Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Predigt an Silvester

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Predigt an Silvester

Liebe Gemeinde,

dieses Wort aus dem Hebräerbrief (13,14) hat viele Menschen ein Jahr begleitet. Es stand als Jahreslosung über dem Jahr 2013, wurde Anfang des Jahres in Gottesdiensten und Andachten bedacht, als Lesezeichen, Grußkarte, Plakat verteilt oder aufgehängt. Morgen beginnt ein neues Jahr mit einem neuen Wort. Aber heute, am letzten Abend diesen Jahres, möchte ich noch einmal an dieses Wort erinnern.

Das Wort erinnert uns daran, dass nichts bleibt. Alles, was wir schaffen, erreichen, ist der Vergänglichkeit unterworfen. Manchmal sind wir froh darüber, dass Dinge vergehen und Momente verblassen. Manchmal geht es uns aber auch wie Goethes Faust und wir wünschen uns zum Augenblick sagen zu können: Verweile doch! Du bist so schön!

Unser Leben, unser Dasein fließt dahin. Die Zeit verrinnt, nichts können wir festhalten, nichts bleibt auf Dauer. Weder das Schöne, noch das Schwere.

Zugleich erinnert uns das Wort daran, dass wir unterwegs nach vorn sind. Die Zukunft liegt vor uns, und aus der Zukunft kommt Gott uns entgegen. Jesus predigte immer wieder das Bild vom kommenden Reich Gottes, das aber mit ihm schon beginnt.
Die Gegenwart ist bestimmt von dieser Hoffnung, auch zukünftig nicht allein zu sein, und zugleich das Vergangene bei demselben lassen zu können, der auf uns zukommt.

Aber noch ein dritter Gedanke steckt in dem Wort, und der wird schnell überlesen.
Es ist die Rede von der Stadt. Nicht nur vom meinem individuellen Leben. Nicht nur ich habe hier nichts Bleibendes, nicht nur ich mache mich nach vorn auf. Das Jahreslosungswort erinnert uns daran, das wir stets in Gemeinschaft mit anderen leben und zusammen mit ihnen unterwegs sind. Es nimmt das Bild der Stadt auf, das nicht nur im letzten Buch der Bibel im himmlischen Jerusalem die künftige Ewigkeit beschreibt. Nein, Jerusalem als Stadt, als Ort des Zusammenlebens, spielt auch sonst in der Verkündigung Jesu und der Propheten der hebräischen Bibel, des Alten Testaments eine wichtige Rolle: Jerusalem ist das Bild des Zusammenlebens in Gemeinschaft. In der Stadt, im Dorf, im Ort, in der Familie, in der Gemeinde, am Arbeitsplatz leben wir zusammen, mit Menschen, denen wir vertraut sind und die wir mögen, aber auch mit anderen, mit denen wir weniger vertraut sind und die uns vielleicht auch nerven.

Wir sind unterwegs, ein Leben lang, als Einzelne, als Gemeinschaft. Und manchmal unterbrechen wir den träge dahinfließenden Fluss der Zeit und halten inne. Um zurückzuschauen und nach vorn. Silvester, der Jahreswechsel ist so ein Tag. Wir ziehen eine Bilanz, unsere Gedanken gehen zurück. In Rückblicken werden uns in diesen Tagen die „großen“ Ereignisse des Jahres vor Augen gestellt, und in Ausblicken gibt es Berechnungen, Prognosen, Erwartungen und manchmal auch nur Kaffeesatzlesen oder Bleigießen.
Und wir ziehen oft auch eine eigene Bilanz, schauen auf das eigene Leben, auf das der Familie, der Gemeinde, des Ortes. Wie war das, 2013, in den Beziehungen, in denen ich stehe? In der Beziehung zu mir selbst, zu meiner Partnerin oder meinem Partner, zu meiner Familie, zu meinen Nachbarinnen, Nachbarn, Freundinnen, Freunden, Bekannten, Kolleginnen und Kollegen?

Ich möchte Sie einladen, heute Abend zurückzuschauen. Den Ausblick verschieben wir auf morgen früh. Dazu haben Sie ein Teelicht und einen Stein am Eingang erhalten.

Zunächst bitte ich Sie, das Teelicht in die Hand zu nehmen. Und jetzt lassen Sie noch einmal das Jahr 2013 an sich vorbeiziehen.
Was waren Ihre ganz persönlichen Höhepunkte?
Welche Tage, welche Momente fallen Ihnen ein?
Vielleicht auch schöne Ereignisse, die sich über längere Zeit hingezogen haben?
Welche Erkenntnisse und Einsichten haben Ihren Blick auf die Welt verändert?
Welche wunderbaren Erlebnisse haben Sie zum Staunen gebracht und dankbar gemacht?
Wo haben Sie gejubelt oder vor Freude geweint?
Wo und wann und warum hätten Sie die ganze Welt umarmen können?
Denken Sie einfach einmal einen Augenblick nach. (Pause)
Und jetzt versuchen Sie, aus diesen Gedanken, Momenten einen zu wählen, der Ihnen ganz besonders wichtig war. (Pause)

Und nun nehmen Sie den Stein in die Hand.
Es gab auch schwere Tage und Momente im Jahr 2013, für jede und jeden von uns.
Welche dunklen Tage stehen Ihnen noch einmal vor Augen?
Welche Schicksalsschläge mussten Sie hinnehmen?
Welche Enttäuschungen haben Sie erlebt?
Wo ist Vertrauen missbraucht und zerstört worden?
Welche bitteren Erkenntnisse hat das heute zu Ende gehende Jahr für Sie gehabt?
Wann und worüber haben Sie geweint?
Denken Sie einfach wieder einen Augenblick nach. (Pause)
Und jetzt versuchen Sie bitte wieder, aus diesen Gedanken, Momenten einen zu wählen, der für Sie ganz besonders traurig oder schmerzhaft war. (Pause)

Und nun lade ich Sie ein, Teelicht und Stein in die Hand zu nehmen, und hierher nach vorne zu kommen.
Das, was Ihr Leben 2013 hell gemacht hat, das stellen Sie bitte mit dem Licht zu der Kerze mit dem Teelicht hier vorn.
Zünden Sie Teelicht an und stellen es ab, und denken dankbar daran, dass Sie das erleben durften.
Und dann gehen Sie hinüber zu der anderen Kerze mit dem Stein.
Und legen Sie dort Ihren Stein ab, legen Gott ans Herz, was Ihnen das Jahr 2013 schwer gemacht hat.

(Pause, die Gemeinde kann nach vorn kommen)

Liebe Gemeinde,
wir leben in Gemeinschaft, niemand kann für sich allein überleben. Und so können wir auch die schönen und die schweren Dinge teilen und erleben, dass die schönen Dinge so noch schöner werden, weil andere sich mitfreuen. Und die schrecklichen Dinge sind etwas leichter zu tragen, weil andere mittragen. Auch wenn wir das heute Abend nicht voreinander ausgesprochen haben: Im gemeinsamen Nachdenken über das vergangene Jahr haben wir uns vor Gott miteinander und mit ihm verbunden. Wir sind nicht allein, nicht im Jubel und nicht in der Trauer.

Als christliche Gemeinschaft weitet sich das Schöne, das mir, uns vergönnt ist zu erleben, zum Dank Gott gegenüber. Und das Schwere halten wir ihm in der Klage hin.
Beides in dem Wissen, dass nichts bleibt und alles vergeht, er aber immer schon bei uns war und ist und auf uns zukommt. Auch 2014.

Amen.

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