„Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ – Geld und gerechtes Handeln in der Predigt

Reflexion eines Workshops auf der Predigtpreisbegleittagung
am 14. Mai 2014 in Bad Godesberg

a) Annäherung

Geld regiert die Welt.
Ihr könnt nicht zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon.
Hast was, biste was, haste nix, biste nix.

Jeder dieser Sätze enthält eine Vorstellung vom Geld, vom Menschen, der Welt.
Predigen soll die biblische Botschaft auslegen (Exegese) und auf die Lebenswelt der Hörer/-innen beziehen (Homiletik). Beides geschieht in der Hoffnung, dass Gottes Geist durch die Worte des Predigers, der Predigerin Glauben schafft, Menschen und ihre Einstellungen sowie Handlungen verändert.
Wie greifen wir ethische Themen in der Predigt auf, verbinden Glaube, Sünde, Ethik und Moral? Welchen Beitrag kann die Predigt zu gerechterem Handeln in dieser Welt leisten? Zu diesem Themenfeld wurde ich angefragt, auf der Tagung des Predigtpreises 2014 einen Workshop anzubieten. Ich entschied mich, dies am Thema Geld zu untersuchen.

 b) Geld in der Bibel

Die Bibel warnt vor dem Reichtum, dem Mammon, aber nicht vor dem Geld „an sich“. Über 2300 Stellen soll es geben, die sich in der Schrift mit Geld und Besitz befassen. Der Umgang mit Geld wird sowohl persönlich thematisiert als auch gesellschaftlich.

Ein Erlassjahr (Lev 25) wird gefordert, der Zins im Prinzip abgelehnt (Ex 22,25) und die Propheten wie zB Amos wettern gegen die Reichen, welche die Armen um ihren Lohn bringen (8,4).

In vielen Geschichten der Evangelien spielt Geld eine Rolle. Jesus spricht davon in der Bergpredigt (6,19-34) vom Schätze sammeln und dem Mammon. In verschiedenen Gleichnissen greift Jesus das Thema auf: Der reiche Kornbauer (Lk 12,16‑21), der ungerechte Verwalter (Lk 16,1-9), der reiche Jüngling (Mk 10, 17-27). Zachäus hat u.a. ein Geldproblem (Lk 19,1-10), in der Steuerfrage spielt es eine Rolle (Mk 12,13-17) und die Geldwechsler wirft Jesus aus dem Tempel (Mk11, 15-19). Die ausgesendeten Jünger sollen nichts mitnehmen (Lk 10,1-12) und Judas erhält zumindest bei Matthäus seinen Judaslohn (Mt 26,14-16).

Paulus legt Wert darauf, dass er für seinen Lebensunterhalt arbeitet und sich nicht von den Gemeinden aushalten lässt (2. Kor 11,7-15), und er sammelt über lange Zeit eine Kollekte für die Gemeinde in Jerusalem (2. Kor 8+9, Gal 2,10). Die Pastoralbriefe warnen vor der Gefahr der Geldliebe, der Geldgier (1. Tim 6, 6‑10.17‑19).

Geld und Besitz, Reichtum und Armut sind in der Bibel allgegenwärtig.

c) Geld in der gegenwärtigen Lebenswelt

Als Prediger bin ich der biblischen Botschaft verpflichtet und beziehe mich auf die Lebenswelt der Hörerinnen und Hörer, die in vielen Fällen auch meine eigene Lebenswelt ist. Welche Rolle spielt Geld in meiner, unserer Lebenswelt? Ich möchte drei Aspekte nennen, die mir eingefallen sind. Es ist nicht entscheidend, ob das vollständig und/oder richtig ist, sondern dass ich mir klar mache, wo ich stehe, wenn ich über Geld rede und versuche, mich dem Thema Geld und gerechtem Handeln in der Predigt zu nähern.

  1. Geld ist selbstverständliches Zahlungsmittel
    Wir haben es dabei. Wie seinerzeit die Menschen in Israel auch. Zeig mir doch einen Denar und die Menschen greifen in die Tasche und ziehen einen heraus. Geld ist einfach, bequem und hat den Vorteil, dass sich alles und jedes damit „bezahlen“ lässt. Geld ist ein Tauschmittel, genauer gesagt: macht den Austausch von Gütern und Dienstleistungen untereinander einfacher. Der Nachteil: Alles und jedes kann in Geld aufgerechnet werden. Alternative Zahlungsmittel (Tauschringe, Regiogeld usw.) gibt es, aber sind nicht allgegenwärtig und umfassend akzeptiert. Geld ist so selbstverständlich, das wir seinen grundlegenden Sinn und Zweck überhaupt nicht (mehr) in Frage stellen. Wer zur Tagung nach Bad Godesberg gekommen ist, hat den Beitrag in Geld bezahlt, das Bahnticket oder das Benzin im Auto ebenso und die Dozenten erhalten ihre Honorare in Geld und nicht in Lebensmitteln o. ä. Ohne Geld geht es nicht. Wir nutzen es für Investitionen in die Zukunft, wir spenden es in der Hoffnung, Leben zu retten oder zu stärken. Wir sparen es an für schlechtere Zeiten, auch in der Kirche.

  2. Geld hat Macht und gibt Macht
    Wer Geld hat, hat Macht. Man kann sich kaufen, was man will. Man ist unabhängig. Man hat Marktmacht. Man kann es investieren und verleihen. Wer kein Geld hat, ist dagegen arm dran. Schlimmstenfalls ist sie oder er bedürftig und lebt von Almosen, heute von Hartz IV. Schulden waren schon ein Problem zu biblischer Zeit. Zins und Wucher waren in der Reformationszeit Themen, die Luther aufgriff und mit heftigen Worten kritisierte. Wer Geld hat, hat Macht und entscheidet darüber, was ein anderer, eine andere tun kann oder nicht. Banken vergeben Kredite. Investoren investieren in Projekte. Oder eben nicht. Russland erhöht die Gaspreise in der Ukraine. Wer Geld hat, hat Macht. Man kann damit sehr unterschiedlich umgehen. Geld gibt Sicherheit, macht aber auch abhängig. Mich von anderen, oder ich eben andere von mir. Weil es als allgegenwärtiges Zahlungsmittel akzeptiert ist. Macht hat mit Beziehung zu tun, und vielleicht deswegen entzünden sich so viele Familienauseinandersetzungen an der Verteilung des Erbes.
    Geld verspricht Sicherheit und Unabhängigkeit – und deswegen fürchte ich seinen Verlust. Geld hat Macht über mich, ob ich es habe oder nicht.

  3. Geld ist ein Mythos
    Ich arbeite, um Geld zu verdienen. Ich arbeite, um mir etwas leisten zu können. Was nicht in Geld bewertet werden kann, ist nichts wert. Geld ist konkret und zugleich sehr abstrakt. Wir erhoffen Sicherheit, ja, Glück vom Geld. Es hat etwas Mythisches an sich. Die Macht, die Geld hat und gibt, tendiert dazu, verehrt zu werden. Und Geld wird verehrt. Die Türme der Banken sind höher als die der Kirchen. Die Börsennachrichten sind die „Worte des Werktags“ kurz vor der Tagesschau, das Wort zum Sonntag kommt am Samstag erst im Spätprogramm. Geld hat eine religiöse Dimension, manch eine, einer erhofft davon das, was Jesus und sein Gott verkünden: Erlösung, Erleichterung, eine Perspektive im Leben und darüber hinaus. Wer viel Geld hat, baut sich monumentale Gräber, in diesem Frühjahr stand ich staunend vor dem ein oder anderen auf dem Friedhof Pere Lachais in Paris.
    Drei Gedanken zum Geld, sehr persönlich, nicht wissenschaftlich unterfüttert. Sie dienen mir zur Vergegenwärtigung und sollen anregen, sich über da je eigene Verständnis von Geld Gedanken zu machen.

d) Untersuchung von Predigten zu Matthäus 6,24 im Workshop

Ich habe zunächst über Facebook und Twitter einen Aufruf gestartet mit der Bitte, mir eigene Predigten zum Thema Geld zu schicken. So erhielt ich ca. zwanzig Predigten. Parallel habe ich im Netz recherchiert und weitere Predigten gefunden. Aus der Fülle der Texte habe ich mich dann entschieden, im Workshop nur Predigten zu Matthäus 6,24 zu untersuchen (Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird an dem einen hängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon).
Drei Gründe führten zu dieser Entscheidung:

  • Der Text ist interessant, weil er individuelle und prophetische Kritik verknüpft.
  • Der Text taucht nicht in den (evangelischen) Perikopenreihen auf.
  • Dennoch gibt es viele Predigten dazu.

Bei der Lektüre der Predigten war mein Eindruck, dass Predigten zu diesem Text in zwei Kategorien eingeordnet werden können: Entweder herrscht eine individuelle Sicht auf das Thema Geld/Besitz/Reichtum vor oder eine gesellschaftliche Sicht. Entweder orientieren sie sich an der biblischen Ethik des „Mittelmaßes“ oder sie äußern prophetische Kritik am Weltfinanzsystem. Entweder suchten sie eigenes Handeln zu reflektieren oder an Bewusstseinsveränderung mitzuwirken. Daher wählte ich für den Workshop Predigten zu verschiedenen Anlässen aus: im gemeindlichen Sonntagsgottesdienst, zur Synodeneröffnung, zum Reformationstag, Radioandacht.

e) Verlauf des Workshops

Ich habe mehrere Predigten zum Bibelstelle anonymisiert mitgebracht und folgende Fragen für die Kleingruppenarbeit formuliert:

a) Wie wird Geld in dieser Predigt verstanden?
b) Welche Bezüge zur Lebenswelt sind erkennbar?
c) Wie wird „der Mammon“ in dieser Predigt theologisch verstanden?
d) Schlägt die Predigt konkrete Konsequenzen für das gerechte Handeln im Umgang mit Geld vor? Wenn ja, welche?

Es kamen drei Gruppen zustande, in allen Gruppen waren Pfarrer/-innen und Prädikant/-innen vertreten. Die Diskussionen in den Gruppen und im folgenden Plenum lassen sich nicht nachzeichnen, da schon in der Gruppenphase die Gespräche intensiv verliefen, sich aber schnell von den Fragen lösten. Im Plenum wurden kurz die Ergebnisse vorgetragen und es entwickelte sich ein intensives Gespräch um Grundfragen von Ethik und Predigt.
Einige Stichworte, Fragen oder Anregungen aus der Diskussion:

  • Handelt es sich in dem Jesus-Wort um eine Vision des Reich Gottes, die erkennbar in unsere Welt hineinragt oder ist zu trennen zwischen dem kommenden Reich Gottes und dem Zwang, in unserer Welt handeln zu müssen?
  • Ist der ethische Rigorismus von Jesus „ernst“ gemeint oder ist er eine „nur“ Provokation und symbolisch zu verstehen?
  • Hat die Predigt das Recht, politische Handlungsanweisungen zu formulieren? Wie konkret kann ich, darf ich in der Predigt werden?
  • Welche Kompromisse muss man eingehen? Wo stehe ich in Gefahr, zu überfordern, wo zu unterfordern?
  • Welche Sachkenntnis benötige ich, um „Handlungsanweisungen“ geben zu können? Anders gefragt: Wie viel Sachkenntnis ist überhaupt möglich?
  • Sind Handlungsanweisungen für Individuen nicht zu kurz gesprungen, weil sie das große Ganze außer Acht lassen und dazu neigen, mit „kleinen“ sinnvollen Handlungen zwar das eigene Gewissen zu beruhigen, das System aber unangetastet lassen? Hier weitergedacht komme ich zu der Erkenntnis, dass kleine Schritte das System eher stützen als es zu bekämpfen.
  • Wo bin ich wie und warum echt und authentisch in einer Predigt, in der es um Geld geht?
  • Predigt steht immer auf der Grenze zwischen Wahrhaftigkeit und Liebe.
  • Welche konkreten Lebenssituationen, in denen Geld eine Rolle spielt, kann ich von diesem Text her aufrollen, warum und mit welchem Ziel?
  • Ist mehr in der Predigt möglich als die individualistische Perspektive: Was kann ich konkret tun? Oder auch: Was können wir als „kleine“ Gruppe konkret tun?
  • Wie gehen wir mit der Härte des Wortes um? Hier wird ein klares Entweder/Oder formuliert. Es besteht aber in unserer Welt keine Chance, in dieser Klarheit zu handeln.
  • Ist der Text nicht in größere Zusammenhänge einzuordnen? An anderer Stelle heißt es: Macht euch Freude mit dem Mammon! (Lk 16,9)
  • Wie können wir heute als Prediger/-innen so prophetisch reden? Als Zeitansage in der Gegenwart? Können wir es überhaupt?
  • Welche Hörer/-innen haben wir konkret vor Augen, wenn wir als Prediger/-innen,oder Prädikant/-innen diesen Text wählen?

In der Vielzahl der Gedanken und Fragen, der unterschiedlichen, ja widersprüchlichen Aussagen und Positionen stand unausgesprochen eine Frage im Zentrum: Wie über etwas Allgegenwärtiges wie Geld predigen? Es gab keine Antworten, aber viele Fragen und Impulse.

f) Ein Kontrapunkt

Zehn Tage nach dem Workshop in der Akademie Rheinland werde ich bei einer ganz anderen Tagung wieder auf das Thema aufmerksam. In Neulengbach bei Wien treffe ich auf Menschen, die in prekären Situationen leben. Ihr Ringen um das Thema Geld hat einen ganz anderen Hintergrund als die eher akademische Diskussion von Menschen bei der Predigtpreistagung, die alle in gut versorgten Verhältnissen leben und arbeiten. Diese Menschen hier haben ein anderes Verhältnis zum Geld, weil es teils um den unmittelbaren Lebensunterhalt oder um den kleinen Teil Lebensfülle geht, der angestrebt und erhofft wird. In den Gesprächen wird mir die Angst um den morgigen Tag anschaulich. Wenn ich an meine Gemeinde denke, das fällt mir hier auf, dann sitzen dort in prekären Lebenssituationen lebende Menschen nicht als Hörer/-innen vor mir. Sie kommen nicht in meine Gottesdienste. Habe ich sie im Blick? Und wenn ja, wie? Ich denke noch einmal an die von mir untersuchten Predigten und stelle fest: Sie gehen auf Menschen in solchen Lebenslagen mit keinem Wort ein, zumindest nicht erfahrungsgetränkt. Ich frage mich: Wie hier predigen? Was bedeutet es, dass sie nicht vor mir sitzen? Zeigt sich hier eventuell ein Teufelskreis: Ich predige für die, die ich erwarte. Es kommen aber auch nur die, die sich erwartet fühlen. Und das sind (nicht nur) beim Thema Thema Geld: die bürgerliches Mittelschicht und die kritische Akademikerschaft. Die prekären Lebenslagen kommen in unseren Milieustudien vor, sitzen aber nicht in unseren Gottesdiensten. Heißt die Erkenntnis, die aus der Milieuforschung folgt: Nicht jede/-r ist mit der Predigt zu erreichen, manchmal braucht es andere Wege.

g) Fazit

Mein Fazit: Predige ich über Geld, muss ich mir persönlich die Frage stellen: Welchen Preis zahle ich für was? Welchen Preis bin ich bereit zu zahlen und warum? Schon die Formulierung „einen Preis zahlen“ zeigt an, wie stark Geld unser Denken bestimmt, wenn es sprichwörtlich geworden ist. Das, was hier zum Ausdruck kommt, spitzt sich heute in der Ökonomisierung aller Lebensbereiche aus, die ihren Fokus darin hat, alles abzuwerten, was sich nicht in Geld ausdrücken lässt. Hier gibt es gute Gründe und viele Beispiele, in der Predigt andere Akzente zu setzen und Widerspruch laut werden zu lassen.

 

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