Gedanken zu Antje Schrupp: „Gott ist ein Mensch!“

Antje Schrupp postete gestern vier Worte: Gott ist ein Mensch! Und meinte, damit sei zu Weihnachten alles gesagt. Spontan habe ich es rebloggt, weil ich spürte, das stimmt. Allerdings habe ich dann den halben Heiligen Abend und heute Morgen darüber nachgedacht, warum das in meinen Ohren so provozierend klingt.

Gott wird ein Mensch, kommt in einem Kind uns nahe – so singen wir es Jahr für Jahr an Weihnachten. Damit „ist“ er Mensch geworden und alles gesagt. Und doch grummelt es. Irgendein Stachel sitzt im Fleisch.

Ich fragte meine Frau Christine. Sie meinte, dass der Satz Gott ist ein Mensch weniger „herrschaftlich“ klingt als: Gott wird ein Mensch. Und das stimmt. Gott wird ein Mensch, kommt uns nahe, da ist ganz klar Gott der Aktive, und „der Mensch“ der Passive. Es ist keine Beziehung auf Augenhöhe, sondern da ist ein Gefälle drin. Der „große“ Gott, das „kleine“ Kind. Und vielleicht schwingt da die Sehnsucht mit, weniger Verantwortung tragen zu müssen, ich kann mich einfach fallen lassen, Gott ist ja da, ich darf wieder Kind sein. Das ist ja auch nicht falsch – so lange ich nach Weihnachten das Aufstehen nicht vergesse.

Ich selber hatte den Gedanken, dass sich emotional in dem Satz: „Gott wird Mensch“ hier der uralte Gedanken der Gnosis breit macht, den schon die frühe Christenheit bekämpfte: Der göttliche Lichtfunken kommt zu Besuch auf die Erde, erfüllt seinen Auftrag und kehrt hinterher in die göttliche Welt zurück. Zu einer echten Verbindung zwischen Gott und Mensch kommt es nicht. Keine Frage, es gibt in den Evangelien Stellen, die so verstanden/interpretiert werden können. Und jahrhundertelang tobte in der jungen Christenheit der Streit darum, wie die Menschwerdung Gottes zu verstehen ist. „Entschieden“ und beendet wurde der Streit im Konzil von Chalcedon 451 mit der – eher poetischen – Aussage: Wahrer Mensch und wahrer Gott, unvermischt, unverändert, ungeteilt und ungetrennt.

Wenn aber theologisch seither alles klar ist, dann muss das Grummeln eher mit der Tradition, unserer „Volksfrömmigkeit“ zusammenhängen. Da haben sich über die Jahrhunderte bestimmte Formen entwickelt, wie wir das Weihnachtswunder feiern und somit interpretieren. Aus der offenen Vielfalt der „salomonischen“ Worte von Chalcedon wurden bestimmte Aspekte gewählt und betont.

Das ist menschlich und verständlich, denn die Poesie wie die Theologie sind nicht jedermanns/-fraus Sache. Wir wünschen uns die Sache handfester und Krippe, Stall und Winterromantik sind ja auch schön und nicht “falsch“. Aber eben auch nicht die ganze Wahrheit. Denn: Gott ist ein Mensch, das scheint irgendwie zu Weihnachten nicht zu passen.

Und erst recht nicht zu Ostern, auch wenn da die Emotionen nicht so hoch schlagen. Ecce homo (Johannes 19,5: idoù ho ánthropos, Luther: Sehet, welch ein Mensch!) – im leidenden Jesus, im leidenden Christus ist Gott Mensch, das passt auch nicht zu unseren Wünschen und Erwartungen. An den lieben Gott. Doch den lieben Gott, den gibt es nicht. Doch egal, an Karfreitag und Ostern haben wir uns daran gewöhnt, dass der leidende Mensch im Mittelpunkt steht – und wenn die These vom göttlichen Funken zutrifft, wie wir innerlich hoffen, dann ist ja alles nicht so schlimm. Der Held leidet wie Bruce Willis und triumphiert hinterher und so richtig weh tut es auch nicht, starke Männer weinen ja nicht.

Gott ist ein Mensch! – das wäre auch an Ostern eine Provokation, aber heute ist erst einmal Weihnachten.

Ich spüre also weiter dem Gedanken nach und was daran so provozierend klingt.

Es heißt nicht:
Jeder Mensch ist Gott.
Oder: Gott ist der Mensch.
Oder: Gott ist ein Kind.
Und schon gar nicht: Gott ist ein Mann (auch wenn wir so sozialisiert sind, dass viele von uns Gott/Jesus mit einem einigermaßen gut aussehenden, gesunden Mitteleuropäer Anfang dreißig gleichsetzen).
Und es heißt auch nicht: Gott ist ein Mensch geworden. Aber das hatten wir ja eben schon.

Also: Gott ist ein Mensch.
Punkt.
Oder Ausrufezeichen, wie Antje eins hinzusetzt. Da klingt für mich noch das Staunen durch.

Gott ist ein Mensch! Das identifiziert und lässt offen zugleich. So mehrdeutig wie Chalcedon. Ich umschleiche die vier Worte und merke, da steckt mehr drin als in tausend Worten sagbar wäre. Da steckt die Frage drin: Wie geht das? Oder: Welcher Mensch? Und: Wer ist Gott?

Der Satz ist geeignet, das ganze kitschige Weihnachtsgetümmel zu zerstören, weil er sich wie ein Angelhaken festsetzt und nach und nach alles in Frage stellt, was an Weihnachten gewohnt und vertraut  ist. Und dahinter, dadurch, wie auch immer leuchtet eine Verheißung auf, Trost, Hoffnung: Gott ist ein Mensch! Unsagbares im Sagbaren, reine Poesie. Die ahnen, spüren lässt, was ist.

So weit meine Gedanken am Morgen des ersten Weihnachtstages. Ich freue mich über weitere Anregungen, Kommentare, Weiterführungen oder auch Widerspruch.

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