Meine Ahnen

Heute Nachmittag blättere ich die digitalen Bilderalben durch, die mein Vater mir/uns hinterlassen hat.

Dabei stoße ich auf dieses wunderbare Foto aus dem Jahr 1959.

Mein Vater hat es gemacht, daher ist er logischerweise nicht auf dem Bild.

*

Ganz links außen steht Franz Schnabel, der Vater meiner Mutter.

Der Ahne, dem ich mich am stärksten verbunden fühle.

So eine Art Lebemann, frech, selbstbewusst und leicht provozierend steht er da.

Ich erinnere mich an die Tüten mit Gummibärchen, die er mir und meinem Bruder immer mitbrachte.

Witzig war er, spielte Schach mit mir und verlor immer, was ihn eher erheiterte.

Er rauchte Astorzigaretten und lutschte Rheilapillen.

Manchmal gab er mir eine ab, den Geschmack habe ich bis heute im Mund.

Buchhalter war er in der Firma meiner Großvaters.

Ich glaube, die Liebe für  Exceltabellen habe ich von ihm, obwohl er niemals eine gesehen hat.

*

Neben ihm steht der Vater meines Vaters, Hermann Jung.

An ihn habe ich wenig Erinnerung, er starb, als ich sechs oder sieben war.

Er hatte einen steifen kleinen Finger, das war für mich seinerzeit eine Sensation.

Ich habe ihn als ruhigen und klaren Mann in Erinnerung.

Aus Erzählungen weiß ich, dass er in der Nazizeit Stärke zeigte, dabei zugleich so geschickt vorging, dass er nicht im KZ landete.

*

Ganz links  außen steht die Mutter meines Vaters, Ernestine Jung.

Ich habe sie nie bewusst kennengelernt, sie starb, als ich gerade auf der Welt war.

Sie war sehr nierenkrank, mein Vater war das einzige Kind von etlichen Schwangerschaften, das überlebte.

Ich habe keine Ahnung, aber ich denke, sie war überglücklich, mich als ihren ersten Enkel kurz vor dem Tod noch in ihren Armen halten zu können.

*

Die Mutter meiner Mutter, Berta Schnabel, steht neben ihr.

Ein wenig distanziert schaut sie drein.

Sie hatte es nicht leicht im Leben.

Musste mit meiner Mutter flüchten aus dem Bombenhagel in Frankfurt.

Wartete Jahre auf ihren Mann, der in Frankreich in Gefangenschaft war.

Und dem es dort besser ging als meiner Oma und meiner Mutter in Hermannstein.

Später fanden sie einerseits ihr kleines Glück in einem Haus.

Aber sie kam mit ihren Depressionen nicht zurecht.

Sie kosteten ihr das Leben.

Bis heute sehe ich meinen Großvater, ihren Mann, vor Augen.

An dem Morgen, nachdem sie sich erhängt hatte.

Schweigsam mit einer Zigarette im Wohnzimmer meiner Eltern sitzend.

*

Ja, und dann meine Mutter Erika in der Mitte.

Großartig, oder?

Sie steht da und beherrscht das Foto.

Und die Familie.

Ihre Kommunikationsfähigkeit war beeindruckend.

Und ich erinnere mich an so manches Gespräch am Küchentisch.

Wenn ich aus der Schule zurück war.

Mein Vater im Büro und mein Bruder irgendwo.

Und dann redeten wir.

Manchmal denke ich, das habe ich von ihr gelernt.

Wenn ich heute mich so auf einen Kaffee mit irgendwelchen Menschen treffe und wir dann ins Gespräch kommen.

Eine meiner liebsten Tätigkeiten, einfach so quatschen.

Keineswegs belanglosen Kram, aber ungeplant, zufällig und intensiv.

Die Szene am Küchentisch, für mich eine Urerfahrung von Kommunikation.

*

Und dann mein Vater.

Er steht hinter der Kamera.

Die Leidenschaft für Fotografie habe ich von ihm geerbt.

Was ging ihm durch den Kopf, als er auf den Auslöser drückte?

Ich vermute:

Großes Glück und Dankbarkeit.

Und beides erfüllt auch mich, wenn ich auf dieses Foto schaue.

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