Von Tontopfzerschmetterern und Mülltauchern oder: Was verbinden Jeremia und die Occupy-Bewegung?

Predigt am Volkstrauertag 2011 über Jeremia 8,4-7

Sprich zu ihnen: So spricht der HERR: Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme? Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen für und für? Sie halten so fest am falschen Gottesdienst, dass sie nicht umkehren wollen. Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was hab ich doch getan! Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt. Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen.

Liebe Gemeinde,

Volkstrauertag ist heute. Einer dieser düsteren Sonntage im Jahr, an dem wir über Krieg und Frieden nachdenken.

Der Predigttext hat mich zu einer Reise in meine Vergangenheit geführt. Zum dritten Mal, seitdem ich Pfarrer hier in Voerde bin, predige ich an einem Volkstrauertag über diesen Text. Neugierig, wie ich bin, habe ich die beiden alten Predigten nachgelesen.

Das erste Mal war 1989, wenige Wochen nach dem Mauerfall. Aufbruchstimmung auf der einen Seite, Angst vor der Zukunft auf der anderen – das war damals der Tenor. Und es gab auch Stimmen die sagten, 50 Jahre nach Kriegsausbruch wäre es doch jetzt wirklich an der Zeit, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Der Sozialismus stehe doch vor dem Scheitern, der Kalte Krieg sei endlich vorbei. Warum noch nach hinten schauen, wenn die Zukunft so hoffnungsvoll aussieht? Schon damals habe ich angesichts des Textes von Jeremia eine vorsichtige Skepsis angemeldet.

Zehn Jahre später, 1999 hab ich den Text erneut auf dem Schreibtisch gehabt. Im Vergleich zu 1989, so habe ich es damals skizziert, hatte sich unter uns Ernüchterung breit gemacht. Zwar war der Sozialismus wie erwartet untergegangen, ein Goldenes Zeitalter und blühende Landschaften hatten sich aber nicht eingestellt. Im Gegenteil, der Golfkrieg oder für uns Europäer noch viel erschreckender, der Krieg auf dem Balkan hatten die hochfliegenden Träume jäh erstickt. 1999, das war noch zwei Jahre vor dem 11. September 2001 und der schrecklichen Folgen für Menschen auf aller Welt. Aber ein anderes Wort machte bereits die Runde: immer häufiger sprach man von der „Tyrannei der Ökonomie“. Was damit gemeint ist, hat der damalige Superintendent Bendokat kurz vor dem Volkstrauertag 1999 bei der 20-Jahr-Feier unserer Diakoniestation mit diesem Witz verdeutlicht: Fragt der Patient den Arzt: Gibt es noch Hoffnung? Antwort: Wir rechnen´s mal durch!
Heute, 2011, kann über den Witz wahrscheinlich keiner mehr lachen, Tyrannei der Ökonomie, naja, vielleicht würde manch einer lieber von der Tyrannei der Finanzmärkte sprechen…

Ja, unsere Welt hat sich verändert. Besser ist sie nicht geworden und wir Menschen auch nicht, das wäre schon zu viel erwartet. Das lehren uns ja grade die alten Propheten aus Israel, die auch schon gegen übermäßigen Reichtum, Rechtsbruch, Schuldsklaverei im Namen Gottes zu Felde gezogen sind, Amos, Jesaja, Hosea, Jeremia und wie sie alle heißen. Sie alle haben immer wieder daran erinnert: Der schönste Gottesdienst ist nichts wert, wenn zugleich das Recht mit Füßen getreten wird.

Was ich so faszinierend an diesem Text von Jeremia finde: Da wird nichts Besonderes erwartet. Nicht Verzicht gepredigt. Nicht ein besonders hehres und ehrenhaftes Verhalten eingefordert. Nein, sagt Jeremia, der gesunde Menschenverstand reicht aus, einmal zurücktreten und innehalten, und dann sollte es euch doch wie Schuppen von den Augen fallen… Das normale Menschliche, das eigentlich Selbstverständliche reicht völlig aus. Mehr ist von Gott nicht gefordert. Johannes wird später schreiben: Wer nicht seinen Bruder und seine Schwester liebt, der liebt auch nicht Gott. Wenige Worte, alles gesagt.

Wo sind heute Menschen wie Jeremia, die uns nachdrücklich an das normal Menschliche erinnern?

Da gibt es momentan Menschen, die bauen Zelte vor Banken auf, überall auf der Welt. Und sie wollen da bleiben, bis sich etwas ändert. Sie haben kein Programm, außer dass sie sagen: So kann es nicht weiter gehen! Darunter sind Menschen, denen ihr Hypothekenkredit fürs Häuschen gekündigt wurden genauso wie Studenten mit unglaublichen Schulden, die sie für ihre Ausbildung aufgenommen haben und jetzt, wo es mit Arbeitsplätzen mau aussieht, fürchten müssen, ein Leben lang unter diesen Schulden zu leiden. Sie bauen Zelte auf, diskutierten, verbinden sich mit anderen Gleichgesinnten auf der ganzen Welt über das Internet. Naiv? Weltfremd? Spinner? Nun, dann müssen wir dieses Urteil auch über manchen biblischen Propheten sprechen.

Warum? Nun, auch manch einer der von uns hochgeschätzten Propheten griff zu solchen äußerlichen Formen des Protestes. Die Bibel berichtet davon. Gepredigt wird über solche Texte praktisch nie, viel zu skurril hört sich das an.

Hosea z.B. heiratet eine Ehebrecherin, um Israel den Spiegel vorzuhalten: Ihr seid Gott untreu geworden, indem ihr euch anderen Göttern zugewandt habt.

Hesekiel muss seine Sachen packen und am hellichten Tag aus Jerusalem ziehen als Ankündigung für die drohende Verbannung der Israeliten ins Exil. Oder er baut mitten in der Stadt, wir würden heute sagen, einen Sandkasten auf und setzt dort die kommende Belagerung Jerusalems in Szene.

Und Jeremia, von dem dieses Wort hier stammt, von dem sind besonders viele solcher Geschichten bekannt. Nur zwei nenne ich: Er darf nicht heiraten und muss einsam seine Tage fristen, als Zeichen für die Trauer, die über das Volk Israel kommen wird.

Und dann nimmt er eines Tages einen Tontopf, stellt sich vor die Priester in Jerusalem, wirft ihnen den Topf vor die Füße, so dass er in tausend Stücke zerbricht und kündigt ihnen an: So wie dieser Tonkrug zersplittert wird, so wird Gott das Volk wegen seiner Untreue und seiner Ungerechtigkeit zerschmettern.

Und die Menschen in Jerusalem lachten und spotteten über Hosea, Hesekiel und Jeremia, das kann man auch nachlesen im Alten Testament, der hebräischen Bibel. Manch einem wird das Lachen später im Hals stecken geblieben sein..

Also, mit symbolischen Geschichten waren schon die großen Propheten unterwegs, da sind doch dann die Camperinnen und Camper vor den Bankentürmen in bester Gesellschaft.
Liebe Gemeinde,

ich habe Sympathie für diese jungen Menschen, die sich da in der herbstlichen Kühle in New York und Frankfurt, in Oakland und Berlin und an vielen anderen Stellen mit ihren Zelten vor die Banken pflanzen und sagen: So geht es nicht weiter. Ihr zerstört mit eurer Finanzwirtschaft unsere Zukunft, damit sind wir nicht einverstanden. Occupy Wall Street, damit begann es, seither gibt es unzähligen Occupy Gruppen über die Welt verstreut.

Aber, so höre ich dann gleich, das ist doch naiv, bringt doch nichts. Ich antworte: Wer weiß. Hätten Jeremia und andere auch so gedacht, wären sie nicht in die Bibel gekommen. Und politische Programme hatten sie auch nicht, aber sie legten mit Worten und Veranschaulichungen den Finger in die Wunde, reizten die Mächtigen. Und wurden dafpr angefeindet verfolgt, teils aus der Stadt getrieben. Ich finde, einfache Zelte vor in den Himmel ragenden Bankentürmen, das ist schon ein kraftvolles Bild… Gut, was daraus wird, weiß keiner, aber wie gesagt, das wussten ein Jeremia, ein Amos, ein Jesaja auch nicht.

Und es gibt noch viel mehr solcher Geschichten, wir müssen nur die Augen aufmachen. Von dieser hier habe ich dieser Tage gelesen. Da gibt es die Mülltaucher. Die gehen abends nach Betriebsschluss nach Aldi oder Lidl, klettern über den Zaun und kriechen in die Müllcontainer und suchen nach weggeworfenen Nahrungsmittel. Und sie tun es nicht aus Hunger, sondern aus dem Gefühl heraus, es muss doch jemand dagegen protestieren, dass wir etwa die Hälfte aller Lebensmittel wegschmeißen, bevor sie gegessen werden. Noch mal: das sind meistens nicht die Obdachlosen, sondern es sind Menschen wie du und ich. „Oft haben sie Arbeit, eine Wohnung im bürgerlichen Viertel und nicht selten ein festes Einkommen. Sie wühlen nicht im Abfall, weil sie arm sind, sondern weil sie gegen eine Konsumkultur protestieren wollen, die sich einen solchen Wegwerfwahn leistet.“ (Johannes Gerner, Die Mülltaucher, http://www.tagesspiegel.de/zeitung/die-muelltaucher/819060.html )

Gut, sagen Sie vielleicht, aber ein Jeremia trat doch im Auftrag Gottes auf. Das machen doch die jungen Leute nicht, die wollen doch nur irdische Dinge, Wohlstand zum Beispiel. Oder ein Ende der Verschwendung von Essen. Dürfen sie ja auch fordern, ist ja richtig, aber wenn Sie, Herr Pfarrer die jetzt in die Nähe eines Jeremias mit seinem göttlichen Auftrag rücken, geht das nicht vielleicht ein wenig zu weit…?
Dann antworte ich: Ja, das stimmt schon, Jeremia fühlte sich von Gott berufen und beauftragt. Aber was fordert denn ein Jeremia? Das Ende von Lüge und Ungerechtigkeit. Das Ende davon, dass die Menschlichkeit mit Füßen getreten wird. Das Ende davon, dass der gesunde Menschenverstand nichts mehr zählt. Und nichts anderes machen doch die jungen Menschen in den Zelten, sie fordern Menschlichkeit statt Finanzwahnsinn. Nichts anderes machen die Mülltaucher, sie protestieren gegen eine gigantische Verschwendung wo anderenorts Menschen verhungern. So weit entfernt sind sie nicht von einem Jeremia oder Amos. Und: Unter ihnen sind auch viele Christinnen und Christen.

Liebe Gemeinde,

es verlangt ja niemand von Ihnen und mir, dass auch wir in die Zelte vor Bankentürme ziehen oder dass wir uns die Gummistiefel anziehen und bei Marktkauf mal in die Container klettern. Aber vielleicht bringen wir etwas Wohlwollen und Sympathie und, wie soll ich sagen, geben wir doch so etwas wie moralische Unterstützung. Dann z.B., wenn in Ihrer Umgebung mal wieder einer über die Spinner in den Zelten herzieht oder sich über die Bekloppten lustig macht, die im Müll nach Nahrungsmitteln suchen. Oder oder oder… Denn schnelle Urteile über andere tragen zum Unfrieden bei, Neugier, Interesse und Wohlgesonnenheit dagegen sind ein Beitrag zum Frieden. Und darum gehts doch, nicht nur am Volkstrauertag.

Amen.