Sündige kräftig im #Neuland!

Diesen Text hat mein Kollege Ralf-Peter Reimann heute veröffentlicht. Er ist so gut und wichtig, dass ich ihn hier noch mal im Wortlaut wieder gebe. Ich stimme den Grundaussagen voll und ganz zu.
Hier der Link zum Original, Kommentare bitte dort: Sündige kräftig im #Neuland!

Viel Häme musste Bundeskanzlerin Merkel über sich ergehen lassen, als sie das Internet als Neuland bezeichnete. Seit fast zwanzig Jahren gibt es die ersten kirchlichen Websites. Natürlich ist das Internet in Gemeinden, Kirchenkreisen und Landeskirchenämtern angekommen. Trotzdem bilden Internet und die Digitalisierung oft noch Neuland für die Kirche. Wir fremdeln und machen dann zu.

Wir beherrschen die Technik, aber die digitale Kultur ist vielen in unseren Gemeinden fremd und sie erzeugt Angst. Als Protestanten sind wir eine Kirche des Buches, aber nicht des Internets. Lange haben wir gestritten, ob es überhaupt Online-Gemeinden geben kann oder ob das nur Communities sind, in denen sich Christenmenschen im Netz zusammenfinden. Die Haltung dahinter: face-to-face-Begegnungen sind wirklich, Online-Interaktionen nur virtuell und nicht real. Zum Glück hat die EKD-Synode im November letzten Jahres auch Online-Gemeinden anerkannt, aber es war ein weiter Weg und unsere binnenkirchliche Kultur muss sich noch ändern. Der Synodenbeschluss muss erst noch in die Gemeindepraxis übersetzt werden.

Während wir gestritten haben, welche Gemeindeformen im Netz überhaupt möglich sind, haben wir gar nicht bemerkt, dass die Kultur der Netzgemeinde stark atheistisch geprägt ist. Wir haben nicht einmal gemerkt, dass wir den Anschluss an die Diskussionen verloren haben.

Wir könnten nun darüber wehklagen – oder diese Realität akzeptieren und uns auf sie einlassen.

Jede Veränderung erzeugt Angst
Veränderungsprozesse erzeugen oft Verunsicherung. Das führt schnell zu einer Abwehrhaltung, so Gunter Dueck, früherer Chefstratege von IBM und IT-Vordenker: „Wir Deutschen neigen besonders dazu, zu vielen Megatrends zunächst eine Abwehrhaltung aufzubauen: ‘Nein, das wollen wir nicht’ ist die Haltung. Dabei lässt sich Digitalisierung nicht aufhalten. Durch kein Gesetz. Durch keine Blockade.“

Die Digitalisierung unserer Gesellschaft kommt, bzw. sie hat bereits begonnen. Punkt. Darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Sie ist eine Tatsache. Sie geht auch nicht weg, wenn man wehmütig darüber redet, wie es früher in der analogen Welt vermeintlich besser war.

Aber was machen wir in der Kirche? Ziehen wir uns zurück aus der Gesellschaft oder lassen wir uns gerne auf das ein, was unsere Gesellschaft jetzt mehr und mehr betrifft und prägt?

Die Digitalisierung stellt uns vor Herausforderungen. Wir müssen darüber reden, wie wir die Informationsgesellschaft gestalten wollen. Da ist jeder als Bürger und jede als Bürgerin gefragt, aber auch alle als Christenmenschen, wenn wir auf unsere Kirche blicken.

Es geht um unser Bild von Kirche
Gerade verfolgte ich auf Facebook eine Diskussion. Eine Prädikantin berichtet, wie sie über Facebook von ihrer Friseurin kontaktiert wurde mit der Bitte, ihre im Sterben liegende Großmutter zu begleiten. Der Weg über Facebook war der für sie niederschwelligste. Seit ihrer Konfirmation hatte die Friseurin keinen Kontakt mehr zur Kirche. Statt sich über diesen geglückten Kontakt zu freuen, beginnen Theologen in der Facebook-Gruppe nun darüber zu diskutieren, ob nicht eine Ortsgemeinde besser sei als solche Online-Kontakte, und werden dann grundsätzlich, ob es überhaupt Online-Gemeinden geben könne. Hinweis: die obige Diskussion wurde auf Facebook geführt. Social Media scheint ein Tool zu sein, das wir gut nutzen bzw. bedienen können, aber kulturell sind wir in der Gesamtheit noch nicht angekommen. Leider.

Digitalisierung stellt uns auch vor die Frage, wie wir es mit der Kirche halten. Wir müssen unsere Position bestimmen und uns verorten. Wollen wir die wahre Kirche quasi hinter digitalen Kirchenmauern sichern, also eine Firewall um die böse digitale Welt bauen, und uns so ins Off begeben? Wollen wir das digitale Ghetto oder suchen wir die Mitte der digitalen Gesellschaft, so wie im Mittelalter die Kirche auf dem Marktplatz stand.

Nach Marshall McLuhan ist das Medium die Botschaft – “the medium is the message”, wenn wir offen die Digitalisierung annehmen und wenn wir kompetent und bewusst Social Media und Internet nutzen, sagen wir gleichzeitig, wir wollen mit unserer Botschaft in der Mitte der digitalen Gesellschaft ankommen.

Inmitten der sündigen Netzwerke
Wenn wir im Rheinland schwierige Fragen zu klären haben, zitieren wir gerne die Barmer Theologische Erklärung. These III der Barmer Theologischen Erklärung verortet die Kirche „mit ihrer Botschaft … mitten in der Welt der Sünde“, These VI bestimmt den Auftrag der Kirche darin, „an Christi Statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk.“ Volkskirche so verstanden, koppelt den Auftrag der Glaubenskommunikation daran, an alle Menschen gewiesen zu sein.

Dabei dürfen und müssen wir uns als Kirche auch in Netzwerke begeben, die uns nicht gefallen, um die Menschen zu erreichen, denen diese Netzwerke gefallen. Das heißt für mich: Auch wenn Facebook in der Welt der Sünde ist, hindert mich nichts, dort das Evangelium zu verkünden. Das schulden wir nämlich allem Volk. Wenn über 30 Millionen Deutsche auf Facebook kommunizieren, dann richten wir auch dort das Evangelium aus. Täten wir das nicht, zögen wir uns aus der sündigen Welt zurück und flüchteten uns ins Weltfremde hinter Kirchenmauern. Das aber ist nicht mein Bild von evangelischer Kirche. Bei aller Kritik an Facebook & Co: wir sind – so sehe ich das – von Gott auch in solche Netzwerke gestellt.
Theologisch geht es also um das Wie und nicht um das Ob.

Das Gleichnis von den Talenten
Wir wissen nicht, welche Veränderungen die Digitalisierung mit sich bringt. Es gibt Chancen, aber auch Risiken – und natürlich auch Nebenwirkungen, die weniger erfreulich sind. Am Status quo festzuhalten, nur um keine Fehler zu machen, wäre der falsche Weg. Die meisten großen Internet-Unternehmen wurden als Start-ups mit Wagniskapital gegründet. Nicht jedes Start-up wird ein Großunternehmen. Es scheitern die meisten. Aber die, die Erfolg haben, prägen das Netz und unsere Gesellschaft. Youtube und Netflix erfinden das Fernsehen neu. Uns täte ein bisschen mehr Mut gut, unsere Talente – unser Kapital – gewollt einzusetzen auch wenn wir dabei auch den Verlust zu riskieren. Wir können unsere Pfunde wagen oder sie vermeintlich sicher vergraben. Wer mag, kann dazu das Gleichnis von den anvertrauten Talenten lesen.

Wenn wir uns auf die Digitalisierung bewusst einlassen, werden wir dabei auch Fehler machen, dabei auch sündigen. Aber wir sind – theologisch gesprochen ja auch Sünder. Gott hat uns aber diese Freiheit gegeben. Luther sagt sogar: Sündige kräftig! Aber der Satz geht weiter: „aber vertraue noch stärker und freue dich in Christus, welcher der Sieger ist über die Sünde, den Tod und die Welt.“ Deswegen können und dürfen wir uns auf die Digitalisierung einlassen – und dabei auch manchmal auf die Nase fallen.

Last but not least: Können wir wirklich das Parochialprinzip perpetuieren, wenn Menschen sich unabhängig von Gemeindegrenzen vernetzen? Haben wir den Mut zu Veränderung?

Datenschutz
Wer in der evangelischen Kirche zur Digitalisierung schreibt, muss den Datenschutz ansprechen – das ist schon fest in unserer digitalen Identität als Kirche verankert. Natürlich stellen sich viele ethische Fragen neu, nicht zuletzt zum Umgang mit unseren Daten. Wir müssen mit personenbezogenen Daten äußerst behutsam umgehen. Das ist klar. Aber Datenschutz darf kein Totschlagargument werden für Totalverweigerung. Vielleicht müssen wir generell den Umgang mit Daten neu überdenken.

Auf den Einzelnen kommt es an.
Die Institution wird in sozialen Netzen unwichtiger, Personen dagegen werden wichtiger. Mit dem Smartphone in der Hand wird jede zur Senderin, jeder zum Sender. Über welche religiösen Themen kommuniziere ich online? Ganz ungezwungen und natürlich, weil es Teil meines Lebens ist, das ich gerne mit anderen teile. Hierzu Menschen zu befähigen, ist unsere Aufgabe als Institution.

Mission und Engagement für andere
Wie und mit wem vernetzen wir uns? Mit unserer Diakonie engagieren wir uns gesellschaftlich. Wir bauen Solaranlagen auf Gemeindehäusern, um den Klimaschutz und die Bewahrung der Schöpfung zu befördern. Wir schenken Fair-Trade-Kaffee aus, um uns für gerechtere Produktionsbedingungen in den Ländern des Südens einzusetzen.

Wo können wir uns in der Netzgemeinde gesellschaftlich und diakonisch engagieren? Was sind hier unsere Themen? Freier Zugang zu Bildungsinhalten (Open Eduactional Resources – OER), Kommunikationsrechte für Minderheiten, Oppositionelle und Marginalisierte? Wie stellen wir uns zu Initiativen wir One Laptop per Child?

In der Offline-Welt haben wir gelernt, Mission und sozial-diakonisches Engagement nicht als Alternativen, sondern als Ergänzung zu sehen. Wenn wir Kirche in der digitalen Gesellschaft sein wollen, benötigen wir auch Beides: Glaubenskommunikation und Advocacy, also Eintreten für andere. Hier können wir uns mit anderen Mitgliedern der Netzcommunity verbinden und uns für gemeinsame Ziele einsetzen. Dann stehen wir nicht im virtuellen Abseits sondern inmitten der digitalen Gesellschaft.

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