Wo sollen all die Menschen herkommen?

Gedanken über Wohlstandsverlust und Fachkräftemangel

Alle beklagen mittlerweile den Fachkräftemangel.
Alle reden von einer riesengroßen Herausforderung.
Alle hoffen irgendwie, Frauen und Männer für all die offenen Stellen zu finden.
Doch wo sollen all die Menschen dafür her kommen?

8.000 für die Pflege sind versprochen, 80.000 werden gebraucht.
Die Bahn will 19.000 Stellen schaffen.
Lehrerinnen und Lehrer, Richterinnen und Richter, Pfarrerinnen und Pfarrer –
scharenweise werden sie/wir in den nächsten zehn Jahren in Ruhestand treten.

Alle reden von mehr Marketing.
Alle wollen sich als Arbeitgeber attraktiver machen.
Alle fordern mehr Investitionen in Bildung.

Das erste ist sinnlos.
Das zweite kann nicht schaden.
Das dritte ist zwar richtig, wird aber das Problem nicht lösen:
Es gibt einfach zu wenig Menschen, die wir ausbilden könnten.

Ja, es ist absolut richtig, möglichst niemand zurück zu lassen.
(Das galt auch früher schon.
Da hieß es dann aber:
Fördern und vor allem fordern hilft, ihr Faulpelze!)
Und doch muss ehrlich zugegeben werden:
Das allein wird nicht reichen.

Das ist eine unangenehme Botschaft.
Wir müssen uns trauen, sie auszusprechen und auszuhalten.
Das ist verdammt schwer.
Eine Wahrheit aussprechen, ohne direkt in Handlungsoptionen flüchten zu können.
Im politischen Geschäft verpönt, verboten.
Wer es tut, wird (medial) abgestraft.

„Was tun, was tun?“
Vielleicht die häufigste Frage, die vor Mikrofonen gestellt wird.
Verständlich, Handlungsfähigkeit ist ein grundlegendes Bedürfnis von uns Menschen.
Nicht handeln zu können dagegen eine der größten Ängste und Bedrängnisse.
Diese Angst führt schnell dazu, dass falsch, vorschnell und unüberlegt gehandelt wird – oder gar nicht.

Für mich ist die Einsicht unabwendbar:
Es gibt zu wenig Menschen für all die schon heute und künftig offenen Stellen.
Was folgt daraus?

Ich sehe zwei Wege vor mir.
Beide sind höchst schwierig zu gehen.
Beide haben erhebliche emotionale Risiken und Nebenwirkungen.

Der eine sieht so aus:
Wir machen weiter wie bisher.
Wir strengen uns an, vielleicht noch ein wenig mehr.
Wer Glück hat, kann seine offenen Stellen besetzen.
Wer Pech hat, hat halt Pech.
Und wir alle mit ihm.

Denn auf diesem Wege kündigt sich schleichend Wohlstandverlust an.
Im Bereich von Pflege und Kinderbetreuung ist das bereits zu sehen.
Dazu brauche ich auf Twitter nur mal #twitternwieruedell eingeben.
Und es geht weiter und weiter.
Weniger Polizistinnen und Polizisten.
Weniger Staatsanwältinnen und Staatsanwälte.
Weniger Bauingenieurinnen und Bauingenieure.
Weniger …
Ach, setzen Sie doch ein, was Ihnen einfällt.
Und rechnen Sie das mal hoch.
Im Ergebnis ist das ein Alptraum.
Und Roboter, KI und intelligente Software lösen das Problem auch nicht (allein).

Der andere Weg sieht so aus:
Wir organisieren so etwas wie Zuwanderung.
Ich sag mal ganz vorsichtig: „so etwas“.
Der Begriff ist vermint.
Aber dennoch bin ich mir sicher:
Allein der Klimawandel wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten immer mehr Menschen auf den Weg zwingen.
Nicht alle können nach Deutschland, klar.
Aber es gibt genug Menschen, um unsere Lücken zu schließen.
Und die hier bei uns eine neue Lebensgrundlage finden.
Und anderswo.
An der Zerstörung ihrer heutigen Lebenswelt sind wir als sogenannte westliche Industrienationen auch nicht unschuldig.

Das wäre ein Weg, ja, eine Win-win-Situation.
Wenn wir es intelligent anstellen.
Und da liegt das Problem.

Denn die Angst vor Wohlstandsverlust lässt gerade wieder einmal die Suche nach Sündenböcken wach werden.
Fremde waren dafür immer schon gut geeignet.
Und dann wird das nationalistische Lied gesungen.
Die Grenzen dicht gemacht.
Und eines schönen Tages schlagen wir uns wieder einmal gegenseitig die Köpfe ein.
Also, ich meine in Mitteleuropa.
Sonst passiert das ja Tag für Tag auf der Welt.
Der Druck in uns drängt irgendwann danach, sich zu entlasten –
und sei es durch Zerstörung und Vernichtung.
Nur:
Den drohenden Wohlstandverlust halten wir so nicht auf.
Im Gegenteil.

Die Nationalistinnen und Nationalisten haben allerdings in einem Punkt Recht:
Zuwanderung bedeutet Veränderung unserer Kultur.
Wir können doch nicht Leute einladen und sagen:
Kommt zu uns, arbeitet bei uns, lebt bei und mit uns –
und dann erwarten, dass sie auch gleich noch ihre Identität an der Türklinke (sprich der bayrisch-östereichischen Grenze) abgeben.
Einfach so, wie ich ein Hemd oder eine Bluse wechsle.
Wer von uns wäre denn umgekehrt dazu bereit?
Und es geht auch gar nicht.
Das wäre doch Gehirnwäsche.
Anpassung und Vermischung kommen mit der Zeit von allein.
Aber:
Erstens auf beiden Seiten.
Zweitens kann man das schlecht verordnen.
Ein Heimatministerium wird da auch nichts dran ändern.

Die Frage lautet also:
Wollen wir das?
Unseren Wohlstand halten und den Preis dafür zahlen?
Oder wollen wir keine Zuwanderung und den Preis dafür zahlen?

Was also tun?
Eins jedenfalls nicht:
Einfach so weiter.
Mit mehr oder weniger hektischen Beschäftigungstherapien in Parlamenten und Talkshows.

Vielleicht gilt es erst einmal die Tatsache auszusprechen und auszuhalten:
Wir haben künftig zu wenig Menschen, um unseren heutigen Wohlstand zu halten.

Aussprechen.

Wir haben künftig zu wenig Menschen, um unseren heutigen Wohlstand zu halten.

Schweigen.

Aushalten.

Wir haben künftig zu wenig Menschen, um unseren heutigen Wohlstand zu halten.

Schweigen.

Aushalten.

Wir haben künftig zu wenig Menschen, um unseren heutigen Wohlstand zu halten.

Schweigen.

Und dann weiter sehen.


Liebe Leserinnen und Leser,
diese Frage treibt mich grade sehr um.
Vielleicht bin ich ja auch auf dem Holzweg?
Über kritische Rückmeldungen freue ich mich sehr!
Viele Grüße

Matthias Jung

3 Comments

  1. Klaus Fürst

    Guten Tag, Herr Jung,
    ich folge Ihrem Blog seit kurzem und lese Ihre Beiträge mit großem Interesse.
    In Ihrem heutigen Beitrag ist ein wichtiger Aspekt nicht berücksichtigt. Durch die Digitalisierung oder „Industrie 4.0“ werden in den nächsten Jahren Millionen Arbeitsplätze wegfallen und verhältnismäßig wenig neue entstehen. Die entscheidende Frage ist, ob es gelingt, die Menschen, die dann frei werden, für die gesellschaftlich benötigten Jobs in Pflege, Bildung, Justiz usw. zu begeistern. Ich denke, das wird die größte Herausforderung.

    Gefällt 1 Person

    1. matthias jung

      Guten Morgen,
      ich habe das schon erwähnt und gesagt, Roboter, KI und Software werden das Problem allein nicht lösen. Ich bin auch skeptisch, ob wirklich Millionen Arbeitsplätze wegfallen werden. Wir haben mit dem KDA-Bundesausschuss „Arbeit und Technik“ in den letzten drei Jahren viele Gespräche geführt und Betriebe besucht, die Zahl von Arbeitsplatzverlusten durch Digitalisierung wird fast überall zurückhaltend eingeschätzt. Ja, es werden Stellen wegfallen, aber nicht in dem Maße, dass die Lücken geschlossen werden können.
      Aber Sie haben natürlich recht, es ist ein Teil der Herausforderung vor der wir stehen, Menschen für andere Arbeit zu begeistern. Doch wer und wie?

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      1. Klaus Fürst

        Wer und wie? – das ist die große Frage. Zum Glück sind wir keine Politiker, denn, wie Sie so treffend bemerkt haben: „Eine Wahrheit aussprechen, ohne direkt in Handlungsoptionen flüchten zu können. Im politischen Geschäft verpönt, verboten.“ Wir haben den Vorteil, das Problem benennen zu dürfen und zuerst die Fragen zu stellen, bevor wir Antworten finden.

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