Fluch des Rausches – Lots Töchter (Gen 19,30-38)

Predigtreihe „Alkohol in der Bibel“ im Sommer 2012

Liebe Gemeinde,

es gibt Geschichten in der Bibel, über die wird nie gepredigt. Es sei denn, man sucht gezielt unter einem Stichwort. Den heutigen Predigttext fand ich, als ich alle möglichen Stellen aufschlug, in denen Alkohol in der Bibel vorkommt:

Und Lot zog weg von Zoar und ließ sich im Gebirge nieder mit seinen beiden Töchtern; denn er fürchtete sich, in Zoar zu bleiben. So blieb er in einer Höhle mit seinen beiden Töchtern. Da sagte die Ältere zu der Jüngeren: Unser Vater ist alt und es gibt keinen Mann im Lande, der zu uns kommen könnte, wie es überall üblich ist. Komm, lass uns unserem Vater Wein zu trinken geben und mit ihm schlafen, so dass wir durch unseren Vater Nachwuchs erzeugen. Da gaben sie ihrem Vater Wein zu trinken in jener Nacht. Dann kam die Ältere und schlief mit ihrem Vater; und er merkte nicht, wie sie sich hinlegte und wie sie aufstand.
Am nächsten Morgen sprach die Ältere zu der Jüngeren: Siehe, ich habe gestern mit meinem Vater geschlafen. Wir wollen ihm auch diese Nacht Wein zu trinken geben. Geh hinein und schlaf mit ihm, so dass wir durch unseren Vater Nachwuchs erzeugen.
Da gaben sie ihrem Vater auch diese Nacht Wein zu trinken. Und die jüngere stand auf und schlief mit ihm. Und er merkte nicht, wie sie sich hinlegte und wie sie aufstand.
So wurden die beiden Töchter Lots schwanger von ihrem Vater. Und die ältere gebar einen Sohn, den nannte sie Moab, auf deutsch: »Mein Vater«. Von ihm kommen her die Moabiter bis auf den heutigen Tag. Und die jüngere gebar auch einen Sohn, den nannte sie Ben-Ammi, das heißt übersetzt: »Sohn meines Verwandten«. Von ihm kommen her die Ammoniter bis auf den heutigen Tag. (Eigene Übersetzung)

Eine verstörende Geschichte. Ein Text, der wieder mal ein Beispiel dafür ist, dass die Bibel nicht nur ein Buch für Sonnenschein und gute Tage ist, sondern dass kaum ein Abgrund ausgespart wird. Wie viel Not, wie viel Leid, wie viel Verzweiflung wird hier sichtbar. Töchter, die um ihre Zukunft, ihr buchstäbliches Überleben fürchten. So nüchtern kühl taktierend wie in den dürren Worten des Textes wird das nicht abgelaufen sein. Ein Vater, der in der Verzweiflung hinter gegangen wird. Was wird er gedacht, gefühlt haben, als er erkannte, was da geschehen ist? Oder haben seine Töchter ihm die Enkel, die zugleich seine Söhne sind, verheimlicht? Und er hat sich über sie gefreut, nichtsahnend? Und was ist hier mit der guten Gabe Gottes, dem Wein geschehen, dem Wein, der das Herz erfreuen soll? Im Vollrausch weiß Lot nicht mehr, was er tut. Der Alkohol hat ihn nicht nur benebelt, nein, er ist völlig weggetreten…

Wie so viele. Alkohol ist gefährlich. Er verleitet zum Trinken, und manchmal und manch eine oder einen dazu, mehr zu trinken als gut ist. Weder heute noch damals ein Einzelfall. Auch eine der Lichtgestalten der Bibel war vor der Gefahr des Rausches nicht gefeit: der fromme Noah, der sich und seine Familie durch seine Glaubenstreue vor der Sintflut und vor dem Verderben rettet. Kurz nach der Sintflutgeschichte erzählt die Bibel:

Noah aber, der Ackermann, pflanzte als Erster einen Weinberg. 21 Und er trank von dem Wein, wurde betrunken und lag nackt im Zelt. Da sah Ham, von dem Kanaan herkommt, die Scham seines Vater,und erzählte es draußen seinen beiden Brüdern. 23 Da nahmen Sem und Jafet einen Mantel und legten ihn auf ihre Schultern und gingen rückwärts hinein und bedeckten die Scham ihres Vaters. Ihr Gesichter waren abgewandt, damit sie ihres Vaters Scham nicht sahen. (Eigene Übersetzung von Genesis 9, 20-23)

Nichts Neues unter der Sonne also. Alkohol kann berauschen, manch einen bis zum Vollrausch und oft wird dann der Alkohol zum Fluch. Ich denke, jede und jeder von uns kennt solche Geschichten. Ja, die meisten Menschenkinder haben es irgendwann mal probiert und vielleicht auch übertrieben. Viele, sehr viele, aber verfallen dem Alkohol auch und bringen über sich und andere Fluch. Der betrunkene Autofahrer, der den Unfall verursacht. Der Familienvater, der sein letztes Hemd versäuft und die Familie iin den Abgrund reißt. Die verzweifelte Mutter findet und sucht Trost beim heimlichen Trinken, überfordert durch Kinder, Haushalt und einsame, mausgraue Alltage. Der oder die Studierende rutscht nach und nach in die Sucht, weil er oder sie sich den Anforderungen nicht gewachsen fühlt. Bei jedem Karnevalsumzug muss das Rote Kreuz Jugendliche betreuen, die sich einfach volllaufen lassen. Wir allw kennen die Geschichten von verzweifelten Menschen, die über Jahre immer wieder versuchen vom Alkohol loszukommen. Manche schaffen´s, andere nicht.

Letzten Sonntag habe ich schon angedeutet, dass viele Menschen sehr empfindlich reagieren, wenn die Rede auf Alkohol kommt. Ich beobachte eine Unsicherheit, ja ein schlechtes Gewissen. Und ich frage mich, wie kommt das? Ich vermute, dahinter steckt die Ahnung, wie gefährlich Alkohol sein kann. Ich spüre, auf welch dünnem Eis ich mich bewege. Zugleich macht es vielen Menschen aber auch Spaß, Wein oder Bier zu trinken – mir auch! Und in diesem Hin- und Hergerissensein bin ich unsicher und kommt das Gespräch auf Alkohol, fühle ich mich schnell angegriffen, weil infrage gestellt…

Angesichts der Gefahren und Abgründe – so etwas wie Lot und Noah ist schnell passiert! – stellt sich natürlich die Frage: Sollte ich, sollten wir das als Christinnen und Christen nicht besser gleich ganz lassen mit dem Alkohol? Um jeder Gefährdung aus dem Weg zu gehen? Durchaus ein verführerischer Gedanke. Aber geht das? Kann ich all den Gefahren dieser Welt entrinnen? Gibt es nicht noch tausend andere Sachen, die ähnlich katastrophale Folgen haben können wie Lots Vollrausch? Bei aller verständlichen Sehnsucht – wir können der Verflochtenheit unserer Welt nicht entgehen. Niemand kann gefährdungsfrei leben. Jede und jeder muss damit rechnen, dass er oder sie Dinge tun kann, die katastrophale Folgen für mich und andere haben. Und ich muss auch davon ausgehen, dass ich jederzeit das Opfer von Dummheit, Unbedachtheit oder was auch immer anderer Menschen werden kann. Das ist im tiefen Sinne Sünde. Sünde ist nicht in erster Linie das Glas, dass ich mal zu viel trinke, die moralischen Fehltritte hier oder da. Nein, Sünde ist vor allem dieses Geflecht, in dem wir uns alle Tag für Tag bewegen, wo ich merke, hier und da zerrt etwas an mir und ich kann mich kaum dagegen wehren. Suchtmittel aller Art üben Faszination und Macht aus, und Sünde hat viel mit Verführung und Macht zu tun. Macht über mein Denken, Fühlen und Handeln. Und ich kann hier und da die ein oder andere Schlacht gewinnen, aber aufs Ganze gesehen werde ich, werden wir immer wieder scheitern, das ist die bittere Erkenntnis, dass wir alle der Erlösung bedürfen.

Das ist kein Freibrief zum Drauf-los-sündigen, keineswegs. Aber wenn wir uns das nicht klar machen, dann verstehen wir auch die Bedeutung Jesus für uns nicht. Konsequent ertrug er die Folgen der Sünde bis zum Tod am Kreuz, all die katastrophalen Folgen der Verkettung von Angst, Versagen, Hilflosigkeit, Feigheit, Machtmissbrauch und so weiter und so fort. Und in diesem Aushalten und Ertragen eröffnete er Hoffnung – Gott bleibt mir dennoch treu, sein erstes Wort ist immer ein Wort der Liebe, ganz gleich. So eröffnet der Glaube an den Vater Jesu neue Anfänge, immer wieder. Gerade in der Suchtberatung machen viele Menschen die Erfahrung, wie dieser Glaube hilft, mit der Abhängigkeit fertig zu werden.

Machen wir uns das klar, in welchem Spannungsfeld wir uns bewegen, Tag für Tag, beim Alkohol und tausend anderen Dingen, dann müssen wir ehrlich und realistisch sagen: All die schönen Dinge der Schöpfung Gottes – und dazu gehören auch Wein und Bier und Grappa – können sich in ihr Gegenteil verkehren und furchtbare Folgen mit sich bringen, so wie der Fluch des Vollrausches von Lot und Noah und vielen anderen.

Es bleibt die lebenslange Aufgabe, beim Alkohol und bei vielen anderen Dingen das rechte Maß zu finden. Wie das gehen kann, was das bedeutet und was nicht, darum wird es nächsten Sonntag in der dritten und letzten Predigt dieser Reihe gehen.

Amen.