Ende. Tagebuch aus dem 3. Weltkrieg (Anton Andreas Guha)

Umziehen ist (auch) eine tolle Sache – mir fällt so manches in die Hände, das ich Jahre und Jahrzehnte nicht mehr beachtet habe. Stumm stand das Buch im Regal, tausendmal glitt mein Blick darüber, aber er blieb nicht hängen. Doch nun musste ich es in die Hand nehmen und in einen Umzugskarton packen – und ich halte inne, blättere, lege es zur Seite. Irgendetwas sagte mir: Schau noch mal rein.

So ging es mir bei unserem Umzug vor zwei Wochen mit dem Buch „Ende. Tagebuch aus dem 3. Weltkrieg“ von Anton Andreas Guha.

1983 erschienen, war es ein Schlager in der damaligen Friedensbewegung. 1983 und 85 waren Hunderttausende im Hofgarten in Bonn, ich auch. Guha, Redakteur der Frankfurter Rundschau, beschreibt vier Wochen im Juli und August, von einer sich ankündigen weltpolitischen Krise bis zum Verglühen unter einer Sonne, die erbarmungslos, weil hemmungslos vom Himmel brennt, da die Atombomben die Ozonschicht vernichtet haben.

Guha erzählt aus seiner Perspektive, seine Frau, seine Tochter, die Menschen aus seinem Umfeld erleben und erleiden die sich ständig zuspitzende politische Lage, die er als Journalist auch noch tagtäglich zu kommentieren hat, bis die Zensur vor der Tür steht und alle kritischen Stimmen verstummen lässt. Er lebt im Taunus mit Blick auf die Mainebene, von hieraus beschreibt er das befürchtete und das gegenwärtig werdende Grauen. Wiesbaden und Frankfurt und viele andere Städte werden zerstört. Ich weiß noch, dass ich ängstlich darauf wartete, ob es meine Heimatstadt Wetzlar (nicht weit weg von der Main-Metropole) auch erwischte (ja, kurz vor dem endgültigen Ende, S. 154). Schon damals ging mir die gewählte Form der Erzählung mächtig unter die Haut, doch das Buch hat bis heute nichts von seiner Eindringlichkeit verloren.

Sicher: Die weltpolitischen Rahmenbedingungen haben sich geändert, ein Verglühen unseres Erdballs in der atomaren Verwüstung scheint eher unwahrscheinlich (doch wer weiß), aber die Mechanismen von Drohung und Gegendrohung, Androhung und Abschreckung haben nichts von ihrer verhängnisvollen Dynamik verloren und den Geschichtsverlust fürchten Politiker_innen bis heute noch immer mehr als der Teufel das Weihwasser.
Einige Zitate mögen dies belegen:

„Die Bürger werden, sofern sie Rundfunk oder Fernsehen angestellt haben, regelrecht überschwemmt mit Sonder- und Hintergrundberichten belangloser Art, Stellungnahmen und Hintergrundberichten. (…) Hörer und Zuschauer kommen durch diese Art der ‚Berichterstattung‛ nur noch mehr in die Rolle von Opfern, die nichts tun können, weil andere für sie agieren. Als ginge es um ein Naturschauspiel, das man abwarten muss in der Hoffnung, dass es einen nicht erwischt.“ (S. 14f.)

„Es scheint mir fast ein historisches Gesetz zu sein, dass ein Krieg nur dann möglich ist, wenn zuvor die politische Führung mit psychotischer Realitätswahrnehmung, also mit partieller Blindheit geschlagen wurde.“ (S. 27)

„Immer wird von der anderen Seite Vernunft erwartet. Wo ist die eigene? Beide Seiten tun dasselbe. Vernunft im Rahmen des Abschreckungssystems bedeutet Schwäche, die andere Seite könnte sie als Kapitulation deuten. Jeder Psychotiker hält sich für die Personifizierung der Vernunft, der verfolgten Vernunft.“ (S. 57)

„Dass Eliten von kollektivem Todeswunsch befallen werden können, zumal in Zeiten politischen Versagens und ausweglos scheinender Krisen, ist gar nicht so abwegig. Sie fühlen, dass sie am Ende sind und nicht weiter wissen.“ (S. 104)

„Heute morgen um 6 Uhr bebte die Erde. Dazu dumpfe Detonationen. Das Haus zitterte. Erster Gedanke: Artilleriefeuer, die Russen kommen. Wenig später Sirenen. Der Ort wird aus dem Schlaf gerissen. Schreie der in die Keller flüchtenden Menschen. Im Osten tauchte die Sonne wie ein roter Feuerball auf. Atombomben. Das Grauen machte mich empfindungslos. (…) Überwältigende Realität. Oft vorausgedacht und vorausempfunden, dennoch schlägt sie dich zu Boden wie eine Faust. Trotzdem kommt dir alles unwirklich vor, du glaubst zu träumen. Es ist alles so banal. (…) Die Haut fühlt sich pelzig an, die Augenlider wie Blei. Wie im Zeitraffer sehe ich Bruchstücke meines Lebens als Kind, die Großeltern, der Hof, Vater und Mutter, die Lehrer, das Internat, Bilder, Szenen wirbeln durcheinander. (…) Dann sah ich in Tinas schreckgeweitete Augen. Atombomben. Ganz nah, gegenwärtig, unerbittlich. Das Unausdenkbare und Unvorstellbare – wie leicht und schnell es gekommen ist.“ (S. 120)

„Empfindungslose Resignation den ganzen Tag. Es gibt nichts mehr zu sprechen. Die Themen gehen aus. Außer der Angst ist alles belanglos. Der Stromausfall hält an, wir behelfen uns mit einem alten Spirituskocher, der meinem Vater gehörte. Er brachte ihn aus englischer Kriegsgefangenschaft mit. Die Kunst, mit diesem Ding einen Zimmerbrand oder eine Explosion des Spiritusbehälters zu vermeiden, habe ich nicht verlernt.“ (S. 127f.)

„Nur noch besessener Zerstörungswille. Es geht eigentlich nicht mehr darum, einen Feind zu vernichten, nur noch die geheime Lust, diesen Planeten in Stücke zu schlagen. Die Wollust, über totale Zerstörungsinstrumente zu verfügen, mit denen sich die Apokalypse auslösen lässt, real und wirklich. Für Stunden oder Tage allmächtig sein, das Gesetz des totalen Handelns an sich zu reißen, Gott zu sein.“ (S. 139)

„Frankfurt ist ausgelöscht. Die Stadt existiert nicht mehr. Heute morgen kurz nach 7 Uhr ein aufzuckender, blendender Schein, der das Licht der aufgehenden Sonne verdrängte. Fahles Weiß, das unbegreifliche Phänomen der doppelten Sonne. Dann – eine Ewigkeit – der Knall, als habe sich die Platte in einen explodierenden Vulkan verwandelt. (…) Die Sonne verdunkelte sich. Im Osten türmte sich eine riesige schwarze Rauchsäule in den Himmel durchzuckt von roten Blitzen. (…) Die Erde bebte, wie von gewaltigen Schlägen getroffen, als würde sie bersten. De schwarze, wirbelnde Säule, die sich in den Himmel bohrte, sich dann träge ausbreitete zu einer riesigen Pilzkappe, die den östlichen Horizont umspannt. Es war Frankfurt. Der Untergang Frankfurts.“ (S. 143)

„Das also ist die Verteidigung der Freiheit. Die Verzweiflung der ohnmächtigen Wut. Die Freiheit bleibt nicht einmal als Idee zurück. Die Erinnerung wird getilgt und die Geschichte beendet. Aber die Qual des Krepierens, diese Würdelosigkeit, dieser Zynismus! Die Verzweifelten und zum Tode Verurteilten bringen sich gegenseitig um. Die letzten Reste von Menschlichkeit werden noch zertreten.“ (S.155)

In mir hat die Re-Lektüre dieses über dreißig Jahre alten Buches noch einmal Beklemmung ausgelöst. Ja, die Spannungen zwischen den „großen“ Blöcken Ost/West bestehen nicht mehr wie damals, die Landkarten sehen anders aus. Aber vielleicht ist die Lage nicht weniger gefährlich als damals, vielleicht sogar noch mehr. Wann wagen die ersten Terroristen mit einer erbeuteten Atomrakete einen Schlag gegen wen auch immer? Giftgas wurde bereits eingesetzt und biologische Waffen sind auch in ausreichender Zahl hergestellt worden. Die Mechanismen haben sich nicht geändert, das belegen die gerade wieder erkennbaren Reaktionsmuster auf den Terror des IS: Amerika und England greifen dann ein, wenn „ihre“ Bevölkerung aufgrund der Enthauptungen ihrer Landsleute nach Vergeltung schreit, oder die politischen Führer meinen, dass sie hierzu verpflichtet sind, um das Gesicht nicht zu verlieren. Und tun damit genau das, was die sogenannten Gotteskrieger erhoffen, um unter der eigenen Bevölkerung noch mehr Gefolgschaft zu finden. Ein Teufelskreis. Gibt es keinen Ausweg?

Das alte Buch von Guha ist hochaktuell und vielleicht gerade wegen seiner fiktionalen, aber aus heutiger Sicht schon „historischen“ Gestalt geeignet, um uns wieder einmal die Augen zu öffnen für die allgegenwärtig scheinenden Mechanismen der Macht.

 

P.S. Das Buch ist noch erhältlich, z.B. auf Amazon für 0,01 €.

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