Wo du hingehst, da will ich auch hingehen. Wo du bleibst, da bleibe ich auch.

Predigt über das Buch Ruth am 19. Oktober 2014

(Ursprünglich von Birgit Mattausch. Dazu am Ende mehr. Ebenso ein Link zu einem Audio-Mitschnitt der Predigt.)

 

Das Buch Ruth ist ein ganz besonderes Buch.
Ein ganz besonders schönes.
Ein Wort daraus wählen viele Brautpaare als Trauspruch:
Wo du hingehst, da will ich auch hingehen.
Wo du bleibst, da bleibe ich auch.
Traupredigten habe ich viele über diesen Spruch gehalten.
Nie eine Sonntagspredigt.
Bis heute.

Drei Hauptpersonen begegnen uns in dieser Liebesgeschichte.
Zuerst:

Naomi.
Auf deutsch:
Die Liebliche.
Sie kommt aus Israel.
Lebt im Land Moab.
Ist Ausländerin.
Hat zwei erwachsene Söhne.
Und zwei Schwiegertöchter.
Keine Enkel.
Ihr Mann stirbt.
Ihre Söhne sterben.
Naomi will zurück nach Israel.

Dann:
Ruth.
Die Freundin.
Kommt aus dem Land Moab.
Heiratet Naomis Sohn.
Wird jung Witwe.
Hat keine Kinder.

Und:
Boas, auf Deutsch:
Der Potente.
Lebt in Israel.
Ist entfernt verwandt mit Naomi.
Besitzt Land und Knechte.
Mägde und Einfluß.

Ich lese im Buch Ruth:
Gemeinsam mit ihren beiden Schwiegertöchtern zog Naomi weg von dem Ort, an dem sie gelebt hatte. Sie machte sich auf, um in das Land Israel zurückzukehren. (…) Und Naomi sprach: Kehrt doch um, meine Töchter. Warum wollt ihr mit mir gehen? Habe ich etwa noch Söhne in meinem Schoß, die eure Männer werden könnten? (…) Doch Ruth hängte sich an sie. (Ruth 1,11-14 in Auszügen)

Im zerschlissenen Kleid steht Ruth da.
Allein.
Die Seele traurigschwer.
Schwankt zwischen Immer und Nie und Jetzt.

Und da ist Naomi.
Fühlt den Körper der anderen.
Hört ihren Herzschlag.
Spürt ihren Atem.

Im zerschlissenen Kleid steht Ruth da.
Die Seele traurigschwer.
Lässt sich fallen in Naomis Arm.
Mit allem, was sie hat.
Und allem, was sie nicht hat.
Lässt sich einfach fallen in Naomis Arm.
Sagt:
Wo du hingehst, da will ich auch hingehen.
Wo du bleibst, da bleibe ich auch.
Wo du stirbst, da sterbe ich auch.
Da will ich auch begraben sein.
Ruth lässt sich fallen.
Einfach fallen.
Und die andere, Naomi, fängt sie auf.

Ruth hängt sich an Naomi.
Geht mit ihr in eine fremde Welt.
Nicht allein.
Zu zweit.
Aus Liebe?
Aus Liebe.

Ich lese im Buch:
Als die Gerstenernte begann, kamen sie in Bethlehem an. Und Ruth sagte zu Naomi: Ich will auf das Feld desjenigen gehen, in dessen Augen ich Wohlgefallen finde und Ähren nachlesen.
Und Naomi sagte zu ihr: Geh, meine Tochter. Und sie ging hin und las Ähren hinter den Schnitterinnen und Schnittern im Feld. Und es fügte sich so, dass das Feld im Besitz von Boas war. (Ruth 1,22 – 2,3 in Auszügen)

Schnitt.
Israel, Betlehem.
Alles ist getan.
Das Feld abgeerntet.
Die Gerste eingebracht.
Das Lamm gebraten.
Der Wein gekühlt.
Der Dreschplatz ein Tanzplatz.
Musik erklingt.
Und Jauchzen.
Sternschnuppen regnen in dieser Nacht.
Wünsch dir was, schnell!
Und schließ die Augen dabei.

Ich lese:
Und Boas aß und trank, und sein Herz war guter Dinge. Dann ging er bis ans Ende des Getreidehaufens und legte sich hin. Da kam Ruth im Verborgenen, entblößte seine Beine und legte sich zu ihm. (Ruth 3,7)

Die Beine.
Sehnig und braun.
Mit Haaren darauf, seidenweich.
Hell geworden von viel Sonne.
Die Musik:
Ganz fern jetzt.
Über die Tenne hat sich die Nacht gelegt.
Wie ein Mantel aus dunklem Samt.

Die Beine.
Der Mund.
Das Kinn.
Der Hals.
Ein Mann.
Eine Frau.
Aneinandergeschmiegt.
Hals an Knie.
Mund auf Haut.
Die Luft riecht nach Gerste.
Nach Brot.
Nach den Gerüchen der Körper.
Schweiß.
Haar.
Schoß.
Wie Rose.
Wie Koriander.
Wie Liebende.

Die Beine sehnig und braun.
Seidenweich.
Und Ruths Herz klopft
Wie ein Hall in der Dunkelheit.

Eine Hand ausstrecken.
Über die Beine streichen.
Die Wade.
Den Knöchel.
Zittern nicht vor Kälte.
Ein Mann.
Eine Frau.

In der Mitte der Nacht.

Ich lese weiter:
Er fragte: Wer bist du? Sie sagte: Ich bin Ruth, deine Sklavin. Breite deinen Mantel über mich.
Er sprach: Gesegnet bist du, denn deine zweite Wohltat ist noch besser als die erste. (…) So lag sie an seinen Beinen bis zum Morgen. Und Boas sagte: Alles, was du mir sagst, will ich tun. Denn alle im Tor meines Volkes wissen, dass du eine starke Frau bist. (Ruth 3, 9-14a in Auszügen)

Im zerschlissenen Kleid stand Ruth da.
Und ließ sich fallen in Naomis Arm.
Ging mit in fremdes Land.
In eine fremde Welt.
Ging hinter den Schnittern.
Brachte Naomi das Korn.
Aus Liebe.
Und nun:
Alle wissen, dass du eine starke Frau bist.
Besser als sieben Söhne.

Im zerschlissenen Kleid stehen beide da:
Ruth und Naomi.
Naomi und Ruth.
Stark und weich.
Kämpferisch sind sie.
Und zärtlich.
Eine ist nicht zu haben ohne die andere.

Denn ich lese:
So nahm Boas Ruth zur Frau und schlief mit ihr. Und der Ewige ließ sie schwanger werden und sie gebar einen Sohn. Und Naomi nahm das Kind, legte es auf ihren Schoß und wurde seine Mutter. Und die Frauen sprachen zu ihr: Gepriesen sei der Ewige. Dies Kind wird dich im Alter versorgen, denn deine Schwiegertochter, die dich liebt, hat ihn für dich geboren. Die ist besser als sieben Söhne. (Ruth 4,11-16 in Auszügen)

Ich schweife ab.

Verlasse das Feld, die Tenne, das Haus.
Verlasse die schwarzen Buchstaben auf den Blättern der Bibel.
Und schweife ab.
Hierher, in die Gegenwart.
Die Bilder wirken nach.
Von Naomi.
Von Ruth.
Und Boas.

Was brauchen Sie zum Leben?
Fragt die Reporterin auf St. Pauli.
Manche antworten: Gesundheit.
Milena mit den Lack-Stilettos antwortet:
Alles, was ich brauche, ist Liebe.
Und meint damit nicht die käufliche.

Was brauchen Sie zum Leben?
Ein Dach.
Ein Bett.
Den Himmel.
Die Sterne.
Das Wissen:
Alles wird gut?

Eine Freundin brauche ich, einen Freund:
Wo du hingehst, da will auch ich hingehen.
Und Brot brauche ich auch, ja.
Und ein Dach und ein Bett.
Aber auch:
Die Sommernächte und den Atem einer, eines anderen.
Alles, was ich brauche, ist Liebe.
Eines Menschen.
Eines Mannes.
Einer Frau.

Und Gott?
Der kommt im ganzen Buch Ruth kaum vor.
Und doch ist er dabei.
Im Hintergrund.
Verborgen.
Und doch anwesend.

So wie bei uns.
Wir spüren ihn.
Im Hintergrund.
Verborgen.
Und doch anwesend.
Vor allem in der Liebe.

Zwischen Mann und Frau.
Frau und Mann.
Mann und Mann.
Frau und Frau.

Alles, was ich brauche, ist Liebe.

Danke, wenn ich sie erlebe.
Aufwühlend, mein Herz umschlingend.

Danke, wenn ich sie erleben konnte.
Und noch davon zehren kann.

Danke, wenn ich noch darauf hoffen kann.
Auf Liebe.

Die manchmal mehr ist als Freundschaft.
Manchmal mehr wird als Freundschaft.
Aber manchmal auch in der Freundschaft alles ist, was ich brauche.

Amen.

 

Von der Predigt habe ich einen Audio-Mitschnitt angefertigt, der hier abgerufen werden kann:
Wo du hingehst – Audio-Mitschnitt der Predigt

Diese Predigt geht auf eine Predigt von Birgit Mattausch zurück, die ich umgeschrieben habe. Das Original finden Sie hier: Liebe hoch 3: Ruth, Naomi und Boas (Buch Ruth)

Sie können auch  die Predigt von Birgit Mattausch anhören: Mitschnitt

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