Maria. Ein Krippenspiel (2015)

Vorbemerkung

Krippenspiele habe ich in den letzten Jahren so einige geschrieben. Weihnachten 2014 fiel mir auf, dass auch in meinen Stücken Maria meist als schwach und hilfsbedürftig gezeichnet wird, die sich als Hochschwangere an Josef anlehnt. Warum eigentlich, fragte ich mich. So entstand die Idee, ein Stück aus der Sicht von Maria zu schreiben und sie als starke Frau zu zeichnen. Auch dieses Stück ist so geschrieben, dass es auf kleinem Raum gespielt werden kann. Minimal kommt man mit Tisch, zwei Stühlen und einer Krippe aus.

Rollen:

Engel

Maria

Josef

Wirtsfrau

Hirte 1-3

König 1-3

Evtl. Rollen ohne Text: Wirt/e, Soldat/en

 

Szene I: Beginn

(Maria alleine im Kirchraum)

Maria: Mein Name ist Maria. Man nennt mich auch die Mutter Gottes. Weil ich Jesus, seinen Sohn geboren habe. Eigentlich habe ich nichts anderes getan als viele tausend andere Frauen auch. Ich wurde schwanger, habe neun Monate ein Kind in mir getragen und es am Ende zur Welt gebracht. Und doch war vieles anders, seltsam, wunderbar. Wir wollen euch heute Abend diese Geschichte erzählen. Seid ihr bereit? Gut, dann hört und schaut gut zu, nachdem ihr ein Lied gesungen habt.

 

Szene II: Maria und der Engel

(Maria sitzt an einem Tisch, schält Kartoffeln. Plötzlich erscheint ihr ein Engel. Sie erschrickt, springt auf, lässt das Messer fallen)

Engel: Maria, hab keine Angst!

Maria: Wer bist du? Engel: Ich bin ein Bote, ein Bote Gottes. Ich komme zu dir, weil ich eine Nachricht für dich habe.

Maria: Eine Nachricht Gottes an mich?! Wieso?

Engel: Maria, fürchte dich nicht! Komm, setzt dich erst mal.

(Maria setzt sich, Engel auch, über den Tisch ergreift er ihre Hände, schaut ihr in die Augen)

Engel: Maria, jetzt hör mir bitte ganz genau zu. Geht das?

(Maria nickt)

Engel: Das Kind, dass du unter deinem Herzen trägst, wird ein ganz besonderes Kind sein. Es wird der werden, auf den alle Welt wartet. Der Sohn Gottes, der Heiland, der Erlöser.

Maria; Was?! Ich? Das kann nicht sein, ich bin doch nur eine ganz normale Frau. Du musst dich irren.

Engel (lacht): Nein, Gott irrt sich nicht. Er hat dich erwählt, so ist es und so wird es sein. Wenn es geboren ist, dann nenne das Baby Jesus.

Maria (schlägt die Hände vors Gesicht, schluchzt): Nein, nein, das ist zu viel, zu schwer.

Engel: Gott wird mit dir sein und du wirst die Kraft erhalten, die du brauchst. Und ich werde stets in deiner Nähe sein. Nun geh und sprich mit Josef. Er wird dich unterstützen, wo er nur kann.

(Beide stehen auf, Engel umarmt Maria, verschwindet.

Maria (halblaut): Josef?

(Keine Reaktion. Lauter:) Josef!

Josef (erscheint): Ja, Maria?

Maria: Komm, setz dich zu mir, ich muss dir was erzählen.

 

Szene III: Josef und die Volkszählung

(Maria, jetzt deutlich als schwanger erkennbar, sitzt auf dem Stuhl. Josef stürzt herein.)

Josef: Maria, Maria, es ist etwas furchtbares passiert!

Maria (erschrocken): Josef, was ist los?

Josef: Schau hier! (Hält einen Zettel hoch) Das ist ein Befehl des Kaisers. Wir sollen alle gezählt werden. Der Kaiser will wissen, wie viele Untertanen er hat. Damit keiner sich um die Steuern drücken kann.

Maria (steht auf, wendet sich Josef zu, macht eine beruhigende Geste): Ja und, was ist daran schlimm? Wir zahlen doch unsere Steuern.

Josef (fuchtelt erregt mit den Händen): Du verstehst gar nichts! Jeder wird in seinem Heimatort gezählt. Wir müssen nach Betlehem reisen. Jetzt! In deinem Zustand, es gibt keinen Aufschub!

(Maria schlägt die Hand vor den Mund, lässt sich auf den Stuhl fallen. Im Hintergrund betritt der Engel stumm die Szene, stellt sich so, das er Maria gut sieht. Maria schaut auf, sieht ihn, blickt ihm in die Augen und steht dann wieder auf.)

Maria: Josef, Gott hat gesagt, ich bringe seinen Sohn zur Welt. Er wird wissen, warum das jetzt geschieht. Aber ich bin sicher, mir und dem Kind wird nichts geschehen. Es wird eine schwere Reise, aber wir werden wohlbehalten zurück kehren.

(Josef will erregt etwas sagen, aber Maria legt ihm die Hand auf dem Arm): Still, Josef, kein Wort. Vertraue Gott. Und, bitte, geh packen, wir wollen gleich aufbrechen.

 

Szene IV: Der Stall in Betlehem

(Maria und Josef betreten den Kirchraum, Maria stützt sich auf Josef.)

Maria: Schau, da vorne ist Betlehem, wir haben es gleich geschafft.

Josef: Ja, und dann kannst du dich ausruhen.

Maria: Ausruhen? Nein, ich glaube nicht. Josef, heute Nacht ist es soweit, ich spüre es.

Josef: Was meinst du?

Maria: Das Kind, es kommt heute Nacht zur Welt.

Josef: Bist du sicher?

Maria: Ja, ich bin ganz sicher. Komm, klopf mal da vorne an der Herberge. Ich setze mich so lange und warte.

(Maria setzt sich, Josef geht und klopft an Türen. Je nach Zahl der Mitspieler/-innen kann das mit oder ohne Wirte pantomimisch dargestellt werden. Irgendwann kommt er zurück.)

Josef: Maria, es ist alles voll, kein Wirt hat noch ein Zimmer frei. Die ganze Welt ist unterwegs von hier nach dort und braucht ein Dach über dem Kopf. Was sollen wir bloß machen? Du brauchst doch ein Bett, das Kind kommt doch.

(Josef sieht verzweifelt vor Maria. Im Hintergrund, nur für Maria sichtbar, erscheint der Engel und weist auf eine Tür.)

Maria: Josef, klopf dahinten noch mal, ich bin sicher, da finden wir etwas.

Josef: Aber da habe ich doch schon geklopft, der Wirt sagte, ist alles voll.

Maria (hält sich den Bauch): Tu es einfach.

(Josef klopft, die Tür geht auf, die Wirtsfrau öffnet.)

Wirtsfrau: Wir haben auch kein Zimmer mehr frei, tut mir leid. (Sieht Maria, erschrickt) Du bist schwanger!

Maria: Ja, und ich spüre, es dauert nicht mehr lang. Bitte, überleg noch mal, ob ihr nicht doch irgendwo ein kleines Eckchen für uns habt. Sonst muss mein Kind hier auf der Straße geboren werden.

Wirtsfrau: Das geht ja gar nicht… (denkt nach) Wir haben dahinten noch unseren Stall. Da sind Ochse und Esel drin und Stroh und eine Krippe. Das ist nicht viel, aber dann habt ihr wenigstens ein Dach über dem Kopf.

Josef (strahlt erleichtert): Danke, danke, danke! Das ist so freundlich von euch!

Wirtsfrau: Na, viel ist es nicht. (Zwinkert Maria zu) Aber wir Frauen müssen zusammen halten in dieser Welt, nicht wahr?

Maria: Ja, du hast recht. Und wir finden Wege, wo Männer nur verschlossene Türen sehen. Hab vielen Dank für deine Güte. Komm, Josef, lass uns gehen. Es ist höchste Zeit.

(Maria und Josef gehen in den Stall. Während des nächsten Liedes kommt das Kind zur Welt. Wir haben das zumeist so gemacht, dass wir ein Bettlaken vor Maria und die Krippe gehalten haben und die Jesus-Puppe – in der Regel von einem Krippenspielerkind mitgebracht – in die Krippe gelegt wurde und das Kissen aus Marias Kleidung verschwindet. Dann erstrahlt der Stern über der Krippe.

 

Szene V: Drei Hirten in der Nacht

(Josef schläft, Maria sitzt an der Krippe, das Jesus-Kind im Arm. Der Engel erscheint, geht zum Stall, stellt sich in den Hintergrund. Die Hirten nähern sich, kommen herein, sehen das Kind. Sie bleiben vor Maria stehen.)

Maria: Seid willkommen!

Hirte 1: Das ist er also.

Hirte 2: Der Retter.

Hirte 3: In einer Krippe.

Hirte 1: So lange haben wir auf ihn gewartet.

Hirte 2: Schon unsere Väter und Mütter, Großväter und Großmütter.

Hirte 3: Und wir dürfen ihn sehen.

(Hirten gehen auf die Knie)

Maria: Steht auf, ihr müsst nicht vor ihm knien. Er kommt nicht, um euch klein zu machen, sondern groß. Aufrecht sollt ihr gehen, nicht mit gesenktem Haupt.

(Hirten stehen auf)

Hirte 1: Du hast recht, aber es ist so überwältigend.

Hirte 2: Endlich Hoffnung.

Hirte 3: Endlich sieht uns jemand.

Maria: Wie habt ihr uns gefunden?

Hirte 1: Wir waren bei unserem Schafen, wie jede Nacht.

Hirte 2: Ja, draußen vor der Stadt.

Hirte 3: Plötzlich war da ein Licht, der Himmel ging auf.

Hirte 1: Wir sind furchtbar erschrocken.

Hirte 2: Wir dachten, die Welt geht unter.

Hirte 3: Und dann kam der Engel und sagte:

Engel (tritt vor): Fürchtet euch nicht! Denn seht ich verkündige euch große Freude, die das ganze Volk betreffen wird. Heute ist ein Retter für euch geboren worden, hier in Betlehem der Stadt Davids. Und dies sei das Zeichen, an dem ihr ihn erkennen werdet: Ihr werdet ein neugeborenes Kind finden, in Windeln gewickelt und in einer Futterkrippe liegen. Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf der Erde bei den Menschen, an denen Gott Freude hat!

Hirte 1: Wir haben alles stehen und liegen gelassen.

Hirte 2: Und sind hierher gerannt.

Hirte 3: Es war, als würde uns ein Engel voran gehen und den Weg zeigen.

Hirte 1: Und hier sahen wir ein Licht aus dem Stall.

Hirte 2: Ich wusste sofort, hier ist es.

Hirte 3: Das ist der Stall, von dem der Engel geredet hat.

Maria: Wollt ihr ihn mal in den Arm nehmen?

Hirte 1-3 (im Chor) Wir?!

Maria: Ja ihr, es ist auch euer Retter, Gott kommt euch ganz nah. Nehmt ihn und lasst euc von ihm berühren. (Maria steht auf, gibt das Kind dem ersten Hirten. Der nimmt es auf den Arm, betrachtet es eine Weile, gibt es dann weiter an den zweiten und der schließlich an den dritten Hirten.)

Hirte 1: Wie heißt er? Maria: Sein Name ist Jesus.

Hirte 2: Jesus. Das bedeutet: Gott rettet.

Hirte 3: Ja, so muss er heißen, wie sonst. Gott rettet.

Hirte 1: Wir müssen nun wieder zu unseren Schafen gehen.

Hirte 2: Aber wir gehen anders als wir kamen.

Hirte 3: Wir haben Gott gesehen, in diesem Kind.

(Hirten gehen, der Engel hinterher. Josef räkelt sich)

Josef (verschlafen): Maria, was ist los, warum sitzt du an der Krippe und schläfst nicht?

Maria (lächelt): Josef, es ist alles gut. Schlaf weiter, ich wache bei Jesus. Ich kann nicht schlafen, zu viel geht mir durch Kopf und Herz. (Josef nickt, gähnt, legt sich wieder hin. Maria legt Jesus in die Krippe und betrachtet ihn.)

 

Szene VI: Die drei Könige

(Die drei Könige nähern sich dem Stall)

König 1: Hier muss es sein, der Stern bleibt stehen, über diesem Stall.

König 2: Endlich, endlich sind wir am Ziel.

König 3: Komm, lass uns nicht lange warten, jetzt will ich ihn sehen, den König der Welt.

(Die Könige betreten den Stall. Josef schläft immer noch, Maria ist an der Krippe eingenickt. Beide wachen auf, als die Könige zur Krippe treten.

Josef: Wer seid ihr? Was wollt ihr hier? Habt ihr euch verirrt, edle Herren? Der Eingang zur Herberge ist vorne herum.

König 1: Wenn es in diesem Stall ein neugeborenes Kind gibt, dann sind wir richtig.

König 2: Wir kommen weit aus dem Osten. Haben in unseren Schriften von einem König gelesen, der alles ändern wird.

König 3: Ein König, der geboren wird, wenn sein Stern im Westen aufgeht.

König 1: Eines Tages haben wir diesen Stern gesehen.

König 2: Und sind sofort losgezogen sofort, vor vielen Wochen und Monaten.

König 3: Und jetzt sind wir am Ziel, über diesem Stall blieb der Stern stehen.

(Maria steht auf, nimmt das Kind aus der Krippe): Dann kommt näher, hier ist das Kind, das ihr sucht. Es heißt Jesus.

(Maria legt das Kind König 1 in den Arm. Er schaut es an, gibt ihm einen Kuss auf die Stirn, gibt es weiter an König 2. Dieser drückt es an sein Herz, gibt es dann weiter an König 3. Dieser wiegt es eine Weile auf seinem Arm, gibt es dann Maria zurück).

König 1: Jesus, das heißt Gott rettet.

König 2: Der König der Welt. Gott in einem Menschen.

König 3: Das ändert alles.

König 1: Mit Liebe wird Jesus herrschen, nicht mit Macht.

König 2: Mit Worten wird er regieren, nicht mit dem Schwert.

König 3: Und ein neues Reich begründen, wie die Welt es noch nicht gesehen hat.

König 1: Herrscher werden ihn fürchten.

König 2: Aber wer sich klein fühlt, wird ihn lieben.

König 3: Weil er groß macht, die klein sind.

König 1: Weil er aufrichtet, die geknickt sind.

König 2: Frauen und Kinder, Hirten und Flüchtlinge, Witwen und Waisen.

König 1 (wendet sich an Maria): Pass gut auf ihn auf. Du bist seine Mutter. Du hast ihn unter deinem Herzen getragen und nun nährst du ihn durch deine Milch.

König 2: Wir haben euch Geschenke mitgebracht.

König 3: Gold, Weihrauch und Myrrhe.

König 1: Kostbarkeiten aus unserem Land.

König 2: Ihr werdet sie brauchen, um ihn groß zu ziehen.

König 3: Damit aus dem Baby ein Mann wird und er dann seine Herrschaft antreten kann.

(Könige übergeben die Geschenke).

Maria: Habt Dank edle Herren, für eure Güte und Freundlichkeit.

(Könige verneigen sich und gehen.)

 

Szene VII: Die Flucht

(Maria und Josef schlafen. Der Engel betritt den Stall, geht zu Josef, weckt ihn auf. Schlaftrunken fährt er hoch, der Engel legt ihm beruhigend die Hand auf die Schulter, flüstert ihm etwas ins Ohr. Josef nickt. Der Engel geht zur Krippe, legt dem Kind kurz die Hand auf dem Kopf und verlässt den Stall und den Kirchraum. Josef steht auf, weckt Maria.)

Josef: Maria, wach auf!

Maria (verschlafen): Was ist?

Josef: Es geht schon los!

Maria: Was geht los?

Josef: König Herodes will Jesus umbringen lassen!

Maria: Was, warum?!

Josef: Er hat Angst um seine Herrschaft. Er hat befohlen, alle neugeborenen Kinder in Betlehem töten zu lassen.

Maria: Ach, es ist also wahr, was die Könige gestern Abend sagten. Wir kleinen Leute werden Jesus lieben und seinen Gott, aber wer Macht in dieser Welt hat, wird Angst vor ihm haben.

Josef: Jetzt komm, reden können wir später noch!

Maria: Sag, woher weißt du das eigentlich alles?

Josef: Der Engel war da und hat mir gesagt, wir sollen nach Ägypten fliehen und dort bleiben, bis Herodes tot ist.

Maria: Nach Ägypten?!! Aber das ist ja ganz weit weg, ein fremdes Land… Wir können die Sprache nicht, sind Fremde dort.

Josef: Maria, hab doch keine Angst. Gott geht mit uns, der Engel hat uns doch auf den Weg geschickt. Und die Könige haben uns ihre Schätze da gelassen. Wir werden keinen Hunger und keinen Durst haben und nachts ein Dach über dem Kopf. Ja, wir werden unsere Heimat so schnell nicht wieder sehen. Aber wir werden leben, und vor allem: Jesus wird leben.

Maria: Du hast Recht, Josef, einen Augenblick hatte ich Angst. Angst um mein Kind, Angst vor der Aufgabe, Angst vor dem fremden Land. Aber Gott hat uns durch seinen Engel bisher geleitet und er wird es weiter tun. Komm, lass uns packen, die Soldaten von König Herodes sind bestimmt schon unterwegs!

(Maria und Josef packen, nehmen das Kind und gehen hastig davon. Der Engel tritt zu ihnen und begleitet sie stumm. Ggf. können noch Soldaten auftreten, in den Stall gehen und die leere Krippe finden.)