Primark: Ökonomisierung in Perfektion als (Selbst-) Erlösung

Gestern las ich auf Zeit-Online diesen Artikel: „Jagd nach textilen Erlösungsmitteln“. Ich hatte von Primark noch nie gehört, ehrlich. Mein Magen zog sich beim Lesen zusammen und ich habe mich gefragt: Was entsetzt dich an diesem Artikel so?

Ich konnte es erst einmal nicht sagen.

Es ist nicht die Tatsache, dass die Arbeitsbedingungen der Mitarbeitenden in den Zulieferbetrieben katastrophal sind. Das sind sie, keine Frage. Aber auch anderswo und: Ethisch „sauber“ bleiben zu wollen ist als Ziel unverzichtbar, aber in der Praxis leider schwer umzusetzen. Seitdem ich als Mitglied des Sozialethischen Ausschusses der rheinischen Landeskirche die Diskussion um ökofaire Vergaberichtlinien mitbekommen habe, bin ich ernüchtert. Egal ob es um zertifizierte Grabsteine, Papier, Kleidung oder Lebensmittel oder gar um Geräte aus dem Elektrobereich geht – die Lieferketten sind in unserer komplexen und vernetzten Welt oftmals nicht oder nur mit riesigem Aufwand nachzuvollziehen. Und das gilt im Kleinen auch – aufgrund der Fülle von Artikeln, die jede/r von uns Tag für Tag, Woche für Woche, Monat um Monat kauft, kaufen muss, sind wir nur punktuell in der Lage, die notwendigen ethischen Überprüfungen vornehmen zu können. Wir können auf die entsprechenden Labels vertrauen, ja. Das ist mehr als nichts und doch frustrierend wenig.

Aber das ist es nicht, was mich an diesem Artikel entsetzt.
Sondern die Tendenz zur totalen Ökonomisierung und Selbstentblößung.

Vielleicht liegt es an meinem Alter, aber die Beschreibungen von Menschen-Scharen (fast) allen Alters, die sich um Schnäppchen schlagen, die tütenweise alles mögliche aus dem Laden schleppen, drehen mir den Magen um. Vor meinem inneren Auge entsteht eine Szenerie, die ich eher im Comic verorten würde als in der Realität. Was passiert mit uns, wenn wir Menschen uns so entblöden? Welche Verzweiflung drückt sich in solch panikartigem Verhalten aus? Ich muss da rein, muss dem neuen Trend folgen, brauche neue Klamotten, jede Woche, sonst ist mein Leben nichts mehr wert. Und das Perfide, es wird nicht so empfunden. Ganz im Gegenteil. Die Inszenierung gaukelt mir vor, Zitat aus dem Artikel:

Ein Spätsommernachmittag in Berlin. Eine junge Frau schmiegt sich in der Straßenbahn an ihren Freund. Er spielt mit seinem Handy. Sie blickt gedankenverloren über den Alexanderplatz, über den die Bahn jetzt im Schritttempo fährt, legt ihren Kopf auf seine Schultern und seufzt. „Ey“, sagt sie plötzlich, und man hätte ihr diese Entschiedenheit in der Stimme gar nicht zugetraut, richtet sich auf, nimmt das kleine hässliche, nikotinfarbige Haus gegenüber von C&A ins Visier und sagt: „Wenn hier endlich Primark einzieht, dann ist mein Leben perfekt.“

Natürlich weiß ich, dass die Inszenierung auch nur das Bedienen kann, was im Trend der Zeit liegt. Komplizierte Wechselspiele von Angebot und Nachfrage sind das. Mich erschreckt, wie abgrundtief sich die Ökonomisierung in unser aller Fühlen eingeschlichen hat. Und ich kann es nachempfinden, das Gefühl. An manchen Stellen fühle ich ähnlich. Vielleicht nicht bei Primark, aber an anderen Stellen im alltäglichen Leben. Ich muss mir und ich kann mir Dinge kaufen, damit ich glücklich bin. Mir ist schlecht.

Verbunden ist dies hier mit der Bereitwilligkeit, sich selbst zu entblößen.

Das ist auch auf anderen Plattformen wie Facebook zu beobachten. Momentan ist es irgendwie „in“, alte Baby- oder Kinderfotos zu posten. Und natürlich den eigenen Nachwuchs. Neben Selfies. Ja, Bilder sind „in“, das merke ich auch, wenn ich auf Facebook oder meinem Blog Fotos oder Galerien einstelle, dann bekomme ich mehr Likes und Aufrufe als auf Texte.

Und mit Bildern kann viel gesagt werden. Instagram finde ich auch toll, ein Foto, eine Aussage. Aber ich tue mich auch dort  aber mit Personen schwer (ich gestehe: es gibt auch ein oder zwei von mir). Scheue mich mein Gesicht zu zeigen und die anderer. Es ist mehr ein Gefühl, dass das nicht gut ist, sich nicht gehört, wie man so zu sagen pflegt.

Dennoch:
Sehen und gesehen werden, das ist „in“. Vor ein paar Wochen habe ich in der Konfirmationspredigt auch drüber nachgedacht:

„Aufmerksamkeit bekommen. Danach sehnen wir uns. Damals wie heute. Ob wir 14 sind oder 44 oder 74. Ich möchte, dass ich gesehen werde. Gelobt werden. Ich will gar nicht unbedingt im Mittelpunkt stehen, nein. Aber dass man mich wahrnimmt, mich mag und es mir zeigt. Durch Worte, Gesten, durch Blicke, durch Taten, manchmal auch nur durch den simplen Like auf Facebook, Instagram und Co.

Und wenn ich diese Aufmerksamkeit nicht bekomme, dann geht es mir schnell schlecht. Ich denke: Keiner mag mich. Warum mag mich keiner? Da unterscheiden sich damals und heute nicht. Egal, ob ich 14, 44 oder 74 bin. Wenn ich keine Aufmerksamkeit bekomme, dann werde ich schnell traurig, deprimiert, ziehe mich zurück. Oder werde zynisch und am Ende manchmal sogar gewalttätig, weil sich mein Frust, meine Enttäuschung, nur noch Luft verschaffen will. Dann fühle ich mich für einen kleinen Moment besser und hinterher noch viel schlechter.“ (Zachäus oder: Mit dem Smartphone auf die Kanzel)

Und dann gucke ich heute auf Primark unter Primania, wo dort die Werbung läuft. Ich kaufe die Klamotten, ziehe sie an, mache ein Selfie und ab auf die Website. Schaut mal, wie schick ich aussehe. Genialer Marketingidee, Werbung wird überflüssig, das machen die Kund_innen selber, und das gesparte Geld kann wieder der Verbilligung der Produkte zugute kommen. Eine Win-Win-Situation. Aus rein ökonomischer Sicht. Und jede_r kann mitmachen, Smartphone hat eh jede_r und für den Preis kann sich doch jede_r Klamotten o.ä. leisten. Oben und unten verschwinden, der Gegensatz zwischen reich und arm ist nicht mehr sichtbar, alles wunderbar. Primark, Sinnbild moderner Erlösung. Ich könnte kotzen.

primark

Und wenn ich mir so zuhöre, dann denke ich, jetzt hörst du dich schon so richtig alt an. „Früher war alles besser.“ Und als Christ, Pfarrer und Theologe muss ich doch den moralischen Finger heben, ich Spielverderber.

Mag sein, dass das so klingt. Eigentlich suche ich aber erst mal nur in Worte zu fassen, was in mir hoch und runter ging und mich einen ganzen Abend während unserer Kreissynode beschäftigt hat (wir haben „nur“ einen neuen Superintendenten und eine Assessorin gewählt, aber da stand alles vorher schon fest, so konnten meine Gedanken schweifen während des Wahlvorgangs). Ich bin jetzt nicht so der emotionale Typ, und wenn ich so massiv reagiere, dann frage ich mich warum zieht dir dieser Artikel den Magen zusammen und tausend andere nicht? Vielleicht lautet die Antwort:

Ökonomisierung als (Selbst-) Erlösung zu betreiben, wie genial. Und wie schrecklich.

Mir fallen Verse aus Psalm 8 ein:

Ja, ich betrachte deinen Himmel, die Werke deiner Finger: Mond und Sterne, die du befestigt hast – Was sind die Menschen, dass du an sie denkst, ein Menschenkind, dass du nach ihm siehst? Wenig geringer als Gott lässt du sie sein, mit Würde und Glanz krönst du sie. Du lässt sie walten über die Werke deiner Hände. (Psalm 8, 4-7a, nach Bibel in gerechter Sprache).

Warum kommen mir ausgerechnet diese Verse in den Sinn? Ich lese den Artikel auf Zeit-Online noch mal und bleibe am letzten Satz hängen:

Primark ist das große Spiegelbild unserer Gesellschaft. Der Konsument kann sich alles leisten, weil die Würde Schulden macht. „Puppen sind wir“, heißt es bei Büchner weiter, „von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst.“

Da ist der Kern meines Unbehagens beschrieben, merke ich beim erneuten Lesen.

Und doch:
Ich weiß (noch?) nicht warum, aber diese Worte des Psalms beruhigen meine Seele. Erst mal. Irgendwie.

Vielleicht könnt Ihr, können Sie mir sagen, liebe Leser_innen, warum …

————

Ein weiteren kritischen Artikel zu Primark fand ich auf Die Welt: Ist Primark tragbar oder unerträglich?

5 Gedanken zu “Primark: Ökonomisierung in Perfektion als (Selbst-) Erlösung

  1. Ein sehr treffender Kommentar. Mit geht es ähnlich, sowohl in der Diagnose als auch in der Behandlung. Will sagen: Ich sehe die große Gefahr, dass , wie man an den Kommentaren auf der Primark Facebook Seite sieht, eine ganze Generation sich dieses Ökonomisierungsdenken als Selbsterlösung (wie Sie es treffend beschreiben) zu Eigen macht. Und ich meine wirklich verinnerlicht und erbittert verteidigt. Man sieht das in den Kommentaren, wieviele da den Primark verteidigen. Und die anderen, die noch halbwegs einen Blick für die (grausame) Realität haben, reden sich gut zu, dass man eh nichts ändern kann und andere (Firmen etc.) auch genauso schlimm sind. Diese furchtbare Resignation, die hier am Primark Fall deutlich wird, macht mich zunächst sprachlos. Tröstend finde ich von daher auch den Psalm. Mich tröstet er, weil er mir sagt: Und trotzdem ist der Mensch von Gott nach seinem Abbild gemacht, und er hat die Verantwortung für die Schöpfung… und Gott sei Dank nehmen sich immer mehr Menschen dieser Verantwortung an. Ich werde ab morgen mein Einkaufsverhalten einmal in Frage stellen, wenngleich ich nicht bei Primark kaufe. Aber kann man überhaupt der “systemischen Schuld” entgehen. Wenn ich bei H&M oder woanders kaufe, ist es da wirklich qualitativ besser? Das moderne System weiß sehr gut, alles intransparent zu halten. Aber zum Gück, um auf den Psalm zurückzukommen, gibt es noch genug Menschen, die die “Würde und Glanz” in anderen Menschen, ja in aller Schöpfung sehen…. Und das beruhigt auch mich… Wenngleich die Kirche hier aufwachen sollte und sich mit diesen drängenden Problemen beschäftigen sollten, als mit inneren Grabenkämpfen in Gebieten, die längst schon überrannt sind.
    https://www.facebook.com/PrimarkGermany/posts/613312615442425

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    • Ich hatte mir die Facebook-Seite von Primark auch angesehen und überlegt, sie hier zu verlinken, weil ich ähnliche Gedanken bei den Kommentaren hatte. Ich habe es gelassen, weil ich dachte, ne, nicht noch mehr Werbung für diesen Laden.
      Ich glaube auch, dass ein Großteil meines Entsetzens in der Sprachlosigkeit lag, mir hat es zunächst die Sprache verschlagen und das Bloggen war der Versuch, sie wiederzufinden,
      Der Psalm ermöglicht, erzwingt, erlaubt einen Blickwechsel. Vielleicht so: Gott sei Dank (!) muss ich Erlösung nicht verzweifelt in dieser Welt suchen, sie ist an anderer Stelle zu finden. Wenn es gelingt, das ohne Vertröstungsideologie durchzubuchstabieren, dann kommen wir unserem Auftrag nach, das Evangelium zur Sprache zu bringen. Und das ist noch mal eine besondere Herausforderung, damit das nicht moralisch klingt. Die Verzweiflung und Resignation, die in der Selbstentblößung sichtbar wird, „ansprechend“ in Worte fassen, ohne das es besserwisserisch klingt …
      Vielleicht geht es über die Sprachform der Klage? Vgl.: https://blogmatthiasjung.wordpress.com/2014/03/27/leben-als-fragment-zwischen-wollen-und-konnen/

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  2. Ich wünsche mir, dass es Ihnen als Pfarrer gelingt, das „durchzubuchstabieren“, wo Erlösung zu finden wäre. Ich wünsche mir, dass es immer mehr Menschen gelingt, es in Worte zu fassen. Ich wünsche mir, dass diese Worte immer mehr Aufmerksamkeit erhalten.

    Was das mit den Fotos angeht: da habe ich meine persönliche Leidensgeschichte „durchbuchstabiert“ während meiner Zeit in einem Fotoblog. Dieses: wer bekommt einen Stern und wer nicht und warum. Vor allem warum ich nicht und die oder der schon. Warum bekommt dieser oder jener Beitrag x Kommentare, ich jedoch nicht. Ich habe für mich festgestellt: mir ging es mit einem Bild und mit dem, was ich schrieb im Grunde genommen immer um Kommunikation. Über das hunderttausendste Hunde- oder Katzenbild oder Pflanzenmakro konnte ich selbst keine Kommunikation führen. Inzwischen habe ich die Ansicht, dass einfach „schöne Bilder“ eben so etwas wie Trost sind für die meisten Menschen. Und mir ist auch klar geworden, was ich bereit bin, für Aufmerksamkeit zu tun und was nicht. Aufmerksamkeit um jeden Preis – das kann ich nicht und ich will es nicht.

    Was den Satz mit dem Büchner-Zitat angeht, so empfinde ich das als etwas Resignierendes. Wenn wir nur Puppen sind, können wir nichts tun. Dann sind wir ausgeliefert und werden dirigiert. In dem von Ihnen zitierten Psalm steckt für mich, dass ich es in der Hand habe, mein Leben. Aber nur allein damit ist es, zumindest finde ich das im Moment, zu schwer. Wenn ich jedoch darüberhinaus in Gottes Händen bin und Gott mich begleitet, in wechselseitiger Beziehung – ich schaue seine Werke und er schaut mich – dann kann ich damit meine Angst in den Griff bekommen.

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  3. …ich habe noch weiter nachgedacht: „…weil die Würde Schulden macht“ – ich frage mich, wer in dieser Konstellation Gläubiger ist/sein soll? Die Würde ist doch nicht losgelöst von mir, dass sie allein etwas machen kann. Wie verstehen Sie das?

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    • Vielen Dank für die beiden Kommentare.
      Ich bin schon dabei, weiter nachzudenken, weil das Thema mich nicht loslässt. Ihre Gedanken werde ich mit bedenken. Ein Entwurf habe ich schon, aber es wird wohl bis Samstag dauern, bis ich den Text fertig bekomme, kurz vor den Sommerferien ist zu viel los in der Gemeinde. 😉

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