#aufschrei zwischen allgegenwärtigem Sex und alltäglichem Sexismus

Der #aufschrei ist noch keine Woche alt und die Diskussion längst unüberschaubar. Irgendwo in der Flut an Kommentaren, Tweets und Berichten habe ich dieses doppelte Wortpaar in den letzten Tagen gelesen oder gehört und es hat sich in meinem Kopf  festgekrallt:

„Es geht um die Grenzziehung zwischen allgegenwärtigem Sex und alttäglichem Sexismus.“

Ich glaube, es ist das kleine Wörtchen „all“, an dem ich hängen bleibe. Es hat auf der einen Seite etwas davon: O Gott, das ist ein unendlich großes Thema, dem kannst du nicht entgehen. Und zum anderen stellt sich sofort die Frage: Und was mache ich damit? Konkreter: Was mache ich damit „als“ Mann?

Beim Nachdenken merke ich, dass diese Fragestellung für mich eng mit einem anderen Thema zusammenhängt, das mich in diesen Tagen und Wochen beschäftigt. Harald Welzer spricht im Blick auf Konsum und Produkte von mentalen Infrastrukturen, die uns unbewusst prägen.

„Das täglich neu aufgeblätterte Journal aller verfügbaren Dinge bildet ein selbstevidentes Universum, gegen das schwerlich anerzählt werden kann, vor allem, weil der größte Anteil der mentalen Infrastrukturen eben gar nicht reflexiv, keine Frage von Wahl und Entscheidung und gar kein Angebot ist, sondern schlicht eine massiv so-seiende Welt, in die man hineingeboren wird und deren Geschichte über sich selbst man pausenlos mit seiner eigenen Biographie, seinen Werten, seinen Konsumentscheidungen, seiner Karriere weitererzählt. Über diese Qualität der mentalen Infrastrukturen muss man sich bewusst sein, wenn man sich daran machen möchte, sie zu verändern. (…) Das ist keine moralische Aussage, sondern eine darüber, wie unsere mentalen Infrastrukturen funktionieren: sie sind nämlich derart durch das Gegebene formatiert, dass sie nur selten eine distanzierte Betrachtung erlauben. Wir verbleiben gewissermaßen immer in der Nahsicht auf uns selbst, wenn wir unsere Praktiken betrachten, und die zeigt naturgemäß nie das ganze Bild. („Mentale Infrastrukturen“ S. 32f.)

Welzer schreibt hier über die Konsumprodukte, aber ich denke, die mentalen Strukturen gelten auch für die Frage vom Umgang von Frauen und Männer, alltäglichem Sexismus und Chauvinismus. Und so, wie wir auch dem Konsum nicht wirklich entgehen können, können wir auch dem allgegenwärtigen Sex nicht ausweichen.

60.000 Tweets zu #aufschrei verändern sicher den Kontext, in dem wir uns alle bewegen. Wie stark, wird sich zeigen. Vielleicht wird sich „herumbrüderln“ als neues Verb für das übergriffige Verhalten von Männern einbürgern, das wäre schon mal ein Erfolg. So im Sinne von Guttenberg = Plagiat. Manchmal braucht es eben plakative, anschauliche „Bilder“, damit sich was einprägt.

Doch ich verspüre auch einen mehr oder weniger starken Hauch der Resignation bei der Diskussion. Morgen oder spätestens nächste Woche zieht die Medienkarawane weiter und stürzt sich auf das nächste Thema. War da nicht was vorletzte Woche,  eine Geschichte in Köln in einem katholischem Krankenhaus? Oder davor (oder danach, ich weiß es schon garnicht mehr) die Sache mit dem Prof. Pfeiffer und der Aufarbeitung des Missbrauchs in der katholischen Kirche? (Sorry, das sind jetzt zufällig zwei Beispiele aus dem katholischen Bereich.)

Was kann man(n) eigentlich tun, wenn die Aufarbeitung, das Dekonstruieren der alltäglichen Wirklichkeit eine unendliche Aufgabe darstellt? Woher die Kraft und die Hoffnung nehmen? Dauerhaft in den Abgründen unserer Existenz zu wühlen hält kein Mensch auf Dauer aus. Zumal das Abtragen einiger Sandkörner noch nicht die Düne verändert. Ja, ich weiß, das klingt pessimistisch, gilt nicht: wenn das viele tun, dann schaffen wir das schon. Das reicht mir aber hier – wie an anderen Stellen – nicht als Motivation. Dazu braucht es für mich auch Handlungperspektiven, Hilfe zur Grenzziehung für Männer und Frauen. Und es gibt sie.

Manchmal hilft es, sich kurz fassen zu müssen. Antje Schrupp twitterte gestern:

Damit ist eigentlich alles gesagt. Gilt übrigens auch für den (selteneren) umgekehrten Fall. Die Grenze ist nie im vorhinein festzulegen, weil jede Begegnung zweier einzigartiger Menschen einzigartig ist. Es mag den großen Strom des „Üblichen“ geben, im konkreten Moment hilft mir das nichts. Aber solch eine Haltung der Achtsamkeit und des Respekts, die Neugier, Interesse, ja auch Mut nicht ausschließt.

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