









In der letzten Woche machte ich mich mit meinem Bruder und meinem ältesten Sohn auf den Weg von Garmisch zum Semmering. Sieben Tage, 650 Kilometer, drei Länder.
Nach der positiven Erfahrung unserer Tour 2024 (Salzburg–Triest) plante ich diesmal mehr Höhenmetern, aber weniger Gepäck. Langsam versuche ich herauszufinden, ob ich es mit Mitte 60 noch mal über die höheren Alpenpässe schaffe.
Von Garmisch ging es über Leutasch und den Buchener Sattel nach Innsbruck. Im Juni 1993 war diese Strecke meine erste Passüberquerung mit dem Rad überhaupt. Ich dachte damals: Was willst du eigentlich mit dem Rad in den Alpen?!
Bei strömendem Regen und acht Grad ging es über den Brenner und auf traumhafter Radtrasse hinunter nach Brixen. Es folgten das Pustertal und Ausblicke auf die Dolomiten – Orte, die ich in den 90ern regelmäßig mit dem Rad erkundet habe. Ein Abstecher zum Toblacher See war Pflicht: Vor 40 Jahren campten meine Frau und ich dort. Den Platz gibt es längst nicht mehr, die Erinnerung bleibt.
Lienz und Seeboden am Millstädter See waren die nächsten Stationen, bevor das „Dach der Tour“ auf uns wartete: der zum Ende hin supersteile Katschberg. Bei 15% und mehr war dann Schieben angesagt… Hinunter ging es vor dem großen Regen auf einer ebenfalls extrem steil abfallenden Abfahrt.
Dann rasten wir die Mur hinab bis nach Bruck, eine schöne, aber nicht spektakuläre Strecke. Zum Schluss ging es noch auf den Semmering und anschließend folgte die grandiose Abfahrt nach Gloggnitz. Dort stiegen wir in den Zug und verbrachten noch mit meiner Frau und meinem Jüngsten einige Tage in Wien.
Es war erst meine zweite Tour, auf der ich nicht allein unterwegs war. Bereits 2024 hatten wir gelernt: Gemeinsame Doppelzimmer oder Ferienwohnungen sind für uns keine gute Idee. Am Abend waren wir alle froh, die Zimmertür hinter uns schließen zu können.
Eine weitere Erkenntnis: Wie auf dem Jakobsweg fährt man bergauf am besten für sich allein. Auf flachen Strecken klappt es wunderbar zusammen – doch sobald es steil wird, zieht sich die Gruppe auseinander.
Ich spüre einmal mehr: Radfahren ist genau mein Rhythmus. Mit dem Auto geht es zu schnell, zu Fuß zu langsam. Die vorbeiziehende Landschaft versetzt mich in einen Flow-Zustand. Gedanken kommen und gehen. Oft habe ich das Gefühl, dass ich sie im Tritt durchkaue, ‚“mahle“ – und bin immer wieder überrascht, welche Klarheit sich am Ende einer Reise einstellt.
In diesem Jahr beschäftigt mich, dass ich mich immer mehr als neurodivergent verstehe. Ich lese gerade von Marek Grummt „Neurodiversität: Die Sehnsucht nach kultureller Anerkennung, die Macht der neurotypischen Gesellschaft und Ansprüche an neurodiversitätsreflexive Pädagogik“. Vor der Abfahrt habe ich das Buch auf den Kindle geladen, immer wieder drin gelesen und nachgedacht, meine Gedanken „gemahlen“. Die Lektüre ist auch eine Reise in meine Vergangenheit – ich spüre den neurodivergenten Spuren in meinem Leben nach. Ende offen.