Der Esel

(Eine wahre Begebenheit.)

Vor etlichen Jahren hatte sich die Leiterin unseres Kindergartens für die Adventszeit eine ganz besondere Attraktion ausgedacht. Sie hatte eine Krippe und die dazugehörenden Figuren gekauft. Alles aus Holz, einfach stilisiert und bunt bemalt. Aufregend für die Kinder war allerdings, dass nicht die ganze Krippe zu Beginn der Adventszeit aufgestellt wurde, sondern nach und nach. So bewohnten die noch leere Krippe zunächst drei Schafe, die am 1. Dezember in die Mitte gestellt wurden. Die Krippe stand auf einem kleinen Tisch in der Eingangshalle des Kindergartens und konnte von allen gesehen werden.

Die Kinder beließen es nicht beim Anschauen. Sie fingen sofort an, mit den Schafen zu spielen. Kaum eine Stunde blieben die Tiere am gleichen Platz. Immer wieder wurden sie von den Kindern an andere Orte gestellt, mal an die Seite, mal auf das Dach, mal dahinter, mal auch in merkwürdig verrenkter Körperhaltung.

Nach ein paar Tagen kam der erste Hirte dazu. Auch er hatte nicht viel Ruhe, sondern wanderte durch die Krippe. Dem zweiten Hirten und dem Esel, die danach folgten, erging es nicht anders.

Doch eines Morgens war der Esel plötzlich verschwunden. Er war einfach weg. Er stand nicht hinter der Krippe und war auch nicht heruntergefallen. Alles Suchen blieb erfolglos. Der Esel blieb unauffindbar. Offenbar hatte ein Kind das liebe Tier in die Tasche gesteckt und mit nach Hause genommen. Dachten die Erzieherinnen. Und ich.

Am Nachmittag dieses Tages sah die Leiterin Katrin, ein Kindergartenkind, wie es bei der großen Holzpyramide spielte. Diese Weihnachtspyramide war vor einigen Jahren dem Kindergarten geschenkt worden. Sie drehte sich während der Öffnungszeiten mit einem kleinen Motor. Die Kinder durften bei der Pyramide spielen, wenn sie vorsichtig damit umgingen.

Die Leiterin beobachtete Katrin, wie diese gebannt der sich drehenden Pyramide zuschaute. Und plötzlich sieht sie den Esel. Er steht auf der Pyramide und dreht sich mit. Nach einer Weile schob Katrin den Esel ein Stück weiter.

Die Leiterin kniete sich hinter Katrin und sagte leise:

Hast du den Esel da hin gestellt?

Katrin schaute sich um und nickte.

Warum hast du das denn gemacht, der gehört doch eigentlich drüben zur Holzkrippe.

Katrin schüttelte den Kopf.

Die Leiterin schaute sie etwas verwirrt an.

Da hob Katrin ihren Kopf und flüsterte ihr ins Ohr: Schau doch, wo er steht.

Er steht auf der Pyramide und dreht sich mit, antwortete die Leiterin.

Katrin schüttelte den Kopf und sagte mit leuchtenden Augen: Nein, er ist da, wo er hingehört: Beim Kind an der Krippe.

Die Leiterin schaute genau hin – und verstand: Weil an der neuen Krippe das Kind in der Krippe noch fehlte, hatte Katrin den Esel kurzerhand hier auf die Pyramide zur Krippe  gestellt, da er doch zum Kind gehört.

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