Was für ein Vertrauen! – Anmerkungen zum Kirchentag in Dortmund

Als ich diesen Tweet von Carola und auch Friederikes Antwort gelesen habe, dachte ich, ja, das stimmt, aber das ist nicht der ganze Kirchentag. Ich habe dann im Verlauf getwittert: „…er hat trotzdem Strahlkraft in die Gesellschaft.“ Dazu ein paar Gedanken.

Der Kirchentag ist sicher (auch) ein Treffen der Hochverbundenen, die vielfach auch eher konservativ eingestellt sind. Das ist auf dem Markt der Möglichkeit zu spüren und auch in manchen Diskussionen. Man kann das noch zuspitzen: Arnd Henze hat in seinem Buch: „Kann Kirche Demokratie?“ darauf verwiesen, dass es eine erhebliche Anzahl von Menschen gibt, die an Kirchenvorstandswahlen teilnehmen (und das sind zumeist wenige) und zugleich AfD wählen. Das finde ich erschreckend. Es gibt unter uns viele Menschen die von Kirchen vor allem eins erwarten: Sicherheit in unruhigen Zeiten. Aber es gibt unter dem Dach des Kirchentags auch die vielen anderen Gruppen, Kirche ist und bleibt bunt. Das ist ermutigend. Und ich hoffe, dass gerade der Kirchentag hier auch ein Raum ist, in dem sich die unterschiedlichen Gruppen und Einstellungen begegnen, oder zumindest: dass sie sich unter einem Dach trotz aller Meinungsverschiedenheiten zusammen gehörig fühlen.

Aber ich habe auf diesem Kirchentag noch zwei ganz andere Beobachtungen gemacht, die mich auch zu meinem Tweet animiert haben.

Ich war diesmal auf fast allen Empfängen der Parteien, genauer auf den Empfängen der Christ/-innen bei CDU, Grünen und SPD (von den Linken habe ich leider keine Einladung erhalten, habe aber am Stand meine Visitenkarte für 2020 hinterlassen). Bei diesen Empfängen wurde mir deutlich: Es gibt eine enge Verbindung des Protestantismus in Deutschland mit dem demokratischen System und den Politiker/-innen, die sich in den Parteien engagieren. Das ist oft nicht so sichtbar, aber hier, in Dortmund war es für mich mit Händen greifbar. Kirchentagspräsident Leyendecker sprach auf allen drei Empfängen, jede Menge Landesbischöf/-innen und Präsides und andere gaben sich die Klinke in die Hand und die christlichen Politiker/-innen zogen völlig unabhängig vom Parteibuch mit von einem Empfang zum anderen. Das ist ein starkes Zeichen für mich, dass die evangelische Kirche sich tief in die DNA der BRD eingeschrieben hat. Traugott Jähnichen, mein Doktorvater, hat vor Jahren einen Aufsatz über die Zeitgeistanfälligkeit des deutschen Protestantismus geschrieben. Er hat Recht – aber darin liegt auch eine Chance. Der Protestantismus ist bereit, sich immer wieder auf die Zeitgeister einzulassen, hoffentlich kritisch, aber zugewandt. Solange wir nicht vergessen, dass wir von einem ganz anderen Geist geprägt, getrieben, geliebt sind, können wir uns auch auf „die Welt“ einlassen.

Und noch ein drittes. Ich sprach mit einer Frau, die in der Veranstaltung mit dem Bürgermeister von Palermo zur Lage auf und am Mittelmeer gewesen ist. Sie fand es störend, dass alle zwei Sätze applaudiert wurde und man nicht richtig zuhören konnte. Spontan sagte ich zu ihr: „Ich glaube, bei solchen Veranstaltungen geht es weniger um die Inhalte. Die Leute, die dort hingehen, wissen dass doch alles schon. Aber es geht darum, ein öffentlich sichtbares Zeichen zu setzen. Da werden Bilder produziert, die wirken sollen in der Öffentlichkeit.“ Sie dachte kurz nach und stimmte mir zu. Das ist auch eine Möglichkeit für uns Protestant/-innen, auf dem Kirchentag solche Symbole zu setzen (in biblischer Zeit hätte man von Zeichenhandlungen gesprochen). Dazu zählt auch für mich Hanna Jacobs mit dem frech-fröhlichen Vulva-Bild.

Und auch Sandra Bils mit ihrem Bild der Gemeinde als „Gottes Gurkentruppe“ ist hier zu nennen. Aber noch mehr: Sandra hat es geschafft, als Predigerin insgesamt ein „Bild“ zu erzeugen, das im Gedächtnis, oder besser: im Herz bleibt. Das zeigen mir die vielen, vielen begeisterten Rückmeldungen auf Twitter und Co.

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