„Ich komme gerne mal auf einen Kaffee vorbei…“

„Ich komme gerne mal auf einen Kaffee vorbei…“

Gedanken über den Hausbesuch eines Pastors im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt

Als ich 2014 hauptamtlich als Referent im KDA (Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt) anfing, habe ich Begriffe und Sätze gesucht und getestet, die bei meinen Gesprächspartner/-innen in der weiten Welt der Wirtschaft auf Resonanz treffen. Wie komme ich schnell ins Gespräch? Welcher „elevator pitch“ beschreibt meine Tätigkeit? Ein Satz, den ich anfangs eher so flapsig dahin sagte, wurde zu einem Türöffner: „Ich komme gerne mal auf einen Kaffee vorbei!“

Wieso funktioniert dieser Satz so gut und andere eher nicht? Klar, es liegt natürlich auch daran, dass ich wirklich gerne Kaffee trinke. Aber auf der anderen Seite glaube ich, dass der Satz auf der einen Seite ein neugieriges Interesse signalisiert, andererseits aber völlig niederschwellig ist. „Ich würde mich gerne mal vorstellen oder: Ich komme gerne zum Antrittsbesuch vorbei oder: Ich möchte mich mal mit Ihnen unterhalten, ob wir gemeinsame Themen und Schnittmengen finden“ – das klingt alles schon so anstrengend und schwer in meinen Ohren und geht mir nicht leicht über die Lippen. Bei einer Tasse Kaffee dagegen kann alles geschehen – oder auch nichts. Letzteres habe ich auch erlebt, wir stellten nach einer Weile fest: Wir haben (derzeit) keine Schnittmengen. Und dann gingen wir einfach auseinander, denn – wir hatten uns ja nur auf einen Kaffee verabredet. Aber es gibt auch immer wieder mehr oder minder konkrete Verabredungen oder ich erinnere mich an bei irgendeiner Gelegenheit an das Gespräch und greife zum Handy oder schreibe eine Mail, und umgekehrt.

Mittlerweile denke ich, diese Kaffee-Gespräche sind in mancher Hinsicht vergleichbar mit dem Hausbesuch eines, einer Pfarrer/in in der Gemeinde. Es ist eine einmalige Sache, Wiederholungen sind aber nicht ausgeschlossen. Wobei ich mittlerweile feststelle, dass es schon gut ist, wenn es einen Anlass gibt, mit dem ich mich ausgerechnet jetzt zum Kaffee einlade. Das liegt daran, dass ich nach anderthalb Jahren nicht mehr ganz so neu in Hannover bin und mir überlege, zu wem möchtest du denn mal gerne gehen. Da hilft ein Anlass. Anders gesagt: Die Liste der Menschen in meinem Kopf, die ich gerne mal treffen möchte, ist lang, und wenn sich ein Anlass bietet, nutze ich die Gelegenheit. In der Gemeinde ist es ja auch meist so, dass Hausbesuche mit einem Anlass verbunden sind, der 80. Geburtstag oder der Besuch bei den Familien der Konfirmand/-innen. Aber es geschieht nach wie vor auch, dass ich bei einer Veranstaltung in der Pause oder beim Buffet ganz zufällig mit einer Frau, einem Mann ins Gespräch komme, wir dann irgendwann die Visitenkarten zücken und ich sage: „Ich komme auch gerne mal auf einen Kaffee vorbei!“

Es gibt eine weitere Gemeinsamkeit zum Hausbesuch der Kolleg/innen in der Gemeinde: Ich gehe hin, lade nicht zu mir ins Büro ein. Manchmal treffen wir uns auch in einem Café oder in der DB-Lounge am Hauptbahnhof, wenn es sich anbietet, so zwischen zwei Zügen oder so. Aber normalerweise mache ich mich auf den Weg zu einem Menschen, der dann für den Kaffee sorgt, so der „Deal“. Ich begebe mich ins Feld. Natürlich, ich bin dann der Gast, aber die Gastgeberin, der Gastgeber hat das Heimspiel.

Ich bin immer wieder fasziniert, welche Tiefe sich in solch offenen Situation ergeben können. Zäh sind diese Gespräche beim Kaffee nie, dauern oft um eine Stunde herum, dann haben wir uns erst mal ausreichend einander erzählt. Aber es kommt auch vor, ich schaue irgendwann auf die Uhr und denke, huch, jetzt sitzen wir ja schon bald zwei Stunden zusammen…! Das finde ich dann besonders bemerkenswert, weil sowohl mein Kalender als auch der meiner Gesprächspartner/innen normalerweise nicht gerade leer ist. Es besteht Interesse, mit einem Menschen, der Kirche vertritt, ins Gespräch zu kommen – so erlebe ich das in diesen Kaffee-Gesprächen (wie auch bei Betriebsbesuchen und anderen Gelegenheiten). Es berührt mich immer wieder neu, wie offen und manchmal auch persönlich die Gespräche werden. Und ich lerne beim Kaffeetrinken eine Menge über Ökonomie. Pastor im KDA ist schon eine wunderbare Aufgabe!