Bereuen und träumen. Gedanken über´s Leben angesichts des Todes

Mechthild Werner hat gestern in ihrem Blog unter der Überschrift: »Ans Sterben denken. Leben.« aufgefordert, den Satz: »Bevor ich sterbe, will ich…« fortzuführen und als Kommentar unter den Beitrag zu posten. Ich hab drüber nachgedacht und fand das schwierig. Deswegen habe ich geschrieben: »Gute Frage, aber keine für öffentliche Antworten. Entweder sind die Antworten eher allgemein, oder so persönlich, dass ich sie nicht veröffentlichen will.«

In den Zusammenhang fiel mir wieder ein, dass Anfang 2012 Berichte über ein Buch von Bronnie Ware, einer Krankenpflegerin aus Australien, in den Medien kursierten. Aus Gesprächen mit ihren Patienten auf einer Palliativstation hat sie eine Rangliste der fünf Dinge beschrieben, die Sterbende im Rückblick auf ihr Leben am meisten bedauern. Ich hatte das irgendwo abgespeichert, um noch mal was draus zu machen. Heute dachte ich, das ist eine umgekehrte Herangehensweise: Ich projiziere nicht meine Erwartungen, Hoffnungen, Träume in die Zukunft, sondern lasse mich anfragen von den Erfahrungen, die andere im Rückblick auf ihr Leben formuliert haben. Die fünf Sätze lauten in umgekehrter Reihenfolge der Rangliste:

5. »Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein.«

4. »Ich wünschte, ich hätte mich mehr um meine Freunde gekümmert.«

3. »Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken.«

2. »Ich wünschte, ich hätte nicht so hart gearbeitet.«

1. »Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, ein Leben in Übereinstimmung mit mir selbst zu führen, nicht das Leben, das andere von mir erwarteten.«

Zwei Gedanken dazu.

Die Liste hat mich zunächst erschreckt. Was wird da alles an ungelebtem Leben am Ende des Lebens erkennbar. Und dann auch noch das geheime, innere Thema: Ich habe mir nicht erlaubt, ich selber zu sein, zu mir zu stehen. Zugleich wird da aber die Hoffnungslinie aufgezeigt, denn ich höre und lese das so: Wenn ich mir erlaubt hätte in Übereinstimmung mit mir zu leben, dann wäre ich glücklicher gewesen. Da bin ich dann schon nahe bei Mechthild´s Frage.

Das andere ist aber: Die Liste ist nur die eine Hälfte der Seite. Eigentlich müsste ich am Ende des Lebens gleichzeitig fragen, womit in deinem Leben bist du jetzt im Blick zurück am meisten zufrieden, worauf bist du richtig stolz? Erst dann wird das Bild rund.

Keineswegs werden die genannten Dinge in einem rechnerichen Gleichgewicht sein. Sozialistisch gerecht verteilt geht es im Leben nicht zu. Aber die zweite Frage gehört dazu, damit am Ende Klage und Dank – zum Beispiel anderen Menschen gegenüber und/oder Gott – meinem Leben entsprechend zur Sprache kommen können. Und vor dem Ende meines Lebens, also heute (so weit ich das sagen kann) führen sowohl die fünf Dinge der Reue als auch die Frage nach meinen Zielen und Träumen dazu, über mein Leben nachzudenken. Und auch heute dankbar zu sein, zu werden oder zu klagen. Je nachdem, wie die Beziehungen und Bezogenheiten meines Lebens sich gerade darstellen.

P.S. Ich habe Mechthilds Frage dann doch beantwortet. Es gibt (mindestens) eine Sache, die ich ohne Zögern öffentlich nennen kann: Ich möchte noch ein Buch schreiben, die Idee dazu habe ich schon im Kopf. Sollte es mir gegönnt sein, dies zu verwirklichen, dann kann ich ja noch mal neu nach- und weiterdenken. 😉

Die englische Originalwebsite von Bronnie Ware findet sich hier: Regrets of the dying

Ein Gedanke zu “Bereuen und träumen. Gedanken über´s Leben angesichts des Todes

  1. Pingback: Verändern Facebook und Twitter den Tod? « Θ TheoNet.de

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