Samstag, 5. September 2026, kurz vor 9 Uhr.
Ich springe in den Maschsee und schwimme zur Startlinie.
Gleich fällt der Startschuss:
1,5 Kilometer im See, 38 auf dem Rad und 10 in den Laufschuhen.
Olympische Distanz im Triathlon in Hannover.
Fast genau sieben Monate vorher.
Ich wälze mich sonntagmorgens auf dem Boden.
Massive Rückenschmerzen.
Mit dem Rettungswagen geht´s ins Krankenhaus.
Diagnose Bandscheibenvorfall.
Ich sitze in der Notaufnahme.
Warte auf das abschließende Gespräch und dass die Schmerzmittel endlich wirken.
Und denke:
Wie geht es denn jetzt weiter?
Was folgte, ist für mich kaum zu glauben.
Mit Schmerzmitteln und Physio komme ich schnell wieder auf die Beine.
Der Rücken hält.
Vier Wochen später starte ich beim Halbmarathon in Paris.
Im April laufe ich den 25k in Berlin durch den Grunewald.
Ich beginne wieder mit dem Schwimmtraining.
Dann ziehe ich mir eine schmerzhafte Kapselverletzung am kleinen Zeh zu.
Aber irgendwie scheint mich nichts aufhalten zu können.
Ich frage mich allerdings schon zwischendurch:
Ist das sinnvoll?
Bleiben Schäden zurück?
Doch die Zweifel bleiben leise.
Im Juli radle ich mit meinen Söhnen durch die Julischen Alpen.
Anschließend mit meinem Bruder durch Tschechien und Polen zur Schneekoppe.
Hinterher intensiviere ich das Schwimmen und trete der Gruppe „60plus“ bei Hannover 96 bei.
Dort lerne ich so einiges über das Kraulschwimmen und die Haltung auf dem Fahrrad und beim Laufen.
Den Triathlon habe ich immer im Blick.
Er kommt näher und näher.
Schließlich zähle ich die Tage runter.
Hoffe, dass nichts mehr schief geht.
Samstag, 5. September, 12 Uhr.
Zum fünften und letzten Mal laufe ich an meiner Familie vorbei, die mich anfeuert.
Noch einmal die Laufrunde, dann links ab und übers Nordufer ins Ziel.
Zeit: 3:16 h.
Ich lasse mir die Medaille umhängen und dann kommt schon die Familie.
Glückwünsche, Fotos, ein alkoholfreies Bier.
Ist das wirklich wahr?
Es dauert, bis ich anfange, diese Erfahrung zu begreifen.
Unglaublich, dass mein Körper das mitgemacht hat.
Ich schüttele immer noch den Kopf, schwanke zwischen dankbar und irritiert.
Dieser Septemberanfang ist eine Zäsur.
Ich mache mich in diesen Tagen auf in mein letztes berufliches Dienstjahr.
Nach 40 Jahren.
Worauf freue ich mich, wenn es vorbei ist?
Was will ich weitermachen?
Und dann die Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt vom gestrigen Sonntagabend.
Sie werfen dunkle Schatten auf die Zukunft.
Ich unterrichte Religionssensibilität.
Heute diskutierten wir in der Klasse über die Vielfalt sexueller Orientierungen, die Einstellung zur Inklusion, den Umgang mit ADHS unter der Frage: „Was ist normal?“
Wir waren uns einig:
Eine rechtsextreme Regierung hat andere Vorstellungen von dem, was wir unter normal verstehen.
Und offenbar auch immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft.
Die drei Dinge haben nichts miteinander zu tun.
Aber sie fallen – zufällig? – alle in diese Tage.
Ich bin damit noch lange nicht fertig.


