Autobiografische Annäherung an »Bonhoeffer« von Eric Metaxas (Rezension)

Von Dietrich Bonhoeffer habe ich Ende der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts zum ersten Mal gehört. In unserer evangelikal geprägten Jugendarbeit meiner Heimatgemeinde beschäftigten wir uns mit alternativen geistlichen Lebensformen und so habe ich auch Bonhoeffers Buch »Gemeinsames Leben« gelesen. Genau weiß ich das nicht mehr, aber vermutlich in der selben Zeit habe ich »Widerstand und Ergebung« gelesen, die Gefängnisbriefe. Damals habe ich die Sprengkraft der Texte mehr geahnt, gespürt, dass dieser Mann mehr zu erzählen hat, als die eingeschränkte Wahrnehmung meiner frommen Jugendleiter(innen) es wahrhaben wollte.

Im Studium in Marburg Anfang der achtziger Jahre saß ich in Vorlesungen und Seminaren bei Wolfgang Huber, der sich damals intensiv mit Bonhoeffer auseinandersetzte und uns junge Studentinnen und Studenten daran teilhaben ließ. Ich schrieb eine Seminararbeit über Konziliarität bei Bonhoeffer und las dazu all die Texte aus den frühen dreißiger Jahren, als es um die innerkirchliche Auseinandersetzung mit den Deutschen Christen und damit um die Frage nach der »wahren« Kirche ging. In diesen Jahren veröffentlichte Huber auch sein Buch »Folgen christlicher Freiheit«, welches bis heute für mich in manchen Punkten wesentliches zur Aufgabe und Struktur der Kirche sagt und das von der Auseinandersetzung mit Bonhoeffer (und der Barmer Theologischen Erklärung) lebt.

Mitte der achtziger Jahre las ich dann die große Biografie von Eberhard Bethge, die auf vielen hundert Seiten das Leben und das Wirken Bonhoeffers darstellt. Damals fand ich die Ernsthaftigkeit dieses Theologen faszinierend, der Denken und Leben ganz eng zusammen dachte und bereit war, für seine Überzeugungen einzustehen.

In meiner Gemeindearbeit in den letzten zwanzig Jahren kam Bonhoeffer immer wieder mal vor. Texte von ihm verwendete ich in Predigten, sein Glaubensbekenntnis sprachen wir im Gottesdienst (seit es im Evangelischen Gesangbuch abgedruckt ist). Aber nach und nach entschwand er doch aus meiner alltäglichen Praxis. Auch in die Biografie von Bethge habe ich seit Jahren nicht mehr hineingeschaut. Von der in den letzten Jahrzehnten erschienenen Werkausgabe besitze ich keinen einzigen Band – die Preise sind einfach exorbitant. Ich dachte oft, wie schade, da ich doch wusste, dass diese Werkausgabe viele Texte Bonhoeffers noch einmal in einem anderen Licht erscheinen lassen als die frühen Ausgaben. Auch in der Arbeit an meiner Dissertation spielte Bonhoeffer überhaupt keine Rolle.

Und dann hörte ich Ende letzten Jahres von der Biografie »Bonhoeffer – Pastor, Agent, Märtyrer und Prophet« des Amerikaners Eric Metaxas. Sie wurde in manchen Rezensionen geradezu euphorisch gefeiert. Das machte mich zwar vorsichtig, aber neugierig war ich doch und wünschte es mir zu Weihnachten.

Anfang 2012 habe ich es dann in wenigen Tagen gelesen – mehr als 700 Seiten. Der Anfang hat mich reichlich irritiert, ich dachte, was schreibt der denn da…? Episch lange Beschreibungen über die Familie, die Wohnorte der Kindheit, das alltägliche Leben, vermischt mit zeitgeschichtlichen Notizen. Es hat gedauert, bis mich diese Mischung anfing zu faszinieren. Metaxas versucht, das Leben und Denken Bonhoeffers in einem ständigen Hin- und Her zwischen Theologie, Alltäglichkeiten und historischem Hintergrund lebendig werden zu lassen. Er zeichnet so ein lebendiges Porträt eines vielschichtigen Menschen, der seiner familiären Herkunft außerordentlich viel verdankt. Dabei gab es auch Brüche und Zweifel und wahrscheinlich auf depressive Momente. Das Hin- und Her der Wochen in Amerika im Juni/Juli 1939 vor der Rückkehr nach Deutschland schildert Metaxas z.B fast minutiös und eindringlich, ich spürte einen richtigen Knoten im Bauch, ahnte die Seelenqualen eines Menschen auf der Suche nach seinem Weg.

Besonders faszinierend fand ich die Beschreibung, dass Bonhoeffer seine Frömmigkeit, die er in »Gemeinsames Leben« beschrieben hat, bis zum Schluss praktiziert hat, aber sich stets von den »frommen« Verkürzungen auf das persönliche Glaubensleben nicht nur distanziert hat, sondern, ganz im Gegenteil, sich hierdurch herausgefordert fühlte, sich am Widerstand gegen Hitler aktiv zu beteiligen – eine Entscheidung, die ihn vermutlich nach dem Krieg seine Pastorenlaufbahn gekostet hätte, wenn er nicht hingerichtet worden wäre.

Vieles, vielleicht alles ist längst bekannt, auch Bethge hat dies alles bereits aufgeschrieben. Und doch ist das Buch spannend auch für mich zu lesen. Die Vielschichtigkeit der Persönlichkeit räumt mit manchen Mythen auf, die sich um Bonhoeffer ranken – so gibt es ja neben der Verkürzung auf eine fromme Innerlichkeit auch die andere, die sich an den wenigen Zeilen in Widerstand und Ergebung hochzieht und die Bonhoeffer als Vorreiter eines »religionslosen« Christentums verehrt(e).

Ich habe mich bei der Lektüre gefragt, wo ich die Unterschiede zu der Biografie Bethges festmachen würde. Ich kann nicht beurteilen, inwieweit Metaxas sich tatsächlich an den heutigen Stand der Bonhoefferforschung hält. Meine These lautet aber, dass er Bonhoeffer viel persönlicher zeichnet als Betghe vor mehr als vierzig Jahren. Eigentlich paradox, war doch Bethge einer der engsten Freunde, wenn nicht sein stärkster Vertrauter. Doch genau, so meine Vermutung, da ist der Unterschied markiert: der enge Freund hält sich zurück und schildert Bonhoeffer distanzierter, der heute lebende Journalist wagt es, Bonhoeffer viel persönlicher zu schildern.

Aus diesem Grund halte ich das Buch sowohl für Menschen interessant, die schon lange mit den Texten und Gedanken Bonhoeffers unterwegs sind, manch vertrautes wird noch einmal in ein neues Licht gestellt. Und für diejenigen, die sich erstmals mit dem Leben dieses evangelischen Theologen beschäftigen möchten, ist das Buch wegen seiner Mischung aus Denken, Leben und Zeitgeschichte spannend.

An seinem Leben bewahrheitet sich für mich in sehr anschaulicher Weise das Bild von Hannah Arendt, die davon spricht, dass wir mit all unseren Handlungen letztlich nichts anderes tun, als Fäden in ein Gewebe zu flechten, das andere vor uns bereits gewebt haben. Bonhoeffer hat ein einzigartiges Gewebe vorgefunden, in das hinein er geboren wurde und er hat Fäden hineingewebt, die bis heute sichtbar sind, von Menschen aufgenommen und weiterverwebt werden. Nicht jeder Mensch findet in seinem Leben ein solch reichhaltiges Netzwerk vor und kann auf solche Ressourcen zurückgreifen wie Bonhoeffer. Mit dem Vorbildcharakter ist es daher immer so eine Sache. Wo er aber Vorbild sein kann, das ist seine konsequente und entschiedene Art, aus seinem Glauben heraus zu leben und zu denken. Von Gott gehalten und getragen zu sein, gab ihm eine innere Freiheit, die es ihm ermöglichte seinen Überzeugungen zu folgen und treu zu bleiben – koste es, was es wolle. Nicht jeder von uns bezahlt damit am Ende mit seinem Leben, aber ich las grade gestern in einem Blog über die fünf Dinge, die Sterbende am meisten in der Rückschau bereuen ( Link zum Blog ). Ganz oben steht in der Rangliste:

»I wish I’d had the courage to live a life true to myself, not the life others expected of me.«

Ich glaube, Bonhoeffer hätte das am Ende seines kurzen Lebens nicht gesagt. Und ich möchte es später auch nicht sagen. Ich hoffe, es gelingt.

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