Vom Veggietag über den Datenschutz zu Johannes dem Täufer und wieder zurück

Homepage BarcodeHorst W. Opaschowski ist der Meinung, dass sich neue Trends nur durchsetzen, wenn sie Bedürfnisse von Menschen erfüllen. Vielleicht liegt hier ein Grund dafür, warum sich die Deutschen mehr über den Veggie-Tag empören als über die Datenüberwachung: Vegetarisches Essen erscheint vielen zwar als sinnvoll, erfüllt aber kein Bedürfnis. Die Nutzung der digitalen Vernetzung dagegen zielt auf Kommunikation und befriedigt den Wunsch, in Beziehung zu treten und zu bleiben.

Daran musste ich denken, als ich vorgestern mit meiner Tochter telefonierte, um die Einrichtung von Threema zu besprechen. In einem Nebensatz warf sie ein, wie viel Persönliches sie über WhatsApp mit ihren Freundinnen bespricht und wie erschrocken sie war, als ihr jemand erzählte, wie leicht angeblich WhatsApp zu belauschen ist.

Erschrecken ja, aber Verhaltensänderung geschieht eher nicht. Die Überallkommunikation ist inzwischen für viele zur Gewohnheit geworden. Und liebe Gewohnheiten sind nicht nur schwer zu ändern, die neuen Techniken sind auch klug konzipiert: Sie sind einfach zu bedienen. Zack, zack – und ich bin drin. Kommunikation wird nicht als Anstrengung betrachtet, geschieht einfach nebenbei.

Das hat viele Vorteile, eben in Beziehung treten und bleiben. Musste ich früher beispielsweise manchmal Stunden warten oder selber lange eine Telefonzelle suchen, um nach langer Autofahrt mein glückliches Ankommen an die Liebsten zu übermitteln – heute geht das sofort. Und »wir« tun es. Ich auch. »Noch zwanzig Kilometer bis Meran« schrieb ich beispielsweise während einer Trinkpause vor ein paar Wochen auf meiner Radreise durch die Alpen.

Im Unterschied zum Veggie-Tag, der auf Verzicht setzt und dies durch ein Verbot regeln will (doppelt negativer Vorgang), habe ich von der simplen digitalen Kommunikation erst einmal nur Vorteile – die Gefahren »sehe« ich nicht und wenn, treten die negativen Auswirkungen erst später auf und ich erkenne dann die kausale Verbindung vermutlich nicht mehr. Ich muss mir die ganze Problematik erst bewusst machen, das ist mühsam. Verstärkend kommt noch hinzu, dass das laute Katastrophengetöse der Datenschützer/innen auf mich eher abstoßend wirkt, weil emotional zu aufgeladen. Ja, in unserer Zeit ist das vielleicht manchmal der einzige Weg, um Menschen aufzuschrecken, mich lässt es eher zurückzucken. Von daher hat es lange gedauert, bis ich mich dem Thema zugewandt habe, interessanterweise durch einen Umweg. Ich las Ulrich Eberls sachlich gehaltenes Buch »2050 – Wie wir schon heute die Zukunft erfinden«. Er versucht sachliche Vor- und Nachteile von Entwicklungen abzuschätzen, ohne in Technikbegeisterung oder Weltuntergangsszenarien zu verfallen.

Das deckt sich mit einer anderen Beobachtung. Ich beschäftige mich gerade mit Johannes dem Täufer, dem radikalen Umkehrprediger mit asketischem Lebensstil. Er fand Zulauf trotz seiner radikalen Botschaft, er wagte es den Mächtigen die Stirn zu bieten (und verlor darüber seinen Kopf). Ist Radikalität eine Antwort? Was sollen wir tun, fragten auch die Zuhörerinnen und Zuhörer Johannes. Seine Antwort (ob nun »echt« oder ihm von Lukas in den Mund gelegt, spielt keine Rolle): Teilt, seid freundlich, betrügt nicht. (Lukas 3, 10-14) Auf deutsch: eine Durchschnittsethik, lebbar für die meisten, die sich wie ich nicht vorstellen können, von Heuschrecken zu leben. Ich höre hier für mich heraus: Bei aller Radikalität im Denken (die wichtig ist, um hinter die Kulissen unserer Gewohnheiten zu schauen) – verliert nicht den Blick für den Kompromiss, für den Mittelweg aus den Augen. Das Handy wegwerfen, auf das Internet verzichten – das wäre radikal und ich wäre vermutlich nicht mehr so einfach zu überwachen. Aber der Verlust an Lebensmöglichkeiten wiegt dagegen schwer. Anders und überspitzt gesagt (in Abwandlung eines Gedanken von Harald Welzer): Datenschutz muss Spaß machen, sonst klappt es nicht mit der Motivation. Richtig. Horrorszenarien machen »nur« Angst und sind wenig zukunftsweisend. Spaß machender Datenschutz, das wäre doch mal eine Herausforderung. Threema finde ich da ein gutes Beispiel – es ist einfach und macht Spaß, weil ich das Gefühl habe, den Datenjägern ein Schnippchen zu schlagen.

P.S. Das gilt auch für den Veggietag.

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