Beherrscht der Mensch die Technik oder die Technik den Menschen?

Beherrscht der Mensch die Technik oder die Technik den Menschen?

Vortrag beim Landesvorstand der Christlich demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) Hannover am 10. November 2017

  • 1. Annäherung

Technik wird von Menschen geschaffen und eingesetzt. Wird sie zum Wohle anderer eingesetzt? Oder um ihnen zu schaden? Oder um mich zu verteidigen? Wir Menschen haben verschiedene Gesichter. Gier, Gewalt und Egoismus gehören zum Alltag genauso wie Liebe, Mitgefühl und Kooperation. Waffentechnik und Kriegstechnik, mit der Menschen über Menschen herrschen können, waren immer schon ein großer Antreiber in der Technikentwicklung neben dem Interesse, das Leben mir selbst und/oder der Gemeinschaft leichter zumachen. Und der Neugier, sich neue Horizonte zu erschließen. Technik hat zugleich mit Macht zu tun, sie gibt Macht, es braucht Macht, sie einzusetzen. Beherrscht die Technik den Menschen oder der Mensch die Technik?

  • 2. Evangelische Kriterien ethischer Betrachtung

Luthers Ethik setzt bei der Freiheit eines Christenmenschen an, die ihm von Gott geschenkt wurde und wird und die den Christenmenschen damit direkt aus dankbarer Liebe an seinen Nächsten wendet. In dieser Zuwendung geht es darum, miteinander so zu leben und zu wirtschaften, dass das Allgemeinwohl gestärkt und erhalten wird. Evangelisch ist es für Luther, danach zu trachten, das rechte Maß zu treffen. Nichts liegt ihm ferner als eine Diktatur des Evangeliums aufzurichten, daher zielen seine evangelischen Ratschläge im Wesentlichen auf den Einzelnen, der christlich sein und werden will. Evangelisch ist es aber zugleich, sich den gesetzlichen Normen zu unterstellen, ja, diese im Sinne einer Allgemeinwohlorientierung zu fordern und zu fördern. Individualethik und Sozialethik behandeln sozusagen alle Themen und Fragestellungen aus einer je doppelten, aber aufeinander bezogenen Art und Weise. Das eine ohne das andere endet entweder in einer Art von gesinnungsethischen Weltvergessenheit oder in blanker Ideologie. Dabei gibt es keine Eigengesetzlichkeiten.

Evangelische Ethik ist grundsätzlich pragmatisch und abwägend, aber überall dort, wo die grundsätzliche Freiheit bedroht und gefährdet ist, auch durch Widerspruch. So konnte Luther u.a. Jakob Fugger und seine Zins- und Wucherpolitik auf das heftigste verbal attackieren. Luthers Kontrahent Müntzer zog aus der Beobachtung der massiven Armut und Unterdrückung der bäuerlichen Bevölkerung durch die Obrigkeit eine andere Konsequenz, für ihn gab es eine Grenze, nach der nicht nur Widerspruch, sondern Widerstand ethisch geboten sei. Für unsere Fragestellung: Beherrscht der Mensch die Technik oder die Technik den Menschen ist diese Grenze zumindest immer mitzudenken: wo besteht die Gefahr, dass Technik den Menschen so beherrscht, dass nicht nur Widerspruch angesagt, sondern Widerstand geboten sein könnte? Höchstwahrscheinlich, hoffentlich in der Gegenwart eine theoretische Grenze, die aber dennoch immer mitgedacht werden muss, damit wir nicht am Ende feststellen, dass wir uns pragmatisch-abwägend in die totale Abhängigkeit begeben haben – ohne es zu merken. Ich komme ganz am Ende noch einmal darauf zurück.

  • 3. Technik in der Gegenwart

Wir Menschen heute sind in einer Art und Weise von Technik abhängig, wie das für frühere Generationen undenkbar gewesen ist und teils in vielen Regionen der Welt bis heute undenkbar ist. In dem Roman „Blackout“ von Marcus Elsberg wird anschaulich geschildert, was geschieht, wenn der Strom in Mitteleuropa ausfällt. Nach spätestens vierzehn Tagen sind die meisten von uns tot. Kommunikation, Kühlschrank und vor allem die Klospülung funktionieren nicht mehr und das führt innerhalb kürzester Zeit zu massiven Ausfällen in unserer Infrastruktur. Beherrscht die Technik den Menschen? Nun, zumindest sind wir abhängig von Technik, und das frei gewählt – auch und vor allem, weil uns der technische Fortschritt erhebliche Wohlstandsgewinne verschafft hat. Das löst zwiespältige Gefühle aus, wenn ich anfange, hier tiefer nachzudenken. Und es gibt ja das keineswegs neue Phänomen einer Ambivalenz zwischen Technikbegeisterung und Technikangst, zwischen Euphorie und Apokalyptik. Bei Erfindungen wie Fahrrad, Auto, Film, Telefon, Fernsehen und Computer konnte diese Ambivalenz immer wieder beobachtet werden, oft bis in die Worte hinein mit den gleichen Argumenten, dass der Untergang unserer Zivilisation mit dieser neuen Technik eingeläutet wird, während andere den Himmel auf Erden nahe wähnten.

Es kommt aber heute noch etwas hinzu.

Früher verlief der technologische Fortschritt langsamer und eher über Generationen hinweg. Meistens gab es eine Schlüsseltechnologie – heute dagegen sind wir mit etlichen technologischen Umwälzungen gleichzeitig beschäftigt, die auch noch aufeinander einwirken und uns in ihrer Komplexität und Schnelligkeit als Gesellschaft und als Einzelne überfordern. Das führt dazu, dass wir das Gefühl haben, die Folgen unseres Handelns nicht mehr im Griff haben. Wir sehen uns nicht mehr als gestaltende Akteure gesellschaftlicher Veränderungen, sondern versuchen nur noch auf die irrwitzig schnellen Änderungen zu reagieren. Kein Wunder, dass die Entwicklungen uns zwischen Begeisterung und Angst hin und her schleudern. Ich nenne nur mal einige Errungenschaften jüngster Zeit und Sie können ja mal mitzählen, was Ihnen davon bekannt ist (die Liste folgt Lars Jaeger, Supermacht Wissenschaft, S. 22-24 u. 129)

• Die Medizintechnik kann Querschnittsgelähmte heute schon wieder gehen lassen.
• Allein mithilfe unserer Gedanken können Roboter gesteuert werden.
• Menschen können sich mithilfe von Neuro- und Bewusstseinstechnologien in Maschinen verkörpern und haben dabei das Gefühl, sie seien selbst die Maschine.
• Im Tierversuch gelang es bereits, Gehirne so zusammen zu schalten, so dass sie als ein einziges Gehirn agieren.
• Erinnerungen konnten in tierische Gehirne transferiert werden.
• Mithilfe neuer gentechnologische Methoden können bereits gezielt Augenfarbe, Körpergröße oder Intelligenz von Tieren manipuliert werden, theoretisch ist das auch beim Menschen möglich.
• Bakterien können zu 100 % künstlich hergestellt werden.
• So genannte Quantencomputer sind in der Entwicklung, welche in ihrer Leistungsfähigkeit heutige Computer um das Millionenfache überschreiten werden.
• Nanobots, Roboter so groß wie Viren, werden in lebenden Organismen eingesetzt, um dort beispielsweise Krebszellen zu bekämpfen.
• Fleisch und funktionsfähige Organe können heute schon in 3-D Druckern ausgedruckt werden.
• Das Twittern von Hirn zu Hirn ist bereits in Einzelfällen gelungen.
• Das autonome Fahren ist technisch ebenfalls möglich, wird erprobt und die rechtlichen bzw. ethischen Implikationen werden diskutiert.

All diese Entwicklungen – und es gibt ja noch viel mehr – haben erhebliche Konsequenzen für unser Zusammenleben und sie sind komplex verschränkt. Sie eröffnen Chancen und beinhalten Risiken. Und sie haben mit Machtfragen zu tun, mit Herrschaftsfragen.

  • 4. Zwei Beispiele

a) CRISPR/Cas9 (Genomchirugie)

Das Editieren von Genen im Erbgut war lange Zeit aufwendig, teuer und fehleranfällig. Das lag vor allem an der Schwierigkeit, den DNA-Strang exakt an der erwünschten Zielsequenz aufzuschneiden. Die Gentechnologie konnte neue DNA-Sequenzen nur mit einer Art „Schrotflinten-Methode“ in das zu behandelnde Genoms einbringen. Das war eher eine ungenaue Vorgehensweise. Genau hier lieferte die neue Methode den entscheidenden Durchbruch. Ursprünglich stammt das CRISPR/Cas9-System aus Bakterien. Es dient ihnen als eine Art Immunsystem, mit dem sie Angriffe von Viren erkennen und abwehren können. Vor fünf Jahren hatten zwei Wissenschaftlerinnen die geniale Idee, daraus ein molekularbiologisches Werkzeug zu entwickeln. Zur großen Überraschung funktioniert es nicht nur bei Bakterien, sondern universal bei allen lebenden Zellen – in denen von Tieren und Pflanzen, aber auch in menschlichen Zellen.

Wie genau funktioniert CRISPR/Cas9? Zunächst muss im riesigen Genom einer Zelle punktgenau die Stelle gefunden und angesteuert werden, bei der eine Änderung durchgeführt werden soll. Dazu konstruiert man eine geeignete „Sonde“, die der DNA-Abfolge der jeweiligen Zielsequenz entspricht. Wenn die Sonde diese Stelle „gefunden“ hat, dockt sie dort an, um den DNA-Doppelstrang genau an dieser Stelle mit einer molekularen „Schere“ zu durchschneiden – bei CRISPR ist es das Cas9-Protein, welches an die RNA-Sonde gekoppelt ist. Anschließend treten die zelleigenen Reparatursysteme in Aktion: Sie flicken den durchtrennten DNA-Strang wieder zusammen – allerdings in der Regel mit kleinen Fehlern. Die Folge: Das betreffende Gen kann nicht mehr richtig abgelesen werden und ist so blockiert. Ein Gen mit einem Krankheitsträger wird also nicht mehr richtig gelesen, die Krankheit bricht nicht aus. Möglich ist auch, einzelne DNA-Bausteine auszutauschen oder kurze Sequenzen neu in den DNA-Strang einzubauen, also z.B. blaue Augen durch graue zu ersetzen.

Die Anwendungsmöglichkeiten liegen auf der Hand: Heilung von Erbkrankheiten, Ausrottung von Krankheiten wie Krebs, Züchtung von Pflanzen mit bestimmten Merkmalen und so weiter und so fort. Ein spannendes Werkzeug also, in viele Richtungen zu gebrauchen, aber es kommt noch etwas hinzu:

„Trotz ihrer unvergleichlichen Potenz ist die CRISPR-Technik so einfach Hand zu haben, dass sie jedem Genlabor, ja bald vielleicht gar gymnasialen Schulklassen zu Verfügung stehen könnte. Das liegt im Wesentlichen daran, dass lediglich ein Erbgutabschnitt mit etwa 20 Nukleotiden (‚Buchstaben‘) synthetisiert werden muss statt ein vollständiges Protein, um die Ziel-Schnittstelle festzulegen. Die Herstellung eines geeigneten CRISPR-Komplexes für eine bestimmte Gensequenz dauert nur ca. drei Tage und kostet um die 20 €. Zuvor betrugen Dauer und Kosten Vielfaches davon.“ (Jaeger 81)

Der sich selbst so bezeichnende „Bio-Hacker“ Josiah Zayner verkauft bereits „Biologie-Baukästen“ mit denen Sie und ich zuhause Bakterien manipulieren können.1
Wahrscheinlich läuft Ihnen wie mir ein Schauer über den Rücken, wenn Sie von dieser Methode hören. Vielen Wissenschaftler/-innen ging es ähnlich, und sie setzten sich für eine Art Moratorium ein, um die ethischen Implikationen zu diskutieren: Wann und unter welchen Voraussetzung könnte CRISPR/Cas9 hilfreich und sinnvoll sein, welche begründeten Bedenken und Grenzen sind erkennbar?

Wolfgang Huber ist in einem Aufsatz diesen Fragen im Sinne evangelisch abwägender Ethik nachgegangen. Huber geht dabei davon aus, dass grundsätzlich zu unterscheiden ist zwischen der Genomchirurgie an Körperzellen und an Keimzellen:

„Genomchirurgie an somatischen Zellen ist in ihren Auswirkungen auf das jeweilige Individuum beschränkt; Eingriffe in die Keimbahn haben, wenn sich daraus Individuen entwickeln, Konsequenzen für alle Nachkommen dieser Individuen. Die lebensgeschichtlichen Implikationen von Keimbahneingriffen für die einzelne davon betroffene Person wie für ihre möglichen Nachkommen greifen unvergleichlich viel weiter, als dies bei genomchirurgischen Eingriffen in die somatischen Zellen eines Menschen der Fall ist.“ (Wolfgang Huber, Eine neue Ära? Ethische Fragen zur Genomchirurgie. In: Zeitschrift für evangelische Ethik 60/2016, S. 273)

Beim Einsatz dieser Technik stellt sich also die Frage: Wie viel Macht geben wir einer Technik, ggf. die ganze Menschheitslinie zu verändern?
Huber diskutiert die ethischen Probleme der Genomchirurgie an vier in der Medizinethik häufig angewendeten Prinzipien: Fürsorge, Schadensvermeidung, Selbstbestimmung und Gerechtigkeit. Ich will das nicht im Einzelnen durchgehen, nur zwei Aspekte herausgreifen.
Huber argumentiert zum einen mit dem „Vorsichtsprinzip“:

„Je präziser wir die künftigen Wirkungen möglichen Handelns einschätzen und eingrenzen können, desto klarer können wir dessen Verantwortbarkeit beurteilen. Je undeutlicher diese künftigen Wirkungen sind, desto mehr ist Vorsicht geboten. (…) Mit der Anwendung auf die menschliche Keimbahn (…) können sich langfristige Auswirkungen ungewisser Art und ungewisser Reichweite verbinden. (…) So lange solche Risiken weder ausgeschlossen noch in ihrem Ausmaß beschrieben werden können, ist ein international vereinbartes Verbot gentechnischer Eingriffe in die Keimbahn in einer moralischen Perspektive vergleichbar plausibel wie ein Verbot des Klonens.“ (Huber 277f.)

Damit ist ethisch eine Grenze gezogen, die im Blick auf gentechnische Eingriffe in Keimzellen Vorsicht angeraten sein lässt.

Zweitens: Huber fragt unter diesem Gesichtspunkt Gerechtigkeit nach der Unterscheidung von Therapie und Heilung einerseits und Verbesserung und Perfektion durch gentechnische Eingriffe und deren Finanzierung durch die Krankenkassen. Ausgehend von der Einsicht, dass Heilung und Therapie nicht immer eindeutig voneinander zu trennen sind, formuliert er:

„Der Gemeinschaft der Versicherten wird man nur die Finanzierung von Behandlungen zumuten, die zur Behebung von Krankheiten notwendig, medizinisch effektiv und in ihren Kosten vertretbar sind. Maßnahmen des Enhancement würden, wenn sie überhaupt zugelassen würden, nach meiner Vermutung auf absehbare Zeit von der Kassenfinanzierung ausgenommen sein. Sie wären dann also nur für Menschen erschwinglich, die sich diese zusätzlichen Kosten im eigenen Interesse oder im Interesse ihrer Kinder leisten könnten und wollten. Nehmen wir an, die Förderung von musikalischer Begabung, sportlichem Vermögen, wissenschaftlicher Exzellenz oder beruflicher Leistungsfähigkeit wäre tatsächlich durch positive Eugenik zu erreichen, dann würde gesellschaftliche Ungleichheit durch gentechnische Mittel verschärft. Befähigungsgerechtigkeit und daraus folgend Beteiligungsgerechtigkeit würden, zusätzlich zu ohnehin bereits gravierenden sozialen Unterschieden, auch noch durch den ungleichen Zugang zu Möglichkeiten des Enhancement beeinträchtigt.“ (Huber 279f.)

Wem gibt diese Technik welche Macht? Was kostet sie – und wen? Wer profitiert von ihr und in welcher Weise? Ich komme auf die Frage noch zurück, vorher aber noch das zweite Beispiel.

b) Quantencomputer und KI

Bei der Genomchirurgie taucht im Hintergrund die Frage auf: Wann ist der Mensch ein Mensch? Und wie lange bleibt der Mensch Mensch? Diese Frage ist auch im Blick zu halten in meinem dritten und letzten Beispiel technischer Entwicklung: der Quantentechnologie und der künstlichen Intelligenz (KI).
Diese Entwicklung ist zum Teil noch Science Fiction, weil noch niemand einen Quantencomputer gebaut hat, der funktioniert. Aber die Forschung ist dran und nach Einschätzungen von IBM wird es in ca. zehn Jahren Quantenprozessoren geben, die die Rechenkapazität heutiger Superrechner um ein Millionenfaches übertreffen. Ich verzichte darauf, an dieser Stelle die Hintergründe der Quantentechnologie zu erläutern, mir geht es um die ethischen Fragen, die solch eine dramatische Erweiterung der Datenverarbeitung aufwerfen. Denn KI bekäme einen ungeheuren Entwicklungsschub. Die Forschung unterscheidet zwischen schwacher und starker KI:

Schwache KI „löst konkrete Anwendungsprobleme des menschlichen Denkens, wofür sie komplexe Algorithmen anwendet. Sie erkennt zum Beispiel Gesetzmäßigkeiten in Mustern, Zeichen oder Sprache, erlernt und automatisiert einfache Handgriffe, (…) entwickelt Lösungsstrategien in Spielen wie Schach oder Go und findet Informationen in großen, ungeordneten Datensets. Indem sie mit Algorithmen intelligentes Verhalten in Maschinen simuliert, unterstützt sie in Einzelbereichen unser Denken. (…);

starke KI dagegen simuliert keine Intelligenz, sondern sie ist intelligent. Sie kann wie der Mensch kreativ nachdenken und dadurch etwas Originelles, vorher nicht dagewesenes Neues schaffen. In ihr finden somit echte geistige Prozesse statt.“ (Jaeger 212)

Nun ist es so, dass starke KI noch Zukunft ist und sich derzeit noch nicht erkennen lässt, ob und wann sie möglich ist, die Forscherinnen und Forscher sind hier unterschiedlicher Auffassung. Ich kann nachvollziehen, dass es eines „Sprungs“ bedarf, der aus reiner Datenverarbeitung geistige Prozesse werden lässt. Viele Forscher/innen halten dies derzeit unmöglich für „machbar“. Nun ist aber genau dieser Sprung irgendwann und irgendwie im Lauf der Evolution geschehen. Von daher fällt es mir schwer, grundsätzlich auszuschließen, dass es eines Tages Computersysteme geben könnte, die genau solche „Rechenleistungen“ wie sie in unseren Gehirnen ablaufen, möglich machen. Eine Grenze zwischen starker KI in diesem Sinn und dem Menschen, wie wir ihn kennen, könnte in der Emotionalität liegen, die untrennbar mit dem Körperempfinden und unseren sinnlichen Wahrnehmungen verbunden ist. Hier stellen sich viele Fragen, alles rein hypothetisch – aber es macht Sinn, allein die Möglichkeiten und Konsequenzen heute ethisch mit zu reflektieren, um vorbereitet zu sein, wenn doch möglich wird, was unmöglich scheint.

Aber allein im Bereich der schwachen KI sind bereits heute atemberaubende Fortschritte gemacht worden, die sich mit Hilfe der Quantentechnologie noch einmal in nicht vorhersehbarer Weise exponentiell ausweiten werden. Nach und nach wird uns bewusst, dass KI bereits heute erheblich auf unseren sozialen Alltag einwirkt. Facebook präsentiert mir maßgeschneiderte Nachrichten aus meiner Filterbubble, Google schlägt nach einem für mich nicht nachvollziehbaren Algorithmus Suchergebnisse vor, Bots nehmen in Wahlkämpfen Einfluss auf Wählerinnen und Wähler oder versuchen es zumindest. Und mit jeder Erfahrung „lernen“ die Systeme hinzu. Da geht es dann um die Frage: Welche Macht wird mit dieser Technik ausgeübt? In welchen Händen liegen die Machtmittel? Und wer kontrolliert, reguliert diese Machtmittel?

Viele Menschen haben das Gefühl, dass sie durch Techniken „beherrscht“ werden, aber auch, dass sie sich ihnen verweigern können. Nun kann jede und jeder für sich entscheiden, nein, Alexa lasse ich nicht in mein Wohnzimmer und schon gar nicht in mein Schlafzimmer und WhatsApp installiere ich nicht auf meinem Smartphone. Aber insgesamt kann ich mich in dieser Gesellschaft diesen Entwicklungen nicht entziehen und zugleich ahnen wir, dass wir die Technik nur bedingt kontrollieren können. Aber hinter der Technik stehen Menschen, die Technik interessengeleitet einsetzen, aus ökonomischen, politisch-strategischen, militärischen Erwägungen. Wer kontrolliert diese Menschen?

Evangelisch abwägend drehe ich mich nun aber um und sage:

Auf der anderen Seite könnte aber KI vielleicht zu rationalen, vernünftigen, pragmatischen Lösungen für Probleme wie Klimaerwärmung, soziale Ungerechtigkeit, Ernährung der Weltbevölkerung kommen, auf die wir Menschen „allein“ nicht kommen. Beim autonomen Fahren wird das zB diskutiert mit der Hoffnung auf weniger Unfälle intelligentere Streckennutzung und somit CO2-Vermeidung, alles Auswirkungen, die uns Menschen zugute kommen (können/könnten), ein Beitrag zum guten Leben, zum Allgemeinwohl? Warum nicht auch Technologie auf andere Problemfelder ansetzen? Wohlgemerkt, alles noch im Bereich der schwachen KI, in denen Menschen Maschinen programmieren, ihnen Fragestellungen vorgeben.

Die Problematik liegt insbesondere in der Tatsache, dass sich der technologische Fortschritt atemberaubend schnell entwickelt, sowohl exponentiell als auch in komplexer Verschränkung, so dass wir Menschen mit unseren geistigen Fähigkeiten, der ethischen Reflexion und der Suche und Vereinbarung nach politischen Regelungen nicht mehr hinterherkommen.

Chancen und Risiken im Bereich der prognostizierten Entwicklungen von schwacher und starker KI scheinen alptraumhaft komplex zu sein, so dass sich die Frage stellt, ob sie überhaupt ethisch angemessen reflektiert werden können. Ich sehe die Gefahr, dass sich die Dinge „einfach so“ entwickeln, weil gesetzliche Regelungen nicht mehr hinterherkommen, zugleich es vermutlich immer jemanden geben wird, der ein Interesse daran hat, dass Mögliche auch Wirklichkeit werden zu lassen. Im Bereich von schwacher KI beherrscht immer noch der Mensch die Technik, fragt sich nur welche Menschen und mit welchen Interessen. Erst wenn es doch eines Tages den Sprung zu starker KI geben sollte, dann allerdings stellt sich Frage nach Herrschaft durch Technik „an sich“ über Menschen in neuer Form.

  • 5. Schlussbetrachtung

Ich möchte zum Schluss zwei Aspekte eher grundsätzlicher Natur mit Ihnen bedenken.

a) Was ist der Mensch, was soll er sein?

Mit einer Gruppe von Männern habe ich im letzten Jahr die Roboter-Ausstellung des DASA in Dortmund besucht und wir hatten dabei das Glück, einen exzellenten Führer zu haben. Er sagte zu Beginn: „Zunächst werden Sie begeistert sein, von dem, was Sie hier sehen und was ich Ihnen nahe bringe. Doch glauben Sie mir, in einer Stunde, am Ende der Führung werden Sie sehr nachdenklich die Ausstellung verlassen.“ Und genauso kam es. Sehr schweigsam setzten wir uns erst einmal reichlich mit uns selbst beschäftigt ins Cafe. Was war geschehen? Nun, unser Führer zeigte uns am Ende die Möglichkeiten der Verbesserung und der Perfektionierung des Menschen durch Prothesen, künstliche Organe usw. auf. Und er fragte: „Was ist denn, wenn künstliche Beine uns wesentlich schneller und länger laufen lassen als meine eigenen Beine? Was ist, wenn künstlich gezüchtete Herzen, Nieren und Lebern leistungsfähiger sind als meine eigenen? Was ist, wenn die Wahrnehmungsfähigkeit meiner Augen und Ohren erheblich verbessert werden kann? Bin ich dann am Ende ein besserer, weil leistungsfähiger Mensch? Besteht nicht recht schnell nicht nur der Wunsch, sondern auch die moralische Verpflichtung, sich so verbessern zu lassen, auch im Blick auf meine Leistungsfähigkeit der Gesellschaft gegenüber? Und vor allem, ist der Mensch dann noch ein Mensch, wenn z.B. mehr als die Hälfte seiner inneren Organe, äußeren Glieder und Wahrnehmungsorgane durch bessere ersetzt wurden?“

Hier wird eine ganz neue Entwicklung erkennbar:

„Hat der Mensch in den letzten 250 Jahren durch Wissenschaft und Technologie seine Umwelt und seine Lebensbedingungen massiv verändert, so waren dabei das biologische und psychisch-geistige Fundament seines Wesens und seiner Subjekthaftigkeit weitestgehend unberührt geblieben. Aber nun wird der Mensch zum ersten Mal in der Geschichte tatsächlich selbst Gegenstand technologischer Entwicklungen. (…) Diese Eingriffe in unsere Psyche, unsere Genetik und unser Denken stellen jeden von uns, unsere Kinder und Kindeskinder in unserem Wesen als Mensch grundlegend in Frage: unseren Körper in seiner eigenständigen Individualität, unsere Freiheit, unser Erleben und Fühlen, (…) also all das, worüber wir uns bisher als menschliche Subjekte definiert haben. Wir sind auf dem Weg, einen neuen Menschen zu schaffen. Eine grundlegende Veränderung unserer Biologie, unserer Psyche und Wahrnehmung, unseres Bewusstseins und unserer gesamten Identität zeichnet sich bereits ab.“ (Jaeger 156f.)

Es geht weniger in Zukunft um die Frage: Was ist der Mensch?, sondern um die Frage: Was soll er denn sein? Und wann und wie lange ist ein Mensch (noch) ein Mensch? Wenn er durch vielfältige „Verbesserungen“ aufgebohrt und getunt wird, sagen wir zu 50, 70, 80% durch technische Gerätschaften, „Ersatzteile“…? Und für wen wird das zugänglich, wer bezahlt die Verbesserung des Menschen? Und herrschen diese verbesserten Menschen aufgrund ihrer erworbenen Fähigkeiten dann über das „normale“ Volk, dass sich das nicht leisten kann?

Diese Fragen haben auch mit einer Traditionslinie zu tun, die mit Luther und der Reformation begann, der Ausrichtung an einem egozentrischen Individualismus:

„Diente das anthroprozentrische Weltbild seit Jahrhunderten der Befreiung von dogmatischen Zwängen religiöser und intellektueller Unterdrückung und ermöglichte dabei ebenso eine bedeutende Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen, so schuf es zugleich den Legitimationsraum für einen egozentrischen Individualismus und eine ichbezogene Vorstellung von Freiheit, die eine kollektiv-vernünftige Reaktion auf Bedrohungen wie die drohenden globalen ökologischen Umwälzungen sehr schwierig erscheinen lässt.“ (Jaeger 324)

An vielen Stellen bricht der Gedanke derzeit auf, und vielleicht ist es Hoffnungszeichen, dass wir wieder mehr vom Ich zum Wir kommen müssen, ein Gedanke der absolut mit dem Grundverständnis evangelischer Ethik übereinstimmt, der Orientierung am Nächsten und damit am Allgemeinwohl statt am Egoismus, sei es auf individueller Ebene oder im Blick auf Regionen und Nationen – „America first!“ ist aus evangelischer Sicht undenkbar.

b) Dürfen wir alles, was wir können? Und wenn nein, was folgt daraus?

Letztlich stehen wir wieder vor einer grundlegenden Frage: Dürfen wir überhaupt alles machen, was wir technisch machen können? Schon im Bereich der Nutzung der Atomenergie standen wir aufgrund der möglichen langfristigen Auswirkungen vor dieser Frage und wir haben auch dort gelernt: Leider gibt es keine einfache Antwort. Und heute?

Doch können wir überhaupt noch die Büchse der Pandora geschlossen halten? Ist sie vielleicht längst in geheimen Laboren geöffnet? In der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung hieß es in der letzten Woche:

„Das Pentagon und der Internetkonzern Google planen offenbar enorme Investitionen in die künstliche Intelligenz, um gemeinsam die Militärtechnik zu revolutionieren. In einer Debatte der Washingtoner Denkfabrik ‚Center for a New American Security‘ betonte Eric Schmidt, Vorsitzender der Google-Muttergesellschaft Alphabet, dass die Sicherheit künftig in entscheidendem Maße von der künstlichen Intelligenz abhänge. Selbsthandelnde und selbstentscheidende Roboter würden zu einer enormen Herausforderung werden. Und die Vereinigten Staaten, die für sich in Anspruch nehmen, die schlagkräftigste Armee der Welt zu unterhalten, seien in Gefahr, ihren Vorsprung in dieser Technologie zu verlieren. Ganz offen spricht Schmidt den stärksten Mitbewerber an: Das chinesische Militär habe ein Programm zur künstlichen Intelligenz aufgelegt, das bis 2020 auf Augenhöhe mit den amerikanischen Neuentwicklungen stehen soll. ‚Die chinesische Führung prescht energisch voran. Bis 2025 will sie in dieser Technologie das US-Militär überrunden und ab 2030 den Markt der künstlichen Intelligenz dominieren‘, so Schmidt. Es sei daher höchste Zeit, dass die eigene Armee entsprechende Aufträge an die private Industrie vergibt, um in diesem Wettlauf auch weiterhin die Nase vorn zu behalten.“ (HAZ vom 3. November 2017)

Was folgt daraus?

Aus protestantischer Ethik, die vom Dienst am Nächsten ausgeht, muss trotzdem zuallererst ein sachgerechter Pragmatismus gefordert werden. Dieser beinhaltet die Bereitschaft, sich auf die komplexen Fragestellungen einzulassen und auch die Machtfragen mit im Blick zu halten: Wer hat die Macht die Technik? Wem gibt Technik Macht? Dienst als Zuwendung zum Nächsten aus Liebe heraus ist keineswegs voraussetzungslos, sondern höchst anspruchsvoll. Es geht nicht um Gesinnung und nicht um Ideologie, nicht um einfache Antworten, sondern um die Frage: Wie können heute und in Zukunft und unter welchen Voraussetzungen Menschen gut leben? Welche Regelungen und Haltungen sind dafür erforderlich, wo ist ggf. auch Widerspruch oder gar Widerstand zu leisten?
So weit so gut – doch was ist, wenn das „Programm“ evangelischer Sozialethik mit seinem abwägenden und sich an einem vernünftigen Maß orientierendem Pragmatismus selbst an seine Grenzen kommt angesichts der Herausforderungen, vor denen wir heute stehen?

In der ZEIT stand vor zwei Wochen ein Artikel von Bernd Ulrich „Die Wahrheit auf sechs Beinen“ (ZEIT 44/2017, S. 3). Dort ging es um das Insektensterben und die Frage, warum die Politik diese Thematik nicht aufgreift. Bernd Ulrichs Antwort lautet: Die Politik hat den Sinn fürs Radikale verloren, weil ihr ein breiter Konsens und die mittlere Vernunft wichtiger sind. Zitat:

„Unglücklicherweise zeigen sich die demokratischen Dilemmata der mittleren Vernunft, der kleinen Schritte, des maßvollen Kompromisses heute nicht nur bei der Ökologie. Auch das globale Bevölkerungswachstum, die explodierenden Ansprüche der Menschen aus den früheren Demutszonen der Erde – alles führt in dasselbe Problem: dass nämlich sehr oft nur das Radikale das Realistische, nur das Rasche besonnen und nur das Riesige groß genug ist.“

Es bleibt für uns als Menschen eine offene Frage, wo die Grenzen zu ziehen sind zwischen dem vernünftigen Maß und der Abwägung verschiedener Alternativen einerseits und dem Widerstand und Protest gegenüber Entwicklungen andererseits, die uns als Menschheit und im Blick auf das Leben auf diesem Planeten insgesamt im Blick auf künftige Generationen menschlichen, tierischem und pflanzlichen Lebens bedrohen.

Ich wechsle ein letztes Mal die Perspektive und frage:

Bleibt aber nicht umgekehrt zugleich die beunruhigende Frage, ob wir uns nicht an der Schöpfung „versündigen“, wenn wir die uns bietenden Möglichkeiten nicht einsetzen, um Lösungswege für die Herausforderung allein des Klimawandels und seiner Folgen für das Leben auf diesem Planeten zu finden, Lösungen, auf die wir als Menschen „allein“ nicht kommen. Ist dann nicht aus evangelischer, schöpfungstheologischer Sicht geradezu Widerspruch, ja Widerstand gegen das Prinzip des mittleren, vernünftigen Maß angesagt – weil es um die Zukunft der Lebensmöglichkeiten von Menschen, Tieren und Pflanzen geht?

Viele Fragen, schwierige Fragen. Wer hat Antworten?

Manchmal ist es erst mal einmal wichtig und richtig, die Fragen über zu identifizieren und zu stellen, um die es geht. Beherrscht der Mensch die Technik oder die Technik den Menschen? Aus meiner Sicht ist dies eine Frage, die immer wieder zu stellen ist, damit sie wach gehalten wird und wir wachsam bleiben.

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Essayistische Anmerkungen zu: Macht Kapital Politik. Die Zerstörung der Demokratie (Harald Trabold)

Ich bin zufällig auf dieses Buch gestoßen. Irgendwer postete auf Facebook, das es lesenswert sei. Neugierig guckte ich nach und als ich sah, das Trabold in Osnabrück lehrt, habe ich es sofort bestellt. Ich habe es verschlungen, obwohl es schwer verdaulich ist. Was aber nicht am Autor, sondern am Inhalt liegt.

Trabold nimmt eine Unterscheidung zwischen Marktwirtschaft und Kapitalismus vor. Dies scheint mir sehr hilfreich, gegenwärtige Phänomen und Entwicklungen in den Blick nehme zu können. Seine These lautet, dass der Kapitalismus dabei ist, die Demokratie zu unterwandern und die Macht zu übernehmen. Dazu zeichnet er die Geschichte des Kapitalismus nach, analysiert das Wesen von Macht und Demokratie und beschreibt die vielfältigen Instrumente, mit dem das System des Kapitalismus nach der Macht greift.

Kaum etwas ist neu in diesem Buch, aber die Zusammenschau macht eindringlich klar, wie weit es Neoliberalismus und Finanzkapitalismus gebracht haben. Vor ein Jahren las ich Naomi Kleins wütendes Buch: „Die Schockstrategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus“. Sie zeichnet dort die schier unglaubliche Geschichte des Neoliberalismus nach. Ich war entsetzt und wurde (auch) zornig. Trabolds Buch ist dagegen staubtrocken, diagnostiziert und beschreibt nüchtern. Die Langzeitwirkung dürfte höher sein. Die Gesamtschau hilft, verstreute Einsichten zu bündeln. Natürlich wird es reichlich Gelegenheiten geben, im Detail Kritik zu üben. An der Richtung insgesamt dürfte aber kaum einen Zweifel bestehen. Wer mit offenen Augen durch unsere Zeit geht, wird nicht umhin kommen als Trabold zuzustimmen. Es sei denn, mann/frau gehört dem kleinen Kreis derer an, die vom System nachhaltig profitieren.

Ich will keine „klassische“ Rezension schreiben, sondern einige Gedanken benennen, die durch die Lektüre in mir wach gerufen wurden.

Zeitdiebstahl
Trabold beschreibt u.a. die Masche des Kapitalismus, uns Menschen die Zeit zu stehlen – damit wir nicht zum Nachdenken und damit zur Abkehr vom Dauer-Shoppen und Konsumieren kommen. Der Kapitalismus knüpft hier geschickt an die Sehnsucht des modernen Menschen an, die Hartmut Rosa so beschreibt:

„Das Leben in all seinen Zügen, seinen Höhen und Tiefen und seiner Komplexität auszukosten wird zum zentralen Streben des modernen Menschen.“ (Rosa bei Trabold, 363)

Das führt zu einem Zwang permanenter Selbstreflexion. Diese kann sich im Rahmen des Systems bewegen oder denselben überschreiten. Dazu muss aber zunächst die eigene Verwicklung erkannt werden. Innerhalb des kapitalistischen Systems gibt es nur drei Verwendungszwecke für Zeit: Arbeitszeit, Konsumzeit und physische Erholung. Denn:

„Der Kapitalismus hat ein massives Eigeninteresse daran, dass Menschen so viel Zeit wie möglich für Produktion und Konsum aufbringen, sich also Dingen widmen, die den Wirtschaftskreislauf in Schwung halten. (… Er stiehlt) dadurch den Menschen aber die (…) Zeit, die sie verwenden könnten, sich an demokratischen Prozessen zu beteiligen oder der Politik und der Wirtschaft auf die Finger zu schauen.“ (361f.)

Hier liegt die perverse Verwirrung der Realität: Da wir uns ein erfülltes Leben im Diesseits wünschen, nutzen wir die Zeitersparnis, die uns die verbesserten Produktionsformen bieten nicht zum Müßiggang, sondern um noch mehr zu produzieren oder zu konsumieren. Als gäbe es nichts anderes mehr auf der Welt, was zählt.

Verhinderung von Bildung als Kernproblem
Der Kapitalismus hat es weit gebracht in der Vernebelung der Wirklichkeit. Unser Bildungswesen, so Trabold, vermittelt Wissen, aber keine Bildung mehr. Ein Prozess, den ich Ende der siebziger Jahre selbst am Ausgang meiner Schulzeit miterlebt habe. Ich habe im „roten“ Hessen noch an meiner gymnasialen Oberstufe vieles von dem kennengelernt, was Trabold als sinnvoll erachtet, vor allem: Kritisches Denken zu lernen. Drei Jahre später, nach der „geistig-moralischen Wende“ unter Helmut Kohl hat mein Bruder an der gleichen Schule Abitur gemacht. Seine Oberstufenzeit war schon deutlich naturwissenschaftlicher orientiert, d.h. die Vermittlung von Wissen im Bereich Physik, Chemie, Mathematik wurde nun höher bewertet im Sinne der Vorbereitung auf ein Studium als ich es erlebt hatte. Heute interessiert Vernunft kaum jemanden mehr. Rankings sind alles was zählen, auch im Bildungswesen. Die Diskussionen um TTIP z.B. werden mit vielen Sachargumenten vorgebracht, aber weitgehend ignoriert. Aber Schwarzwälder Schinken aus Ohio? Da schlagen die Emotionen hoch, das bewegt, nicht die internationalen Schiedsgerichte. PEGIDA ist deswegen so „gefährlich“ weil es Emotionen berührt und schürt. Schwer zu kontrollieren. Gegen Vernunft hilft Geld und Propaganda. Gegen Emotionen? Beschwichtigung oder Einschüchterung. Hauptsache, Ruhe. Angst lässt sich nur schwer ignorieren. Vielleicht unterdrücken. Oder mit Konsum still stellen.

Dämonie, Kirche, Zeitgeistanfälligkeit
Trabold beschreibt in seinem Buch Mechanismen „des“ Kapitalismus, so dass man den Einruck bekommen kann, hier handele eine „Person“. Das ist ganz sicher nicht so, auch wenn viele Einzelpersonen und Einrichtungen ein Interesse daran haben, das heutige vorherrschende System es Kapitalismus beizubehalten. Dennoch beschlich mich das Gefühl, das hier ein System beschrieben wird, in dem eine Geisteshaltung personale Züge zu tragen scheint.
Neu ist das nicht. Während der Arbeit an meiner Dissertation las ich bei Dorothee Sölle in ihren Schriften aus den achtziger Jahren vom „militärisch-industriellen Komplex“, der ebenfalls dämonische Züge zu tragen scheint. Auch aus den Kirchen des Südens werden solche Fragen bis heute immer wieder gestellt. Im Vorfeld der Globalisierungssynode der Evangelischen Kirche in Rheinland wurde lange heftig um den „Status“ des kapitalistischen Systems gestritten. Gibt es eine kritische Ko-Existenz oder hat das System solch zerstörerische Auswüchse angenommen, dass nur noch entschieden „Nein“ gesagt werden kann? (Für die Insider: der Streit ging um die Frage „status confessiones“ oder „processus confessones“.) Die Synode entschied sich für die Ko-Existenz, wohl wissend, dass ein Nein einen „Ausstieg“ nach sich ziehen müsste, der schon rein praktisch nicht zu gestalten ist.
Genau das aber berührt das Problem, dass an vielen Stellen das Verhältnis von Kirche zur Ökonomie ungeklärt ist. Traugott Jähnichen hat in einem Aufsatz überzeugend dargelegt, dass der deutsche Protestantismus seit Jahrzehnten zeitgeistanfällig ist, und daher aktuell in der Gefahr der Ökonomisierung steht. (Die Parallelität von gesellschafts- und kirchenreformerischen Diskursen im 20. Jahrhundert : ein Beispiel der Zeitgeistanfälligkeit des deutschen Protestantismus? In: Karle, Isolde (Hrsg.): Kirchenreform. Interdisziplinäre Perspektiven. )
Doch was folgt daraus? Vielleicht dies: Die Unterscheidung zwischen Kapitalismus und Marktwirtschaft ist auch für den innerkirchlichen Diskurs hilfreich, um die eigene Verstrickung ins System zu analysieren und Wege zu beschreiten. Ansätze gibt es an vielen Stellen, so im Bereich des Klimamanagements oder des ethischen Investments.

Die politische (Macht-) Dimension der Care-Ökonomie
Die Unterscheidung zwischen Marktwirtschaft und Kapitalismus ist zum einen als These hilfreich, weil ich so die gegenwärtige Wirklichkeit analysieren kann, innerkirchlich wie gesamtgesellschaftlich. Zum anderen erlaubt sie, die Anliegen von Care-Ökonomie oder einer am sich am Haushalt orientierenden Marktwirtschaft sinnvoll in den Diskurs um „anständiges Wirtschaften“ (so ein Buchtitel von Hans Küng) einzubringen, oder anders gesagt ins Nachdenken über das gute Leben aller. Der monolithisch wirkende Block der gegenwärtigen Kapitalismusdiskussion kann so aufgebrochen werden, die Kurzsichtigkeiten beschrieben und Alternativen eingebracht werden.
Trabold deutet die Sinnhaftigkeit von Care-Ökonomie an. Allerdings kommt mir etwas zu kurz, die politische Dimension und das Machtpotential zu beschreiben, die hier enthalten ist. Die feministische Ökonomin Mascha Madörin hat dies in einem aktuellen Interview wieder einmal auf den Punkt gebracht:

„Ich beobachte, dass Care-Ökonomie meistens nur als eine soziale Frage, nicht als eine ökonomische diskutiert wird. Das hat zur Folge, dass Care-Arbeit als zentraler Begriff verschwindet, insbesondere dann,wenn es sich dabei um unbezahlte Arbeit handelt. (…)
Die Menschen leisten definitiv mehr unbezahlte Arbeit als bezahlte. In der Schweiz macht die unbezahlte Arbeit, in Marktlöhne umgerechnet, mehr aus als das gesamte Arbeitnehmerentgelt, wie es in der Berechnung des Bruttoinlandsprodukts erfasst ist. Frauen verrichten insgesamt fast siebenmal mehr unbezahlte Arbeit als es bezahltes Arbeitsaufkommen etwa im Gesundheitssektor gibt. Hinzu kommt die bezahlte Care-Arbeit. Allein schon diese Dimension macht deutlich, welche Aufgabe vor uns liegt. (…)
Die Care Ökonomie geht davon aus, dass Sorgearbeit ein substanzieller Teil der Produktion der materiellen Bedingungen des Lebens ist und damit des Lebensstandards. Meine Berechnungen zeigen, dass der Wert der unbezahlten Arbeit in den Haushalten größer ist als deren Ausgaben für den Konsum! US-Statistiken zeigen beispielsweise eine dreifache Abwärtsspirale für die working poor, die trotz Arbeit armen Menschen: Erstens sinkt das Haushaltseinkommen der Geringverdiener, zweitens gehen die staatlichen Ausgaben für die Daseinsvorsorge, für Schulen oder Krankenhäuser, zurück, all das also, was den Haushalten gratis vom Staat zur Verfügung gestellt wird. Und vor allem steht drittens den Armen immer weniger Zeit zur Verfügung, um für das Wohlbefinden der Haushaltsmitglieder, um für das Wohlbefinden der Haushaltsmitglieder, Erwachsener wie Kinder, zu sorgen. Denn die Menschen müssen, um ein bestimmtes Einkommen zu erzielen, immer mehr Erwerbsarbeit leisten. Die Folgen dieser dreifachen Abwärtsspirale sind noch gar nicht absehbar.“ (https://www.freitag.de/autoren/ulrike-baureithel/es-geht-um-mehr-als-markt-und-staat)

Die Care-Ökonomie ist aus meiner Sicht ein Blickwinkel, der mit dazu beiträgt, die Einseitigkeiten des vorherrschenden Systems nicht nur aufzudecken. Mit der Care-Ökonomie eröffnet sich ein weiter Bereich des Wirtschaftens, der eben weder kapitalistisch noch marktwirtschaftlich sinnvoll beschrieben und gestaltet werden kann. Mit Ina Praetorius und anderen zusammen bin ich der Meinung, dass das Bild des Haushalts hier als Leitbild geeignet ist. Im Rahmen des Haushalten finden auch marktwirtschaftliche Aspekte ihren sinnvollen Platz. Aber nicht umgekehrt.

Meine Nähe zu Ina Praetorius macht vielleicht am besten dieser Blogbeitrag deutlich: https://blogmatthiasjung.wordpress.com/2013/10/06/erntedank-care-okonomie-und-ein-haufen-gold/. Der Gedanke vom Haushalt, der ursprünglicher ist als der Markt, findet sich in dieser Thesenreihe unter Punkt 8: https://blogmatthiasjung.wordpress.com/2012/10/22/10-theologische-thesen-zu-gegenwart-und-zukunft-der-arbeit/. Oder ausführlicher in meiner Dissertation: Entgrenzung und Begrenzung von Arbeit, S. 213-239

Die positive Rolle von Religion(en)
Trabold verfolgt die Frage, wie sich die Entwicklung hin zum Kapitalismus auf die Demokratie auswirkt. Logischerweise werden so andere Fragestellungen ausgeblendet. Zum Beispiel wäre es lohnend, die These von der Doppeldeutigkeit von Religion stärker zu beleuchten. Einerseits deutet Trabold an, dass auch religiöse Führer (in aller Regel Männer) Macht über Menschen ausgeübt haben und ausüben. Andererseits stellt er fest, dass der Aufstieg der Moderne und des Kapitalismus ohne die Wende von der Jenseits- zur Diesseitsorientierung nicht möglich gewesen wäre. Die mögliche positive Rolle von Religion – und ich schaue noch mal spezifischer aus Sicht der Kirche(n) – im Zuge der Wiedergewinnung der Demokratie wird nicht beleuchtet. Nur ein Schlaglicht: in der PEGIDA-Diskussion wird die These diskutiert, ob das Erstarken dieser Bewegung insbesondere in Ostdeutschland auch mit der schwachen Rolle der Kirche(n) zusammenhängen könnte. Pointiert z.B. aktuell von Holger Pyka:

„In Dresden sind heute keine 300, sondern 18.000 Pegida-Anhänger aufmarschiert. Vielleicht liegt es auch daran, dass sie dort keine Kirchen mehr haben, die das Licht ausmachen können.“
http://kirchengeschichten.blogspot.de/2015/01/erfolgreich-quergestellt-oder-als-meine.html

Religion wird in unserer Gesellschaft zur Zeit – aus meiner Sicht – vor allem aus zwei Zerrbildern betrachtet: einem erlahmten, langweiligen landeskirchlichen Christentum und einem aggressiven Islam. Beides greift viel zu kurz, weil die positiven Aspekte, auch und gerade im Bereich Bildung und kritischem Engagement nicht zur öffentlichen Geltung kommen. Leider beobachte ich auch, dass sich – zumindest die evangelische – Kirche im Zuge der Spar- und Strukturdiskussionen aus dem Bereich der Medien zurückzieht. Aus meiner Sicht ein fataler Fehler, Trabold zeigt auf, wie die 4. Macht nach und nach ebenfalls vom Kapitalismus vereinnahmt wird und unabhängige Medien zurückgedrängt werden. Manachmal habe ich das Gefühl, „wir“ als Christinnen und Christen, als Kirche sind uns der „Macht“ die wir haben und die wir einsetzen (können), nicht oder kaum bewußt.

Die politische Chance von Social Media
Ein letzter, kritischer Gedanke. Merkwürdigerweise blendet Trabold die Chancen komplett aus, die sich mit der Nutzung der sozialen Netzwerke eröffnen. Insgesamt spielt die Digitalisierung unserer Wirklichkeit im Buch kaum eine Rolle.
Natürlich ist leicht nachweisbar, dass der Kapitalismus auch hier versucht, seine Ideologie zu verbreiten. Und natürlich hat er mehr finanzielle Möglichkeiten als andere, kapitalismuskritische oder marktwirtschaftlichfreundliche Institutionen. Man schaue aber nur mal die Kommentare unter dem Facebookauftritt der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“. Sie strotzen von Gegenargumenten. Es gibt sie also, die Menschen, die denken. Und sie vernetzen sich. Ich selbst habe aus den Diskussionen und „Gesprächen“ über die sozialen Medien wesentliche und wichtige Einsichten erhalten, die mir sonst verwehrt geblieben wären. Das Netz ist in seiner Vielfalt trotz aller Probleme mit Datenschutz und Cyberattacken ein guter Ort und ein hervorragendes Instrument, zur Bildung im Sinne Trabolds beizutragen. Schade, dass dies von ihm nicht stärker betont wird. Aus meiner Sicht ein klares Manko. Aber das einzige.

P.S.
Der Text ist parallel mit einem zweiten Beitrag entstanden, in dem es stärker um einen Gedanken aus Buch von Harald Trabold ging, den Zeitdiebstahl. Er ist noch nicht ganz fertig, erscheint am Wochenende.

Was ist so faszinierend an »The Killing«?

In den letzten drei Wochen habe ich die dänische Krimiserie The Killing… – geschaut trifft es nicht wirklich. Ich habe sie gefressen, bin eingetaucht oder wie auch immer. Ich bin sonst nicht der Serienfreund, weil du verpasst eine Sendung und dann hast du eine Lücke und so weiter. Und hier lief das immer donnerstags und freitags, drei oder vier Stunden am Stück. Zum Glück waren die Folgen bei arte hinterher als Stream ins Netz gestellt, so dass ich eine Woche Zeit hatte, hinterherzuschauen. Was ich auch getan habe, zum Teil gänzlich gegen meinen eigenen Schlafrhythmus bis weit nach Mitternacht. Irgendwann habe ich angefangen mich zu fragen: Was ist eigentlich mit dir los, was fasziniert dich eigentlich so daran?
Meine Frau fragt dann immer:  Beschreib das möglichst genau und geh dann der Frage nach, was der Kern für dich ist. Der Wesenskern, die Essenz. Ich hab dies getan und sechs Punkte notiert. Und den Kern versucht zu finden.

1. Nichts ist mehr so wie es vorher war

The Killing beschreibt eine unheilvolle Mordgeschichte. Ein junges Mädchen, Nanna, wird ermordet, die Sache ist verzwickt, unzählige Personen sind verwickelt und am Ende ist nichts mehr, aber wirklich gar nichts mehr wie es vorher war. Die Auflösung ist am Ende simpel, der Mörder kommt wie so oft aus dem direkten familiären Umfeld. Aber bis das zu Tage tritt, wird eine Menge aufgedeckt, aufgerührt, durcheinandergebracht. Unter der dünnen Oberfläche der scheinbar heilen Welt einer Familie, einer Kommissarin und eines hoffnungsvollen Bürgermeisterkandidaten schlummern Abgründe. Und sie kommen alle (?) ans Licht. Quälend langsam erzählt, dicht und mit überzeugenden Leistungen der Darstellerinnen und Darsteller.

2. Vergiftetes Vertrauen

Vertrauen ist wichtig in einer Welt, in der es nicht nur Freunde gibt. Doch wem kann ich vertrauen? Der Film ist eine einzige Vertrauenskatastrophe. Er zeigt, wie Misstrauen entsteht und einsickert – zum Teil durch gezielte Indiskretion –, und wie Beziehungen dadurch zerstört werden. Es taucht immer wieder die Frage der Schlange im Paradies auf: Sollte Gott gesagt haben…? Und das abgründige Schmerzhafte: Immer wieder zeigt sich, Vertrauen wird zu Unrecht zerstört – aber zerstört ist zerstört. Rückgängig zu machen ist das Misstrauen nicht. Als Zuschauer erlebe ich diesen Zweifel, der immer wieder gesät wird, körperlich-seelisch mit, ich ahne schon, dass eben alles nicht so ist wie es scheint. Ich fange selber in Gedanken zu fragen: Wer sagt hier die Wahrheit, wer lügt? Geschickt lenkt die Kamera immer wieder die Aufmerksamkeit. Am Ende bleibt nicht viel Vertrauen übrig, der Chef von Sarah Lund hat ihr letztendlich vertraut, oder besser: zugetraut, dass sie den richtigen Riecher hat. Die Eltern der ermordeten jungen Frau finden nach Wechselbädern der Gefühle wieder zum Vertrauen zueinander und doch wird es zerrissen durch den Moment der Rache, in dem Theis, der Vater, seinen Freund Vagn, den Mörder seiner Tochter auf dessen Flehen hin erschießt, weil dieser ihm durch seine Beichte solchen emotionalen Schmerz zufügt, dass er gar nicht mehr anders kann als ihm den Mund zu stopfen. Und ich sitze am Schirm und überlege in dieser quälend langsam vergehenden Minute: Was würdest du jetzt tun…?
Vertrauen. Ein so wichtiges Gut im Zusammenleben von uns Menschen. Mit Entsetzen verfolge ich über Stunden hinweg, wie sich das Gift ausbreitet und zerstört und zerstört und zerstört. Nichts, so die Botschaft, nichts kann diesen Prozess aufhalten. Im Gegenteil, mühsam gekittete Beziehungen erweisen sich mehr als einmal alptraumhaft als doch ganz und gar zerrüttet – mit Mühe und mit Schuldgefühlen bringe ich es fertig, über meinen Schatten zu springen und muss kurze Zeit später erleben, alles war doch nur Lüge und Lüge und Lüge…

3. Macht korrumpiert meine Seele

In The Killing geht es auch um die Macht. Macht im Rathaus, Macht im Polizeibetrieb, Macht zwischen politischen Fraktionen. Es geht um institutionelle Macht. (Ja, auch um die Macht, die Menschen übereinander ausüben mit Gewalt an und mit Körper und Seele. Aber darum geht es jetzt nicht.) Die Schlüsselszene kommt für mich im letzten Teil. Der Kandidat Troels Hartmann ist ins Krankenhaus geeilt, wohin ihn sein gerade vom Schlaganfall niedergestreckter Gegenkandidat und langjähriger Oberbürgermeister Poul Bremer gebeten hat zu kommen. Der einst, nein, noch vor wenigen Stunden so mächtige Mann ist nur noch ein Schatten seiner selbst und es entwickelt sich folgender kurzer Dialog:

Bremer: »Du hast deine Gefühle immer offen gezeigt. Ich war früher auch mal so. Aber wir schleppen irgendwann viel mehr Zynismus mit uns herum, als wir glauben wollen. Wenn man wirklich etwas erreichen will, dann muss man unbedingt die Macht behalten.«

Hartmann: »Wenn man interessiert an der Macht ist.«

Bremer: »Vielleicht bist du wirklich anders…«

So geht das in und mit der Macht. Und es gibt keine Alternative. Jede und jeder, die und der sich darauf einlässt und bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, kommt an diesen Punkt. Regeln sind notwendig, um unserer Zusammenleben zu regeln. Regeln sind aber immer auch unfertig, unvollkommen, manchmal einfach nur schlecht. Und dennoch ist es zumeist erforderlich, sich daran zu halten. Ich kann von einer anderen Welt mit veränderten politischen Regeln träumen und sie hier und da auch verwirklichen. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass es erforderlich ist, sich auch mit den Regularien abzufinden, soll unser Zusammenleben nicht in Anarchie und Chaos enden. Und es braucht Menschen, die hier bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Das Problem ist aber, dass ich in jeder politischen Verantwortung mit Momenten konfrontiert werde, die gegen mein Gefühl, gegen meine Überzeugung, gegen mein Empfinden von Gerechtigkeit, ja mitunter auch gegen mein Gewissen sprechen. Im Versuch, Politik zu gestalten, geht es fast immer (außer in den Momenten völliger Übereinstimmung) um Kompromisse, nicht nur auf dem Papier, sondern auch in den Herzen und Köpfen der handelnden Personen, besser: der handeln müssenden (und wollenden!) Personen. Hier beginnt der Prozess, den Bremer meint. Und je weiter es nach oben geht, desto größer wird die Verantwortung, weil immer Menschen betroffen sind… Ich möchte mit keinem Politiker tauschen, der im Land- oder Bundestag sitzt. Troels Hartmann entscheidet sich am Ende, als er die Chance erhält, für den Weg der Macht. Mit Begeisterung. Er lässt all die Leichen hinter sich und tritt – hochsymbolisch – durch die Tür: Gerade noch vor dem Absturz ist er nun gerettet. Der Mörder ist tot und kann keine Aussagen machen, die seiner Karriere eventuell doch noch schaden könnten und so stellt er sich mit einem breiten Lächeln der Presse. Ein Moment, in dem es mir kalt den Rücken hinunter läuft. Schrecklich eigentlich – und doch auch: Wo wären wir, wenn es nicht Menschen gäbe, die diese »Drecksarbeit« für uns alle machen würden? Denn auch das wird in der Figur von Hartmann sichtbar: Er setzt sich für Ziele ein, für einen Neuanfang nach Jahren der politischen Verkrustung. Ist diese Sehnsucht nicht berechtigt, der Impuls zur Verantwortungsübernahme nicht nötig? Aber wir ahnen es schon, das Amt, das ihm jetzt in den Schoß fällt, wird auch ihn verändern, es wird sich zeigen, dass er doch nicht anders ist.

4. Zerstörte Liebe, Ehen, Familien

Am Ende ist alle Liebe, sind alle Familien und Ehen zerstört. Die von Amir und Nanna zuallererst durch den Mord, die Familie von Pernille und Theis Birk Larsen durch die Folgen des Verbrechens in vielfältiger Weise, am Ende durch die unfassbare Erkenntnis, dass der beste Freund der Familie, mit im Herz der Liebe stehend, die eigene Tochter auf dem Gewissen hat. Die Beziehung von Troels Hartmann und seiner Freundin und Wahlkampfberaterin Rie. Die Ehe und Familie von Sarah Lunds Kollegen Jan Meyer, der durch tragische Verkettung und emotionalen (Fehl-?) Entscheidungen sein Leben verliert und nicht zuletzt die Familie von Sarah selber: Eigentlich war sie doch schon auf dem Sprung nach Schweden mit ihrem Sohn zu ihrem Freund Bengt, bleibt dann doch, weil sie sich nicht von diesem Fall lösen kann und ihren Kollegen nicht zutraut, dass diese genauso gut sind wie sie selber. Am Ende ist sie vom Freund genauso entfremdet wie vom Sohn, der zu seinem Vater zieht, als auch von der eigenen Mutter, bei der sie in diesen zwanzig Tagen wohnt, und sie doch nur ausnutzt im Blick auf ihre Besessenheit, den Mörder zu finden.
Alle Figuren sehnen sich in diesem Film (auch) nach Geborgenheit und Glück. Dazu sind sie zum Teil bereit, un-moralisch zu handeln, Beweise und Hinweise zu verschweigen. Die einzig wirklich moralische Person ist Sarah Lund selbst – und sie steht allein am Ende da. Sie findet den Mörder und verliert fast alles. Ist die Aufklärung des Falles diesen Preis wert? Das ist für mich eine der offenen Fragen, die am Ende dem Zuschauer/der Zuschauerin gestellt werden. Und auch hier frage ich mich wieder: Was wäre unsere Welt ohne solche Menschen, die um der Wahrheit, der »Gerechtigkeit« willen bereit sind, vieles zu opfern? Der Mörder von Nanna wäre ungeschoren davon gekommen, er hätte seine Rolle in der Familie Birk-Larsen weiter gespielt, wäre Trost, Stütze und Halt geblieben, nur wie es in ihm selber ausgesehen hätte, dass wissen wir nicht. Theis hätte ihn nicht erschossen, die Familie hätte zu sich zurück finden können, auf einem guten Weg war sie schon. Durchkreuzt durch den unbändigen Wahrheitswillen einer Frau am Rande des Wahnsinns, übernächtigt, aber in den entscheidenden Momenten immer noch hellwach und klar. Eine kriminalistische Hochbegabung, keine Frage, aber wie lange hält ein Mensch dies durch? Ist es den Preis wert? Und wer beurteilt, wer entscheidet das? Gibt es eine Instanz, gar eine höhere?

5. Der Himmel ist leer

Vor der Beerdigung von Nanna kommt es zu einer Szene in der Kirche, als die Eltern mit dem Pfarrer sprechen, den genauen Wortlaut weiß ich nicht mehr. Er versucht zu trösten, auch mit dem Hinweis auf Gottes ewiges Reich. Und Pernille schleudert ihm entgegen: Was hilft mir der Gedanke, dass sie da oben ist!? Ich will sie hier bei mir haben!
Der Himmel ist leer in diesem Film. Kein Trost kann Religion geben. Alle müssen mit sich selber fertig werden, und das ist schwer. Denn, wie schon gesagt, nichts bleibt wie es ist, alle Beziehungen werden vergiftet, belastet und zerstört. Es ist eine düstere Wahrheit, die sich hier zeigt. Eine ehrliche Wahrheit. Oder besser: Hier wird nichts vorgemacht. Die hier geschilderten Personen finden keinen Trost in irgendeiner religiösen Wahrheit. Und am Ende finden sie gar keinen Trost mehr, nur Verzweiflung und Einsamkeit. Das ist kein Argument gegen die christliche Position, diese kommt nur einfach in diesem Film nicht vor. Und es gibt genug Menschenkinder, die genauso empfinden. Eine kalte, schreckliche, unwirkliche Welt. Und dunkel. Ich weiß es nicht genau, aber mein Eindruck war, dass mit zunehmender Dauer der Serie immer mehr Szenen in der Dunkelheit spielten, am Abend, in der Nacht. Am Ende verlässt Sarah Lund allein das Polizeipräsidium am Morgen, der Himmel ist grau und wolkenverhangen und ich frage mich, wo geht sie hin. Mit all dem, was in diesen zwanzig Tagen passiert ist?
Der Himmel ist leer. Diese Botschaft ist grausam und ehrlich. Daran ist mir der Unterschied zu amerikanischen Krimiserien oder auch zum Tatort in der ARD deutlich geworden.
Amerika macht das Verbrechen zur Unterhaltung, die Opfer spielen keine große Rolle, die Täter eigentlich auch nicht. Die Aufklärer/innen mit ihren Launen und Lüsten, mit ihren Spielen und auch ihren technischen Fähigkeiten werden gezeigt, es ist nicht wirklich schlimm, was passiert, ein leichtes Gruseln am Anfang, aber das geht vorbei. Einzige Ausnahme ist der moraltriefende Horatio Caine aus CSI Miami, aber der ist so moralisch, dass er in dieser Überzeichnung schon wieder unecht wirkt.
Mit dem Tatort ist das anders. Vor ein paar Tagen ist ein interessanter Blogbeitrag dazu erschienen (5 Dinge, die den Krimi zum religiösen Erlebnis machen. Die heile Welt im »Tatort« – http://theopop.de/2012/08/die-heile-welt-im-tatort/). Die dort beschriebenen Verbindungen oder Parallelen zur christlichen Religion sind sicher zutreffend. Dennoch würde ich noch etwas anders akzentuieren. Der Tatort ist durch und durch moralisch, immer werden sozialkritische Themen mit aufgenommen und bis an die psychische Schmerzgrenze inszeniert. Das ist sicher gut so. Und doch geht mir The Killing mehr unter die Haut. Und ich habe mich gefragt, warum. Versuch einer Antwort: Der Tatort inszeniert Fragen der Gerechtigkeit, er zielt auf einen (ohnmächtigen) Zorn und bleibt dabei häufig in der Zeichnung der Personen oberflächlich. Das meine ich nicht als Kritik. Aber: The Killing lebt von einem tiefen Mitgefühl mit allen handelnden Personen. Sie kommen mir so, wie sie gezeigt werden, viel näher. Sie sind – normal, getrieben und widersprüchlich, verzweifelt und besessen, auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit, nach Wahrheit und Macht. Sie wirken zerrissen und authentisch, und das hängt ganz sicher mit den großartigen schauspielerischen Leistungen zusammen. Die Gesichter wirken echt und dabei so nah, es könnten Menschen sein, die ich kenne, aus meiner Nachbarschaft, meiner Familie, meiner Stadt, meinem Arbeitsplatz. Das Gefühl habe ich sonst kaum einmal, die Tatortkommissare oder Horatio Cain und wie sie alle heißen, das sind unechte Figuren, das ist und bleibt in jedem Moment der Handlung erkennbar. Und weil Sarah, Theis, Pernille, Jan und Troels so normal und sympathisch sind, leide ich mit ihnen an ihrem Schmerz über das Leid, das vergiftete Vertrauen, den leeren Himmel und ahne zugleich ihre Beweggründe…

6. Das Geflecht des Bösen

Hannah Arendt hat für unser menschliches Handeln ein wunderbares Bild geprägt: Jede Handlung ist ein Faden, den ich ein Gewebe hineinwebe, das andere vor mir gewebt haben. Keine Handlung geschieht im luftleeren Raum, wir sind eingewoben in ein Geflecht von Beziehungen und Bezogenheiten und dennoch, wir sind in der Lage immer wieder neue Anfänge zu setzen, einen neuen Faden zu weben, in das mir vorgegebene Geflecht meines Lebens und meiner Welt.
The Killing zeigt aber auch, dass dieses Bild ein Rückseite hat, eine dunkle Rückseite. Es gibt auch ein Geflecht des Bösen, in das mein Leben hinein verwoben ist, in das andere Menschen mit »bösen« Taten Vergiftung, Zerstörung und Gewalt bringen. Uns so wenig ich meinem vorgegebenen Geflecht entgehen kann bei meinen Versuchen, Gutes in die Welt zu bringen mit neuen Anfängen – und diese können auch misslingen -, es gibt auch das Gegenteil: Bewusst oder unbewusst eröffnet mein Faden keinen neuen Anfang, sondern schlägt Türen zu, zerreißt Gewebe.
Die christliche Tradition hat hierfür das treffende Wort der »Erbsünde«. Sünde ist nicht nur die einzelne böse Tat, und schon gar nicht die einzelne unmoralische Tat. Nein, wir leben in einem Geflecht von Beziehungen und Bezogenheiten, das andere gewebt haben, mit guten und weniger guten Taten. Wir erleben das eine und das andere erleiden wir, müssen wir erleiden. Niemand fängt bei Null an, niemand fängt im luftleeren Raum an.
The Killing zeigt, wie eine einzige Tat ein Geflecht von Beziehungen zerstören kann. Vagn, der Freund, der irgendwie zur Familie der Birk Larsens gehört, versucht die Abreise Nannas mit Amir nach Deutschland zu verhindern, eigentlich will er nur mit ihr sprechen und dann geht alles schief. Das ist die Tragik und seine Schuld, eine Tat, ein Impuls, ein Fehler und nichts ist mehr so, wie es mal war. Furchtbar. Am Ende erlöst Theis Vagn, aber um welchen Preis? Eine neuerliche Tat, ungeplant und doch mit unabsehbaren Folgen, wieder ein Faden, der in ein Geflecht geschlagen wird, aber keinen Neuanfang verheißt.

7. Was ist so faszinierend an The Killing?

Ich komme zurück zur Ausgangsfrage meiner Frau: Was ist so faszinierend daran? Was ist der Kern dessen, was mich hier drei Wochen fasziniert hat, so dass ich nicht mal zwischendurch für eine Minute raus gegangen bin, weil ich nicht einen Dialog verpassen wollte?
Es ist der Spiegel, der mir vorgehalten wird. So ist das Leben. So abgründig, so gefährlich, so traurig, so verführerisch, so gemein. Und in dieser Trostlosigkeit und schieren Hoffnungslosigkeit gibt es dennoch Menschen, die weiter machen, trotz allem. Sarah Lund. Troels Hartmann. Pernille Birk Larsen. Aus einer – ganz unterschiedlich verstandenen – Verantwortlichkeit. Es ist ehrlich. Aber so kann es gehen. So menschlich, in aller Zerrissenheit. Nur so kann es gehen.

(Dieser Beitrag ist auf meiner Website auch als PDF erhältlich: Zum Download hier klicken

Gedanken zum Essay "Sog der Masse" von Harald Martenstein

Harald Martenstein hat in der ZEIT von letzter Woche einen sehr bedenkenswerten Artikel über den Mainstream geschrieben. Normalerweise lese ich am Donnerstagmorgen nur die Überschriften mal flüchtig, aber hier blieb ich hängen und habe das ganze Dossier komplett gelesen. Heute ist es auch auf zeit.de erschienen ( Sog der Masse ), und da ich in den letzten Tagen sehr häufig darüber nachgedacht habe und heute Abend Zeit habe, habe ich meine Gedanken mehr oder weniger unsortiert zu einigen Zitaten notiert.

»Weil die Geschichte immer weitergeht, werden meine heutigen Meinungen den Nachgeborenen wohl auch seltsam vorkommen. Ich weiß, dass ich in den Augen der Zukünftigen eine lächerliche Figur bin. Diese Erkenntnis macht mich demütig. Leute, die eine Meinung mit großer Selbstgewissheit vertreten, ohne die Spur eines Zweifels, so, als ob es kein Morgen gäbe, kommen mir dumm vor. Die einzige Haltung, die garantiert jeder Revision standhält, ist vermutlich der Zweifel. (…) Darüber, welche Meinung gerade die allgemein übliche ist, informieren die Massenmedien. Die Meinungsmacher dort sind aber auch nur Leute wie alle anderen. Sie tendieren dazu, die Meinungen und die Themen anderer Meinungsmacher zu übernehmen (…). Sie trauen ihren eigenen Augen nicht. (…) Weil der Mainstream heute die normative Rolle übernommen hat, die früher von Traditionen und Sittengesetzen gespielt wurde, tendiert man dazu, vom Mainstream abweichende Meinungen als unmoralisch zu verurteilen.«

Als ich das las, musste ich erst mal schmunzeln. Aber er hat ja so recht. Weil die Geschichte immer weitergeht, vergessen wir auch so schnell. Immer neue Ereignisse, Bilder, Geschichten, Personen treten auf die Bühne – und sind genauso schnell wieder verschwunden. Martenstein spricht von Demut und der Haltung des Zweifels. Gefällt mir als evangelischer Christ natürlich gut. Aber das durchzuhalten, ist so schwer. Die »Masse« will einfache, klare Antworten. Ich habe es schon auf Versammlungen erlebt, ich versuche einen komplizierten Sachverhalt darzustellen und nach zwei Minuten tönt es aus dem Saal: »Wir wollen keine langen Reden hören!« Da ist so eine Sehnsucht nach Einfachheit in unserer Welt. Und es wäre ja auch so schön, wenn endlich mal wieder etwas EINFACH wäre. Oder nicht? Ist es aber nicht. Deswegen versuche ich immer wieder, meine eigenen – derzeitigen – Positionen mit dem Zweifel zu beharken. So habe ich zumindest das Gefühl, ich entwickele meine Gedanken weiter und versuche der Versuchung zu wehren, meine Positionen absolut zu setzen. Doch wehe, ich wage solch eine vorsichtige, abwägende, zweifelnde Position in einer Diskussion um – was auch immer – zu beziehen. Es löst bei manch einem, manch einer sofort Irritationen, Wut, das Gefühl im Stich gelassen zu werden, aus. Und dann kommt es schnell zu  »unmoralischen«  Reaktionen, Tritten unter die Gürtellinie. Vermutlich ein Preis, den Menschen zahlen müssen, die heute in der Öffentlichkeit stehen. Ob es früher anders war, weiß ich aber nicht, das müssen andere beurteilen. Andererseits: Spreche ich mit einem Menschen über kompliziertere, strittige Fragen mal länger, sagen wir eine Stunde, dann erlebe ich es oft, dass sich irgendwann die Spannung löst, Verstehen einsetzt und wir dann schließlich gelöst auseinander gehen. Keineswegs hat der eine den anderen oder umgekehrt überzeugt, aber solche Gespräche enden oft mit dem gemeinsamen Seufzer: »Es ist aber auch schwierig!«

»Lange vor den großen Verbrechen der Nazis und des Stalinismus vertrat Le Bon die Theorie, dass ›gutmütige Bürger, die normalerweise ehrsame Beamte geworden wären‹, in der Masse zu den grausamsten Verbrechen fähig sind. Die Masse ist nicht nur dumm. Sie kann auch gefährlich sein. 1895 wurde das Kino gerade geboren, ans Fernsehen dachte keiner. Trotzdem hat Le Bon über die Entstehung von Massenmeinungen den erstaunlichen Satz geschrieben: ›Die Massen können nur in Bildern denken.‹ Bilder transportieren Emotionen, nur Emotionen bewegen Massen. Logik ist zu kompliziert für sie. Die zweite Grundregel zur Überzeugung der Massen – Le Bon spricht lieber von ›Hypnose‹ als von ›Überzeugung‹ – heiße Wiederholung. Man muss einfache Botschaften und starke Bilder oft genug wiederholen. Dieses Rezept wird immer wirken.«

Spannender Gedanke. Von Le Bon habe ich zwar schon gehört, dass er den Bildern aber solche eine Bedeutung zuspricht, ist mir neu. Mir fiel sogleich folgendes Zitat von Franz-Josef Radermacher ein:

»(Es) ist zu beachten, dass es den Marktfundamentalisten gelungen ist, ihre Position über manipulierte Bilder tief in den Gehirnen vieler Menschen zu verankern.« (Franz Josef Radermacher, Balance oder Zerstörung. Ökosoziale Marktwirtschaft als Schlüssel zu einer weltweiten nachhaltigen Entwicklung, S. 243) 

Ich habe in diesem Jahr viel über Bilder nachgedacht, die in unseren Köpfen sitzen, die wir von den Wirtschaftsmächtigen eingepflanzt bekommen. Ich gestehe, ich träume von einem iPhone (meine Frau kann ein Lied davon singen…). Dabei habe ich mit dem Teil weder genauer beschäftigt und brauchen, also brauchen tue ich es wahrlich nicht. Trotzdem hätte ich gerne eins. So ist das mit den Bildern und den Sehnsüchten, die dadurch geweckt werden. Und ich frage mich, wer entwickelt die Gegenbilder? Eine Sysiphusarbeit, keine Frage. Aber notwendig. Gestern in der Predigt zu Volkstrauertag ( Predigt zu Jeremia 8 ) habe ich den Gedanken entwickelt, Zelte von Bankentürmen, das sei so ein Gegenbild gegen den Mainstream. Oder die Mülltaucher, die mit Gummistiefeln in Container bei Aldi oder Lidl klettern, um gegen den Wahnsinn zu protestieren, was wir so alles wegwerfen. Gegen-Bilder. Einfache Botschaften und starke Bilder immer wieder wiederholen. In dem Sinn macht die Occupy-Bewegung alles richtig…

»Bei den einfachen Fragen ist der Publikumsjoker fast immer eine sichere Sache. Aber je komplizierter es wird, desto öfter irrt sich die Mehrheit. Es ist dann klüger, jemanden anzurufen, der Ahnung hat. Eine Einzelperson. Das Leben ist natürlich oft ziemlich kompliziert. Trotzdem haben wir unser Leben weitgehend dem Publikumsjoker untergeordnet.«Kompliziert ist unsere Welt wahrlich geworden, o ja. Die Mitglieder »meines« Presbyteriums stöhnen zu Recht über immer kompliziertere und komplexere Sachverhalte, über die sie zu beraten und zu entscheiden haben. Immer häufiger höre ich nach einer Sitzung: »Eigentlich war das doch unzumutbar, was wir da heute wieder an Tagesordnungspunkten durchgezogen haben, und es bleibt bei mir ein ungutes Gefühl, wirklich verstanden habe ich wahrlich nicht alles, – entscheiden, die Hand heben, hierfür oder dafür, das musste ich am Ende denn dann doch. Aber es bleibt ein mulmiges, ungutes Gefühl, der Zweifel….«

Was ziehe ich daraus an Konsequenzen? Abschaffung demokratischer Prozesse? Doch wer garantiert denn, dass ein »Diktator« – ganz gleich auf welcher Ebene unseres Lebens, sei es in Regierungen, Städten, Vereinen, Kirchengemeinden, das Richtige tun wird? Niemand. Und es stellt sich ja auch gleich die Frage: Was ist das Richtige? Vielleicht ist es dann auch nicht so sehr die Fragen wie mein Nachbar denkt (das auch), aber ich glaube, bei der Frage komplizierter Entscheidungen geht es um das Vertrauen. Ich vertraue dem oder der – und dann stimme ich ihm oder ihr halt zu…. Mainstream des Vertrauens. Kann es nicht sein, dass wir dazu neigen, uns den immer komplizierter werdenden Sachfragen dadurch zu entziehen, dass wir nach Vertrauen zu der Person entscheiden? Umso schrecklicher, wenn dann das Vertrauen in die Brüche geht, durch Fehlverhalten oder durch gezielte Kampagnen. Abweichungen vom Mainstream sind unmoralisch. Schnell ist da von »unverantwortlichem« »katastrophalen«, »unseriösen« Verhalten von Entscheidungsträgern die Rede, das kenne ich auch aus eigener Erfahrung. Guttenberg war ein gutes Beispiel dafür, erst wurde er in den Himmel gehoben und dann gnadenlos fallen gelassen. Gut, er nährte Zweifel an seiner Integrität, da er zu zögerlich mit der Wahrheit herausrückte. Aber entlud sich nicht auch eine Art von Enttäuschung über den Hoffnungsträger? Margot Käßmann ist das umgekehrte Beispiel.
Vielleicht will die Masse gar keine sachlich abgewogenen Entscheidungen, sondern sie sucht eine Schulter, an der sie sich anlehnen kann. Verständlich und gefährlich zugleich…
So schwer es oft fällt, der Streit über die Wahrheit muss immer neu, jeden Tag geführt werden. Weder einfache Antworten noch den angebliche starke Schulter sind da eine sinnvolle Alternativen. Dennoch: »schöne« Aussichten für Querdenkern oder »Reaktanten«, wie Martenstein sie nennt.

Harald Martenstein spricht an der ein oder anderen Stelle davon, dass ihm das Nachdenken über den »Sog der Masse«, den Mainstream, Angst macht. Mir geht es genauso. Aber zugleich frage ich mich: ist das nicht reichlich arrogant von mir? Stelle ich mich damit nicht über die Masse? Ja, erwischt. Aber zugleich: Da ist er wieder, der Zweifel. Morgen lese ich das hier dann noch mal nach. Vielleicht schreibe ich dann einen Kommentar dazu – weil ich schon wieder anderer Meinung bin.