Kleider machen Leute (kaputt)

Predigt über Genesis 3,17-22 am 22. Juli 2018 im Eilenriedestift in Hannover

Das erste Kleid
Behutsam zieht er sie an.
Vor wenigen Minuten hat er die Nabelschnur durchtrennt.
Das Mädchen in ein Tuch gehüllt.
Der Mutter in den Arm gelegt.
Glücksüberströmt.
Dann hat er sie gewaschen.
Und abgetrocknet.
Mit Hilfe der Pflegerin.
Nun zieht er ihr den Strampler an.
Das erste Kleid in ihrem Leben.

Gekleidet werden
Der Predigttext erzählt, wie Adam und Eva gekleidet werden.
Von Gott selbst.
Gerade noch haben die beiden von den Folgen des Sündenfalls gehört.
Die Frau muss ihre Kinder mit Schmerzen gebären.
Der Mann dem Acker die Nahrung abringen.
Beide im Schweiße ihres Angesichts.
Hart klingen die Worte in ihren Ohren nach.
Nackt und bloß stehen sie da.
Und dann diese Geste.
Gott macht Kleider und zieht sie ihnen an.
Behutsam und zärtlich.
Die ersten Kleider werden zu einem Versprechen:
Mann und Frau stehen nicht allein da.
Wenn sie sich künftig durchs Leben schlagen.

Das letzte Kleid
Mein Vater ist im Winter verstorben.
Wir saßen um sein Bett und hörten die Frage:
Was sollen wir ihm anziehen?
Das letzte Kleid.
Eine schwierige Entscheidung.
Wir wussten schon, was er gewählt hätte:
Ein bequemes buntes T-Shirt.
Und eine möglichst weite Stoffhose.
So wie er sich gerne gekleidet hat.
So wie er sich wohl gefühlt hat in seiner Kleidung.
Doch irgendwie ging das nicht.
Wir haben dann doch den Anzug gewählt.
Feierlich sah das aus.
Irgendwie angemessen.
Aber ein kleiner Zweifel blieb:
War das in seinem Sinn?

Sich kleiden
Meiner Frau ist vor ein paar Tagen ein Missgeschick passiert.
Eins ihrer Lieblingsshirts hatte ein Loch.
Unreparabel.
Sie war traurig.
Ich habe es so gerne angezogen.
In diesem Satz steckt so viel drin:
Ich habe mich gerne damit gekleidet.
Es ist eben nicht egal, was ich anhabe.
Farbe und Stoff.
Enge und Weite.
Schnitt – ich will mich wohl darin fühlen.
Ich will gut darin aussehen.
Ach ja, und im Winter soll es schön warm sein.

Kleider machen Leute
Kleider machen Leute.
Sie kennen diesen Spruch.
Er ist so wahr.
Viel lesen wir an der Kleidung anderer Leute ab.
Ob sie wohlhabend sind oder nicht.
Ob sie zur Arbeit gehen oder Freizeit haben.
Vielleicht sogar den Charakter eines Menschen.
Ist es da ein Zufall, dass Gott Kleider als Zeichen der Zuwendung wählt?

Leute machen Kleider
Das ist auch wahr:
Leute machen Kleider.
Früher haben viele Mädchen und manche Jungs Nähen und Schneidern gelernt.
In der Schule oder zuhause.
Heute ist dieses Können weitgehend verschwunden aus unseren Wohnungen.
Hier und da gibt es noch die Socken strickende Oma.
Kleider kaufen wir im Geschäft.
Und Kleider sind ein Geschäft.
Mit dem viel Geld verdient wird.
Und, wir haben es gehört:
Die Bedingungen sind oft sehr mies.
Harte Arbeit.
Schlecht bezahlte Arbeit.
Das erinnert wieder an die Stelle aus der Bibel:
Adam wurde die beschwerliche Arbeit angekündigt.
Doch heute sind es zumeist Frauen, die Kleider machen.
Zum Gebären kommt auch noch die harte Näharbeit hinzu.
Wir bekommen selten etwas davon mit.
Im Geschäft sieht alles schön aus.

Vom Wert der Kleidung
Kleidung hat einen Wert.
Wir lieben bestimmte Kleidungsstücke.
Und schätzen andere.
Weil sie uns warm halten.
Oder den Regen fernhalten.
Manche Menschen wissen auch noch den buchstäblichen Wert zu schätzen.
Pflegen und hegen Kleidung.
Geben sie zum Schneider oder reparieren noch selbst.
Doch zugleich tobt eine gigantische Schlacht um die Kleidung.
Rund um den Erdball.
Unmengen von Hemden, Hosen, Röcken, Schuhen werden produziert.
Tag für Tag.
Nur ein kleinerer Teil ist hochwertig.
Bei Primark zählt:
Gekauft, angezogen, weggeworfen.
Jeden Tag ein neues Shirt, eine neue Hose.
Der Wert der Kleidung liegt hier im täglich neuen Outfit.
Auch so machen Kleider Leute.
Jeden Tag anders.
Aber nur scheinbar ganz individuell.
Denn je billiger desto mehr in Masse produziert.
Letztlich ohne besonderen Wert.
Morgen landet es bereits in der Mülltonne.

Zurück zum Anfang
Die Bibel erzählt eine Geschichte zum Wert der Kleidung.
Sie verbindet Arbeit und Zuwendung.
Im Leben und in der Welt geht es oft nicht leicht zu.
Vieles im Leben ist beschwerlich.
Doch ist Gott fürsorglich.
Und legt Segen auf die Arbeit.
Denn wir brauchen die Früchte unserer Arbeit zum Leben.
Und seinen Segen dazu.
Gott kleidet die noch Schutzlosen und schickt sie los.
Wir Menschen brauchen Kleider.
Und wir brauchen Menschen, die Kleider machen.
Und diese Kleider sollen Menschen nicht kaputt machen.
Kleider haben einen Wert.
Für uns.
Und für diejenigen, die für uns Kleider machen.

Wir kommen ins Spiel
Wir können diese Geschichte aus der Bibel weitererzählen.
Wie Gott Menschen Kleider macht.
Zärtlich und zuwendend.
In einer Welt, in der es beschwerlich zugeht.
Wir können einander erzählen vom Wert unserer Kleider.
Fragen Sie doch mal Ihre Kinder und Enkel:
Was bedeutet euch Kleidung?
Und erzählen Sie von sich und Ihrem Lieblingskleid.
Oder sprechen Sie mutig das letzte Kleid an.
In dem Sie einmal beerdigt werden wollen.
Und warum.
Erzählen Sie vom Wert Ihrer Kleider.
Vielleicht auch von „früher“.
Vom Schneidern und Flicken.
Nicht belehrend nach dem Motto:
Früher war alles besser.
Sondern nachdenklich.
Und bereit, zuzuhören.
Was Kleidung Ihren Kindern und Enkeln bedeutet.
Vielleicht kommt das Gespräch auch auf den Wert von Kleidern.
Auf den Preis.
Den wir für Kleider und Anzüge, Hemden und Hosen, Mäntel und Jacken zahlen.
Und den manch eine in fernen Ländern dafür zahlt, Kleider für uns machen zu dürfen.

Zum Schluss
Kleider machen Leute.
Leute machen Kleider.
Gott macht Leuten Kleider.
Kleider machen Leute kaputt.
Leute können Kleider wertvoll machen.
Dann machen Kleider kleidermachende Leute gesund und froh.
Amen.

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