Ermutigung zur Frage: Was glaubst du?

Ermutigung zur Frage: Was glaubst du?

Rezension von: Generation Y – wie wir glauben, lieben und hoffen (Stephanie Schwenkenbecher und Hannes Leitlein)

Das Buch ist eigentlich unmöglich. Es versucht die Frage zu beantworten: Was glaubt die Generation Y, eine Generation, die so vielfältig ist, dass sie nicht zu beschreiben ist?

Stephanie Schwenkenbecher und Hannes Leitlein haben sich dennoch auf den Weg gemacht. Sie haben Fragebögen verschickt und ausgewertet, Interviews gemacht und christliche Aufbrüche besucht, haben mit der Eltern- und Großelterngeneration diskutiert (konkret: mit Christina Brudereck und Fulbert Steffensky), sind auf Spurensuche in der Musik gegangen und haben eine Fotografin mit der Kamera losgeschickt. Und am Ende formulieren sie auf zwanzig Seiten das, was eigentlich unmöglich scheint: Eine Sicht auf den Glauben der Generation Y. Herausgekommen ist dieses Buch. Und Stephanie hat ein paar Exemplare verschenkt an Menschenkinder, die es nicht nur lesen, sondern auch darüber schreiben wollten. So kam es auch zu mir. Danke Stephanie!

Ich habe es an zwei Wochenenden, also nicht einem Zug, sondern in zwei Zügen, gelesen. Ich fand es spannend, anregend, überraschend. Und es lässt mich nachdenklich, hoffnungsfroh und zugleich ratlos zurück. Aber das sagt nichts über die Qualität der Arbeit der beiden Autorinnen aus, sondern liegt im Thema begriffen.

Die Ratlosigkeit liegt für mich daran, dass ich mich gefragt habe: Worin unterscheidet sich denn jetzt der Glaube der jungen Frauen und Männer von dem, was ich einst glaubte und heute glaube? Ich bin Mitte 50, also Elterngeneration der Generation Y (ganz buchstäblich: wir haben drei Kinder zwischen 27 und 30). Ziemlich weit hinten, auf Seite 202, beschreiben die beiden Autorinnen den Glauben in aller Kürze – und ich finde mich dort Wort für Wort wieder (bis vielleicht die letzte Passage, die auf Ostdeutschland bezieht, die Mauer fiel, als ich 28 war).

Ich teile auch die Unruhe über die innerkirchlichen, innergemeindlichen „Zustände“, die ich 25 Jahre als Gemeindepfarrer selbst in allen Schattierungen erlebt habe. Ich teile den Schmerz von Stephanie und Hannes:

„Wir sind auf der Reise zu unserem Buch nämlich auch jungen Menschen begegnet, die sich nicht mehr als Christen sehen, weil sie sich mit christlichen Gemeinden nicht identifizieren können und nicht etwa, weil sie nicht mehr glauben würden. Das zerreißt uns das Herz“ (209).

Auf der anderen Seite blitzt hier und da aber auch Ehrfurcht und Hochachtung vor der, ich sag mal augenzwinkernd „großen, alten Dame“ Kirche, die in ihrer langweiligen Beständigkeit der Garant dafür ist, dass sich pausenlos und immer und immer wieder neue Aufbrüche ergeben, aus der Unruhe über Traditionen und Strukturen heraus (2017 denken wir grade über so einen Unruhestifter intensiv nach).

Beides gehört für mich zusammen: Die große, alte Dame „besitzt“ die Kirchräume, die zum Staunen und innehalten einladen, sie verbindet über Texte und Lieder Menschen über Generationen hinweg. Dazu Taize und Kirchentag, die mittlerweile eigentlich auch schon zur Tradition gehören. Und dann eben Versuche wie Exodus, polylux oder Stadtveränderer. Ich fand es interessant, dass Christina Brudereck erzählt, dass sie das Wort Verwobenheit von der Generation Y gelernt hat. Ich kenne es auch, aber von Hannah Arendt her. Vielleicht sind wir uns viel näher als vermutet? Ich folge dieser Spur noch etwas weiter in Gedanken und versuche für mich eine Antwort zu finden: Was ist denn nun wirklich neu?

Neu scheint mir, dass wir in dieser Zeit vermehrt gefragt werden: Was glaubst du? Im Buch kommt es nur am Rand hier und da vor, aber wir leben zunehmend nicht nur in einer religiös pluralen Gesellschaft, sondern auch in einer Zeit, in der Menschen beginnen, genau diese Frage stellen: Was glaubst du eigentlich? Und wir – Christinnen und Christen – sind es nicht gewohnt, darauf eine Antwort zu geben. In einem Vortrag hat der ehemalige Ratsvorsitzende Wolfgang Huber genau dies beschrieben: Da kommen Menschen muslimischen Glaubens und fragen: Was glaubst du? Manchmal ganz offen, manchmal aber auch nur durch die Tatsache, dass viele – keineswegs alle – Muslime stärker auch in ihrem Alltag den Glauben praktizieren und zur Sprache bringen. Und das trifft auf Menschen in der Volkskirche, in der wir es nicht gewöhnt sind, über unseren Glauben zu sprechen, häufig nicht mal mit der eigenen Familie, schon gar nicht mit der Pastorin, dem Pastor. Und das löst auch Angst aus, aber das ist ein anderes Thema.) Daher bin ich ganz nahe bei Stephanie und Hannes, wenn sie schreiben:

„Wir haben den Verdacht, dass das noch viel zu wenig passiert: dass Christen laut und deutlich von ihrem Glauben reden, welche Rolle er in ihrem Leben spielt und was er ihnen bedeutet (oder auch nicht). Und dabei reden wir nicht mehr nur von unserer Generation. Es braucht die Ermutigung, die eigene Meinung zu sagen und ein eigenes Glaubensbekenntnis zu formulieren“ (205).

Genau! Und an vielen Orten fängt das an, wenn zB in diesem Jahr 2017 an vielen Orten Wände aufgestellt werden und die Menschen eingeladen werden, ihre Thesen öffentlich (!) zu formulieren. Auf der anderen Seite erleben wir das im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) immer wieder, dass wir von Menschen in Betrieben auf unseren Glauben hin angesprochen werden. Und keineswegs nur wir Spezialisten! Vor einiger Zeit berichtete mir eine Theologiestudentin von einem Praktikum in einem Industriebetrieb. Sie wurde pausenlos auf Kirche und Glaube angesprochen, „nur“ weil sie Theologie studierte. Ich glaube, es existiert so viel Sehnsucht in unserem Land, über Glaube, Religion und ja, auch über Kirche zu sprechen, aber wir trauen uns zu selten, oder wir trauen uns auch nicht, zu fragen: Was glaubst du? Das könnte doch eine Chance sein.

Wenn uns das verbindet, und wir die Fäden miteinander verweben, so dass Verwobenheit nicht nur entsteht sondern sichtbar gemacht wird, artikuliert wird in Worten, in Musik, in Bildern und Zeichenhandlungen, toll. Und dann, das ist meine Hoffnung, wird es so sein, dass wir unseren eigenen Glauben viel schöner in Händen halten, achten und feiern können. Und mit einer klareren Identität freuen wir uns über all die wunderbaren neuen Versuche und beginnen vielleicht am Ende auch die große alte Dame Volks- oder Landeskirche neu schätzen zu lernen, weil wir wissen, was wir an ihr haben.

Und ja, vielleicht werden auch die Fragen an der etablierten Kirchen präziser und drängender, zB: Was genau ist eigentlich eine Gemeinde? Im volkskirchlichen Setting scheint das ganz klar: das ist die örtliche Parochie, die gilt es unter allen Umständen zu erhalten. Doch – stimmt das denn? Es existieren doch jetzt schon viele Gemeinden an einem Ort nebeneinander, nicht nur evangelische und katholische „Gemeinden“. Könnte da nicht eine kreative Unruhe in unsere verunsicherte und um ihre Zukunft ringende Volkskirche kommen? Die hannoversche Landeskirche arbeitet gerade an einer neuen Verfassung, und die Öffnung des Gemeindebegriffes ist eine der zentralen Vorschläge, ich bin gespannt, wie das weitergeht.

Liebe Stephanie (und lieber Hannes), vielen Dank für das Geschenk, dass ich mit Eurem Buch erhalten habe. Es hat mich angeregt, einer Spur zu folgen, einer Spur, die Ihr so beschreibt:

„Vielleicht fangen wir damit an, dass wir uns gegenseitig fragen: Worauf setzt du deine Hoffnung? Was ist deine Sehnsucht? Was beflügelt dich? Wie verantwortest du dein Leben? Was glaubst, worauf hoffst und wen liebst du?“ (220)

Wo du hingehst, da will ich auch hingehen. Wo du bleibst, da bleibe ich auch.

Predigt über das Buch Ruth am 19. Oktober 2014

(Ursprünglich von Birgit Mattausch. Dazu am Ende mehr. Ebenso ein Link zu einem Audio-Mitschnitt der Predigt.)

 

Das Buch Ruth ist ein ganz besonderes Buch.
Ein ganz besonders schönes.
Ein Wort daraus wählen viele Brautpaare als Trauspruch:
Wo du hingehst, da will ich auch hingehen.
Wo du bleibst, da bleibe ich auch.
Traupredigten habe ich viele über diesen Spruch gehalten.
Nie eine Sonntagspredigt.
Bis heute.

Drei Hauptpersonen begegnen uns in dieser Liebesgeschichte.
Zuerst:

Naomi.
Auf deutsch:
Die Liebliche.
Sie kommt aus Israel.
Lebt im Land Moab.
Ist Ausländerin.
Hat zwei erwachsene Söhne.
Und zwei Schwiegertöchter.
Keine Enkel.
Ihr Mann stirbt.
Ihre Söhne sterben.
Naomi will zurück nach Israel.

Dann:
Ruth.
Die Freundin.
Kommt aus dem Land Moab.
Heiratet Naomis Sohn.
Wird jung Witwe.
Hat keine Kinder.

Und:
Boas, auf Deutsch:
Der Potente.
Lebt in Israel.
Ist entfernt verwandt mit Naomi.
Besitzt Land und Knechte.
Mägde und Einfluß.

Ich lese im Buch Ruth:
Gemeinsam mit ihren beiden Schwiegertöchtern zog Naomi weg von dem Ort, an dem sie gelebt hatte. Sie machte sich auf, um in das Land Israel zurückzukehren. (…) Und Naomi sprach: Kehrt doch um, meine Töchter. Warum wollt ihr mit mir gehen? Habe ich etwa noch Söhne in meinem Schoß, die eure Männer werden könnten? (…) Doch Ruth hängte sich an sie. (Ruth 1,11-14 in Auszügen)

Im zerschlissenen Kleid steht Ruth da.
Allein.
Die Seele traurigschwer.
Schwankt zwischen Immer und Nie und Jetzt.

Und da ist Naomi.
Fühlt den Körper der anderen.
Hört ihren Herzschlag.
Spürt ihren Atem.

Im zerschlissenen Kleid steht Ruth da.
Die Seele traurigschwer.
Lässt sich fallen in Naomis Arm.
Mit allem, was sie hat.
Und allem, was sie nicht hat.
Lässt sich einfach fallen in Naomis Arm.
Sagt:
Wo du hingehst, da will ich auch hingehen.
Wo du bleibst, da bleibe ich auch.
Wo du stirbst, da sterbe ich auch.
Da will ich auch begraben sein.
Ruth lässt sich fallen.
Einfach fallen.
Und die andere, Naomi, fängt sie auf.

Ruth hängt sich an Naomi.
Geht mit ihr in eine fremde Welt.
Nicht allein.
Zu zweit.
Aus Liebe?
Aus Liebe.

Ich lese im Buch:
Als die Gerstenernte begann, kamen sie in Bethlehem an. Und Ruth sagte zu Naomi: Ich will auf das Feld desjenigen gehen, in dessen Augen ich Wohlgefallen finde und Ähren nachlesen.
Und Naomi sagte zu ihr: Geh, meine Tochter. Und sie ging hin und las Ähren hinter den Schnitterinnen und Schnittern im Feld. Und es fügte sich so, dass das Feld im Besitz von Boas war. (Ruth 1,22 – 2,3 in Auszügen)

Schnitt.
Israel, Betlehem.
Alles ist getan.
Das Feld abgeerntet.
Die Gerste eingebracht.
Das Lamm gebraten.
Der Wein gekühlt.
Der Dreschplatz ein Tanzplatz.
Musik erklingt.
Und Jauchzen.
Sternschnuppen regnen in dieser Nacht.
Wünsch dir was, schnell!
Und schließ die Augen dabei.

Ich lese:
Und Boas aß und trank, und sein Herz war guter Dinge. Dann ging er bis ans Ende des Getreidehaufens und legte sich hin. Da kam Ruth im Verborgenen, entblößte seine Beine und legte sich zu ihm. (Ruth 3,7)

Die Beine.
Sehnig und braun.
Mit Haaren darauf, seidenweich.
Hell geworden von viel Sonne.
Die Musik:
Ganz fern jetzt.
Über die Tenne hat sich die Nacht gelegt.
Wie ein Mantel aus dunklem Samt.

Die Beine.
Der Mund.
Das Kinn.
Der Hals.
Ein Mann.
Eine Frau.
Aneinandergeschmiegt.
Hals an Knie.
Mund auf Haut.
Die Luft riecht nach Gerste.
Nach Brot.
Nach den Gerüchen der Körper.
Schweiß.
Haar.
Schoß.
Wie Rose.
Wie Koriander.
Wie Liebende.

Die Beine sehnig und braun.
Seidenweich.
Und Ruths Herz klopft
Wie ein Hall in der Dunkelheit.

Eine Hand ausstrecken.
Über die Beine streichen.
Die Wade.
Den Knöchel.
Zittern nicht vor Kälte.
Ein Mann.
Eine Frau.

In der Mitte der Nacht.

Ich lese weiter:
Er fragte: Wer bist du? Sie sagte: Ich bin Ruth, deine Sklavin. Breite deinen Mantel über mich.
Er sprach: Gesegnet bist du, denn deine zweite Wohltat ist noch besser als die erste. (…) So lag sie an seinen Beinen bis zum Morgen. Und Boas sagte: Alles, was du mir sagst, will ich tun. Denn alle im Tor meines Volkes wissen, dass du eine starke Frau bist. (Ruth 3, 9-14a in Auszügen)

Im zerschlissenen Kleid stand Ruth da.
Und ließ sich fallen in Naomis Arm.
Ging mit in fremdes Land.
In eine fremde Welt.
Ging hinter den Schnittern.
Brachte Naomi das Korn.
Aus Liebe.
Und nun:
Alle wissen, dass du eine starke Frau bist.
Besser als sieben Söhne.

Im zerschlissenen Kleid stehen beide da:
Ruth und Naomi.
Naomi und Ruth.
Stark und weich.
Kämpferisch sind sie.
Und zärtlich.
Eine ist nicht zu haben ohne die andere.

Denn ich lese:
So nahm Boas Ruth zur Frau und schlief mit ihr. Und der Ewige ließ sie schwanger werden und sie gebar einen Sohn. Und Naomi nahm das Kind, legte es auf ihren Schoß und wurde seine Mutter. Und die Frauen sprachen zu ihr: Gepriesen sei der Ewige. Dies Kind wird dich im Alter versorgen, denn deine Schwiegertochter, die dich liebt, hat ihn für dich geboren. Die ist besser als sieben Söhne. (Ruth 4,11-16 in Auszügen)

Ich schweife ab.

Verlasse das Feld, die Tenne, das Haus.
Verlasse die schwarzen Buchstaben auf den Blättern der Bibel.
Und schweife ab.
Hierher, in die Gegenwart.
Die Bilder wirken nach.
Von Naomi.
Von Ruth.
Und Boas.

Was brauchen Sie zum Leben?
Fragt die Reporterin auf St. Pauli.
Manche antworten: Gesundheit.
Milena mit den Lack-Stilettos antwortet:
Alles, was ich brauche, ist Liebe.
Und meint damit nicht die käufliche.

Was brauchen Sie zum Leben?
Ein Dach.
Ein Bett.
Den Himmel.
Die Sterne.
Das Wissen:
Alles wird gut?

Eine Freundin brauche ich, einen Freund:
Wo du hingehst, da will auch ich hingehen.
Und Brot brauche ich auch, ja.
Und ein Dach und ein Bett.
Aber auch:
Die Sommernächte und den Atem einer, eines anderen.
Alles, was ich brauche, ist Liebe.
Eines Menschen.
Eines Mannes.
Einer Frau.

Und Gott?
Der kommt im ganzen Buch Ruth kaum vor.
Und doch ist er dabei.
Im Hintergrund.
Verborgen.
Und doch anwesend.

So wie bei uns.
Wir spüren ihn.
Im Hintergrund.
Verborgen.
Und doch anwesend.
Vor allem in der Liebe.

Zwischen Mann und Frau.
Frau und Mann.
Mann und Mann.
Frau und Frau.

Alles, was ich brauche, ist Liebe.

Danke, wenn ich sie erlebe.
Aufwühlend, mein Herz umschlingend.

Danke, wenn ich sie erleben konnte.
Und noch davon zehren kann.

Danke, wenn ich noch darauf hoffen kann.
Auf Liebe.

Die manchmal mehr ist als Freundschaft.
Manchmal mehr wird als Freundschaft.
Aber manchmal auch in der Freundschaft alles ist, was ich brauche.

Amen.

 

Von der Predigt habe ich einen Audio-Mitschnitt angefertigt, der hier abgerufen werden kann:
Wo du hingehst – Audio-Mitschnitt der Predigt

Diese Predigt geht auf eine Predigt von Birgit Mattausch zurück, die ich umgeschrieben habe. Das Original finden Sie hier: Liebe hoch 3: Ruth, Naomi und Boas (Buch Ruth)

Sie können auch  die Predigt von Birgit Mattausch anhören: Mitschnitt

Zachäus oder: Mit dem Smartphone auf die Kanzel

Predigt zur Konfirmation 2014 über Lukas 19,1-10

Liebe Konfis,

das ist Euer großer Tag. Ihr sitzt hier vorne, Ihr steht im Mittelpunkt. Wegen Euch sind diese alle hier gekommen. Am Ende Eures Konfirmandenjahres steht dieser Tag, dieser Gottesdienst. Erhofft, herbei gewünscht, wahrscheinlich auch mit Aufregung, uh, jetzt stehe ich den ganzen Tag im Mittelpunkt.

Für Eure Eltern, Patinnen und Paten, Großeltern ist das auch besonderer Tag. Weil Ihr konfirmiert werdet und weil es für viele Ihnen eine Reise in die Vergangenheit ist. Soweit sie evangelisch sind oder waren und konfirmiert wurden vor 25, 30 Jahren oder mehr.

Früher, das kann ich Euch sagen, da war vieles anders. Schwarzer Anzug für die Jungs, schwarzes Kleid für die Mädchen. Ziemlich steif sieht das auf den alten Fotos aus. Gesangbuch in der Hand, frisch geschenkt von der Oma. Mittags gab es gutes Essen und Geschenke, da gibt es keinen Unterschied. Nur die Geschenke, die sahen anders aus. Wenn man Glück hatte, gab es ein Buch. Wenn man Pech hatte, gab es silberne Gabeln und Löffel für die sogenannte Aussteuer. Ich hab auch zwei oder drei solcher Löffel geschenkt bekommen und hatte schon damals meine Zweifel, ob da jemals ein vollständiges Set für sechs oder gar zwölf Personen draus wird. Ich behielt recht. Ich weiß gar nicht, ob ich die Löffel noch habe. Früher war eben vieles anders. Ich habe damals darum gekämpft, meine Haare länger als einen Zentimeter wachsen lassen zu dürfen. Ich hab mich durchgesetzt, zur Konfirmation hatte ich dichtes, volles Haar, kann man sich heute kaum noch vorstellen.
Heute ist Jugendlichen anderes wichtig. Ein gutes Handy zum Beispiel.

Das sind ja auch coole Dinger. Ich hab auch eins. Hier. Da kann man Sachen mit machen …! Zum Beispiel kann ich jetzt hier auf der Kanzel ein Foto machen, so …

Und wenn ich das jetzt auf Facebook, Twitter, Instagram oder Whatsapp posten würde und dazu schreibe: Hey, schaut mal, was ich grad mache, ich predige im Konfirmationsgottesdienst – ich bin mir sicher, da bekäme ich so einige Likes und Retweets, wahrscheinlich schon, bis wir nachher wieder aus der Kirche raus sind!

Liebe Gemeinde, für mich ist das Smartphone ein gutes Symbol für all die Veränderungen der letzten Jahrzehnte. Aber gleichzeitig wird daran deutlich, dass sich in unserem Empfinden, unseren Sehnen und Hoffen nichts geändert hat.

Wer hat das neueste, das angesagteste Teil? Wer hat die meisten Likes? Wer schreibt die coolsten Sätze, postet die tollsten Fotos? Und hier gibt es Gewinnerinnen und Verlierer.
Wie damals.

Da gab es die coolen Jungs. Auswendig lernen fünf Minuten vorher und hinterher schnell wieder vergessen. Wer zuhause lernte, na, der galt als uncool. Oder es gab Jungs, deren Haare noch viel länger waren als meine, und die deswegen bei den Mädels besonders hoch im Kurs standen.

Und die Mädels … Diejenigen, die sich trauten mit der Zigarette, die waren angesagt. Wow, ist die cool, das hätte ich mich nicht getraut, sagten oder dachten die anderen neidisch.

Aufmerksamkeit bekommen. Danach sehnen wir uns. Damals wie heute. Ob wir 14 sind oder 44 oder 74. Ich möchte, dass ich gesehen werde. Gelobt werden. Ich will gar nicht unbedingt im Mittelpunkt stehen, nein. Aber dass man mich wahrnimmt, mich mag und es mir zeigt. Durch Worte, Gesten, durch Blicke, durch Taten, manchmal auch nur durch den simplen Like auf Facebook, Instagram und Co.

Und wenn ich diese Aufmerksamkeit nicht bekomme, dann geht es mir schnell schlecht. Ich denke: Keiner mag mich. Warum mag mich keiner? Da unterscheiden sich damals und heute nicht. Egal, ob ich 14, 44 oder 74 bin. Wenn ich keine Aufmerksamkeit bekomme, dann werde ich schnell traurig, deprimiert, ziehe mich zurück. Oder werde zynisch und am Ende manchmal sogar gewalttätig, weil sich mein Frust, meine Enttäuschung, nur noch Luft verschaffen will. Dann fühle ich mich für einen kleinen Moment besser und hinterher noch viel schlechter. Eine uralte Geschichte, Gesehen-werden-wollen um fast jeden Preis, das gab es auch schon zu biblischer Zeit.

Lukas erzählt in seinem Evangelium von der Begegnung zwischen dem Zöllner Zachäus und Jesus.

Zachäus, klein, reich und ein Ober-Zöllner, Chef einer größeren Zollstation am Stadtor von Jericho. Er hat, was man sich so wünschen kann: einen guten Job, der ihm einen Haufen Geld einbringt. So richtig schwer ist die Arbeit auch nicht, an der Schranke stehen und ein wenig verhandeln und dann abkassieren. Toll. Aber eins hat er nicht, ganz und gar nicht. Er gehört nicht dazu. Wahrscheinlich wurde er schon als Junge gehänselt und verlacht, die Kleinen haben es halt schwer. Oft, nicht immer. Sie werden beim Spielen als letzte ausgewählt, stehen im Tor und sind schuld, wenn die andere Mannschaft trifft. Die Großen kriegen die Mädchen ab, die Kleinen nur den Spott und manchmal auch die Prügel. Aber unser kleiner Zachäus muss schlau gewesen sein. Denn sonst hätte er diese Karriere nicht machen können. Klein, aber oho, den Spruch gab es in meiner Jugend. Geld ist oftmals das, mit dem ich mir Anerkennung, Aufmerksamkeit, ja Liebe kaufen kann, oder meine es zu können. Zachäus wird Zöllner, Oberzöllner und hat Geld, Geld satt. Doch leider ist der Zöllnerberuf einer, der überhaupt nicht beliebt war. Einmal, weil die Besatzungsmacht der Römer die Lizenzen vergab, zum anderen, weil die Männer an der Schranke betrügen und erpressen durften, wie sie nur wollten. Hauptsache, der Rubel rollte in die Kasse des römischen Reichs – und in die eigene Tasche.

Zachäus hat es eines Tages geschafft, Geld, rauschende Feste und noch mehr. Doch die Mitte seiner Sehnsucht bleibt weiter leer. Nichts ist mit echter Anerkennung, nichts ist mit Dazu-gehören, nichts ist mit Liebe und Wertschätzung. Ohne sein Geld wäre er ein Niemand. Und so ist er auch in seinen eigenen Augen ein Niemand.
Und Jesus erkennt dies, mit einem Blick, als er nach Jericho kommt und Zachäus auf einem Baum sitzend sieht, versteckt und verborgen vor den Augen der Anderen, die unten am Straßenrand stehen. Er sieht das ganze Sehnen, die Einsamkeit und das ganze Leid. Und er sagt zu ihm: Komm herunter, ganz schnell, bei dir muss ich heute zu Gast sein. Dieser Satz verändert das Leben des Zöllners Zachäus.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern und Großeltern, Patinnen und Paten, so ist Jesus und so ist Gott.

Und das ist die Botschaft, die Message, die wir jeden Sonntag hier oben verkündigen oder am Krankenbett oder am Dienstagnachmittag in der Konfi-Stunde:
Ja, wir leben in einer Welt, in der wir uns alle nach Anerkennung, nach Liebe, Wertschätzung sehnen. In uns allen ist ein tiefer Abgrund voller Angst, der uns denken lässt: du bis nicht gut. Was du machst, kommt nicht an. Und wenn wir es doch mal hören, dann ist der Zweifel nicht weit: Stimmt das denn wirklich? Der oder die kennt mich doch gar nicht richtig, nicht so wie ich mich. Wenn der, wenn die wüsste …

Zachäus war so einer und jedem von uns steckt etwas von Zachäus. Wir alle sehnen uns nach Größe, nach Aufmerksamkeit, nach Liebe und Likes oder doch wenigstens nach viel Geld, damit wir unser tiefes Loch mit allem möglichen Unsinn füllen können, schlimmstenfalls greifen wir zu Alkohol und Drogen, um vergessen zu können.
Und zu diesem Zachäus und damit zu uns kommt dieser Jesus. Kommt und sieht mir, Dir, Ihnen in die Augen und sagt zu mir, du, du! bist gut. Ich mag dich. Und er sagt es so, dass ich es glauben kann. Und dann wird mir das Herz weit, die Augen klar. Dann verliert all der Unsinn in dieser bunten Welt seine Bedeutung, weil ich weiß, nein, spüre: Ich bin wirklich gemeint.

Und deswegen, weil diese Erfahrung von Zachäus angefangen, immer wieder in der Begegnung mit Jesus und seinem Gott gemacht wurde, deswegen gehen Menschen hin und erzählen das immer wieder. In Gottesdiensten, am Krankenbett, im Fernsehen und Internet, im Konfirmandenunterricht und auch mit dem Smartphone auf Facebook, Twitter und Instagram. Und da dieser Jesus schon zu seiner Zeit auf der Höhe seiner Zeitgenossen war, also, wenn er heute leben würde, dann würde er bestimmt ein Gleichnis erzählen, wie Gott im Himmel mit dem Galaxy S5 sitzt und Like me, like me, like me drückt.

Von diesem Jesus und seinem Gott haben wir versucht, Euch in den letzten zwölf Monaten etwas nahezubringen. Dienstagnachmittags, auf der Freizeit, aber auch bei euren Erkundigungen in unserer Gemeinde. Beim Ökumenischen Kirchentag auf dem Marktplatz, bei den Seniorenweihnachtsfeiern, in den Kindertagesstätten und so weiter und so fort. Wir haben das gemacht, weil wir hoffen, dass etwas hängen bleibt. Weil wir davon überzeugt sind, dass es gut ist, im Leben davon auszugehen, dass wir nicht allein unterwegs sind. Weil wir glauben, dass es diese unsichtbare Macht gibt, die wir Menschen Gott nennen und die uns, so Jesus, freundlich gegenübersteht, mir in die Augen schaut, unter die Arme greift und neue Kraft verleiht.

Setzt Euer Vertrauen auf ihn und es wird euch gut gehen. Es wird nicht alles glatt laufen, keineswegs. Gott ist kein Wunscherfüller, oben fünf Euro rein und unten kommt das Gewünschte raus. Er ist auch kein Feuerlöscher, 112 gewählt und er kommt mit Macht und schafft aus dem Weg, was mir das Leben grad schwer macht. Aber Gott ist ein Begleiter. Sagt Jesus. Das ist nicht alles, was im Leben wichtig ist. Aber ziemlich viel, weil er uns geben kann, was Menschen und die Welt nicht geben können. Eine Perspektive über den Tellerrand hinaus. Nicht sichtbar, aber spürbar. Nicht greifbar, aber erfahrbar. Für die, die ihr Herz öffnen und sich in die Augen schauen lassen, von Jesus und seinem Gott. Und dann spüren, erfahren, da ist sie, die Geistkraft Gottes, die mich ergreift und mein Herz leicht werden lässt. Ich wünsche es Ihnen und heute vor allem Euch.

Amen.

Bedingungslos geliebt. Leistung zwischen Vorschuss und Bewährung

Das Bedingungslose Grundeinkommen – ein aktuelles theologisches Leitbild?

(Ursprünglich verfasst im Dezember 2012 als überarbeitete und erweiterte Fassung des Blogbeitrags vom Oktober 2012. Sprachlich und sachlich leicht überarbeitet im Juli 2015. Mit weiteren Anmerkungen und Literaturverzeichnis hier als Download erhältlich: Bedingungslos geliebt.)

1. Luthers Glaubenserkenntnis: Bedingungslos geliebt
Ina Praetorius hat in einem Interview auf die Frage geantwortet, wie sie theologisch ihr Engagement für das Bedingungslose Grundeinkommen begründet: Gott liebt bedingungslos und diese Liebe ist ein Vorschuss, dem entspricht das Prinzip eines bedingungslosen Grundeinkommens. Diesen Satz halte ich für bemerkenswert einfach, präzise und zutreffend. Luthers reformatorische Erkenntnis bestand in der Einsicht, dass Gott mir seine Gnade bedingungslos schenkt. So schreibt er in seiner Schrift: »Vn der Freiheit eines Christenmenschen«:

Die Person »wird aber nicht durch Gebote und Werke, sondern durch Gottes Wort (das ist durch seine Verheißung der Gnade) und den Glauben gerecht und selig, damit die göttliche Ehre Bestand habe, in der er uns nicht durch unser Werk, sonder durch sein gnädiges Wort umsonst und in reiner Barmherzigkeit selig mache.« (Abschnitt 24)

Mit eigener Leistung, mit »Werken«, kann diese Liebe niemals verdient und Gott mir gnädig gestimmt werden. Ich kann es nicht, ich muss es nicht und ich brauche es nicht, denn seine Liebe ist der Vorschuss, mit dem ich das Licht der Welt bereits betrete. Diese Grunderkenntnis des Glaubens kann und muss immer wieder für das Leben der Menschen fruchtbar gemacht werden. In diesen Jahren wird die reformatorische Glaubenserfahrung in der EKD im Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 ins Auge gefasst. Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD, schreibt dazu in einem Aufsatz zur Vorbereitung der EKD-Synode 2012:

»Das Reformationsjubiläum will ein angstfreieres Selbstbewusstsein des heutigen Menschen bestärken. (…) Mit dem Jahr 2017 soll ein Prozess der Neuentdeckung Gottes verbunden werden, der sich im Unterbrechenlassen der eigenen Geschäftigkeit, im Staunen über die Geheimnisse des Lebens und im Innehalten vor Gottes Wort konkretisieren soll. (…) Mit dem Jahr 2017 soll ein Prozess der Stärkung des werteorientierten Selbstbewusstseins verbunden werden, der die Menschenwürde für jeden Einzelnen achtet und zugleich die Solidarität mit allen stärkt. Das Reformationsjubiläum will die wertvolle, werthaltige Verantwortlichkeit des heutigen Menschen befördern.« (Gundlach, Eine existentielle Lesart der Reformation, S. 97)

Angstfreiheit, Selbstbewusstsein, Achtung der Menschenwürde und Solidarität als zentrale Stichworte liegen auch in der Idee eines BGE angelegt. Daher scheint es mir sinnvoll, die reformatorische Erkenntnis von der bedingungslosen Liebe Gottes auf die innere Logik des BGE hin zu befragen.

2. Leistung und Lohn
Zunächst gilt es zu klären: Was ist Leistung? Und was Lohn? Und wie hängen beide zusammen? Leistung ist in verschiedensten Formen notwendig für unser Leben und Überleben. Menschen müssen arbeiten, Anstrengungen erbringen, um ihr Überleben zu sichern, um Kultur zu schaffen, kurz: um das gute Leben aller als Ziel anzustreben – und Menschen wollen sich auch einbringen, teilhaben, arbeiten. Allerdings begibt man sich mit dieser Fragestellung sofort in einen unübersichtlichen Dschungel der Begrifflichkeiten. Was »Arbeit« ist, kann kaum mehr definiert werden und wie Arbeit von Tätigkeiten abgegrenzt werden kann, ist ebenso umstritten. Zugleich wird nach wie vor mit Arbeit und Arbeitsleistung immer zuallererst Linie Erwerbsarbeit assoziiert und andere »(Arbeits-) Leistungen« ausgeblendet oder als unbedeutender erachtet. Von daher macht es Sinn,vom allgegenwärtigen und gewohnten Verständnis des Leistungsbegriffs in der Ökonomie auszugehen – ohne die genannte Einengung aus dem Blick zu verlieren.
In den Wirtschaftswissenschaften wird mit Arbeitsleistung »das Ergebnis einer zielgerichteten Anstrengung von Menschen in Verbindung mit dem Einsatz von Betriebsmitteln pro Zeiteinheit bei bestimmter Arbeitsqualität« bezeichnet. (Wikipedia »Arbeitsleistung«) Allerdings lässt sich dieser ökonomische Begriff durchaus erweitern auf die Tätigkeiten, die nicht der Erwerbsarbeit zuzuordnen sind. So definiert Eberhard Ulich im ersten Satz seiner Arbeitspsychologie Arbeit als eine »Tätigkeit, durch deren Ausführung der oder die Arbeitstätige zur Schaffung materieller oder immaterieller Werte für sich und/oder andere beiträgt.« (Ulich, Arbeitspsychologie S. 1)
Ohne Leistung ist Leben nicht möglich, materielle und immaterielle Güter gilt es zu erarbeiten. Hier liegt auch nicht das Problem, denn Leistung will der Mensch erbringen. Den faulen Schmarotzer wird es geben, aber er ist zahlenmäßig zu vernachlässigen. Er ist vielmehr ein Zerrbild gegenwärtiger Ökonomie, das gerne herangezogen wird, wenn sich Menschen unwürdigen, schlechten Arbeiten (zu Recht!) entziehen möchten. Und hier liegt auch der Übergang zur grundlegenden Frage: Was motiviert, bewegt mich zur Leistung? Menschen wollen arbeiten, werken, schaffen, sich ausdrücken und einbringen, das steht außer Frage. Da Arbeit und unser Leben insgesamt (»arbeitsteilig«) organisiert werden muss, stellt sich die Frage nach den grundlegenden Bewegungsprinzipien. Ein Arbeits- und Wirtschaftssystem braucht eine innere Antriebslogik. Hier sehe ich, vereinfacht gesprochen, zwei gegensätzliche Prinzipien »am Werk«: Eine Vorschusslogik und eine Bewährungslogik. Beide hängen untrennbar mit Menschenbildern zusammen, beide sind daher auch theologisch zu reflektieren und zu bewerten. Ich werde sie kurz skizzieren. Die Gegenüberstellung mag überzeichnet wirken, das scheint mir aber akzeptabel zu sein. Die alltägliche Realität ist immer komplex und kompliziert, daher brauchen wir »Brillen«, um im Dickicht etwas  zu eerkennen.

3. Bewährungslogik
Die Bewährungslogik (hier nehme ich Gedanken von Ulrich Oevermann auf) ist das heute gängige Bewegungsprinzip des gegenwärtigen Arbeits- und Wirtschaftssystems. Es besagt: Leistung muss sich lohnen, Leistung muss belohnt werden, Leistung spornt daher an. Jede/r ist verpflichtet sich mit ihren/seinen Möglichkeiten an der Leistungserbringung zu beteiligen, und zwar um der Gemeinschaft willen. Es gilt sich zu bewähren und dafür den Lohn zu erhalten. Wer keine Leistung erbringen kann, weil er zu alt, zu jung oder krank ist, der/die wird von der Gemeinschaft abgesichert. Nur deshalb. Auf dem »nur« liegt der Akzent. Abgesehen davon hat sich jeder Mensch zu bewähren und einzubringen, Leistung zu bringen. Und zwar in dieser Reihenfolge: Erst Leistung, dann Lohn. Ganz selbstverständlich wird heute von Hartz-IV-»Leistungen« gesprochen. Auch die Absicherung ist eine »Leistung« des Staates, der Gemeinschaft. Diejenigen, die darauf angewiesen sind, werden so schon mit dem Begriff daran erinnert, wo sie in der Gesellschaft stehen, nämlich außen oder unten, weil sie nichts leisten können, sondern Leistungen »empfangen« müssen. Dies führt dann in der Praxis zu den bekannten, oft quälenden Überprüfungen (warum, wieso, wie lange) und zu der Tendenz, Schuld und Versagen dem oder der Einzelnen zuzuschreiben: nicht das System ist verkehrt, sondern du bist es, weil du deine Leistung nicht erbringst. Schäm dich. (»blame the victims«).
So wird eine verhängnisvolle Schieflage erkennbar: Es geht hier zwar nicht um die Selbstrechtfertigung vor Gott (»Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?«) sondern um die Rechtfertigung in und vor der Gesellschaft (»Wie werde/bleibe ich leistungsfähig?«). Ich bin nichts wert, wenn ich nichts leisten kann, ich bin nichts wert, weil ich nichts leisten kann. Luther empfand und formulierte Gott gegenüber, der heutige sog. säkulare Mensch gegenüber »der Gesellschaft«: Wie bekomme ich eine gnädige Gesellschaft? Durch Leistung im System, das mir für meine Anstrengung die Belohnung erteilt. Ich muss Leistung erbringen, und möglichst immer noch mehr, weil dieses Wirtschaftssystem auf Wachstum hin angelegt ist. Ein »Mehrwert« muss erzielt werden, sonst funktioniert das System nicht. Die Anerkennung gibt es nachgängig, weil ich mich sonst aus dem System verabschiede und Schmarotzer/-in sein will, der/die auf Kosten anderer lebt…
Anders gesagt: Leistung bestimmt unsere Welt und macht unseren Wert aus. Daran hängen wir unser Herz, an die Leistung, wir glauben an die belohnende Gerechtigkeit. Wir glauben an den Gott der Leistung. Dieser Leistungsgott ist ein gnadenloser Gott: er belohnt die Tüchtigen, diejenigen, die sich bewährt haben und stößt alle anderen in den Abgrund. Er sagt: du bist schuld, hättest du dich mehr angestrengt, dann… Und am Ende glaube ich es und denke, ja, ich bin schuld, ich habe mich nicht genug angestrengt…
Fatalerweise führt das Prinzip zwangsläufig zum Vergleichen, das »immer mehr, immer besser« zwingt zur Konkurrenz. Unbezweifelbar klingt in diesem Prinzip auch ein Ansporn zum Wettbewerb an und viele Errungenschaften sind auf Basis dieses Prinzips in den letzten Jahrhunderten entstanden. Nun aber kommt es an Grenzen und die Rückseite eines auf Wachstum basierenden nachgängigen Leistungs- und Belohnungssystems wird erkennbar: Der fortschreitende Ressourcenverbrauch und eine Unzahl unsinniger Güter, die nach Begrenzung schreien. Das Bewährungsprinzip durchdringt mehr und mehr unsere ganze Lebenswirklichkeit. Der viel beschworene »homo oeconomicus« sucht tendenziell alle Lebensbereiche unter der Bewährungslogik zu vereinnahmen: Bring Leistung, nimm so am Leben teil und investiere die Belohnung erneut ins System, um noch »besser« zu werden, dir noch mehr »leisten« zu können, du hast es dir ver-»dient«.

4. Vorschusslogik
Die Vorschusslogik als Anerkennungs- und Motivationsprinzip sagt dagegen: Du bist gut und lebenswert. Du hast ein Recht auf Leben und Unterhalt und Fülle. Und zwar bedingungslos. Dieser Gedanken entspricht der Vorstellung des bedingungslos liebenden Gott, der unverdient ins Leben ruft, einen »Vorschuss« gibt und mich/uns wirken lassen möchte. Bedingungsloser Vorschuss setzt auf Hoffnung statt auf Bewährung, auf Motivation zur Leistung statt auf Forderung von Leistung. Sein Menschenbild baut auf Vertrauen und Zutrauen (»Du kannst«) und nicht auf Kontrolle und Zwang (»Du musst«).
In diesem Prinzip erkaufe ich mir nicht mit Leistung welcher Art auch immer Anerkennung, muss mich nicht zuerst bewähren und werde darin und danach anerkannt. Ich bekomme meinen »Lohn« als Vorschuss. Und zwar bedingungslos. Bringe ich die Leistung nicht, bewähre ich mich nicht, warum auch immer, so muss ich den Vorschuss nicht zurückzahlen. Es gibt Sicherheit, wenn mein Lebensunterhalt gesichert ist und ich nicht mit schlechtem Gewissen wegen meiner mangelnden Leistungsfähigkeit durchs Leben laufen muss. Hier bietet sich als gesellschaftliches Modell und theologisches Leitbild das BGE an. Aufgabe von Theologie ist es auch, Leitbilder für das Leben zu finden, welche auf gegenwärtige Herausforderungen angemessen »antworten«: Sie müssen sich mit der biblischen Tradition verbinden lassen und anschaulich sein.
An allen Ecken und Enden ist heute die Rede davon, dass wir ein anderes, nachhaltiges Wirtschaftssystem benötigen, auf eine Postwachstumsgesellschaft zugehen müssen, wenn die »multiplen Krisen« der Gegenwart bewältigt werden sollen. In der Analyse sind sich viele Fachleute – bei allen Unterschieden im Detail – einig. Es stellt sich aber – neben dem Streit um die richtigen Entscheidungen – immer wieder die Frage nach dem inneren Gestaltungsmotiv. Die Idee des BGE könnte solch ein Leitbild darstellen, weil es offen und anschlussfähig zugleich ist und zum Handeln motiviert, weil es eine Zukunftsperspektive so aufspannt und zugleich an die biblische Tradition anknüpfen lässt.
Die Bibel spricht davon, dass ein Leben in Fülle Geschenk Gottes ist, stellt den Rahmen dar, in dem sich Leben vollzieht.

»Gott gehört die Erde und ihre Fülle, die Welt und die in ihr leben.« (Psalm 24,1 BigS)

Der Mensch ist nicht Eigentümer der Erde, sondern er soll und darf von ihr und auf ihr leben, er darf sie nutzen, aber nicht verbrauchen. Eigentümer der Erde bleibt Gott, das ist eine erste Begrenzung allen menschlichen Denken und Handelns.

»GOTT, bis über den Himmel hinaus reicht deine Freundlichkeit, deine Verlässlichkeit bis zu den Wolken. Mensch und Tier befreist du, GOTT. Wie kostbar ist deine Freundlichkeit, GOTT! Menschen bergen sich im Schatten deiner Flügel. Sie sättigen sich an der Fülle deines Hauses. Vom Bach deiner Freude lässt du sie trinken. Denn bei dir ist die Quelle des Lebens.« (Ps 36, 6-10a BigS)

Gott ist Quelle des Lebens, er stellt Fülle zur Verfügung, von der alle leben können, zugleich wird diese schöpferische und erhaltende Wirksamkeit Gottes eingeordnet in die Qualifizierung Gottes als freundliches, verlässliches Gegenüber.
Die Logik einer bedingungslosen Liebe Gottes, die jedem das gibt, was er braucht, wird von Jesus formuliert und zugespitzt. Als Beispiel mag das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg gelten. Zwar verbleibt die Erzählung in der Logik, dass für Arbeit ein Lohn gezahlt wird, also die Bewährung (zeitlich) der Entlohnung voraus geht. Und doch wird diese Logik (sachlich) von der Vorschusslogik durchbrochen, die jedem Arbeitenden zuspricht, was er fürs Leben braucht, einen Denar. Als diejeinigen aufbegehren, die länger gearbeitet haben, mehr Leistung bringen konnten, antwortet der Weinbergbesitzer:

»Ich tue dir kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? Nimm, was dir gehört und geh! Ich will nämlich diesem letzten dasselbe geben wie dir. Oder ist es etwa nicht erlaubt, mit meinem Eigentum zu machen, was ich will? Bist du etwa neidisch, weil ich gütig bin?« (Mt. 20,13 BigS)

Auch hier wird der aufrechnende Zusammenhang von Arbeit und Entlohnung durchbrochen, Gottes Güte will jedem/jeder geben, was er/sie zum Leben braucht.
Von der bedingungslosen Liebe als Grundprinzip Gottes spricht reflektierend auch Paulus:

»Denn ich verlasse mich darauf: Weder Tod noch Leben, weder himmlische noch staatliche Mächte, weder die gegenwärtige Zeit noch das, was auf uns zukommt, weder Gewalten der Höhe noch Gewalten der Tiefe, noch irgendein anderes Geschöpf können uns von der Liebe GOTTES trennen, die im Messias Jesus lebendig ist, dem wir gehören.« (Röm 8, 38f, BigS)

Diese biblischen Aussagen sind kompatibel mit Luther und seiner Rede vom gnädigen Gott, der mich (und uns) bedingungslos liebt:

»Sieh, so fließt aus dem Glauben die Liebe und die Lust zu Gott und aus der Liebe ein freies, williges, fröhliches Leben, dem Nächsten umsonst zu dienen.« (Freiheit eines Christenmenschen, Abschnitt 27)

Hier geschieht eine vorgängige Anerkennung meiner Person und meines Wertes, den ich mir nicht verdienen muss. Diese Anerkennung der menschlichen Würde ist auch Grundprinzip des Grundeinkommens, das in vielen Diskursen bereits eine wesentliche Rolle spielt. So ist dieses aus dem Glauben begründete und motivierte Erkenntnis-, Gestaltungs- und Handlungsprinzip anschlussfähig an alle Initiativen, die sich um die Zukunft sorgen und nach Wegen im Blick auf die »Große Transformation« und einen neuen Gesellschaftsvertrag suchen. Angeboten wird eine Einordnung meiner Person, meiner Möglichkeiten, in einen realistischen begrenzten und begrenzenden Rahmen. Die »Ethik des Genug«, für die der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider wirbt, erinnert uns auch an unsere Begrenzungen im Handeln. Überforderung fließt nicht aus dem Evangelium, eher die schmerzhafte Einsicht, nicht alles zu können – und am Ende eventuell zu scheitern. Im Grundeinkommen liegt daher auch der Gedanke des »Lassen-Können« mit angelegt: Weil ich abgesichert bin und zwar auf Vorschuss, kann ich auch meine Grenzen erkennen und anerkennen, weil die Leistung nicht über mein Wohl und Wehe entscheidet. Das BGE bietet sich daher als Antwort auf die Krise des heutigen Arbeitssystem an, die sich in diesen Tagen in Presseberichten spiegelt, das die Arbeitsmotivation weltweit (!) in den letzten Jahren gesunken ist.

5. Bedingungslose Liebe Gottes und bedingungsloses Grundeinkommen
Mit dem Reformationsjubiläum 2017 besteht schon allein pragmatisch gesehen die Chance, die Sprengkraft der reformatorischen Grunderfahrung auf vielen Feldern in Kirche und Gesellschaft neu durch zu buchstabieren. Und das gilt auch für die drängende gesellschaftliche und globale Herausforderung, ein neues Arbeits- und Wirtschaftssystem zu finden, das den »Wirtschaftswachstumswahnsinn« (Frithjof Bergmann) überwinden kann. Theologisch muss sich solch eine Neuorientierung an einem Menschenbild orientieren, das Menschen vom Vorschuss her leben lässt und nicht von der Bewährung. Entspricht nicht einer in die Leere laufenden Werkgerechtigkeit (die zur Reformationszeit auch wirtschaftliche Implikationen beinhaltete) heute eine in die Leere führende »Werk«- Gerechtigkeit, die mir vorgaukelt, du bist nur etwas, wenn du etwas tust, ja, du bist nur das, was du leistest? Luthers Kampf galt dem Versuch, durch »Werke« Gott gnädig zu stimmen und erkannte, dass dieser Weg und das dahinterstehende Menschenbild in die Irre führt. Unser Kampf muss heute vielleicht darin liegen, die bedingungslose Liebe Gottes gegen ein anderes in die Irre führendes System von Werkgerechtigkeit ins Feld zu führen. Glaube an den mich, uns und die Welt bedingungslos liebenden Gott impliziert ein neues Selbst- und Weltbild. Bedingungslos geliebt zu sein impliziert ein anderes Selbst- und Weltbild als auf Bewährung angewiesen zu sein.
Das BGE ist ein alternatives Modell zum heutigen Arbeitssystem. Als Denkalternative eröffnet es Perspektiven des Handelns, ebenso wie die Postwachstumsökonomie von Nico Paech. Beide – und es gibt sicher noch mehr – zeigen zunächst und vor allem Alternativen im Kopf auf, das (all-)gegenwärtige, neoliberal ausgerichtete Wirtschaftssystem mit seinen katastrophalen, demotivierenden und zerstörerischen Folgen überhaupt sinnvoll in Frage stellen zu können. Dies eröffnet Freiheit zunächst im Kopf, befreit aus der Öde einer alternativlosen Resignation.
Ein vorschießendes Grundeinkommen lässt mich durch- und aufatmen – und dann Leistungen erbringen, wo ich will und wie ich will. Denn es steht außer Frage, dass der Mensch im Grund seines Herzens tätig sein will. Luther hat diese Logik in der Freiheit des Christenmenschen verortet, der von Gott alles geschenkt bekommt und in Folge nicht anders kann, als sich dem Nächsten tätig zuzuwenden. Menschen wollen Leistung bringen, wollen sich einbringen und bewähren. Entscheidend ist aber das Setting, der Rahmen, in dem dies geschieht. Kaum etwas macht Menschen so sehr zufrieden wie eine Arbeit, die ich wirklich, wirklich will, meint der Philosoph Frithjof Bergmann (und er bezieht dies keineswegs nur auf die Erwerbsarbeit) – und wenn ich eine solche Arbeit habe, vergesse ich Raum und Zeit. Und dafür steht mir dann auch »Lohn« zu, in welcher Form auch immer. Wenn wir heute nach einem anderen System von Arbeit, Wirtschaften und Leben suchen, dann müssen wir auch nach den inneren Antriebsmotiven des bisherigen und möglicher künftiger Systeme fragen. Und hier empfinde ich den Gegensatz von vor- und nachgängiger Anerkennung im Gegenüber von vorschießendem Grundeinkommen und belohnendem Bewährungsprinzip als hilfreiche Denk- und Erkenntnisperspektive. Auch die bedingungslose Liebe Gottes bleibt nicht folgenlos, sie erwartet die Bewährung in der Leistung. Torsten Meireis zieht hier den Dienstbegriff heran:

»Die Motivation dieses Dienstes stammt aus den Einsichten des Glaubens, der Wirkung der Liebe und dem Geschenk der Hoffnung. Die Dienst impliziert keine heteronome Unterordnung, er erzwingt keine Selbstverleugnung oder Selbstaufgabe, aber er erfordert Selbstbestimmung in höchstem Maße. (… Dieser Dienst) wird grundsätzlich durch die Fülle der auf die Schöpfung hin durchsichtigen Natur, aus er wir leben, ermöglicht. Ein Leben, in dem wir – jeder und jede für sich – über das Vermögen zu demjenigen Dienst verfügen, zu dem wir individuell berufen sind, können wir ein ›Leben in Fülle‹ nennen.« (Meireis, Tätigkeit und Erfüllung, S. 537)

Als theologisches Gegenargument wird hier zuweilen auf eine andere Tendenz in der evangelischen Tradition verwiesen, die dem Gedanken eines BGE grundsätzlich zu widersprechen scheint: Das »protestantische Arbeitsethos«, das auf Pflichterfüllung, dauerhafte Leistungsbereitschaft und ruhelose Tätigkeit setzt. Dieser Gedanke wird zumeist mit Max Webers großer Untersuchung »Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus« in Verbindung gebracht – zu Unrecht, wie nicht nur Meireis weiß:

»Die ›protestantische Arbeitsethik‹ lebt – zwar schon lange nicht mehr im Protestantismus, wie bereits Max Weber wusste, aber im Baukasten der Stereotype, die den Protestantismus beschreiben.« (Meireis, S. 538)

Ganz abgesehen davon handelt es sich bei dem Verweis auf das protestantische Arbeitsethos um ein doppeltes Missverständnis. Zum einen geht es nicht darum, das Leistungsprinzip auszuhebeln, sondern es wird die Frage nach der grundlegenden sinnvolleren Motivation gestellt. Zum anderen geht es beim BGE nicht um ein finanzielles Schlaraffenland, sondern um eine grundlegende Absicherung des zum Überleben Nötigen und um darüber hinaus in bescheidenem Maß an Kultur und Gesellschaft dort teilnehmen zu können, wo dies nur mit finanziellen Mitteln möglich ist. Nicht der/die auf der faulen Haut liegende Schmarotzer/-in folgt theologisch aus der bedingungslosen Liebe und einer auf Vorschuss setzenden Motivation zur Leistung, sondern der einsatzbereite Mensch. Wer sich hier auf dem BGE ausruht, verfehlt den von Gott gedachten Sinn des Lebens – es sei denn, er oder sie versteht eine Lebensphase als Sabbat-Zeit, ein Gedanke, der sich auch, eher marginal, im Rahmen des heutigen Arbeitssystems findet. Anders gesagt: »Sünde« (als Verfehlung des Lebenszieles, der Lebensbestimmung) ist nicht nur im Rahmen des gegenwärtigen Arbeits- und Wirtschaftssystem denkbar, selbstverständlich in jedem anderen System genauso, denn kein System ändert den Menschen, nur der Zuspruch und die Annahme der bedingungslosen Liebe im Glauben.
Die Diskussion um das BGE ist mittlerweile unübersehbar und unübersichtlich. Hilfreich scheint mir zunächst die Erkenntnis Reitters, dass die Idee des Grundeinkommens sich in den dreißig Jahren unabhängig von den »großen« gesellschaftlichen Institutionen entwickelt hat. Es ist nicht die politische Idee einer Partei, sondern ein Reflex auf die Veränderungen, die sich in den letzten Jahrzehnten mit dem Siegeszug einer neoliberal ausgerichteten Wirtschaft weltweit vollzogen haben. Daher liegt im BGE gerade die Chance, »überparteilich« eine Diskussion zu führen, die sich nicht an den gängigen Mustern von rechts, links, grün oder wie auch immer orientiert (wenn auch verschiedene Parteien anfangen, sich der Diskussion zu öffnen).
Martin Booms (»Ideal und Konzept des Grundeinkommens«) hat in der Diskussion um ein BGE drei Potentiale ausgemacht: das Potential der Denkraumerschließung, das utopische und das politisch-diskursive Potential. Denkraumerschließung meint, dass alle Konzepte des Grundeinkommens die gemeinsame Idee der Entkoppelung von Einkommen und Erwerbsarbeit verfolgen und diese als »Gegenbild« in die Diskussion einbringen. Das utopische Potential erwächst aus der Erkenntnis, dass das Grundeinkommen derzeit noch u-topisch, noch ohne Ort in der Gesellschaft sei – letztlich aber in jedem Gesellschaftsmodell ein utopisches Element aufleuchtet, das sich in der jeweiligen Gestaltungsherausforderung konkretisiert. Die Chance des politisch-diskursiven Potentials schließlich liegt darin, ein anderes Modell von Kultur in die Diskussion einzubringen und zugleich mit dieser Diskussion einen Teil dieser Kultur in der Gesellschaft bereits zu schaffen.
Booms zeigt so auf, dass die Idee des Grundeinkommens viel mehr ist als »nur« ein anderes, vereinfachtes Sozialversicherungssystem. Es zielt auf eine umfassende Veränderung des Denken, Lebens und Arbeitens. Es ist keinesfalls eine rein und schon gar nicht primär eine sozialpolitische oder wirtschaftsethische Fragestellung, sondern im Kern ist das Grundeinkommen eine anthropologische Frage: Wie wollen wir leben und arbeiten? Und darin verborgen liegt die Frage, welche Menschenbilder hinter unseren Handlungssystemen stehen und wie wir diese bewerten. Das Grundeinkommen schlägt einen Perspektivwechsel von der Fixierung auf Belohnung als Folge von Bewährung hin zu einer Logik des Vorschusses und buchstabiert diesen Wechsel auf allen Ebenen unserer gesellschaftlichen Lebens durch.
Am Anfang steht das Potential der Denkraumerschließung. Booms verweist darauf, dass die sehr unterschiedlichen Konzepte eine gemeinsame Idee in die Diskussion einbringen: die Idee einer prinzipiellen Entkopplung von Einkommen und Erwerbsarbeit. Er verweist auf die Tatsache, dass auch hinter der heute gängigen Verknüpfung von Erwerbsarbeit und Einkommen, zugespitzt in der Leitidee des Normalarbeitsverhältnisses, normative Vorentscheidungen stehen. Kurz gesagt: Auch das heute so gewohnt und vertraut scheinende Arbeits- und Wirtschaftssystem ist nicht naturhaft vorgegeben, sondern beruht auf menschlichen Entscheidungen. Diese Idee eröffnet einen Denkraum, in dem es zunächst darum geht, diese Idee der Entkoppelung von Erwerbsarbeit und Entlohnung zu verstehen (d.h. nicht, sie gleichzeitig zu akzeptieren) und sie grundsätzlich auch als veränderbar zu erkennen. Eine Entkoppelung von Arbeit und Einkommen ist auch in der biblischen Tradition mit angelegt, genauer gesagt, es wird dem Recht des Menschen auf ein gutes Leben jenseits der eigenen Leistungsfähigkeit das Wort geredet. Kritik an unmäßigen Reichtum, an Fremdherrschaft, an Ausbeutung und unmenschlichen Steuerlasten sowie lebenslanger Schuldversklavung durchzieht die prophetischen Bücher der hebräischen Bibel. Im Namen Gottes haben Amos, Jesaja und andere gesagt: So soll es nicht sein – und eröffneten somit einen Denkraum, indem sie ihre Gegenwart in den weiteren Rahmen von Gottes Gerechtigkeitsvorstellungen hinein stellten. Reichtum und Fremdherrschaft sind nicht gottgegeben, sondern veränderbar. Von hier führt der Weg zu den Visionen und Utopien, die wir ebenfalls in der prophetischen Tradition finden, Vorstellungen, wie die Welt im Sinne Gottes aussehen könnte, ja müsste – und am Ende der Zeit auch aussehen wird. Utopien wie Jesaja 65 eröffnen Denk- Möglichkeiten, lassen träumen und machen Hoffnung, weil ich weiß, hinter diesen Utopien stehen nicht nur Träume, sondern der bedingungslos liebende Gott, der Menschen aus und in der Fülle leben lassen möchte.
Bemerkenswert ist daher, dass auch Boom auf das utopische Potential des BGE verweist. Er erinnert daran, dass Gesellschaft immer in Bewegung ist und sich verändert. Zu diesem Prozess gehört immer der Blick zurück auf das Nicht-mehr und der Blick nach vorn auf das Noch-nicht. Hier haben Utopien ihren Ort. Booms zitiert Annemarie Pieper, die Utopien als »Bausteine einer zeitgemäßen Wirtschaftsethik« versteht:

»Utopien (…) haben eine innovative Kraft und zugleich eine gesellschaftskritische Funktion. (…) Was (…) heute not tut, sind praktische Gedankenexperimente, in denen auf dem Boden einer zeitkritischen Analyse ein Stück Zukunft antizipatorisch vorweggenommen wird.« (Pieper bei Booms, S. 16)

Mit dem Vorschlag des BGE wird an die grundlegende Veränderbarkeit der Gesellschaft erinnert und durch die (noch) utopische Möglichkeit ein Ausweg aus einer systemimmanenten Sachzwangdiskussion eröffnet. Damit aber weist die Idee des BGE zum einen über sich hinaus, zum andern auf den gegenwärtigen politischen Kontext zurück. Das eröffnete Denken ist wie ein Fenster, durch das frische Luft in einen Raum strömt und neue Lebenskräfte weckt.
Das Anknüpfen an Utopie ist gute biblische Tradition. Unsere Verheißung hat hier keinen Ort, sie kommt auf uns zu und liegt uns voraus und aktualisiert sich unter uns im Glauben. Die Verheißung des kommenden Reiches Gottes, das fragmentarisch unter uns bereits Realität annimmt, fordert uns auf, zeitkritische Analysen aufzunehmen und unsererseits ein Stück Zukunft vorwegzunehmen. Genau dieser kritische Impuls findet sich bei den Propheten Israels wieder, die ausgehend von einer vielfach unguten gesellschaftlichen Situation es wagten, im Namen Gottes Hoffnungsbilder von einem anderen Leben zu malen. Hier können wir anschließen. Das utopische Potential des BGE weist darauf hin, dass unser heutiges Arbeits- und Wirtschaftssystem keineswegs immer und überall zum guten Leben aller führt, im Gegenteil. Es nimmt aber das Bild eines anderen Arbeitens, Lebens und Wirtschaftens auf und stellt diese Möglichkeit der Gegenwart gegenüber. Einfach gesagt: Es geht darum, vom Standort des Glaubens an den bedingungslos liebenden Gott – zu träumen: Was wäre, wenn…? Enno Schmidt führt dazu aus:

»Die Vorstellung eines zum Leben ausreichenden Einkommens ohne Abzug der Lebensleistung befreit die Seele. Und zwar noch ohne viele Gedanken und Details. Weil diese Vorstellung die Verhältnisse umkehrt. Ich bin nicht da, um mich einzufügen in die Verhältnisse, sondern die Verhältnisse sind für mich da. Und ich bin für die Welt da, dafür, dass meine Liebe Einfluss nehmen kann auf die Erde. Darin liegt etwas Kindliches, eben nicht Kindisches, nicht Nichtiges, auch nicht Vergreistes, nicht Verkrustetes. Für die Seele ist das Grundeinkommen Befreiung für die Welt und Verantwortung für mich. Es stellt die Frage nach der Lebensführung nicht aus Angst, sondern aus Ermöglichung. Die Seele fühlt sich zuhause und frei, von den Früchten des Gewesenen zu leben und von den Leistungen der Anderen, freigestellt und hineingestellt in die eigene Intention. Sie fühlt Handlungsfähigkeit.« (Enno Schmidt, Grundeinkommen für die Seele S. 2)

Das so eröffnete Denken, das zu träumen wagt, wie eine andere, »bessere« Welt aussehen könnte, muss sich aber der konkreten Gegenwart und der Frage nach ersten Schritten stellen, will es nicht als Schwärmerei abgetan werden. Daher stellt das politisch-diskursive Potential schließlich die Frage, wie wir in unserer Gesellschaft leben wollen. Das ist nach Booms keine Frage für Politiker/-innen oder Experten/-innen, sondern eine Frage an alle Bürger/-innen, denn nur sie können die Frage beantworten in einem demokratischen Gemeinwesen, wie das gute Leben konkret aussehen soll. Diese Prozesse der Partizipation müssen aber organisiert und ermöglicht werden. Es ergibt sich folgende doppelte Chance und Aufgabe:

»Im Blick auf ihr politisches Aktivierungspotential in förmlicher Hinsicht hat die Idee des Grundeinkommens daher die Chance, einen ergebnisoffenen Diskurs über gesellschaftliche Orientierungsfragen aufzuwerfen, der eine vom Inhalt dieser Idee unabhängige Wertigkeit an sich aufweist. Zugleich erhebt das Grundeinkommen im Sinne eines soziopolitischen Konzepts aber Anspruch darauf, innerhalb dieses Diskurses als inhaltlich-konkrete Antwort in Konkurrenz zu anderen gesellschaftspolitischen Konzepten zu überzeugen.« (Booms, S. 20)

Der Gedanke, das Grundeinkommen als ein Erkenntnis-, Gestaltungs- und Handlungsprinzip auf der Basis eines Menschenbildes zu verstehen, das auf Vorschuss setzt, bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten, an aktuelle Diskussionen anzuknüpfen – wenn die Engführung vermieden wird und der Dreiklang von Denkraumerschließung, utopischem bzw. politisch-diskursivem Potential wenn auch nicht immer zwingend direkt zur Sprache gebracht wird, aber zumindest immer mitgedacht bleibt.

6. Fazit: Dialog- und Kooperationsmöglichkeiten
Das BGE als theologisch reflektiertes und begründetes Leitbild eröffnet eine Vielfalt von Dialog- und Kooperationsmöglichkeiten zwischen Kirche, Theologie und anderen gesellschaftlichen Kräften. Nur ein Beispiel möchte ich nennen.
Steffen Andrea und Matthias Grundmann haben vor einigen Monaten das kleine Büchlein »Gemeinsam! Eine reale Utopie. Wenningen 2025« veröffentlicht. Die Autoren gehen u.a. davon aus, dass es Modellprojekte geben könnte, in denen sich einzelne Regionen oder Orte für einen Systemwechsel auf der Basis des Grundeinkommens entscheiden, diese Projekte öffentlich finanziert und von der Bevölkerung vor Ort mehrheitlich akzeptiert werden und dieser Prozess dann wissenschaftlich begleitet wird.
Auffallend war aber für mich, dass in der erzählenden Utopie die Kirche mit keinem Wort vorkommt. Ich habe die Autoren daraufhin angeschrieben und gefragt: »Wo ist die Kirche?« Ihre Antwort lautet: »Das fragen wir uns auch. Wo ist die Kirche, warum geht sie nicht mehr auf Gruppen zu, die sich mit dem Gemeinschaftsgedanken befasst?« Ich bin sicher: es gibt solche Gruppen. Aber die Rückfrage zeigt an, dass hier noch viel zu tun ist und auch viele Möglichkeiten bestehen. Insofern sehe ich im christlich begründeten Einsatz für die Idee des Grundeinkommens eine doppelten Chance: Einmal eröffnet sich die Chance, unsere genuine Glaubenserfahrung in das Nachdenken über ein anderes Gesellschaftsprinzip einzubringen und zugleich sehe ich in der Diskussion über das vorschießende Grundeinkommen Ansatzpunkte für Gespräche, neue Koalitionen, Bündnisse und gemeinsame Projekte zwischen kirchlichen und anderen Initiativgruppen, die an den gleichen Fragen »dran« sind wie wir.