Eine andere Fußballpredigt am Tag des Endspiels 2014 über Römer 12,9-21

Liebe Gemeinde,
ich weiß nicht, wie Ihnen das ging:
Der Dienstagabend war in dieser Woche ein ganz besonderer Tag.

22 Uhr, Anpfiff in Belo Horizonte.
Deutschland spielt gegen Brasilien.
Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft.
Wer wird gewinnen?
Kann sich die deutsche Mannschaft steigern?
Nach den mäßig aufregenden Spielen gegen Algerien und Frankreich?
Oder wird die gelbe Wand von 60.000 Brasilianerinnen und Brasilianern sie beeindrucken?
Und wie werden die Brasilianer mit diesem Druck fertig?
Mit dem Ausfall ihres Topstars Neymar?
Wird es sie anspornen?
Oder lähmen?

Viele haben es gesehen.
1:0 Müller.
2:0 Klose.
3:0 Kroos.
Eins, zwei, drei, fertig.
Unglaublich gespielt, unglaublich einfach.
Spätestens nach dem 4:0 macht sich Mitleid breit.
Und der Ehrentreffer kurz vor Schluss, Erleichterung.
Wengistens der ist ihnen gelungen.
Wenn auch Neuer tobte.
Sprachlosigkeit bei Kommentatoren, Spielern, im Netz.
Begriffe wie unglaublich und historisch treffen es nicht.
Selbst Analysten wie Olli Kahn verstummen.

Ein unglaublicher Abend.

Es gab aber eine Parallelgeschichte.
Sie hat mich erschüttert.
Und der Jubel blieb mir in der Kehle stecken.

Kurz vor Spielbeginn twitterte ein Journalist vom Strand in Tel Aviv:

„Skurril,
Fußball auf der Leinwand,
Israelis in deutschen Trikots
und im Hintergrund Sirenengeheul und dumpfe Explosionen.“

Während des Spiels liefen Nachrichten aus Tel Aviv über die Ticker.
Raketen trafen Jerusalem.
Israel flog Luftangriffe auf Gaza.

Und wir schauten Fußball.

Auch Menschen in Israel schauten Fußball.
Am Strand.
Andere flüchteten nur etwas entfernt davon in Bunker.
Wenn sie einen fanden.
In Israel ja, aber in Gaza?

Ich bin sicher:
Auch in Gaza gibt es Fußballfans.
Aber keine Sirenen und keine Bunker.

Nach dem Schlusspfiff twitterte jemand:

„Selten kam mir die Welt so absurd vor wie heute.“

Natürlich weiß ich, dass jeden Tag auf unserer Welt gestorben wird.
Dass jeden Tag Menschen in Angst leben.
Wir hören von Afghanistan.
Wir hören vom Irak.
Wir hören von Nigeria.
Momentan so viel.
So schnell hintereinander,
ja nebeneinander,
dass ich kaum nachkomme mit dem Lesen.
Wenn ich es denn lesen will …

Und nebenbei läuft Fußball.

Der Witz ist alt,
dass unbequeme Gesetze am besten während einer Weltmeisterschaft verabschiedet werden.
Weil wir alle mit anderem beschäftigt sind.
Mit wichtigerem.
Wer spielt in der Abwehr?
Wird Klose Rekordtorschütze?
Trifft Müller wieder?
Was macht Lahm?

Ich kann das niemandem vorwerfen.
Ich erlebe diese absurde Verdrehung von Werten und Wichtigkeit in mir auch.
Ich lese auch lieber über Neuer und Kroos als über Massenvergewaltigungen durch die Isis.
Lese lieber über Klose als über die Entführungen von christlichen Frauen und Mädchen durch Boko Haram.
Ja, ich gestehe:
Ich lese den Bericht über Neymars Lendenwirbelbruch aufmerksamer
als den Artikel über die Traumatisierungen von jungen Frauen in Mossul.
Und dem Tod ihrer Väter, die sich schützend vor sie warfen.
Ja, so bin ich, so sind wir.
Brot und Spiele, das hat immer schon Menschen abgelenkt.
Es funktioniert bis heute.

Wir können daran nichts ändern.
Und es scheint auch hoffnungslos.
Wie lange schon stehen sich Israel und Palästinenser verfeindet gegenüber?
Wie lange schon geht der Riss durch Afghanistan und den Irak?

Und immer neue tun sich auf.
In Ägypten und Nigeria.
Im Sudan.
Weit weg?
Nein, es geschieht auch an den Grenzen Europas.
Im Mittelmeer.
In dem Flüchtlinge ertrinken,
während Kreuzfahrtschiffe vorbeifahren.

Genau hingeschaut ist unsere Welt verzweifelt und absurd.
Und widersprüchlich.
Denn sie bringt auch so viele tolle Dinge, Menschen und Erfahrungen hervor.

Ändern an diesen großen Wetterlagen können wir nichts.
Aber hinsehen.
Und erschrecken.
Das tut weh.

Und wir können dankbar sein.
Dass wir so friedlich leben dürfen.
Es ist nicht selbstverständlich.
Vor allem nicht unser Verdienst.
Können wir nicht stolz drauf sein.
In unserer unendlich verwickelten Welt sind wir alle beteiligt.
Irgendwie.

Am Geschäft mit Waffen und Krieg.
An Ausbeutung und Unterdrückung.
Ein und dieselbe Firma in Deutschland baut Minen und Minenräumgeräte.
Zweimal kassieren.
Und der Rüstungsforschungsetat wird erhöht.
Es ist ein Wahnsinn.

Und dann lese ich am Mittwochvormittag dieser Woche den heutigen Predigttext.
Paulus hat ihn geschrieben im Brief an die Gemeinde in Rom (12, 9-21):

Eure Liebe sei ohne Hintergedanken.
Nennt das Böse beim Namen und werft euch dem Guten in die Arme.
Liebt einander von Herzen wie Geschwister und übertrefft euch gegenseitig darin, einander Achtung zu erweisen.
Haltet euch mit eurer Begeisterung nicht zurück.
Lasst euch von der Geistkraft entzünden und setzt euch für den lebendigen Gott ein.
Freut euch, weil ihr Hoffnung habt.
Haltet durch, wenn ihr in Not seid und hört nicht auf zu beten..
Teilt das, was ihr habt, mit den heiligen Geschwistern, wenn sie in Not sind.
Seid jederzeit gastfreundlich.
Segnet die, die euch verfolgen, setzt auf das Gute in ihnen und verflucht sie nicht.
Freut euch mit den Glücklichen und weint mit den Traurigen.
Zieht alle an einem Strang und richtet euch dabei nicht an den Mächtigen aus, sondern lasst euch zu den Erniedrigten ziehen.
Bildet euch nicht zu viel auf eure eigene Klugheit ein.
Auch wenn euch jemand Unrecht zugefügt hat, zahlt es nicht durch weiteres Unrecht zurück.
Bemüht euch darum, allen Menschen gegenüber aufrichtig zu sein.
Soweit es auf euch ankommt, lebt mit allen Menschen in Gottes Frieden.
Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt dem gerechten Gericht Gottes Raum:
„Die Rache liegt in meinen Händen, ich werde alles Unrecht vergelten, spricht der Lebendige.
Wenn dein Gegner hungert, gib ihm etwas zu essen.
Wenn deine Feindin Durst leidet, gib ihr zu trinken.
Ein solches Verhalten häuft glühende Kohlen auf ihrem Kopf auf.“
Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege Böses mit Gutem.
(Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache)

Ich weiß nicht, wie Ihnen das geht:
Mich trösten diese Worte.
Ganz einfach ist das, was ich tun kann.
Und es gibt Hoffnung:
Die Rache liegt in meinen Händen.
Ich werde alles Unrecht vergelten.
Spricht Gott.

Wann endlich…
So lautet mein Stoßgebet.
Du liebst doch deine Geschöpfe.

Und zu der ganzen Verrücktheit unserer Welt gehört auch:
Fußball gucken zu können.
Mitzufiebern.
Jubeln oder leiden.
Das ist auch Teil unseres Lebens.
Wir machen heute Abend im Gemeindehaus auch wieder Public Viewing.
Und die Einnahmen aus dem Getränkeverkauf gehen zur CEBIE-Kirche im Kongo.
In ein Land, von dem wir sagen, es ist ein vergessenes Krisengebiet.

Es ist, wie es ist.
Eine verrückte Welt.
Wohl dem, der sich hier in Gott geborgen fühlen kann.
Dem Gott, von dem her Paulus uns so simple Worte ins Herz schreibt:

Freut euch, weil ihr Hoffnung habt.
Soweit es auf euch ankommt, lebt mit allem Menschen in Frieden.
Bildet euch nichts auf eure Klugheit ein.
Lass dich nicht vom Bösen besiegen.
Sondern besiege das Böse mit Gutem.

Amen.

 

(Nachbemerkung: Seit 1998 habe ich bei allen Fußballweltmeisterschaften eine Predigt gehalten, in der es um das vielfältige Spannungsfeld von Fußball und Kirche, Fußball und Glaube ging. 2014 konnte ich das so nicht, weil sich der andere Film in mein Erleben und Denken mischte. Ich habe Deutschland – Brasilien mit dem Smartphone in der Hand geschaut, weil ich Twitter nicht mehr abschalten konnte, nachdem ich diese erste, oben erwähnte  Nachricht gelesen hatte.)

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