Zwischen den Stühlen. Vom Wandern und Wundern

Zwischen den Stühlen.  Vom Wandern und Wundern

Vorbemerkung:
Eigentlich wollte ich eine kleine Besprechung zu dem Buch „Vom Wandern und Wundern“ schreiben. Aber letzte Woche kam mit Christian Hennecke zuvor. Und ich dachte, ja, das sieht du praktisch alles genauso, kannst dir also deine Rezension sparen. Aber da waren noch so viele andere Gedanken mittlerweile im Kopf. Die habe ich jetzt aufgeschrieben.

„Sie werden viel unterwegs sein.“
Sagte mein Direktor Ralf Tyra bei meiner Einführung als Referent im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt.
Ende 2014, in Osnabrück.
Und ich strahlte.
Durfte ich doch fortan den ganzen Tag machen, was ich immer schon gerne gemacht habe:
Wandern.

Zwischen den Stühlen, das war irgendwie schon immer mein Platz.
In der Gemeinde waren die spannendsten Tage solche:
morgens in Duisburg mit den KDA-Kollegen reflektieren,
mittags auf den Friedhof in der Mittagshitze eine Familie begleiten,
nachmittags im Konfirmandenunterricht mich den Fragen der 14jährigen stellen,
abends auf dem Rad all das hin und her bewegen.

Oder so:
Als einer von zwei Männern unter siebzig Frauen auf der Denkumenta 2013, Differenz und Verbundenheit hochzwei.
In Hildesheim im Cafe mit Birgit sitzen, quatschen, Kakao und am Ende eine Projektidee.
Morgen für Morgen nach der Zeitung mit Christine über Gott und die Welt reflektieren und staunen, was da immer wieder bei herauskommt.
Mich im Zug zum Kirchentag spontan mit Klaus Motoki Tonn (dem neuen Kommunikationschef unserer Landeskirche) verabreden und mit ihm zwei Stunden hinter den Hackschen Höfen unterwegs sein, zu Fuß und gedanklich.
Und so weiter und so fort.
Offenheit für das Neue, das Fremde, das Staunen.

Wundern ist für mich ein neues Wort.
Ich habe dafür meist Staunen gesagt.
Staunen ist der Beginn des Glaubens, hat Dorothee Sölle gesagt.
Staunen trifft mich, betrifft mich.
Nimmt mich an der Hand und führt mich weg.

Wandern, hin und her.
Ich liebe es, im Zug zu schreiben.
Die Landschaft fliegt vorbei.
Meine Gedanken kommen auf Trab.
Und dann beginnt das Ringen um Sprache.
Um Worte und Wörter und deren Beziehung.
Poesie befreit.
Poesie verbindet.

Wie beschreibe ich dieses Gefühl, um eine eigene Sprache zu ringen?
Oder von Worten anderer getroffen berührt zu werden?
Eine Landschaft in flimmernder Sommerhitze.
Die Luft vibriert.
Gleißendhelles Licht.
Schweiß auf der Haut.
Lebendigkeit, kaum auszuhalten.

Dieses Gefühl stellte sich beim Lesen der persönlichen Skizzen im Buch: „Vom Wandern und Wundern“ ein.
Menschen sind unterwegs.
Auf der Suche, neugierig und offen.
Verletzlich und verletzt.
Fremd und nah.
Frei und verbunden.

„Am gläubigsten sind Menschen in Verbundenheit und Freiheit.“

Schreibt Hannah Buiting (45).
Tiefe Weisheit in acht Worten.

Ich lese weiter.

„Die Kirche hat eine eigene Dynamik, welche Personen in wenigen Jahren zu domestizieren vermag. Du hast dich dagegen gewehrt und stehst wahrscheinlich auch heute in dieser Spannung zwischen Orientierungslosigkeit, Fremdheit und kirchlicher Verbundenheit. Ringst damit, kirchlich dazuzugehören und doch nicht hineinzupassen. Genau das ist aber dein Potential.“ (185f.)

So Sabrina Müller.
Ich habe mich nie so fremd gefühlt, aber eine skeptische Distanz zur „Kirche“ war (und ist) immer auch da.
Bei aller Vertrautheit und Verbundenheit.
Daher kann ich nicht anders als zu wandern und mich zu wundern.
Mal freudig erregt, mal sprachlos entsetzt, mal zwischendrin.

Markus Kalmbach erzählt von einer Sehnsucht, die zu entwickeln ist:
Von der Sehnsucht nach den 99 Schafen.

„Kirche geht hin zu den Menschen, dort wo sie leben. In unseren gewohnten kirchlichen Strukturen ist das leider schwer umsetzbar. Darum wäre es sinnvoll, Menschen für eine solche Aufgabe als ‚Pioniere‘ freizustellen.“ (108)

Hingehen, dazwischensein, Inter-esse zeigen.
Ein Weg ist der Um-Weg über die Arbeit.
Die (Erwerbs-) Arbeit, die Menschen leisten.
Die sie freut und belastet, glücklich macht und quält.
Wir im KDA, im Kirchlichen Dienst IN der Arbeitswelt, sind „Pionier/-innen“, die da hingehen.

Denn meine, unsere Erfahrung ist immer wieder aufs Neue:
Wir kommen in viele Betriebe.
Manchmal werden wir eingeladen, meist aber klopfen wir an und sagen:
Wir möchten euch besuchen.
Fast immer öffnet sich die Tür für uns.
Und dann geht es ganz oft so:
Die Tür geht hinter uns zu, Kaffee steht auf dem Tisch oder Tee und Wasser.
Und unsere Gastgeber/-innen fangen an zu erzählen.
Erst mal nicht über ihr Unternehmen.
Sondern ob sie in der Kirche sind oder nicht.
Welche Erfahrungen sie mit Gemeinde und Pastoren gemacht haben.
Was sie aus ihrem Glauben heraus ethisch umtreibt, wenn sie an den Arbeitsalltag denken.
Oft kommen auch Kränkungen auf den Tisch, wie diese:
„Kirche interessiert sich nur für die Arbeitswelt, wenn sie Spenden haben möchte.“
Erst später sehen wir dann die Powerpoint, die uns den Betrieb näher bringt und gehen durch die Hallen.

Sebastian Baer-Henney schreibt über die Milieus, die Kirche nahe stehen und andere, die abseits stehen.
Ich bin da ganz bei ihm und seinen Überlegungen.
Es gilt die Grenzen durchlässig zu machen.
Da müssen wir mittendurch und zwischendrin sein.
Aber der Weg ist weit…
Und wohin führt er?
Letzte Woche traf ich mich mit Kollegin und Kollege mit Ulrich Kasparick.
Pfarrer in Hetzdorf.
Googelt ihn mal oder sucht ihn auf Facebook.
Er erzählt viel vom Wandern und Wundern.
Zum Beispiel:
Da sind zwei Nonnen aus der Schweiz hierher gezogen.
Er hat sie gefragt:
Warum kommt ihr ausgerechnet hierher ins entchristlichste Gebiet Europas?
Antwort:
Wir wollen gucken, wo der Herrgott hier schon unterwegs ist.
Wandern – und sich wundern über die Wunder.

Teamwork, anders geht Kirche nicht.
Schreiben Rebecca John Klug und Juliane Gayk.
Das glaube ich auch.
Dass wir als Pfarrer/-innen oft so einsam unterwegs sind, ist furchtbar.
Heute bin ich Teil eines Teams im Haus kirchlicher Dienste in Hannover.
Und genieße die Gemeinschaft, die Unterstützung, die kreativen Anregungen, kollegiale Beratung. Inspiration durch Verschiedenheit.
Dankbar bin ich auch für die Philosophie des Hauses:
Scheitert erfolgreich!
Probiert aus, testet, seid mutig, macht euch auf, geht mittenrein und dazwischen.
Ermutigt, provoziert, verbindet.
Anders gesagt:
Wandert los und wundert euch!

Hier und da habe ich mich auch gewundert beim Lesen.
Die Erfahrung vom digitalen Wandern und Wundern kommt nur am Rand vor.
Hannah Buiting schreibt Zum Beispiel von ihrer „Netzgemeinde“.
Für mich ist das Netz in den letzten Jahren der Ort, in dem ich ständig unterwegs bin und wundersame Erfahrungen gemacht habe:
Kollegiale Beratung.
Theologische Reflexion.
Ringen um Verkündigung.
Ideen entwickeln, Projekte schmieden.
Das Glücksgefühl, auf Gleichgesinnte zu treffen.
Ich habe in der digitalen Welt Menschen gefunden, die ich nie gesehen und die mir doch wunderbar vertraut sind.
Denn wenn wir uns dann doch eines Tages analog begegnen, liegen wir uns sofort in den Armen.
Das Leben ist bunt und wir sind gemeinsam unterwegs.
Analog, aber auch digital.
Ohne diese Erfahrung, da bin ich hundertprozentig sicher wäre ich heute nicht in Hannover.
An einem Ort, der mir erlaubt, wunderbar wundernd zu wandern.