend hier in Kontakt bin und wir schon so viel Tolles auf die Beine gestellt haben.
Das macht Mut und gibt Kraft.
Gott, ich habe einen riesengroßen Wunsch: Ich möchte so gerne in diesem Sommer ein Praktikum machen oder auch zwei oder drei.
Denn ich bin mir so unsicher, welchen Weg ich nach dem Abitur einschlagen soll, da ist nur Leere in mir.
Daher bitte dich sehnlich, dass diese Pandemie endlich vorübergeht.
Es ist mir egal wie, durch Impfung oder Testen oder vielleicht stirbt das Virus einfach auch – nur:
Bitte, bitte mach ein Ende mit dieser Zeit!

Führungskraft in der öffentlichen Verwaltung, Mitglied im Krisenstab, 57 Jahre, unverheiratet

Gott,
jeden Abend weine ich vor Erschöpfung im Bett.
Ich lese morgens in der Zeitung, was wir im Krisenstab wieder alles falsch gemacht haben.
Die Häme und die Schärfe in den Leserbriefen ist jedes Mal ein Schlag in mein Gesicht.
Dann gehe ich zum Schreibtisch und die Sitzungen beginnen.
Stundenlang Zahlen, Entwicklungen, Berichte, Vorschläge, Debatten.
Die Berichte von Hotspots und von den Intensivstationen schnüren mir die Kehle zu.
So viel Leid, so viel Schmerz, so viel Tod und Trauer…
Mein Herz rast, wenn ich vortragen muss, wenn meine Expertise gefragt ist.
Denn ich weiß, wie dünn das Eis meiner Einschätzungen ist.
Wir wissen im Krisenstab:
Wir werden es nicht allen recht machen.
Aber wir wollen das Bestmögliche erreichen.
Doch wo ist der Weg?
Durch ein Land, das keiner kennt?
Wo finde ich die Kraft, durchzuhalten?
Doch all das sage und frage ich nicht.
Im Krisenstab nicht, in meiner Abteilung nicht und sonst sehe ich niemand anderen mehr.
Nur dir schreie ich meine Klage und meine Verzweiflung entgegen:
Wo bist du?
Erbarme dich, mach ein Ende, zeig den Weg!

Männlicher Azubi, 20 Jahre, drittes Lehrjahr

Gott,
ich weiß nicht, ob es dich gibt.
Und ich habe auch noch nie gebetet.
Aber meine Oma sagt immer:
Not lehrt beten.
Also, wenn du das hörst, dann bitte ich dich:
Mach ein Ende mit dieser Zeit.
Denn ich habe Angst.
Angst vor meiner Gesellenprüfung.
Ich habe Angst durchzufallen.
Wir hatten so wenig Unterricht in der Schule und nun sitze ich vor meinen Büchern, aber es geht nichts in meinen Kopf.
Ich verstehe vieles nicht und kann nicht nachfragen.
Praktische Prüfung, kein Problem.
Aber der Rest…!
Und ich höre, sie wollen die Prüfungen durchziehen wie immer, uns nicht mehr Zeit für die Klausuren geben oder die Aufgaben leichter machen.
Aber es war doch nicht unsere Schuld, dass so viel Unterricht ausgefallen ist, warum werden wir bestraft?!
Ich habe Angst, durchzufallen und zu versagen.
Wenn du das hörst, Gott:
Mach ein Ende mit dieser Zeit.
Oder mach meinen Kopf frei.
Oder bewege die Prüfer:innen, uns in diesem Jahr doch noch entgegenzukommen.
Ich möchte nicht durchfallen.
Hilf mir, bitte!

Servicemitarbeiterin in der Gastronomie, Kurzarbeit, 42 Jahre, verheiratet, zwei Kinder

Gott,
ich weiß nicht mehr weiter.
Seit dem Herbst bin ich wieder in Kurzarbeit und mein Mann auch.
Ich habe seit November keinen Tag mehr gearbeitet, für den Außer-Haus-Verkauf braucht meine Chefin niemand, der bedient.
Anfangs ging es ja noch.
Kein Stress mit dem Schichtdienst, bei mir nicht, und bei meinem Mann auch nicht.
Wir hatten Zeit für die Kinder und für uns.
Aber jetzt wird die Zeit lang und das Geld knapp.
Wir müssen jeden Cent umdrehen, um den Kredit für unser Eigenheim abzahlen zu können, unsere Rücklagen sind im April aufgebraucht.
Die Angst vor der Zukunft in mir wird immer größer.
Ich bitte dich:
Mach ein Ende dieser Zeit, die so viel Leid bringt, seelisch, körperlich, finanziell…
Erbarme dich unser!

Technischer Zeichner, 65 Jahre, alleinstehend, geht Ende März in Rente

Gott,
mein letztes Berufsjahr hatte ich mir anders vorgestellt.
Heute ist es genau ein Jahr her, dass mein Chef uns alle ins Home-Office schickte.
Mit Sack und Pack und allem technischen Kram, den wir so brauchen.
Seitdem war ich keinen Tag mehr im Büro.
Nur hier und da haben sich einige von uns getroffen.
Im letzten Sommer, wo die Luft warm und ohne Corona-Viren war.
Und klar, wir machen Video-Konferenzen, aber das ist was ganz Anderes.
Kein Klatsch und Tratsch, keine Kaffee- oder Zigarettenpause, kein gemeinsames Mittagessen in der Kantine.
Stattdessen sehe ich tagein, tagaus meine vier Wände.
Arbeit ist genug da, die Baubranche boomt auch in der Pandemie.
Und jetzt ist in wenigen Tagen Schluss.
Einmal muss ich noch mal ins Büro, nächsten Mittwoch, am 31. März, und alles abgeben.
Ich habe Angst vor diesem Tag.
Keine Feier, keine launischen und doch so wohltuenden Reden.
Und ich kann mich nicht mit Sekt und Schnittchen bei meinen Kolleg:innen für so viele tolle Jahre bedanken und verabschieden, das liegt mir auf der Seele.
Ich bitte dich:
Mach ein Ende mit dieser Zeit.
Sie macht müde und laugt aus, zerstört alltägliche Beziehungen.
Sei bei mir am nächsten Mittowch und in der Zeit danach, vor der ich mich erst recht fürchte.
Erbarme dich meiner!
Erbarme dich über uns alle!

*

Die Gebete sind entstanden in einer gemeinschaftlichen Aktion des Teams der arbeitsweltbezogenen Dienste im Haus kirchlicher Dienste für die Aktion Osterfunken der ev.-luth. Landeskirche Hannovers in der Passionszeit 2021. Ich stelle sie hier in einer leicht überarbeiteten Fassung ein.

Ich freue mich über Kommentare: Kritik, Anmerkungen, Zustimmung...

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