Leute machen Kleider – eine Rezension und mehr zum Buch von Imke Müller-Hellmann

Mein Bruder schenkte mir zu Weihnachten das Buch »Leute machen Kleider« und ich habe es in wenigen Tagen gelesen. Imke Müller-Hellmann versuchte Menschen in aller Welt zu treffen, die ihre Jacke, T-Shirt, Schuhe usw. tatsächlich hergestellt haben. Dazu reiste sie zum Bodensee und in den Westerwald, nach Portugal, China, Bangladesch und Vietnam. Mit langem Vorlauf und erheblichen Schwierigkeiten und nicht immer mit Erfolg. Sie beschreibt unaufgeregt ihre Begegnungen, gibt dabei tiefe Einblicke in die jeweiligen Lebenssituationen und Kulturen. Ich bewundere ihren Mut, sich ohne Sprachkenntnisse mit Bussen, Taxis, Fahrrad und zu Fuß in fremden Umgebungen zu bewegen.

Zwei Fragen stellt sie allen, die bereit sind, mit ihr zu reden: Wie sieht dein Tagesablauf aus? Und: Welche Träume und Ziele hast du? Es ergibt sich einzigartiger Einblick in die Welt der Textilproduktion, jenseits von Unternehmensselbstdarstellungen oder Berichten in Presse und anderen Medien. Imke Müller-Hellmann hat viel gelernt über »ihre« Kleidungsstücke und ich über meine. Es würde mir durchaus Spaß machen, mich ähnlich auf den Weg zu machen, und die Wege der Kleidungsstücke zu verfolgen, die ich Tag für Tag am Leib trage. Mich in Stoff zu hüllen ist eine intime und höchstpersönliche Angelegenheit, über die ich bislang so noch nie nachgedacht habe. Die Idee, konkrete Menschen in den Blick zu nehmen und sie erzählen zu lassen, liegt mir nahe, mein kleiner Podcast »Auf einen Kaffee« verfolgt eine ähnliche Strategie und bei Betriebsbesuchen sind es die Begegnungen am Rand, die mir tiefe Einblicke verschaffen und im Gedächtnis bleiben, meist mehr als die Powerpointpräsentationen der Unternehmensleitungen.

Imke Müller-Hellmanns Reise insbesondere durch die asiatischen Produktionsstätten hat während der Lektüre in mir die Frage wach werden lassen, ob ich einen Aspekt meines im letzten Jahr erschienenen Buchs »Unverbundenes verbinden – Dialog und Spiritualität in der sozial-ökonomischen Transformation« noch schärfer fassen muss.

Ich verfolge dort die These, dass die Organisation unseres Arbeits- und Wirtschaftssystem sinnvollerweise eher durch das Leitbild eines lebendigen Organismus zu beschreiben wäre als durch die Vorstellung einer perfekt aufeinander abgestimmten Maschine, in der Zahnräder ineinander greifen, um einen möglichst großen/guten Output zu erzielen. Im Hintergrund dieses Leitbilds stehen die Einsichten von Frédéric Laloux (Reinventing Organizations) und der Permakultur.

Nun stellt sich mir die Frage angesichts der schier unglaublichen Textilproduktionsmaschinerie und der Tiefenbohrungen von Imke Müller-Hellmann, dass der lebendige Organismus allein noch nicht »gut« ist, sondern sowohl gesund oder krank sein kann. Auch kranke Organismen sind lebendig, mit entsprechenden Folgen. Das System der Textilproduktion ist sowohl unter sozialen Gesichtspunkten als auch unter der Perspektive der Nachhaltigkeit weithin als krank zu bezeichnen, weil es in vielfacher Hinsicht »gutes Leben« nicht oder nur begrenzt ermöglicht. Verwirrt, erschreckt und berührt lese ich zugleich bei Imke Müller-Hellmann von dem Stolz vieler Textilarbeiterinnen, ihrer Zufriedenheit mit ihrer Arbeit bis hin zu Aussagen, dass sie sich als glücklich bezeichnen…

Von daher ist die Einsicht, dass lebendige Organismen krank oder gesund sein können, für mich ein Doppelpunkt: Ich werde der Frage weiter nachgehen, wie in wirtschaftlichen Zusammenhängen die Begriffe »gesund« und »krank« mit Leben gefüllt werden können, welche Werte anzulegen sind und wie von dort Kriterien abgeleitet werden können. Klar ist auf jeden Fall, dass es hier keine »einfachen« Antworten gibt – lebendige Organismen, ob nun krank oder gesund, sind hochkomplexe Systeme und es bleibt die Frage, wie hier sinnvoll eingewirkt werden kann. Im Leitbild der Maschine ist das einfach, aber dieses Bild führt uns leider nicht mehr weiter in die Zukunft, weil es zu leicht die Komplexität, die Verwoben- und Verbundenheit lebendiger Systeme übersieht.

Link zum Buch auf der Verlagsseite

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