Rebloggt: Hochsensibel durch den Alltag

über Rezension: Hochsensibel durch den Alltag

Ich sitze in einem wissenschaftlichen Vortrag mit ca.150 weiteren Personen. Ein engagierter Referent spricht. Seine Mimik und Gestik, seine Leidenschaft faszinieren mich, ich beobachte seine Körpersprache und wie sie im Zusammenspiel mit seinen Worten bei mir und den anderen Zuhörer*innen ankommen. Die Sonne scheint, es ist ein erster Hoffnungsschimmer im kommenden Frühjahr. Draußen wummern Bässe, durch die Fenster lässt sich erkennen, dass für eine Party aufgebaut wird. Neben mir räuspert sich ein Mann, einige Zuhörerinnen in der Reihe hinter mir unterhalten sich fortwährend, in der Reihe vor mir kommen weitere Personen leise ins Gespräch. Ich friere, denn es ist ein wenig kühl in dem Saal, zudem drückt die Blase und ich denke darüber nach, ob ich jetzt oder später zur Toilette gehen will.

Und langsam wird mir das alles zu viel. Es fällt mir gerade immer schwerer, das, was ich wahrnehme auszublenden und mich auf einen Teil – nämlich den Vortrag – zu konzentrieren. Ich nehme alles gleichzeitig war. Und bekomme immer mehr das Bedürfnis zu verschwinden, um meine Ruhe zu haben. Ich bin reizüberflutet oder mit anderen Worten – ich bin hochsensibel.

So beginnt die Rezension, die meine Frau Christine über das Buch von Sabine Dinkel ins Netz gestellt hat.
Normalerweise würde ich Texte von ihr nicht rebloggen.
Allerdings war ich bei besagtem Vortrag dabei und saß neben ihr –
und habe nichts von all dem mitbekommen, was ihr so auf die Nerven ging.
Ich war mit meiner Aufmerksamkeit vorne beim Referenten.

Als wir später darüber sprachen, habe ich an diesem Beispiel begriffen:
1. Ich bin nicht hochsensibel.
2. Wer hochsensibel ist, nimmt vieles ganz anders wahr.

Ich habe das Buch von Sabine Dinkel nicht gelesen.
Alle diejenigen aber, die sich bei dem zitierten Beispiel sagen:
„So empfinde ich auch, das spricht mir aus der Seele“,
all denen lege ich erst die Rezension und dann das Buch ans Herz.

Ecce homo – Gedanken zu „Und doch. Worte zum Bild“ von Friederike Erichsen-Wendt

Zitat aus: Und doch. Worte zum Bild

Endlose Weiten (scheinbar) und ein einzelnes Menschenkind. Kind am Meer. Es liegt auf dem Bauch. Es sieht den Wellen zu. Dem Gleichförmigen, wundersam Übermächtigen, dem, was allem Alltäglichen enthoben ist. Ich kenne seinen Namen. Denn es gehört zu mir. Und ich habe lange überlegt, ob dieses Bild auf den Titel einer Zeitung darf. Wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder… So steht’s drunter. Wie es geschrieben ist im Buch der Bücher.

Endlose Weiten (anscheinend) und ein einzelnes Menschenkind. Kind am Meer. Es liegt auf dem Bauch. Es ist den Wellen erlegen. Die Augen gebrochen – das weiß ich, auch wenn ich es nicht sehe. Vordergründig einer übermächtigen Naturmacht erlegen, und doch weiß jedermensch dieser Tage: Das Bild ist durch und durch und ausschließlich ein politisches Bild. Wie Kim Phuc in Vietnam. Willy Brandt in Warschau. Banksys Streetart. Den Namen des dreijährigen Jungen aus Syrien habe ich in der Zeitung gelesen. Aylan Kurdi. Damit wird er zu einem Teil meiner Geschichte. Denn auch aufgrund seines Bildes kann ich nicht sagen: “Ich habe von nichts gewusst.”

So beginnt der kluge Text von  Friederike Erichsen-Wendt. Ich wollte ihn rebloggen, klappt aber heut früh irgendwie nicht richtig. Als ich den Text las, fiel mir sofort dieses Zitat von Franz-Josef Radermacher ein, das mich seit Jahren begleitet:

Es ist zu beachten, dass es den Marktfundamentalisten gelungen ist, ihre Position über manipulierte Bilder tief in den Gehirnen vieler Menschen zu verankern.

Der Neoliberalismus gibt eine ungeheure Menge an Geld aus, um seine Vorstellungen von Sinn und Zweck des Daseins von Frauen, Männern und Kindern in unserem Fühlen, Denken und Handeln zu hinterlegen. Seither denke ich darüber nach, wie Gegen-Bilder entwickelt und verbreitet werden können. Das aktuelle Foto vom toten Kind am Strand macht mir wieder einmal klar: Gegen-Bilder lassen sich nicht gezielt entwickelt, sie entstehen spontan und treffen umso tiefer in unsere Herzen.

Friederike hat das Für und Wider gut beschrieben, den Blogbeitrag von Mädchenmannschaft hatte ich auch gestern gelesen, und ich konnte die Meinung verstehen, aber spürte zugleich Widerstand. Das „Problem“ ist einfach: das Bild ist da. Ich habe es gesehen, wie Abertausende andere auch. Und mir hat sich der Magen umgedreht, wie vielen anderen auch. Aber ich merke, ich werde es nicht los. Es hat eine Tiefenschicht erreicht und angerührt und sich darin verankert. Ja, verankert. Wofür die Werbebranche Millionen braucht, gelingt hier sozusagen beiläufig, spontan.

Wir können das jetzt diskutieren und das ist gut so. Vor allem, wenn es so behutsam und abwägend wie bei Friederike geschieht. Doch selbst wenn ich am Ende zu dem Ergebnis komme, dass die Veröffentlichung ein Verstoß gegen die Menschenwürde darstellt – ich werde das Bild nicht mehr los. Ich muss damit leben. Kann es versuchen wegzuschieben oder ihm ins Auge schauen.

In drei Monaten feiern wir Weihnachten und dann steht auch ein Kind im Mittelpunkt. Gut möglich, dass Pfarrer/-innen an Heilig Abend 2015 wagen, die versammelte Gemeinde an  Aylan Kurdi zu erinnern. Vielleicht fällt uns – obwohl der Gedanke an sich grausam klingt – in diesem Jahr der Blick von Weihnachten Richtung Karfreitag „leichter“, mit all den Bildern im Kopf. „Ecce homo“ (Johannes 19,5) sagt Pilatus zu Jesus, vor seiner Kreuzigung. Ecce homo, immer wieder.

Religion geht auch ohne Spiritualität – Evangelisches Frankfurt

Religion geht auch ohne Spiritualität

Spiritualität scheint heute fast ein Zauberwort zu sein, unter dem sich Religion gut vermarkten lässt: Was sind schon intellektuelle Predigten, die nüchtern von Kanzeln gesprochen werden, im Vergleich zu schönen Ritualen, die Körper und Sinne einbeziehen? Was sind theologische Argumentationen im Vergleich zu Übungen, die die Gegenwart von etwas „Höherem“ auf eine Weise spüren lassen, die für den Intellekt nicht zu fassen ist?

Längst haben auch evangelische Gemeinden viel „Spirituelles“ im Angebot, und die große Resonanz, auf die das beim Publikum stößt, scheint dem Trend Recht zu geben. Allen, die auf diese Weise religiöse Einsichten haben und Erfahrungen von Gottesnähe machen, sei das herzlich gegönnt. Aber was spricht eigentlich dagegen, vorwiegend mit Hilfe des „Kopfes“ – also mit Vernunft und Verstand – an Religion heranzugehen? Gar nichts! Niemand muss sich für religiös unbegabt halten, nur weil ihr oder ihm die Lust auf spirituelle Übungen abgeht.

Zumal der Trend, intellektuelle Frömmigkeit und Glauben durch Spiritualität zu ersetzen, auch die Gefahr einer gewissen Denkfaulheit birgt: Wer die eigene Gottesgewissheit durch spirituelle Einsichten und nicht durch Nachdenken und Diskutieren gewonnen hat, braucht darüber nicht zu argumentieren. Die anderen können das ja ohnehin nicht nachvollziehen. Doch so entfernt sich Religion immer mehr aus dem gesellschaftlichen Diskurs. Sie wird etwas Mysteriöses, über das zu streiten sich gar nicht lohnt.

Dass es auf der Welt Dinge gibt, die mit den Mitteln der menschlichen Vernunft nicht hinreichend beurteilt werden können, Phänomene, die wir Menschen nicht im Griff haben, denen wir aber dennoch unterworfen sind – das ist keine spirituelle Erkenntnis, sondern eine intellektuelle. Fromme Menschen nennen diese Leerstelle des Unverfügbaren „Gott“, sie rechnen mit ihr und schöpfen dabei aus einer reichen religiösen Tradition, die wertvolles Wissen dazu bereithält. Sie diskutieren mit anderen und denken darüber nach, was daraus für ein gutes Leben für alle auf dieser Welt folgt. Und sie setzen sich für eine Gesellschaft ein, in der nicht Machbarkeitswahn und Wissenschaftsgläubigkeit an Gottes Stelle treten.

Und damit sind sie fromme und gläubige Menschen – auch wenn sie in ihrem ganzen Leben noch kein einziges spirituelles Erlebnis hatten und darauf auch keinen gesteigerten Wert legen.

Antje Schrupp

viaReligion geht auch ohne Spiritualität – Evangelisches Frankfurt.

Präzise auf den Punkt gebracht. In dieser Schärfe habe ich da noch nicht drüber nachgedacht, aber ich teile die Gedanken.

Die Gefahr von Denkfaulheit sehe ich auch und der Verlust der Fähigkeit im gesellschaftlichen Diskurs Glauben und/oder Religion argumentativ ist für alle Seiten ein großer Schaden.

Der Standpunkt eröffnet nicht nur die Chance des Diskurs mit Menschen, denen Spiritualität fremd oder verdächtig ist – zugleich markiert er auch die Grenze gegenüber allen spirituellen Positionen, die sich letztlich, also am „Ende“, darauf zurückziehen: „Das muss du (oder noch platter: man) halt einfach glauben!“

Schon vor über dreißig Jahren habe ich im Hörsaal bei Wilfried Härle gelernt, dass es SO nicht geht. Das Denken gilt es auch gegenüber allen eigenen spirituellen Erfahrungen anzuwenden. Ich bin ja ein großer Freund der These, dass Glauben mit dem Staunen beginnt. Aber nicht endet, sondern eingebunden werden muss in die kritische Reflexion dieser Erfahrung mir selbst gegenüber und im Blick auf alle, die sie anzweifeln, in Frage stellen. Sonst ist Glaube nicht sprachfähig.

Mechthild bloggt, die New York Times schweigt

Ralf-Peter Reimann, Internetpfarrer der EKiR, weilt gerade zu einem sechswöchigen Aufenthalt in den USA bei der UCC. In diesem Beitrag berichtet er von der amerikanischen Sicht auf die Datensicherheitsdebatte. Am Ende wirft er Fragen auf, die uns auch als kirchliche Institutionen und Mitarbeitende beschäftigen sollten. In den Kommentaren zu Mechthild Werners „Freitagsblog“ lag der Schwerpunkt interessanterweise auch auf innerkirchlichen Fragestellungen (z.B. Sicherheit von Chatseelsorge, Telefonseelsorge, Verschlüsselung von Mails).
Ich denke, hier ist noch viel Diskussionsbedarf. Ralf-Peter sitzt grade an der richtigen Stelle, ich bin gespannt auf weitere Beiträge.

Θ TheoNet.de

Das Internet macht es möglich, auch in den USA ist man mit neuesten Nachrichten aus Deutschland gut versorgt.  Aufmacher der FAZ: sind „Die neuen Krypto-Kriege„, daneben direkt eine Meldung, dass mehr Abgeordnete ihre Mails künftig verschlüsseln wollen,  ähnlich wie die FAZ auch der Aufmacher von Spiegel Online, ich klicke weiter, die sueddeutsche.de macht die Email-Sicherheit zum Aufmacher, ich bin mir sicher, ich könnte die Websites anderer deutscher meinungsbildender Medien durchgehen und ich käme zu einem ähnlichen Ergebnis, der NSA-Skandal befeuert die deutschen Medien. Facebookfreunde und Kolleginnen und Kollegen, denen ich über Social Media folge, nehmen sich auch des Themas an. So auch Mechthild Werner im Blog der Pfälzer Landeskirche, wenn sie ihren Blogpost betitel: „Meine Daten gehörten mir„. Recht hat sie und ich habe direkt „Gefällt mir“ geklickt. Nicht die NSA, sondern die britische Version GCHQ ist das Thema in Nick Baines…

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