Vier Tage noch

4-Advent

Predigt am 4. Advent 2015 in Wallenhorst

Liebe Gemeinde,
vier Tage noch bis zur Heiligen Nacht.
Menschen sind in die Geburt des Gotteskind verwickelt.
Was bewegt sie vier Tage zuvor?

Die Hirten
Vier Tage vor der Heiligen Nacht sind sie bei ihren Schafen.
Wie immer.
Tagein, tagaus.
Der Engel mit seiner Botschaft wird sie völlig überraschen.
Denn:
Nichts erwarten sie.
Vom Leben, von Gott.
Gar nichts.
Ja, da ist diese alte Verheißung…
Aber in Israel warten wir schon seit Jahrhunderten.
Ein ferner Traum.
Nicht geeignet, ihren Alltag zu erhellen.
Ein ewig gleicher Alltag.
Ohne jede Hoffnung auf Änderung.
Schafe hüten.
Schafe zur Weide führen.
Schafe scheren.
Und wieder von vorne.
Frau, Kinder?
Vermutlich nicht.
Wer will schon das Leben armer Hirten teilen?
Draußen, vor den Toren der Stadt?
Sind sie doch nur Leibeigene und hüten die Schafe anderer Herren.
Ohne jede Hoffnung.
Auf Ausstieg, oder gar Aufstieg.
Nichts erwarten sie vom Leben.
Das sich in vier Tagen ändern wird.
Überraschend, erschreckend, befreiend.
Und von Stund an sie werden Hoffnung verbreiten.
Die Hoffnung.

König Herodes
Auch er wird in vier Tagen überrascht von der Heiligen Nacht.
Aber ganz anders als die Hirten.
Bestürzt wird ihm klar, wie dünn das Eis seiner Herrschaft ist.
Und er schlägt sofort zurück.
Mit aller Gewalt.
Lässt panisch alle männlichen Neugeborenen töten.
Er reagiert wie Menschen, die Angst haben.
Angst, ihren Wohlstand zu verlieren.
Ihre Macht, ihren Einfluss.
Ihre scheinbare Sicherheit.
Noch ahnt Herodes nichts.
Noch schläft er in seinem Palast.
Gut bewacht, aber vielleicht doch von Alpträumen geplagt?
Eingezwängt zwischen einem Volk, das er nicht liebt und das ihn nicht liebt.
Und den Besatzern aus Rom, die ihn wie einen Hampelmann aussehen lassen.
Herodes erwartet die Heilige Nacht nicht, er fürchtet sie.
Nicht diese konkrete Nacht, nein.
Aber alles, was seine Macht in Frage stellt.
Und ihn ins Leere fallen lässt.
Vier Tage noch.
Vier Nächte mit unruhigem Schlaf.
Dann ist es vorbei.
Die Nachricht von einem neugeborenen Kind wird ihm den Schlaf rauben.
Und er wird sie losschicken, die Soldaten mit ihren Schwertern.
Blut wird fließen und für ewig an seinen Händen kleben.
Nützen wird es ihm nichts.
Im Gegenteil, sie werden ihn noch mehr hassen im Volk.
Und er wird noch willfähriger den römischen Herren dienen.
Die spöttisch seine Macht stützen, so lange es ihren Interessen dient.
Doch das Kind wird die Welt verändern.
Und eine Macht ausüben, die Mächtige erzittern lässt.
Nicht vor Waffen, nein.
Aber vor der Liebe.

Der Wirt
Der Wirt in der Herberge zu Betlehem erwartet schon etwas.
Glänzende Einnahmen, die noch lange nicht versiegen.
Die Volkszählung des Kaisers, was für ein Gottesgeschenk.
Der Rubel rollt, der Laden brummt.
Jeden Tag ist die Herberge ausgebucht.
Ach, könnte nicht immer Volkszählung sein!
Ein Konjunkturprogramm für die gebeutelte Wirtschaft im besetzten Israel.
Ja, es gibt auch Schattenseiten.
Jeden Abend –
ach, was sag ich, es beginnt schon früh nach Mittag –
muss er Reisende abweisen.
Müde, kranke, abgekämpfte Menschen.
Unterwegs von hier nach dort.
Weil der Kaiser es so will.
Eine Völkerwanderung.
Und für was?
Damit die Steuerlisten stimmen.
Manchmal schüttelt der Wirt heimlich den Kopf.
Was für ein Irrsinn!
Die Menschen rennen von hier nach dort.
Ohne selber etwas davon zu haben.
Und müssen die Reise auch noch selbst bezahlen.
Nur damit am Ende die Kasse des Kaisers stimmt.
Und meine, grinst der Wirt in sich hinein.
Und schiebt alle Zweifel beiseite.
Ich tue doch, was ich kann.
Wenn mein Haus voll ist, ist es eben voll.
Nicht meine Entscheidung, die halbe Welt auf die Straßen zu schicken.
Aber ich lebe gut davon.
Ach, könnte nicht immer Volkszählung sein!
Dann würde sich der Bau eines zweiten Gästehauses lohnen.
Aber so?
Wohin bloß mit all dem Geld?
Angst macht sich breit, wenn er an die Kiste in seinem Schlafzimmer denkt.
Er schläft unruhig, schreckt immer wieder hoch und horcht.
Ob das Kind, dass in seinem Stall zur Welt kommen wird, auch sein Leben verändern wird?
Und er wie später ein Zöllner namens Zachäus seinen Besitz mit den Armen teilt?

Die drei Weisen
Sie wissen genau, was sie erwarten.
Ein Königskind.
Und ihr Weg ist fast zu Ende.
Der Stern führt sie nach Israel.
Das ist den erfahrenen Sterndeuter  inzwischen klar.
Die Hauptstadt dort heißt Jerusalem.
Da geht es hin, da gibt es einen Palast.
Denn wo sonst wird ein Königskind geboren?
Auch ihre Nächte werden unruhiger.
So lange sind sie unterwegs, nun bald am Ziel.
Noch zwei, drei, vielleicht vier Tage.
Sie werfen sich auf ihren harten Lagern umher.
Liegen immer wieder wach.
Und schauen auf den Stern.
Groß steht er am Himmel und kündet das Ende der Reise an.
Sie träumen.
Wie wird es sein, das Kind?
Und was wird dann sein?
Wie wird sich die Welt ändern mit diesem Kind?
Nicht mehr lange.
Vier Tage noch und vier Nächte, höchstens.
Dann hat alle Unsicherheit ein Ende.
Wir sind am Ziel.
Werden vor dem Kind knien.
Die Welt wird anders sein.
Aber wie?
Unruhig warten sie auf den Schimmer des Morgenlichts.
Um weiter ziehen zu können.
Hin zum Gotteskind.

Maria und Josef
Maria wird es geahnt haben.
In Betlehem, da wird es zur Welt kommen.
Mein Kind, mein Sohn.
Vom dem der Engel sprach in jener Nacht.
Vor bald neun Monaten.
Nicht zuhause in Nazareth wird er geboren.
Nein, während dieser furchtbaren Reise.
Beschwerlich für eine schwangere Frau.
Ob die beiden hadern mit Gott?
Sich und ihn fragen, Tag für Tag, Schritt für Schritt Richtung Süden:
Was macht das alles für einen Sinn?
Menschen werden hin und hergeschubst wie auf einem Spielfeld?
Und dein Sohn, Gott, ist mittendrin.
Warum?
Ob Maria weint, nachts, in ihre Decke gehüllt?
Vor Schmerz, Erschöpfung und Traurigkeit?
Und in manchen Momenten vor Angst?
Wenn in ihr wieder einmal die Panik hoch kriecht:
Was ist, wenn mein Kind auf offener Straße zur Welt kommt?
Und ich das vielleicht nicht überlebe?
Wer kümmert sich dann um das Gotteskind?
Josef, ja, der weint auch.
Nachts, heimlich abgewandt, vor verzweifelter, ohnmächtiger Wut.
Der Wut, die Männer erfasst, wenn sie Hilflosigkeit spüren.
Aber dann krallen die beiden sich wieder an den Worten des Engels fest.
Abends, am Feuer.
Dann Maria sagt zu Josef:
Nimm mich in den Arm.
Und dann singt sie leise das Lied, das sie seit Monaten singt, immer wieder:

„Meine Seele lobt den Lebendigen,
und mein Geist jubelt über Gott, der mich rettet.
Er hat auf die Erniedrigung seiner Sklavin geschaut.
Seht, von nun an werden mich alle Generationen glücklich preisen,
denn Großes hat die göttliche Macht an mir getan,
und heilig ist ihr Name.
Ihr Erbarmen schenkt sie
von Generation zu Generation denen,
die Ehrfurcht vor ihr haben.
Sie hat Gewaltiges bewirkt.
Mit ihrem Arm hat sie die auseinander getrieben,
die ihr Herz darauf gerichtet haben,
sich über andere zu erheben.
Sie hat Mächtige von den Thronen gestürzt
und Erniedrigte erhöht,
Hungernde hat sie mit Gutem gefüllt
und Reiche leer weggeschickt.
Sie hat sich Israels, ihres Sklavenkindes, angenommen
und sich an ihre Barmherzigkeit erinnert,
wie sie es unseren Vorfahren zugesagt hatte,
Sara und Abraham und ihren Nachkommen für alle Zeit.“
(Magnificat, Lukasevangelium Kapitel 1 Verse 46-54, Bibel in gerechter Sprache)

Ein Träne läuft Maria über die Wange.
Und dann sagt sie zu Josef:
Es wird alles gut.
In Betlehem wird es sein.
Ich bin mir sicher.
Vier Tagesreisen noch und vier Nächte.
Josef blickt stumm ins Feuer.
Voll verzweifelter Hoffnung.
Vier Tage noch.
Vier Nächte.
Und dann?

Amen.

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