Tod an Bord – Besuch beim Airportseelsorger

»Tod an Bord. Das kommt viel häufiger vor als ihr denkt. Tod am Flughafen, Tod am Urlaubsort. Herzinfarkt zum Beispiel. Und dann kommen wir ins Spiel. Wir sprechen mit den Ehepartnern, die unter Schock stehen. Wir rufen ihre Angehörige an, damit sie zum Flughafen kommen, bis das Flugzeug gelandet ist.«

Die Konfirmand/inn/en hatten kaum Platz genommen, als der Airportseelsorger mit diesen Worten dafür sorgte, dass sich eine eisige Stille im Konferenzraum am Düsseldorfer Flughafen ausbreitete.
Seit 2001 gibt es Flughafenseelsorge in Düsseldorf, seit etwa fünf Jahren besuche ich mit meinen Konfi-Gruppen Pfarrer Detlev Toonen und seine ehrenamtlichen Mitarbeiter/inn/en.

»Aber wir machen noch viel mehr. Hier stranden Menschen, die am Urlaubsort ausgeraubt wurden. Sie stehen hier ohne Papiere, ohne Geld, ohne Kreditkarte, ohne Handy, ohne Haustürschlüssel. Dann strecken wir ihnen die Karte für die Heimfahrt vor.

Oder hier kommen Menschen an, die Jahre in Thailand oder anderswo gearbeitet haben, arbeitslos wurden und schließlich in einen Flieger heim nach Deutschland gesetzt wurden. Das Ticket bezahlt die Botschaft, aber mehr auch nicht. Und Heimat Deutschland? Meist kennen sie keinen Menschen mehr hier oder die Familie will nichts mehr mit ihnen zu tun haben, fürchtet eher, dass der Rückkehrer ihnen auf der Tasche liegt. Dann vermitteln wir. Notunterkunft, Gespräche mit Behörden, wohin kann es gehen, soll es gehen.«

Etwa die Hälfte der Konfi´s ist schon mal von Düsseldorf aus in den Urlaub geflogen, doch niemand hatte von Flughafenseelsorge vorher gehört. In dem meist reibungslosen Betrieb machen sich viele keine Gedanken, was alles passieren kann. Es sei denn, man hat Flugangst.

»Flugangst ist auch etwas, womit wir hier ständig zu tun haben. Da ist jemand noch nie geflogen, erste Flugreise, kommt hier an und die Panik steigt hoch. Dann sprechen wir mit ihnen, versuchen zu beruhigen. Manch eine, einer steigt dann schließlich ein, aber es kommt auch vor, dass Menschen wieder nach Hause fahren.«

Airportseelsorge ist Notfallseelsorge, so wie sie der barmherzige Samariter in Jesu Gleichnis leistet. Diese Geschichte bespreche ich mit den Konfirmand/inn/en immer in der Stunde zuvor und es endet mit folgenden Gedanken:

Die diakonische Grundfrage lautet: Wer ist denn mein Mitmensch?
Daraus ergeben sich für das helfende Handeln von Christinnen und Christen folgende diakonische Prüfpunkte:

Der Samariter hilft…
a) …ohne zu zögern;
b) …ohne auf Aussehen, Herkunft usw. zu achten;
c) …ohne nach Bezahlung zu fragen und
d) …indem er eigenes Geld für den Mitmenschen einsetzt.

Es erübrigt sich, die Punkte am Airport einzeln durchzugehen und zu überprüfen, ob hier so gehandelt wird. Spätestens, nachdem Detlev Toonen vom Unglück der Costa Concordia erzählt.

»Als ich das gehört habe, dachte ich, damit wirst du hier in Düsseldorf nichts zu tun haben, da war ja kein Flugzeug beteiligt. 24 Stunden später war ich anderer Meinung. Dann standen hier die ersten, in Schlafanzug oder Badehose. Ohne irgendwelches Gepäck, von Papieren ganz zu schweigen. Der ein oder die andere hatte sein bzw. ihr Leben mit einem Sprung ins Wasser gerettet. Überlebt hatten sie und wurden in Italien gefragt, wo kommst du her. Dann wurden sie zum Flughafen gebracht und in einen Flieger gesetzt. Und so kamen Überlebende aus NRW dann hier an. Unter Schock stehend. Verzweifelt, verwirrt. Wir haben sie in Empfang genommen, Angehörige angerufen, Kleidung besorgt, Hotelübernachtung oder Heimfahrt mit dem Zug organisiert. Oder erst mal auch nur zugehört. Wir haben bei vielen auch noch mal am nächsten Tag angerufen, wie geht es, brauchen Sie noch Hilfe, sollen wir eine Traumabehandlung vermitteln und so weiter.«

Der Besuch der Airportseelsorge ist ein wichtiger Teil meines Konfirmandenunterrichts. Er zeigt exemplarisch, wo Kirche Hilfe leisten kann und wo sie es tut. Kirche ist vor Ort, aber nicht im Vordergrund. Manch einer oder eine weist auch den Seelsorger oder seine Mitarbeitenden ab, wenn diese in der Flughafenhalle unterwegs sind und hier und das Gespräch anbieten, vielleicht ein Faltblatt mit einem Reisesegen verteilen wollen. Andererseits sind sie ansprechbar und für viele Menschen zu echten Samariter/inne/n geworden. Natürlich: Pfarrer Toonen wird bezahlt von seiner Kirche für seine pfarramtliche Tätigkeit, dass unterscheidet ihn vom Samariter. Die derzeit achtzehn Ehrenamtlichen machen dies allerdings ohne Bezahlung. Und sie machen es gerne, weil sie wissen, es ist eine wichtige Hilfeleistung. Denn die Antwort auf meine Frage, wer sich vor 2001 um Gestrandete, Verzweifelte, von Flugangst geplagte Menschenkinder gekümmert hat, die lautet:

»Niemand.«

2 Gedanken zu “Tod an Bord – Besuch beim Airportseelsorger

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