„Marta, du hast viel Sorge!“ oder: Wer macht die Hausarbeit?

katharinen

Gottesdienst zu Lukas 10,38-42 am 21. Juni 2015 in der Katharinenkirche in Osnabrück

Liebe Gemeinde,
mal Hand auf´s Herz – wer macht die Hausarbeit?
Kocht?
Spült?
Putzt das Klo?
Bringt den Müll raus?

Höre ich da bei letzterem ein erleichtertes Aufatmen bei uns Männern?
Müll rausbringen, ja.
Die Bohrmaschine und den Rasenmäher nehme ich auch in die Hand.
Und das Auto, das wasche ich.
Natürlich.

Klischees?
Vorurteile?
Stimmt alles gar nicht mehr heute?
Vielleicht.
Dennoch:
Hausarbeit ist vielfach nach wie vor Frauenarbeit.
Und die zählt in unserer Gesellschaft weniger als Erwerbsarbeit.

Auf den ersten Blick scheint die Geschichte von Maria und Marta dem nicht zu widersprechen.
Die Hausfrau Marta, so scheint es, wird zurück gewiesen.
Auf den zweiten Blick aber leuchtet die Botschaft des Evangeliums in all ihrer Klarheit auf.
Damit wir das erkennen können, müssen wir ein paar Dinge wissen.
Über das Leben im damaligen Israel.
Weil damals nicht alles so war wie heute.
Und manche Worte in Israel etwas anders klingen als in der deutschen Sprache.

Marta nimmt Jesus eines Tages auf und bewirtet ihn.
Daran ist zunächst nichts Besonderes.
Jesus hat sich gerne einladen gelassen, immer wieder.
Zur Rolle des Gastgebers gehörte eine entsprechende Verköstigung.
Nun ist Marta eine Frau und spielt die Rolle des Hausherrn.
Das war sicher nicht die Regel.
Aber es war in Israel durchaus üblich, dass eine Frau Haushaltsvorstand sein konnte.
Wenn kein Mann im Haushalt wohnte.
So hat Marta hier die Rolle des Hausherrn, der Hausherrin inne.
Und ihre Schwester Maria ist ihr daher untergeben.
Sie hat zu tun, was Marta anordnet.
Das war damals so.

Aber das klappt nicht so, wie Marta sich das vorstellt.
Sie hat in ihrer Doppelrolle als Hausherrin und Hausfrau eine Menge Arbeit.
Jesus und seine Jünger, das sind insgesamt ja 13 hungrige Männer.
Sie wirbelt also in der Küche, kocht, backt, trägt auf – und ärgert sich.

Über Maria.
Die tut nämlich – gar nichts.
Sie setzt sich lieber zu Jesus und den anderen – Männern!
Und hört ihm zu.
Statt ihre Pflicht zu tun, lässt sie Marta alleine schuften.
Und die Hausarbeit bleibt links liegen.
Maria weigert sich, ihren Platz einzunehmen.

Irgendwann platzt Marta der Kragen.
Und sie wendet sich – an Jesus.
An den Mann.
Der soll ihrer Schwester jetzt mal Bescheid sagen:
»Jesus, so geht das doch nicht!
Wasch Maria mal den Kopf!
Die soll ihre Pflicht tun und mir helfen statt hier faul herumzusitzen.
Frauen gehören in die Küche und nicht in den Kreis der Männer!«

Und Jesus?
Er reagiert wie so oft und stellt vertraute Dinge auf den Kopf.
Hier durchbricht er die Hausfrauenrolle.
Er stellt Maria als Frau den zuhörenden Männern gleich:
»In meiner Nähe gibt es keine Hierarchie zwischen Männern und Frauen, beide sind gleichwertig.«
Paulus wird diesen Grundgedanken Jesu später aufgreifen und in seinen Briefen so beschreiben:

»Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.« (Galater 3,28)

Für uns, naja, gewohnte Töne.
Für die damaligen Zuhörerinnen und Zuhörer dagegen war das eine ziemliche Provokation.

Und daher könnte man meinen, die arme Marta würde hier von Jesus ziemlich zu recht gestutzt.
Etwa so:
»Mensch Martha, jetzt lass mal dein männliches Verhalten hier nicht so raus hängen!
Komm runter vom hohen Ross des Hausherren!
Im Reich Gottes ist nicht mehr Mann noch Frau.
Jeder Mensch ist von Gott gleich geliebt und wichtig.
Und vor allem, lass die Hausarbeit ruhen, wenn ich da bin.
Die ist doch jetzt nicht so wichtig.
Du machst dir zu viel Sorge und Mühe.«

Das aber wäre ein Missverständnis.
Marta wird von Jesus keineswegs in die Schranken verwiesen.
Ein naheliegendes Missverständnis.
Für das wir nichts können.
Weil wir das kleine Wörtchen »sorgen« anders hören als die Zeitgenossen Jesu.

Wir hören »sorgen« erst einmal eher negativ:
Ich mache mir Sorgen um etwas.
Das klingt schwer und bedrückend.

Aber wenn Jesus das Wort »sorgen« verwendet, zum Beispiel in der Bergpredigt, dann meint er immer:
Die Sorge um den Lebensunterhalt.
Das ist auch anstrengend, klar.
Aber eine wichtige und notwendige Sache.
So wie bei uns die Erwerbsarbeit.
Sorge ist im Sprachgebrauch der Zeitgenossen Jesu immer die überlebensnotwendige Arbeit.
Dazu zählte aber nicht unbedingt die Hausarbeit.
Hier sagt Jesus nun:
»Martha, du hast viel Sorge.«
Anders formuliert:
»Martha, du kümmerst dich wirklich um wichtige Dinge, um die Hausarbeit.«
Ungewohnte Töne in den Ohren der damaligen Zeit.
So habe ich es bei einem Ausleger gelesen.

Man kann also sagen:
Jesus würdigt und wertschätzt die Arbeit von Martha grundsätzlich als berechtigte Sorge um den Lebensunterhalt.
Er hebt damit die Hausarbeit auf die gleiche Ebene wie die Erwerbsarbeit der Männer auf dem Feld oder wo auch immer.
Weil er für ihre Arbeit der Frauen in Haus und Hof das gleiche Wort sorgen verwendet wie für andere überlebensnotwendige Arbeit.
Dann erst kommt der Nachsatz:
Aber wenn ich da bin, kann und soll alle Arbeit erst einmal ruhen.

Wenn diese Auslegung des kleinen Wörtchens »Sorge« stimmt, dann ist dies eine Geschichte mit Sprengkraft.
Dass Männer und Frauen in den Augen Gottes und Jesu gleichwertig sind, okay, damit können wir leben.
Aber das Hausarbeit genauso wertvoll sein soll wie Erwerbsarbeit, das stieß damals und stößt heute auf Widerspruch.

Es gilt doch nach wie vor die Grundregel:
Bezahlte Arbeit ist echte und richtige Arbeit, alles andere ist Ehrenamt und Familienarbeit.
Das muss zwar auch alles sein, aber der Beruf ist allemal wichtiger.
Es hat sich sicher in den letzten Jahrzehnten hier manches verändert.
Aber diese grundsätzliche Abwertung der Hausarbeit zieht sich immer noch durch die Köpfe von Männern und Frauen.
Und trennt uns voneinander.
Denn:
Wer macht die Hausarbeit?

Ein durchaus heikles Thema.
Auch, weil nicht wenige Frauen bis heute absolut davon überzeugt sind, dass sie das eh besser können als ihre Männer.
Mag auch sein.
Aber …?

Oder ein anderer Gedanke:
Vor Jahrzehnten gab es noch weit mehr hauswirtschaftlichen Unterricht in der Schule, kochen, nähen, werken …
Ich hatte das alles noch in der Schule.
Das ist praktisch völlig verschwunden.
Alles spitzt sich heute in der Schule darauf zu, dass ich Zugang zu den »echten« Arbeitsplätzen erhalte.
Das ist ja auch wichtig und richtig.
Aber zum Leben gehört auch, dass ich lerne, einen Haushalt zu führen.
Kochen.
Putzen.
Waschen.
Bügeln.
Den Müll sortieren.
Mit dem Geld auskommen.
Wo lernen junge Menschen, vor allem die Jungs, das heute noch…?

Jesus weist mit diesem kleinen Satz: »Marta, du hast viel Sorge« sehr klar darauf hin:
Die Arbeit der Frauen im Haushalt ist genauso bedeutsam wie die Arbeit der Männer auf dem Feld oder wo auch immer.
Dass Maria an diesem ganz besonderen Tag die Hausarbeit mal links liegen lässt, ändert daran nichts.

Und was machen wir damit?
Männer an den Herd, Frauen ins Büro?
Nun, vielfach sind die Frauen ja schon im Büro.
Die Hälfte aller Mütter inzwischen, sagen die Statistiker.
Aber die Hausarbeit liegt immer noch zu erheblichen Teilen auf ihren Schultern.

Vielleicht könnten die (Haus-) Frauen mal streiken, wie die Lokführer vor einigen Wochen.
Machen einfach mal ein paar Tage nichts von dem, was sie sonst so zu Hause so machen.
Interessante Vorstellung, oder?
Was würde passieren?
Können Sie sich ja gleich mal beim Kirchenkaffee ausmalen.

Liebe Gemeinde,
die Geschichte von Maria und Marta erinnert uns daran, dass wir alle von bestimmten Vorstellungen geprägt sind.
Die haben wir irgendwann mal gelernt.
Niemand kann sich davon frei sprechen.
Es steckt immer noch in unseren Köpfen und Herzen, dass Hausarbeit nicht so wichtig die bezahlte Arbeit im Beruf ist.
Vertraute Gewohnheiten ändern ist schwierig und braucht Zeit.

Jesus sagt dazu:
Ihr, die ihr Hausarbeit leistet, ganz gleich ob Mann oder Frau, ihr leistet eine Arbeit, die genauso bedeutsam und wertvoll ist wie alle andere Arbeit.
Das provoziert unseren Widerstand.
Und durchbricht Schranken in unseren Köpfen.
Bringt Vertrautes durcheinander.
Da ist noch viel Luft nach oben.
In unseren Ehen und Familien.
Im Büro oder im Gemeindehaus.
Wer spült da?
Eben.

Ja, es gibt immer Ausnahmen von der Regel.
Aber wie heißt es so schön:
Ausnahmen bestätigen die Regel.
Jesus hat andere andere Vorstellungen für uns.
Da ist noch viel zu tun.
Amen.

(Die Auslegung der Geschichte findet sich in: Christof Arn, Hausarbeitsethik)

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