25 Jahre Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt Duisburg-Niederrhein: Mein persönlicher Rückblick auf die Festveranstaltung

25 Jahre Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt Duisburg-Niederrhein: Mein persönlicher Rückblick auf die Festveranstaltung

Gestern war ich in Duisburg und Dinslaken, also in meiner alten Heimat. Anlass waren die Feierlichkeiten zum 25jährigen Bestehens der Regionalstelle des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (KDA) Duisburg-Niederrhein. Seinerzeit hatte ich mich als junger Gemeindepfarrer entschieden, nebenamtlich im KDA mitzuwirken, eine Entscheidung, die ich nie bereut habe. Ich habe zwar die Verhandlungen zur Gründung der Regionalstelle nicht miterlebt, war aber vom ersten Tag an mit im Geschäftsführenden Ausschuss, dem ich später acht Jahre vorstand. Daher war es gar keine Frage, dass ich mich auf den weiten Weg aus Hannover an den Rhein gemacht habe.

Und mit „weit“ meine ich weniger die realen Kilometer. Der Gottesdienst mit „Alt-Präses“ und ehemaligen Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider (auch ein Gründungsmitglied) und die Festveranstaltung im Ledigenheim in Lohberg, in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen Zechengelände, waren zunächst einmal eine Art Klassentreffen vieler ehemaliger Weggenoss/-innen. Ja, auch wenn in Gottesdienst und Festakt nur eine einzige Frau aktiv beteiligt war – im Saal waren viele und es wäre spannend, die Rolle der Frauen in den 25 Jahren Regionalstelle mal gesondert zu betrachten, es gab nicht nur mehrere hauptamtliche Mitarbeiterinnen und zwei Vorsitzende im Geschäftsführenden Ausschuss (seit langem jetzt schon Pastorin Karin Dembek), auch in den Auseinandersetzungen bei Kohle und Stahl im Strukturwandel spielten Frauen immer wieder eine wesentliche Rolle, herausragend sicher die „Besetzung“ der Christuskirche durch Bergarbeiterfrauen in Kamp-Lintfort über mehrere Wochen in den neunziger Jahren.

Damit bin ich bei dem Gefühl, eine weite Reise unternommen zu haben. Es gab eine Podiumsdiskussion mit Nikolaus Schneider und dem Bochumer Sozialethiker Traugott Jähnichen, die neben vier Männer aus Kohle und Stahl teilnahmen. Und diese vier zeichneten eine Welt im Übergang, die mit viel Untergang verbunden ist. Die hohe soziale Verantwortung vor allem bei der Kohle wurde mehrfach, fast schon gebetsmühlenartig betont, wenn es um die Frage ging, wie der Strukturwandel bewältigt worden ist – nämlich ohne betriebsbedingte Kündigungen. Darauf ist man stolz, zu Recht. Und es ist sicher vorbildhaft auch für andere Branchen und Regionen, wenn ich da zum Beispiel an die Herausforderung denke, die auf Niedersachsen zu kommt, wenn es um den Umbau des VW-Konzerns geht. Massiv wurde dann auch Siemens attackiert als aktuelles Beispiel, wie Konzerne Milliardengewinne machen und gleichzeitig Standortschließungen verkünden – ohne Sozialplan für die Städte und Regionen. An dieser Stelle ist der Gedanke der Familie noch sehr lebendig im Ruhrgebiet, sicher auch der Tatsache geschuldet, dass bei Kohle und Stahl ohne Solidarität am Hochofen und unter Tage die anstrengende und oft auch gefährliche Arbeit nicht zu bewältigen war und ist.

Das trifft dann auch die Seele vieler Menschen hier an der Ruhr. Auf die – naive – Frage des Moderators, ob denn die Digitalisierung den Strukturwandel unter Tage und bei den Stahlkochern hätte aufhalten können, reagierten die Diskutanten empört und zeigten auf, wie hochtechnisiert bei Kohle und Stahl seit langem gearbeitet wurde und wird. Und überhaupt, es sei völlig unverständlich, dass der Steinkohlebergbau ausläuft, wo doch so viele Menschen dort gute Arbeit geleistet haben. Jetzt auch noch die neue Diskussion um die Braunkohle, das ginge doch überhaupt, was soll aus den Menschen werden, die dort ihren Lohn verdienen für sich und ihre Familien…

Wohl wahr, das schreit nach einem Rahmen, nach einem Woraufhin, damit klar ist, was und warum gestaltet werden muss. Da war ich schon überrascht, dass keine der sechs Personen auf dem Podium, auch nicht Nikolaus Schneider und Traugott Jähnichen, das Stichwort Klimawandel und die Transformation der Ökonomie überhaupt nur erwähnte. Da fühlte ich mich dann plötzlich ganz nah und zuhause – denn in der letzten Woche konnten Stephan Weil und Bernd Althusmann, inzwischen immerhin Ministerpräsident und Wirtschaftsminister, neunzig Minuten beim Tag der Niedersächsischen Wirtschaft über die drängendsten Zukunftsaufgaben für Niedersachsen und unser Land insgesamt sprechen, ohne das Wort „Klimawandel“ auch nur einmal in den Mund zu nehmen. Es war dann Landesbischof Ralf Meister, der anschließend vor den Unternehmer/-innen und Politiker/-innen an dieser Stelle deutliche Worte fand.

Und damit wird dann manches hohl und schräg. Natürlich hat Traugott Jähnichen recht, wenn er aus evangelischer Perspektive Solidarität in der Ökonomie einfordert und neben dem Trend zu mehr Selbstbestimmung in der (Erwerbs-) Arbeit die Entwicklung einer Sozialkultur fordert, die den Rahmen für die individuelle Entwicklung abgeben muss, damit nicht alles auseinander läuft, im übertragenen Sinn, aber auch wortwörtlich. So plädierte Traugott Jähnichen entschieden dafür, den Sonntagsschutz nicht weiter auszuhöhlen und forderte Kirche und Gewerkschaften auf, hier kämpferisch zu sein. So weit, so gut. Aber all das muss doch heute eingebettet werden in den großen Rahmen der Herausforderungen, in denen wir heute schon stehen. Der Klimawandel ist Fakt und wenn wir nichts oder zu wenig tun, dann haben unsere Kinder und Enkel noch ganz andere Probleme. Gute Arbeitsplätze in der Braunkohle sichern Menschen ihr Auskommen, doch zu welchem Preis? Ich bin davon überzeugt, dass die Erfahrungen, die in den letzten dreißig Jahren im Ruhrgebiet gemacht wurden im Übergang von Kohle und Stahl zu einer neu aufgestellten Industrieregion sehr hilfreich sein können, wenn wir uns der Frage stellen, was getan werden muss.

Strukturwandel braucht Zeit, Solidarität und Hoffnung – so lautete einmal das Motto, unter dem im Ruhrpott am Strukturwandel gearbeitet wurde. Gestern hat diese Trias niemand ausdrücklich in den Mund genommen, aber sie war da, unausgesprochen in fast allen Redebeiträgen. Und sie ist hilfreich als Kriterien für eine sozialverträglich Umgestaltung unsere Lebenswelt, in den privaten Bezügen genauso wie in Arbeitswelt und Ökonomie. Als gemeinsam verstandene solidarisch gestaltete Aufgabe, die Menschen die nötige Zeit und zugleich Hoffnung gibt.

Einige der Diskutanten beim Jubiläum in Dinslaken-Lohberg

Einige der Diskutanten beim Jubiläum in Dinslaken-Lohberg

Vom Verlierer Thomas Müntzer lernen

Vom Verlierer Thomas Müntzer lernen

Zugegeben: Es ist keine einfache Kost. Doch wer sich auf das akribisch recherchiert und eng an den Quellen entlang aufgebaute Werk von Siegfried Bräuer und Günter Vogler einlässt, wird reich belohnt. Das Buch bietet einen tiefen Einblick in die turbulente Zeit, die wir heute Reformation nennen und bringt dabei eine seit 500 Jahren höchst umstrittene Person näher: Thomas Müntzer. Drei Aspekte bleiben mir aus der Lektüre nachhaltig in Erinnerung.

I.

„Als Theologen und Historiker Luther und seine Förderer zur alleinigen Norm für die Beurteilung des Reformationsgeschehens erhoben, wurden abweichende Auffassungen und konkurrierende Bewegungen zumeist als ihre Lehren verworfen und Müntzer als ‚Außenseiter‘ abgestempelt. Doch in den frühen Jahren, als sie die reformatorischen Bewegungen erst allmählich Konturen gewannen, war die Situation noch offen und waren unterschiedliche Optionen möglich.“ (14)
„Im Reich herrschte zu dieser Zeit eine angespannte Situation: Die Befürworter reformatorischer Erneuerungen suchten die bisher erreichten Ergebnisse zu sichern, radikalere Kräfte drängten auf eine energische Weiterführung des reformatorischen Prozesses, und altgläubige Bischöfe und Fürsten formierten sich zum Gegenschlag, um diese Entwicklung zu stoppen.“ (250)

Geschichte ist immer die Geschichte der Sieger. Das ist zwar banal, aber gerät schnell im Tagesgeschäft aus dem Blick. Das gilt auch für die Reformation und wir tun gut daran, uns gerade in diesem Jahr daran ausdrücklich zu erinnern. Bei der Lektüre der Biografie Müntzers habe ich mich mehr als einmal gefragt: Was wäre, wenn? Was wäre, wenn die Geschichte anders ausgegangen wäre? Wenn Martin Luther keine mächtigen Fürsprecher gehabt hätte? Was wäre geworden, wenn einer der Landesherren durch die leidenschaftlichen Predigten Müntzers sich auf dessen Seite geschlagen hätte und ihn bei seinem Versuch einer Neuordnung der sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse unterstützt hätte? Wie wäre die Geschichte weitergegangen, wenn die Bauernaufstände erfolgreich gewesen wären und sich ein Umsturz der politischen Verhältnisse in Deutschland vollzogen hätte? Natürlich ist es müßig, darüber zu spekulieren. In einer turbulenten Zeit, in der alles drunter und drüber ging, in der die verschiedensten Ideen theologischen Ansätze nebeneinander existierten, hat sich am Ende Martin Luther durchgesetzt und seine Theologie prägt unsere evangelische Kirche bis heute. Müntzer ist dagegen der Verlierer.

II.

Die Rolle von Macht und Politik in dieser Zeit, in diesen religiösen und kirchlichen Umbruch, ist mir an einer Stelle besonders aufgefallen. Bekannt ist schon lange, dass die Erfindung des Buchdrucks wesentlich dazu beigetragen hat, die Gedanken der Reformation rasant zu verbreiten. Die Reformatoren haben erkannt, welche Macht ihnen diese neue Technik gibt und sie genutzt. Neu war für mich, das schon zur Zeit Luthers die Druckereien in den Städten die zu druckenden Bücher und Flugblätter häufig der Obrigkeit (dem Rat, dem Landesherren) vorlegen mussten und diese eine Druckgenehmigung erteilten – oder auch nicht. Die Autoren zeigen sehr gut auf, mit welchen Hindernissen hier Thomas Müntzer zu kämpfen hatte. Bereits gedruckte Texte wurden wieder eingezogen, Buchhändlern „bei Leibesstrafe“ verboten, Traktate zu verkaufen. Seine Ideen waren zu Beginn der Bauernaufstände weit weniger bekannt und verbreitet als die Texte Luthers. Technischer Fortschritt war auch schon zur Zeit der Reformation auch eine Frage der Macht: Wer besitzt, wer erteilt das Recht, Texte zu veröffentlichen und zu verbreiten? Welche Interessen sind damit verbunden? Und welchen Preis hat Martin Luther dafür gezahlt und wir als protestantische Kirche in seiner „Nachfolge“? Und was folgt aus dieser Beobachtung oder Erkenntnis für die Beurteilung aktueller Technik, zB im Bereich der Digitalisierung? Wer hat hier Macht?

III.

„Die Befreiung von sozialen Lasten und die Vertreibung der sie verursachenden Tyrannen waren für Münzer Voraussetzungen, um eine ‚unüberwindliche Reformation‘ in der Gestalt vollziehen zu können, wie er sie aus seinem Glaubensverständnis abgeleitet und verkündet hatte.“ (374)

Müntzer hat im Unterschied zu Luther sehr viel Wert darauf gelegt, dass der Glaube praktisch wird. Glaube ohne Praxis ist kein Glaube. Nun aber stellte Münzer fest, dass ihm nirgends gelungen ist, dies umzusetzen. Seine Predigt war in dieser Hinsicht nicht erfolgreich. Am Ende wird er radikal, weil er für sich die Konsequenz zieht: Die Menschen sind nicht in der Lage zu glauben, bei der Lebensverhältnisse so bedrückend sind, dass sie sich der Evangelium nicht öffnen können. Daraus folgt für ihn:

„Münzer respektierte die Obrigkeiten, wenn sie ihrer Pflicht nachkommen, die Untertanen zu schützen. Doch angesichts der Erfahrung, dass viele Regentin ihre Pflichten verletzten, tyrannisch handeln, Gläubige wegen ihres Glaubens verfolgen und das Evangelium missachten, vertrat er ein Widerstandsrecht.“ (393)

Manches, was ich hier von und über Müntzer gelesen habe, erinnerte mich an die Diskussion um den Widerstand gegen Hitler und die Möglichkeit der christlich legitimierten Beteiligung am Tyrannenmord. Dietrich Bonhoeffer haben diese Fragen immens beschäftigt und er war sich am Ende darüber im Klaren, dass seine Kirche ihm nicht folgt. Die Frage bleibt aber doch virulent: Ist jede Obrigkeit von Gott legitimiert? Und wenn nein, welche Kriterien legen wir an? Angesichts der „Krise“ von Demokratien und dem Wiedererstarken diktatorischer Regime und Tendenzen eine hochaktuelle Fragestellung.

„Müntzers Aufforderung, der Welt eine neue Ordnung zu geben, ist so aktuell wie zu seiner Zeit. Luther sprach den Bauern das Recht und die Macht ab, die Verhältnisse zu verändern. Müntzer hingegen sah die Zeit gekommen, sie grundlegend neu zu gestalten, und das hieß auch, dem auserwählten Volk die Gewalt dazu zu geben.“ (400)

Erst muss die Welt neu werden, erst muss eine neue Ordnung herbeigeführt werden, erst muss die Ausbeutung durch die Fürsten muss beendet werden, damit die Menschen überhaupt in die Lage versetzt werden, sich der Predigt zu öffnen. Was bedeutet dies für Predigt, Gemeindeaufbau und Mission? Muss sich Kirche nicht viel stärker um die Verbesserung von Lebensverhältnissen einsetzen, damit Menschen darauf „vorbereitet“ werden, glauben zu können? Und welche Vision von lebenswerten Umständen haben wir bzw. entwickeln wir aus der Schrift, zB aus den visionären Texten in den Prophetenbüchern, der Bergpredigt oder der Offenbarung des Johannes? Gibt es so etwas wie eine biblisch fundierte Vision des „guten Lebens für alle“? Und versündigen wir uns an uns selbst und an der Gesellschaft, wenn wir diese Fragen ausblenden, dies nicht verkündigen in Wort und Tat? Die Autoren jedenfalls ziehen am Ende dieses Fazit:

„(Müntzers) Blick war auf die Zukunft gerichtet, in dem er die Veränderung der Welt im Blick hatte. Mit der Verurteilung seiner Lehre wurde auch das Verdikt über seine Vision gesprochen. Wenn jedoch religiöse, soziale oder politische Visionen als nicht opportun abgetan werden, versinkt die Gesellschaft in reinen Pragmatismus. Doch die Menschen leben auch von Hoffnungen und Fragen, was zukünftig sein wird.“ (400)

Die nächsten Jahren werden noch voller 500jähriger Jubiläen sein. Ich hoffe, dass dann auch die Person und Theologie von Thomas Müntzer ähnlich kritisch gewürdigt wird, wie das in diesem Jahr mit seinem großen Kontrahenten Martin Luther geschehen ist. Es wäre lohnenswert – für Kirche im Besonderen und unsere Gesellschaft im Allgemeinen, um der Gefahr zu wehren, in reinem Pragmatismus zu versinken, hüben wie drüben.


Siegfried Bräuer/Günter Vogler: Thomas Müntzer: Neu Ordnung machen in der Welt. Eine Biographie. Gütersloher Verlagshaus 2016, 58 €

Paris, Juni 2017 im Foyer le Pont. Ein Plädoyer für Studienfahrten

Paris, Juni 2017 im Foyer le Pont. Ein Plädoyer für Studienfahrten

Es dauert so zwanzig Minuten, dann ist es wie immer: Ich sehe buchstäblich, wie sich die Rädchen in den Köpfen meiner Mitreisendenzu drehen beginnen. Wir sind in Massy, einem Vorort von Paris, und besuchen die Cimade, ein christliches Flüchtlingswerk. Wir, das ist eine Gruppe von Pfarrer/-innen und Diakon/-innen aus dem Kirchenkreis Osnabrück, für die ich eine Studienfahrt nach Paris ins Foyer le Pont organisiert habe.

Gruppenbild der Studienfahrer/-innen mit den Mitarbeitenden der Cimade

Seit knapp zwanzig Jahren existiert das Foyer und seither war ich bestimmt zwanzig Mal dort mit Gruppen zu Gast. Denn das Konzept ist präzise und ausgereift, so dass ich sage: Ich gebe euch eine Erfolgsgarantie, die Fahrt wird euch beeindrucken, wahrscheinlich sogar begeistern – weil genau das immer wieder geschieht, was heute Morgen in Massy passiert: In meinem Kopf beginnt sich etwas zu drehen, Vertrautes sehe plötzlich mit anderen Augen.

Sonja Laboureau , die Leiterin des Standorts der Cimade, macht nichts anderes, als von ihrer Arbeit mit Flüchtlingen zu erzählen. Die Cimade unterhält hier ein relativ großes Wohnheim für anerkannte Asylant/-innen, ist darüber hinaus in der Rechtsberatung aktiv und besucht Flüchtlinge in Abschiebegefängnissen. Sonja erzählt von den Veränderungen in der Flüchtlingsarbeit über die Jahre, von vermuteten oder nachweisbaren Strategien des Staates, es Flüchtlingen schwer zu machen. Sie erzählt von Traumata, die gerade dann aufbrechen, wenn Frauen, Männer und Kinder mit dem Status anerkannt zu sein, erstmals nach einer langen Zeit zur Ruhe kommen in Massy. Sie erzählt von Solidarität und starker ehrenamtlicher Unterstützung. Und ich merke – und das geht eben nicht nur mir so -, ich beginne zu vergleichen: Wie ist das bei uns in Deutschland, in Osnabrück, in Hannover? Wo und wie ist Kirche hier in der Flüchtlingsarbeit aktiv, wie ist die Stimmungslage in der Bevölkerung, wo liegen die Unterschiede zwischen Front National und AfD, wie reagiert der Staat bei uns auf Menschen, die Zuflucht suchen? Ich entdecke Gemeinsamkeiten und stelle zugleich Unterschiede fest, und das hilft mir, mein eigenes Eingewobensein in Deutschland, Niedersachsen, Osnabrück gleichzeitig zu reflektieren als auch präziser wahrzunehmen. Und ich weiß jetzt schon, zurück in Deutschland, werden mir zu gegebener Zeit die Bilder aus Massy vor Augen stehen und die Erfahrungen werden einfließen in Worte und Handlungen.

Genau solche internationale Begegnungen zu ermöglichen ist ein Pfeiler des Konzept des Foyers. Träger ist die Vereinigte Protestantische Kirche Frankreichs, die Evangelische Kirche im Rheinland ist ein enger Partner, der das Foyer auch finanziell stark unterstützt. Dies geschieht aber nicht so, dass das Geld direkt überwiesen wird, sondern es wird als Zuschuss an Gruppen gegeben, die aus dem Gebiet der rheinischen Kirche dorthin fahren. Eine Fahrt wird so nicht teurer als eine Klausurtagung in der Eifel, mal so über den Daumen gepeilt.

Mein Kollege Jürgen Widera vom KDA Duisburg/Niederrhein hat daraus ein Erfolgsrezept gestrickt und organisiert mindestens eine Fahrt pro Jahr, manchmal auch zwei. Etliche Male war/bin ich als Teilnehmer dabei (gewesen), eine Reihe von Fahrten für Ehrenamtliche aus Gemeinden haben wir zusammen organisiert, diese Reise im Juni 2017 ist die erste, die ich nach meinem Wechsel in die hannoversche Landeskirche allein organisiert habe und als Reiseleiter begleite.

Wobei, allein organisiert, das klingt so groß und ist dabei so einfach. Denn es gehört zum Prinzip des Foyers, Gruppen intensiv zu unterstützen bei der Programmplanung. Ich möchte eine französisch-protestantische Gemeinde in Paris besuchen? Kein Problem. Wir möchten die Christuskirche besuchen, die deutsche Auslandsgemeinde in Paris? Machen wir. Wir möchten uns mit den Unterschieden in der Kindergartenpädagogik zwischen Deutschland und Frankreich befassen? Es wird ein Besuch in einer Kita organisiert (was ein Hammer ist, weil da normalerweise auch Eltern nur einmal im Jahr rein dürfen). Und so weiter und sofort. Ob es inhaltliche Aspekte sind, ob wir für Themen Gesprächspartner/-innen haben möchten oder ob es um so profane Dinge wie die Reservierung von Restaurants geht, all das ist im Konzept des Foyers als Dienstleistung vorgesehen und wird gemacht. Und aus der Erfahrung von über zwanzig Fahrten kann ich sagen, fast immer waren wir mindestens zufrieden, nur sehr selten stellte sich ein Referent/-in am Ende als langweilig heraus. Ein Highlight für Gruppen ist auch der Rundgang durch das protestantische Paris, in dem die Geschichte der Protestant/-innen in Frankreich seit der Reformation lebendig wird – und zum Beispiel schlagartig deutlich wird, warum sich die protestantische Kirche in Frankreich, vor allem der reformierte Flügel, überall intensiv Flüchtlingen und Migrant/-innen zuwendet: Die Erfahrung von Verfolgung, Vertreibung oder Tod ist im kollektiven Gedächtnis tief verankert, bis heute.

Natürlich, auch Essen und Trinken kommen nicht zu kurz, und hier und da kann auch ein wenig Sightseeing mit einfließen, warum denn auch nicht. Wir sind immerhin in Paris, und hier kann das Sinnvolle und Hilfreiche sehr gut mit dem Schönen und Angenehmen kombiniert werden.
Denn es gibt natürlich immer wieder mal Stimmen, die fragen: Wie, ihr fahrt nach Paris? Und dann noch mit Zuschüssen aus dem Kirchenkreis, also mit Kirchensteuermitteln?! Wie könnt ihr das vertreten? Reicht nicht auch die Eifel? Oder jetzt aus Sicht der hannoverschen Landeskirche (die ja nicht solche Zuschüsse wie die rheinische gibt): Wäre es nicht angemessener, in den Harz oder meinetwegen nach Thüringen oder Wittenberg zu fahren? Muss es denn Paris sein, wie sieht das denn nach außen aus?

Ich antworte auf solche Fragen, indem ich die Geschichten von Begegnungen in Massy erzähle. Oder von Frau von Kirchbach und ihrer kleinen Gemeinde. Oder ich halte entgegen: Ist es nicht sinnvoll, vielleicht sogar notwendig, wenn wir in dem großen (und grad recht gefährdetem) Projekt Europa uns untereinander besuchen? Ich habe gerade in Paris gelernt, wie riesengroß die Unterschiede zwischen den Ländern sind und dass es eigentlich völlig falsch ist, den Blick allein darauf zu richten, wie kompliziert das alles in Brüssel und Straßburg ist. Ja, das ist es. Und es ist für mich kein Wunder, wenn ich nur mal Frankreich und Deutschland vergleiche (und mittlerweile kenne ich auch Griechenland aus eigener Erfahrung ein wenig). Das Wunder ist, dass es überhaupt möglich ist, dass sich so unterschiedliche Staaten auf so etwas wie ganz aktuell die Abschaffung der Roaming-Gebühren zu verständigen. Natürlich, es gibt noch viel zu tun und sicher auch zu reformieren. Aber es ist zumindest meine Erfahrung, dass ich einen Hauch von Verständnis für Chancen, Risiken und Herausforderungen erst und gerade bei diesen Studienfahrten ins Ausland erhalten habe. Wenn sie dann noch so professionell, engagiert und freundlich begleitet werden von den Mitarbeiterinnen aus dem Foyer le Pont, dann ist der Lerneffekt groß und es macht darüber hinaus noch richtig Spaß. Wer einmal nachts bei einem Glas Wein mit anderen zusammen die Eindrücke das Tages auf der Dachterrasse reflektiert, weiß, wovon ich rede.

Das Foyer le Pont in der Rue de Gergovie

Kirchengebäude und Klimaschutz – eine theologische Provokation

Kirchengebäude und Klimaschutz – eine theologische Provokation

Vortrag beim Jahrestreffen Grüner Hahn in Hannover, 19. November 2016

I.
Liebe Anwesende,
was die Zukunft genau bringt, kann niemand sagen. Aber ganz orientierungslos sind wir nicht, wenn wir erfahren wollen, in welche Richtungen sich bestimmte Bereiche unseres Lebens entwickeln könnten. Vor einigen Jahren habe ich angefangen, mich mit diesen Fragen zu beschäftigen. Ich war überrascht, dass es so etwas wie eine seriöse Zukunftsforschung gibt. Gerade was die Auswirkungen des Klimawandels in den nächsten Jahren betrifft, gibt es zum Beispiel für Deutschland nachvollziehbare und belastbare Prognosen. Prognosen sind dabei keine Vorhersagen, sie beschreiben nicht, was kommen wird, sondern was kommen könnte. Sie beschreiben, simulieren eine oder mehrere mögliche Zukünfte. Und es lohnt sich für uns als Kirche, uns damit zu beschäftigen. Dass der Klimawandel eine Realität ist, mag Donald Trump leugnen, aber er wird wie viele andere lernen müssen, dass er sich längst vollzieht.

Bei meinen Recherchen bin ich damals auf dieses Buch hier gestoßen (Gerstengabe/Welzer, 2 Grad mehr in Deutschland). Unter Zuhilfenahme ausgefeilter Technik und Modellrechnungen liefert es Prognosen, wie sich der Klimawandel in den nächsten Jahren bis 2040 auf unser Land auswirken könnte. Das sind noch 25 Jahre, das könnte ich noch erleben. Interessanterweise scheint Niedersachsen eher zu den Gebieten zu gehören, die zu den Gewinnern einer Klimaerwärmung gehören könnten, denn die wird es auch geben. Aufgrund der erwarteten Veränderungen im Blick auf Temperatur und Niederschläge könnte es sein, dass unser heute schon stark von Landwirtschaft geprägtes Bundesland genau in diesem Segment profitiert – allein, weil der Anbau von Lebensmitteln an anderen Orten durch Trockenheit viel schwieriger wird.

Eine andere Prognose, die ich ganz interessant finde, geht von der Überlegung aus: Der Mittelmeerraum wird den nächsten Jahrzehnten so warm und so trocken, dass er für den Tourismus nicht mehr so interessant sein wird wie bisher. Überspitzt gesagt: manch einer erwartet für Niedersachsen auch einen Aufschwung im Tourismus. Es wird bei uns wärmer, nicht so trocken wie am Mittelmeer oder auch in Brandenburg und die Entfernungen für Tourist/-innen aus Deutschland Österreich und der Schweiz, um nur einmal im deutschsprachigen Raum zu bleiben, sind kurz.

Klimawandel bedeutet aber auch das Risiko von zunehmenden extremen Wetterphänomenen. Auch in Deutschland. Seriöse Zukunftsforschung, die Szenarien entwirft, rechnet auch mit solchen letztlich nicht vorhersehbaren Phänomenen und spielt sie mit durch.

Auf dieser Grundlage dieser (und noch weiterer) Überlegungen habe ich vor zwei Jahren dieses kleine Büchlein geschrieben (Zeitsprung – Gemeinde 2030), in dem ich mir vorstelle: Was wäre wenn? Wie könnte das Leben einer Kirchengemeinde in 15 Jahren aussehen, wenn die erwarteten Auswirkungen des Klimawandels sich bei uns vollziehen? Dabei bin ich neben der Auswertung der Berechnungsmodelle im Blick auf Temperatur, Niederschläge usw. davon ausgegangen, dass Deutschland eines Tages von einer Hochwasserkatastrophe heimgesucht wird, die alles übersteigt, was wir zuvor in unserem Land gesehen haben. Elbe, Oder und Donau geraten kurz vor einer Bundestagswahl über die Ufer und verwüsten die Landschaften. In der Folge kommt es zu einem Erdrutschsieg der Grünen und die neue grüne Bundeskanzlerin setzt mit Zustimmung der Bevölkerung ein radikales Veränderungsprogramm in Kraft. Zum Beispiel geben sie den Denkmalschutz auf und verpflichten alle Besitzer größerer Gebäude innerhalb weniger Jahren, diese CO2-neutral zu betreiben oder Ausgleichszahlungen zu leisten – oder sie nicht mehr zu heizen. Wirklichkeitsfremd? Nun, nach Brexit und Trump halte ich mittlerweile viel für vorstellbar, wo ich zwei, drei Jahren noch den Kopf geschüttelt hätte.

Und jetzt überlegen Sie mal: Stellen Sie sich Ihre Kirchengemeinde vor, Ihr Kirchgebäude. Oder Ihre Kirchengebäude. Ihr Pfarrhaus, ihr Gemeindezentrum, Ihr Jugendheim, was auch immer Sie haben. Und dann überlegen Sie mal, dieses Szenario wird in zehn Jahren Wirklichkeit. Was würde es für ihre Kirchengemeinde bedeuten, wenn Niedersachsen in viel stärkerem Maße als vorher ein Tourismusland wird? Wenn Landwirtschaft plötzlich wieder boomt? Wenn Elbe, vielleicht auch Weser oder Leine eines Tages dramatisch über die Ufer treten? Wenn es so etwas wie Denkmalschutz nicht mehr gibt? Wenn wir feststellen müssten, mit unseren Einnahmen können wir unsere Gebäude einfach nicht CO2-neutral betreiben? Wenn Zuwanderung noch ganz andere Ausmaße annimmt?

Klar, alles Spekulation, keiner weiß was kommt. Aber ich finde, es lohnt sich auch radikale Veränderungen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten mal am Beispiel der eigenen Gemeinde durch zu spielen. Was wäre, wenn? Nicht, um Angst zu machen. Ganz im Gegenteil. Schreckensszenarien, die sagen, so wird es unausweichlich kommen, die lähmen und sind verlogen. Weil das niemand sagen kann. Zukunftsszenarien fragen: Was könnte kommen? Welche Alternativen gibt es und wie wirken sie sich jeweils aus? Welche Handlungsoptionen eröffnen sich mir, uns? Solche Szenarien nehmen Angst, weil sie nicht auf eine Zukunft fixiert sind, sondern im Kopf viele Zukünfte durchspielen. Solche Szenarien helfen, mental vorbereitet zu sein, auch auf eventuell drastische und sich sehr schnell verändernde Verhältnisse. Und vor allem, um den größeren Horizont, in dem wir uns bewegen, im Blick zu halten. Bei allem, was wir heute und hier tun, andenken, entscheiden. Müssen.

II.
Denn unser Leben wird sich verändern. Verändern müssen. Und es ist gut, die möglichen, auch dramatischen Auswirkungen im Blick zu halten. Entweder es gelingt uns noch auf diesem Planeten das 2-Grad-Ziel zu erreichen. Dazu sind dann aber erhebliche Veränderungen in unserem Arbeiten, Wirtschaften, Konsumieren, Bauen, Reisen usw. erforderlich. Oder es kommt früher oder später zum Kollaps. Das ist offensichtlich die Realität, auf die wir uns einzustellen haben. Höchst präzise und staubtrocken pragmatisch formuliert finde ich die Gesamtschau von Hans-Joachim Schellnhuber in seinem Buch „Selbstverbrennung“. Aber an vielen anderen Stellen sagen viele, viele andere Wissenschaftler/-innen genau das gleiche. Entweder wir ändern gerade in unseren westlichen Industrienationen unseren Lebens-, Wirtschafts- und Arbeitsstil oder wir gehen unter. Mauern und Zäune werden uns da nicht lange helfen. Die Flüchtlingsströme, die derzeit auf unserem Erdball bereits unterwegs sind, sind dann nur der Anfang.

Übereinstimmend sagen Expert/-innen verschiedenster Professionen: Unser heutiges Wirtschaftsmodell, das auf Wirtschaftswachstum setzt und auf Ausbeutung der angeblich kostenlosen Ressourcen, dieses Modell ist am Ende. Entweder es gelingt uns, ein Leben, Arbeiten und Wirtschaften zu entwickeln, das im Einklang mit dem steht, was dieser Planet uns an Fülle zur Verfügung stellt – oder wir führen das aggressive Vorgehen gegen die Natur weiter und dann wird die Menschheit früher oder später untergehen. Was bedeutet das für uns, für unser Leben und arbeiten, auch für unser verantwortliches Handeln in kirchlichen Zusammenhängen?

III.
Als Christinnen und Christen stehen wir in einer langen Tradition der Auslegung bestimmter Bibelstellen. „Macht euch die Erde untertan“ – das ist lange so verstanden worden, als sei der Mensch die Krone der Schöpfung und daher dürfe er sich an der Natur bereichern, wie er nur möchte. Lange Zeit waren die Folgen dieses jahrhundertealten Denkens nicht erkennbar. Oder genauer, erkennbar waren sie schon, aber die Zahl der Menschen war klein, so dass unser Planet die Wunden heilen konnte, die wir ihm schlugen. Das ist vorbei. Für unser gegenwärtiges Produzieren brauchen wir schon heute weit mehr als eine Erde, sagt uns der ökologische Fußabdruck. Niemand verwendet diese biblische Aussage von der Herrschaft des Menschen noch in diesem Sinne. Aber wir verhalten uns noch so. Leonardo Boff, katholischer Theologe aus Brasilien, schreibt:

„Die Entscheidungsträger fahren mit der alten kulturellen und gesellschaftlichen ‚Software‘ fort, die den Menschen in eine adamitische Position rückt: über der Natur stehend, als deren Beherrscher und Ausbeuter. Und dies ist der Hauptgrund der aktuellen ökologischen Krise. Sie verstehen den Menschen nicht als Teil der Natur. (…) Indem sie alles aus der Perspektive der Ökonomie betrachten, deren Prinzip der Wettbewerb und nicht die Kooperation ist, verbannen sie die Ethik und die Spiritualität aus der Reflexion über den Lebensstil, die Produktionsweise und den Konsum der Gesellschaft. Ohne Ethik und Spiritualität werden wir (aber) zu Barbaren.“ (Boff, Überlebenswichtig, 43f.)

In den letzten Jahrzehnten wurde viel davon geredet, dass wir als Mensch den Auftrag haben, die Schöpfung zu bebauen und zu bewahren. Dies war Teil der Trias: Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Bewahrung der Schöpfung, diese Aussage ist inzwischen ins Allgemeingut übergegangen. Selbst Politiker/-innen verwenden diesen Ausdruck mittlerweile in ihren Reden. Schaue ich ins Alte Testament, dann finde ich etwas Überraschendes: Diesen Doppelauftrag bebauen und bewahren, den bekommt das Menschenpaar im Paradies. Nach Sündenfall und Vertreibung heißt es aber nur noch: Der Mensch möge die Schöpfung bebauen. Ein Hinweis darauf, dass wir uns nicht überschätzen sollen? Ist die Bewahrung der Schöpfung nicht auch eher die Aufgabe des Schöpfers?

Nun können wir uns um die Bedeutung von Wörtern streiten. Bewahren ist doch ein achtsames Korrektiv zu bebauen, oder? Mag sein, aber die eben angedeutete Tatsache, dass diese Begriffe im Allgemeingut unserer Sprache jegliche Schärfe verloren haben, lässt mich von ihnen abrücken. Sie sind uns zu vertraut, nicht mehr überraschend, nicht mehr pro-vozierend im besten Sinne des Wortes.

Ich frage mich also:

Welche anderen biblischen Texte können uns in unserer weltgeschichtlichen Lage ansprechen? Und uns in der Gegenwart theologische Orientierung geben? Angesichts der Katastrophe, auf die wir zusteuern? Von der zB Schellnhuber meint, dass wir nur noch eine zehnprozentige Chance haben, sie abzuwenden? Was brauchen wir denn? Hoffnung brauchen wir und Ermutigung. Bilder der Hoffnung, Utopien, die ermutigen. Und hier ist die Bibel in allem Leid, das an vielen Stellen drastisch und realistisch beschrieben wird, im besten Wortsinne optimistisch. Die Bibel zeichnet uns Utopien vor Augen, die uns zeigen, sagen sollen: Die Zukunft ist immer offen. Gott kommt auf euch zu. Es gibt die Möglichkeit aus und in der Fülle dessen zu leben, was dieser Planet zur Verfügung stellt – aber nur dann, wenn es im Einklang geschieht. Nur dann, wenn uns nicht Angst und Sorge zerfressen und uns von der Umkehr zu neuen Wegen abhalten. Sorget nicht! sagt Jesus in der Bergpredigt und weiter: Schaut die Vögel unter dem Himmel an, sie säen nicht, sie ernten nicht und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Klar, reine Poesie. Als Handlungsanweisung nicht zu gebrauchen. Aber es sind doch Worte, die bewegen. Ähnlich poetisch beschreibt es Jesaja in einem Kapitel, das wir demnächst in Adventszeit wieder hören werden:

„Dann wird ein Zweig aus dem Baumstumpf Isais austreiben, und ein Spross wächst aus seiner Wurzel heraus. Auf dieser Person wird der Geisthauch Gottes ruhen, der Geisthauch der Weisheit und Einsicht, der Geisthauch des Rates und der Stärke, der Geisthauch der Erkenntnis und der Ehrfurcht vor Gott. (…) Dann wird der Wolf beim Lamm als Flüchtling unterkommen, und der Leopard wird beim Böckchen lagern; Kalb, Junglöwe und Mastvieh leben zusammen, ein kleines Kind treibt sie. Kuh und Bärin werden weiden, gemeinsam werden ihre Jungen lagern, und der Löwe wird wie das Rind Stroh fressen. Der Säugling wird vergnügt an der Höhle der Kreuzotter spielen, und nach dem Loch der Giftschlange wird das Kleinkind mit seiner Hand patschen. Sie werden nichts Böses tun und kein Verderben mehr anrichten auf dem ganzen Berg meiner Heiligkeit, denn die Erde ist erfüllt mit Erkenntnis Gottes, wie die Wasser im Meer den Boden bedecken.“
(Jesaja 11)

Frieden spricht aus diesen Worten. Frieden zwischen Menschen. Frieden zwischen Mensch und Natur. Frieden geht nur im Einklang mit der Natur. Frieden mit der Natur geht nur, wenn wir uns als Teil der Natur und nicht als Gegenüber verstehen. Das ist eine der Gefahren, die ich in dem Auftrag: „Schöpfung bewahren“ sehe – denn dies klingt so, als ob wir der Schöpfung gegenüber stehen. Wir sind aber Teil. Anders gesagt: Die Natur kann sehr wohl ohne uns Menschen, aber wir Menschen nicht ohne die Natur. Eigentlich eine Binsenweisheit… Von der wir aber weit entfernt sind und daher utopische Bilder des Friedens bitter nötig haben, die uns hier erinnern, zurechtrücken, ermutigen. Von solcher Hoffnung getragen, von solchen utopischen Bildern angeregt, von solcher Sprache ermutigt, sind es doch gerade wir Christinnen und Christen, die in besonderer Weise mit daran arbeiten können, die Herausforderungen der Gegenwart zu bewältigen. Andere tun es genauso, und wir können uns mit ihnen verbinden und verbünden. Nur ein Beispiel. Harald Welzer schreibt über die Kraft der Utopien:

„Utopien sind ein großartiges Mittel, um Denken und Wünschen zu üben. (…) Und die Imagination einer wünschbaren Zukunft zieht natürlich auch gleich Überlegungen nach sich, wie das Zusammenleben der Menschen, die Organisation der Städte und des Verkehrs, das Bildungswesen und die Wirtschaft besser eingerichtet werden könnten.“ (Welzer, Selbst denken 136)

Oder, um noch einmal Leonardo Boff zu Wort kommen zu lassen:

„Wir müssen die Art und Weise, wie wir gut auf der Erde leben können, neu erfinden.“ (Boff, Überlebenswichtig 128)

IV.
Und da setze ich meine Hoffnung auf Sie. Ganz besonders auch auf Sie. Denn Sie haben sich in Ihren Kirchengemeinden bereits weit auf diesem Weg bewegt. Den grünen Hahn bekommt man nicht so schnell. Eigentlich müssten ihn doch alle Kirchengemeinden tragen, oder? Aber ich weiß aus eigener Erfahrung, wie unendlich schwer und mühsam der Weg ist, ich war auch mal Gemeindepfarrer. Und dennoch, ich kann es Ihnen und mir nicht ersparen: Die Herausforderungen auch in unserer Kirche und in unseren Kirchengemeinden in unseren Kirchenkreisen, in unseren Einrichtungen – sie sind riesengroß. Wenn wir allein das 2-Grad-Ziel erreichen wollen, sind auch bei und unter uns noch viel größere Anstrengungen vonnöten. Und wenn wir ehrlich sind, dann wissen wir das auch. Es ist ja nicht so, dass sich diese Einsichten nach und nach nur unter Wissenschaftler/-innen ausbreiten. In vielen Betrieben, in Unternehmen, bei Gewerkschaften und Verbänden höre ich, spüre ich, sagen Frauen und Männer, dass es einfach so nicht weitergehen kann. Aber es gibt auch keine einfachen Rezepte. Sondern nur der kleinteilige mühselige Weg. So, wie Sie ihn heute in den verschiedenen Arbeitsgruppen auch wieder beschreiten. Das ist gut, richtig und wichtig. Aber wenn nicht wir Christinnen und Christen, die wir von einer anderen Hoffnung her leben, in der unsere Angst geborgen ist, wenn nicht wir Christinnen und Christen auch immer wieder auf diesen größeren Horizont hinweisen, wer dann?

Von daher bin ich dankbar, dass es in unserer Kirche Sie gibt, eine Gruppe von Menschen und Gemeinden gibt, die schon so weit auf den Weg vorangeschritten ist, dass an ihren Kirchgebäuden der grüne Hahn hängt. Lassen Sie nicht nach in ihren Bemühungen, werben Sie, wo Sie nur können dafür, dass sich auch andere auf diesen Weg, diese Wege machen. Und verlieren Sie nicht den Horizont aus den Augen. Spielen Sie auch mit den Szenarien und Prognosen. Nicht in dem Sinne, dass hier Sicherheit im Blick auf Planungsentscheidungen zu finden ist. Entscheidungen werden wir weiter mutig treffen müssen, ohne im Detail zu wissen, was kommt. Aber Szenarien und Prognosen helfen, von den Utopien her gedacht, im Kopf beweglich zu bleiben und zu werden. Wenn es mir vertraut ist, mögliche Zukünfte durchzuspielen, fällt es mir dann leichter, Anpassungen auf aktuelle Entwicklungen zu finden. Wenn Sie es noch nicht tun: Schauen Sie in Ihren Umfeldern, wo kommunale und andere Träger Konzepte dazu erarbeitet haben oder dran sind. Nehmen Sie diese Konzepte auf, beteiligen Sie sich an den Diskussionen in ihren Orten. Bieten Sie Mitdenken an. Denn, um Alberto Acosta zu Wort kommen zu lassen:

„Das ist keine leichte Aufgabe. Es wird lange dauern, bis die heute vorherrschenden Sichtweisen überwunden sind. Die Wegbereiter des Wandels müssen beharrlich sein, wenn sie ihn erreichen wollen.Und eine politische Schlüsselfrage lautet: Wer bringt den Mut auf? Die Antwort im weitesten Sinn: die organisierte Gesellschaft, die sich ihrer Probleme und Fähigkeiten bewusst ist und sich berufen fühlt, Utopien zu schaffen, die diese ersehnten Transformationen hervorbringen. An erster Stelle sind dies die Volksbewegungen, vor allem (…) die städtischen und ländlichen Gemeinden.“ (Acosta, Buen vivir 165)

Unsere Kirchengemeinden sind Teil dieser lokalen Gemeinschaften und wir schulden der Welt, der großen wie der lokalen und regionalen, die Botschaft, von der wir leben und die uns antreibt, für das gute Leben zu streiten.

Die Herausforderungen, vor der wir alle stehen, ja, die sind riesengroß. Aber die Zusagen Gottes, der stets auf uns zukommt, uns Zukunft öffnet, uns eine Welt voller Fülle anbietet, mit der wir und in der wir gut leben können, diese Zusagen lassen uns hoffen, vertrauen und glauben, dass die Wege begangen werden können, ohne dass unsere Welt in Chaos und Vernichtung versinkt. Diese Botschaft schulden wir der Welt in Worten und in Taten. Unsere Kirchengebäude können dabei ein sichtbares Zeichen dieser Hoffnung sein. In ganz unterschiedlicher Art und Weise, immer in Relation zu dem, was kommt. Um es mal sehr überspitzt und provozierend zu sagen: Vielleicht ist ein aufgegebenes und verfallendes Kirchgebäude in 30 Jahren ein leuchtendes Beispiel für den Mut einer Kirchengemeinde, sich der Realität des Klimawandels gestellt zu haben. Wer weiß… Keiner. Und noch einmal, gerade deshalb macht es aus meiner Sicht viel Sinn, mit Hilfe von Prognosen und Szenarien mögliche Zukünfte durchzuspielen. Und dabei auch die drastischen Entwicklungen unter der Frage zu bedenken, spielerisch-kreativ: Ja, was wäre denn, wenn…? Und daneben sich der kleinteiligen und mühseligen Suche nach Lösungen zu widmen, zum Beispiel dem Schimmel zu wehren, um nur ein Stichwort aus dem heutigen Programm zu nennen.

Also: Lassen Sie uns gemeinsam an der Zukunft weiterbauen. Eben weil wir wissen, unser Heil hängt nicht an unserer Leistung oder unserem Erfolg. Heil ist wie das Leben Geschenk, reines Geschenk. Und die Dankbarkeit für dieses Geschenk treibt uns an, nicht nachzulassen, so düster und frustrierend die Gegenwart ist und mühsam der kleinteilige Kampf um den nächsten Schritt. Diese Haltung finde ich auch in Worten Dietrich Bonhoeffers wieder, die mich immer wieder trösten und ermutigen:

„Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegenwärtige Situation, sondern er ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignieren, eine Kraft, den Kopf hoch zu halten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen, eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner lässt, sondern sie für sich in Anspruch nimmt.“ (Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung 77)

Und nun, frisch ans Werk.